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Sechs Minuten durch Laufgitter

Wer Palästinenserin ist und von Bethlehem nach Jerusalem gelangen will, wird durch ein Laufgitter gezwungen wie eine Gefängnisbesucherin. Nur dauert der Fußmarsch sechs Minuten. Eine Kamera verfolgte eine Frau und ein kleines Mädchen auf ihrem demütigenden Weg. Video, neun Minuten.

Ein zweites Video, drei Minuten, zeigt, wie Palästinenser zum Anstehen vor Sonnenaufgang und dann durch den Checkpoint 300 gezwungen werden.

T:I:S, 19. August 2008. Dank an Irene Zeit 

*

Sandra Jörges*

Dieses Jahr in Jerusalem...

Es ist heiß dieses Jahr. Ich habe mir die ungünstigste Zeit für meinen jährlichen Besuch in Palästina ausgesucht: Mitte Juli wird es hier trocken. Und mit Gewissheit wird Wasser wieder Mangelware. Zweimal täglich eine Stunde, lautet die Antwort auf meine Frage, wieviel Wasser momentan in Nablus oder Hebron vorhanden ist. Die Wasserrationen werden von israelischen Stationen zugeteilt. Ebenso der Strom, erklärt mir Amar Ali, Mitarbeiter des palästinensischen Jugendministeriums: “Wenn die heiße Jahreszeit beginnt, wird das Wasser für Palästinenser knapp. In Flüchtlingslagern kann es vorkommen, dass es gar kein Wasser gibt.”

Ein Tankwagen fährt wie zur Bestätigung an uns vorüber. “Potable Water” ist darauf zu lesen – Trinkwasser. 

 

 

Die Gegenden, die noch ausreichend Wasser haben, versuchen, Dörfer um Nablus oder andernorts mit Wasser zu versorgen. Wenn man durch die Westbank fährt, kann man Frauen, Kinder oder Männer mit Eimern beladen auf diese Tankwagen warten sehen. Die Generaldelegation Palästinas in Deutschland schreibt auf ihrer Website, dass die Lage jetzt bereits bedenklich ist. Dabei hat die heiße Jahreszeit doch gerade erst begonnen.

Ich sitze im Sammeltaxi Richtung Beit Hanina, einem Stadtteil des arabischen Ostjerusalem. Neben mir sitzt Amar Ali. Er will mir zeigen, wie weit die Macht der palästinensischen Autonomiebehörde reicht. Wir steigen mitten auf einer großen Kreuzung aus. Ich kann israelische Militärfahrzeuge sehen, abgesperrte Straßen und einen Menschenauflauf. 

Amar weist auf ein dreistöckiges Gebäude. Es ist gerade fertig, erzählt er mir, aber dem palästinensischem Bauherrn ist die Höhe nicht genehmigt worden. Der war der Meinung, eine Genehmigung von Israel bräuchte er nicht, schließlich steht Ostjerusalem unter palästinensischer Verwaltung, und jeder baut in Palästina, wie er möchte, wenn der Bau genehmigt ist.

Das Haus wird also zwangsgeräumt. Die Leute der ISM, einer internationalen Hilfsorganisation, werden herausgetragen, ebenso Nachbarn und die Besitzer.

Die Familie steht nun mit fünf Kindern auf der Strasse. 

Ebenso wie ihre Nachbarn. Diese besaßen noch vor einigen Tagen ein Haus zwei Straßen weiter. Als sie von einem längeren Besuch bei Verwandten zurückkehrten, fanden sie ihr Haus von Siedlern besetzt. Die boten ihnen an, bei Zahlung einer Miete könnten sie in den Anbau einziehen, der für den Sohn des eigentlichen Besitzers gerade fertiggestellt worden war. Natürlich stand das nicht zur Debatte. Amar erzählt mir das alles ohne jede Regung, auch das Gerichtsurteil. Die Siedler bekamen in zweiter Instanz Recht, weil sie einen Anspruch auf das Grundstück von vor 1900 vorweisen konnten.

Amar sagt, er kann sich einfach nicht mehr aufregen. “Das passiert hier doch jeden Tag, Sandra.”  Um uns herum wuseln Teams des palästinensischen Fernsehens, der UN, irgendwelcher Zeitungen, Hunderte Kinder und Erwachsene. Alle schauen zu, wie das Haus geräumt wird. 

