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Mehr zu Rußland; mehr zum Erdgas. Siehe auch Hermann Werle: Gas für Europa, erschienen in der jungen Welt vom 18. und 19. Januar 2005, Teil 1 und Teil 2 anklicken.

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Thomas Immanuel Steinberg

Projekt Gasprom

Politische und wirtschaftliche Koordination à la Putin: Der Konzern ist nach 15jährigem Bestehen zur stärksten Säule der nationalen Souveränität Rußlands geworden

 


Netz, westlicher Teil. Zum Gesamtnetz.       Quelle: East European Gas Analysis

 

Ein Konsortium unter Führung des US-Konzerns Unocal hatte 1998 mit den Taliban vereinbart, turkmenisches Erdgas durch eine Rohrleitung über Afghanistan zur pakistanischen Küste strömen zu lassen. Der Iran sah sich vom Transitgeschäft ausgeschlossen; Rußland drohte den traditionellen Lieferanten Turkmenistan an das US-dominierte Konsortium zu verlieren. Beide, der Iran wie Rußland, so schreiben Waleri Panjuschkin und Michail Sygar in ihrem kürzlich auf Deutsch erschienenen Buch über den russischen Erdgasriesen Gasprom (1), griffen zu den Waffen: Sie belieferten damit die Nordallianz, Gegner der Taliban im afghanischen Bürgerkrieg. Die geplante Befriedung des Landes durch die pro-US-amerikanischen Taliban scheiterte, wie von den Konkurrenten beabsichtigt. Unocal zog sich unverrichteter Dinge zurück, und mit Unocal auch Gasprom, denn der Konzern war Konsortialmitglied.

Kurzfristiges Geschäftsinteresse des Erdgaslieferanten und geostrategische Belange der russischen Herrscher werden inzwischen koordiniert: Präsident Wladimir Putin hat einen der Seinen, Alexej Miller, zum Chef des Konzerns mit 400 000 Mitarbeitern ernannt. Gut 50 Prozent der Aktien sind in Staatshand. Gasprom hat die westlichen Konzerne mit Umweltargumenten aus dem Großprojekt Sachalin-2 auf der Insel nördlich von Japan verdrängt. Die ausländischen Investoren verkaufen ihre russischen Leitungsabschnitte an Gasprom. Belarus bezieht weiter Gas zum Sonderpreis, hat aber das eigene Gastransportunternehmen Beltransgas fast zur Hälfte an den russischen Gasmonopolisten abgegeben. Gasprom und der russische Staat stimmen sich ebenso ab wie westliche Konzerne mit ihren Mutterstaaten.

Vor dem Bau der 1700 Kilometer langen BTC-Ölpipeline (Baku-Tbilissi–Ceyhan) von Aserbaidschan über Georgien an die türkische Mittelmeerküste mußten zum Beipiel alle Länder staatliche Souveränitätsrechte an das US-britisch geführte Konsortium abtreten, flankiert von bilateralen Verträgen mit den USA.

Gasprom unterbrach am 1. Januar 2006 die Gaslieferung in die Ukraine und damit auch in den Westen. Der Fall wurde skandalisiert: Putin benutze Gasprom als Waffe; der Westen sei nun von ihm abhängig und erpreßbar. Tatsächlich half die kurzfristige Abschaltung ein Gestrüpp zu lichten aus Großdiebstahl von Erdgas, mafiösen Verbindungen zwischen ehemaligen Moskauer und Kiewer Funktionärscliquen, Bartergeschäften (Ware gegen Ware), einer Schweizer Vermittlungsfirma namens RosUkrEnergo mit geheimer Besitzstruktur – und der Gewohnheit vieler Ukrainer, die Gasrechnung nicht zu bezahlen.

Für Rußland ist Gasprom die stärkste Säule seiner nationalen Souveränität. Ein Viertel des russischen Erdgases geht in die EU. Der Inlandspreis liegt weit unter dem westeuropäischen Niveau, doch Exportgaserlöse tragen mit 30 Prozent zu den öffentlichen Einnahmen bei, mit 50 Prozent zum Haushalt der Russischen Föderation. (2) Der Inlandspreis könnte angehoben werden. Angesichts des russischen Lohnniveaus müßten dann die Endverbraucher unterstützt werden – eine Operation Linke-Tasche-rechte-Tasche. Die in Rußland übliche Energieverschwendung könnte eingedämmt werden, doch die einheimische Industrie expandiert. Einer britischen Berechnung zufolge könnte eine umfassende Preisreform den Gesamtverbrauch zwischen 2010 und 2020 um ein Prozent senken – also praktisch gar nicht. (3)

Gasprom hat deshalb mit dem erdgasreichen Turkmenistan mehrfach Großverträge abgeschlossen, allerdings ohne klare Preisabsprache. So konnte der kürzlich gestorbene turkmenische Diktator Saparmurad Nijasow sowohl Rußland als auch dem Westen mit Versprechungen auf Erdgaslieferungen und Scheinabsprachen auf der Nase herumtanzen. Offenbar ist es Putin und Gasprom jetzt gelungen, sich große Mengen turkmenischen Erdgases zu sichern.

Der Bau der russisch-deutschen Erdgasleitung Nordstream durch die Ostsee hat begonnen. Gasprom ist an der Bosporus-Umgehung vom bulgarischen Burgas zum griechischen Hafen Alexandroupolis beteiligt, und das russisch dominierte Southstream-Projekt könnte gegen die türkisch-österreichische Nabucco-Pipeline das Rennen machen. Gasprom baut systematisch die sogenannten Downstream-Komponenten hin zum Endverbraucher aus.

Wird die EU von Rußland abhängig? In propagandistischen Darstellungen der Beziehung zwischen Rußland und EU wird regelmäßig eine simple Tatsache unterschlagen: Jeder Gaslieferung steht die Bezahlung gegenüber. Großinvestitionen in Gas- und Ölleitungssysteme amortisieren sich nur bei Auslastung; und auch erst nach zwanzigjährigem Betrieb. Dreht Gasprom den Gashahn zu, kann Rußland die Investition in den Wind schreiben, gar nicht zu reden von den Folgen des Einnahmeausfalls für die russischen Bürger. Weder wollen die Deutschen erfrieren noch die Russen verhungern.

Im Kriegsfall freilich zöge der Westen den kürzeren. So gesehen senkt das abgestimmte Vorgehen zwischen russischer Staatsmacht und dem Wirtschaftsriesen Gasprom die Gefahr eines erneuten westlichen Überfalls auf das Land. 

Erschienen in der jungen Welt vom 18. Februar 2008 / Kapital & Arbeit / Seite 9

 

Anmerkungen

(1) Waleri Panjuschkin und Michail Sygar: Gazprom. Das Geschäft mit der Macht. Aus dem Russischen von Helmut Ettinger.
Droemer Verlag, München 2008

(2) Catherine Locatelli: L’UE – aiguillon des stratégies de Gazprom?
Ifri, Centre Russie NEI, Februar 2008, .pdf-Datei

(3) Jonathan P. Stern: The Future of Russian Gas and Gazprom.
Oxford Institute for Energy Studies 2005, S. 55, zitiert nach (2)
 

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