Amar zieht mich am Arm zu einer Gruppe Männer, die auf dem Boden auf herangeschleppten Matratzen sitzen. Er stellt mich vor. 

 


Der ganz rechts sitzende Mann im hellblauen Hemd ist der Chefsekretär von Mahmud Abbas.

Da sitzt der hohe muslimische Geistliche Jerusalems vor mir, neben ihm der christliche Patriarch, die Mitarbeiter verschiedener Ministerien der palästinensischen Autonomiebehörde, Kollegen von Amar und der Chefsekretär von Mahmud Abbas. Ich schüttle ihm die Hand und frage ihn, was er tun kann.

“Soweit reicht die Macht unserer Behörde”, sagt er zu mir, “wir sitzen hier und zeigen, dass wir nicht einverstanden sind. Mehr können wir nicht tun.“ 

Mein Besuch in diesem Jahr ist noch trauriger als der vom letzten Jahr. In Jalazon git es überhaupt kein Wasser. Da die meisten Menschen hier arbeitslos sind, heißt das nicht einfach nur, sie können sich nicht waschen, sondern es ist schlicht nichts zu trinken da. 

Ayman und ich sitzen am Abend zusammen in unserem Projektbüro und besprechen die Bilder, die ich zur Ausstellung zur Interkulturellen Woche zeigen möchte. Wir haben eine Wohnung im Flüchtlingslager gemietet, in der das Cultural Centre Jalazon mit “meinem” Building-Bridges-Verein untergebracht ist. Die Wohnung hat vier Räume, ein Bad und eine Küche. Hier kommen täglich bis zu hundert Kinder aus dem Lager zum Spielen, Hausaufgaben Machen, Englisch Lernen oder einfach, weil es sonst nichts gibt in Jalazon, wo sie hinkönnten. 

Mahmud, Aymans ältester Sohn kommt zur Tür herein. Er lacht mich an und fragt: “Gehen wir morgen zum deutschen Konsulat, Sandra?” Die Frage hat er mir heut schon hundertmal gestellt. 

“Ja, Mahmud, wir gehen!”

Mahmud soll in Deutschland studieren, unbedingt. In Birzeit, nur zehn Minuten entfernt, könnte er das auch. Aber die Uni ist palästinensisch, und es kann jederzeit geschehen, dass sie auf unbestimmte Zeit vom israelischen Militär geschlossen wird. Oder schlimmer noch: Die Studenten werden unter dem Vorwand terroristischer Aktivitäten für vier Monate eingesperrt. Danach behält sich die israelische Regierung vor, die Gerichtsverhandlung bis zu sechs Jahre hinauszuzögern Aufgrund dieser Tatsache sitzen allein aus dem Flüchtlingslager Jalazon 500 junge Männer im Gefängnis. Niemand weiß, wo genau, und ob sie überhaupt zurückkehren. Daher gehen Palästinenser, die es sich leisten können, zum Studium ins Ausland.

Als ich zwei Tage später am zwangsgeräumten Haus in Beit Hanina vorüberfahre, weht die israelische Flagge auf dem Dach. 

Auf der Interentseite der Generaldelegation ist dazu heute zu lesen:

Erneut und gegen alle getroffenen Vereinbarungen plant Israel den Bau von insgesamt 816 Wohnungen im besetzten Ost-Jerusalem und in der besetzten Westbank. Wie die Nachrichtenagentur Ma’an berichtete, veröffentlichte das israelische Innenministerium am Donnerstag neue Siedlungspläne, nach denen die in Ost-Jerusalem liegende Siedlung Neve Yacoub um knapp 400 Wohnungen und die in der Westbank liegenden Siedlungen Jabal Abu Ghnaim (Har Homa) und Betar Illin um jeweils 130 und 286 Wohnungen erweitert werden sollen.“ 

T:I:S, 13. August 2008. Fotos: Sandra Jörges. Dank an Michel

* Sandra Jörges wirkt mit in der Initiative buildingbridges / Friedensteine e.V. T:I:S, 14. Oktober 2008

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