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Steinberg Recherche Referent Texte 2008 Texte 2007 Texte 2006 Texte 2005 Texte 2004 Texte bis 2003 Karten Bilder Suchen Home Newsletter? Thomas Immanuel SteinbergKampf um die Vormacht im Nahen OstenTrita Parsi hat die Außenpolitik Irans, Israels und der USA analysiert, nicht deren Rhetorik
Tückisch miteinander verknüpft seien die Staaten Iran, Israel und USA, so Trita Parsi schon im Titel seines Buches über die Hauptmächte im Nahen Osten seit dem Rückzug der Briten. (1) Der Staat Iran (das heißt: seine herrschende Klasse) will die Vormacht im Nahen Osten erlangen; der Staat Israel (das heißt: seine herrschende Klasse) hat das gleiche Ziel. Seit die Sowjetunion 1991 von der Weltbühne abtrat, geht es darum, den Hegemon über die Region, die Vereinigten Staaten (das heißt: ihre herrschende Klasse) an sich zu binden und vom jeweiligen Konkurrenten fern zu halten. Israel ist das gelungen, doch von regionaler Dominanz ist es weit entfernt. Sein Krieg gegen die Hisbollah im Libanon war erfolglos, die USA scheinen von kriegerischer Unterwerfung des Iran vorerst abgerückt, und der Iran bekommt rundherum Anerkennung für sein Standhalten. Trita Parsi zeigt, daß der Iran sowohl unter dem Schah, als auch unter Herrschaft der Religiösen mit Israel offen oder verdeckt kooperiert hat. Israel hat die pro-palästinensische, anti-jüdisch-israelische Rhetorik des muslimisch regierten Iran lange gern überhört, weil es der sogenannten Peripheriethese folgte, die besagt: Wenn die umliegenden – arabischen – Mächte uns feindlich gesonnen sind, dann müssen wir uns mit der Peripherie gut stellen; das sind vor allem Äthiopien, die Türkei und der Iran, egal, welche Ideologie dort gerade dominiert. Sobald jedoch mit Ägypten Frieden geschlossen und mit anderen arabischen Staaten ein Auskommen gefunden war; insbesondere jedoch, als der Irak völlig ausgeschaltet war – entfiel nicht nur die Notwendigkeit, auf den Iran einzugehen, sondern der Iran verblieb als einziger ernsthafter Konkurrent im Kampf um die Vormacht und um die Unterstützung durch die USA. Parsi zufolge erklären sich die Schwenks sowohl in der iranischen, als auch der israelischen Außenpolitik aus den geopolitischen Gesamtverschiebungen, nicht aus der jeweiligen Ideologie. Um die Motive der Handelnden zu ermitteln, führte Parsi 130 Interviews mit teils hochrangigen und noch amtierenden Politikern und Diplomaten der drei Staaten. Die jüdischen Israelis verwies er darauf, daß er gerade 40 Interviews mit wichtigen Iranern geführt habe, und sie waren gesprächsbereit : 30% seiner Erkennnisse über die israelischen Motive habe er aus ihren Antworten, 70% aus ihren Fragen nach den Iranern gewonnen. (2) 2007 mischte Parsi ein wenig selber mit in der Nahostpolitik. Er sorgte für die Verbreitung eines von den USA 2003 unbeantwortet gebliebenen iranischen Verhandlungsangebots an die USA. Die Iraner, ohne diplomatische Beziehungen zu den USA seit dem Schah-Sturz, hatten das Papier, wie andere zuvor, dem Schweizer Botschafter übergeben, der es seinem Außenministerium zur Weiterleitung an das US-Außenministerium überreichte. Statt auf das Angebot einzugehen oder es abzulehnen, oder auch, es unbeantwortet zu lassen, verdrießte Washington die Schweiz, indem es behauptete, der Botschafter habe seine diplomatischen Kompetenzen überschritten. (3) Die USA hätten offenbar allein auf baldigen Regime Change durch Gewaltanwendung gesetzt. Parsis Buch enthält einige solcher spannender Geschichten. Manche Kapitel enden wie in einem gut geschriebenen Krimi: Man will auf jeden Fall das nächste Kapitel auch noch lesen - alles freilich vorerst nur auf Englisch. T:I:S, 10. Januar 2008 Anmerkungen (1) Trita Parsi: Treacherous Alliance - The Secret Dealings of Iran, Israel and the United States. Yale University Press 2007. Über Libri und eine Buchhandlung in der Nähe für 28,45 Euro erhältlich (Libri gibt den Titel falsch an); Lieferzeit zur Zeit ein bis zwei Wochen. (2) Conversation with History, mit Harry Kreisler, University of California, Berkeley, Video, 1 Stunde - hörenswert, auf Parsis Homepage (3) siehe auch: Trita Parsi's Role in Promulgating Knowledge of 2003 Iran Proposal. The Washinton Note, 17. Februar 2007. Das Papier ist im Buch in zwei Fassungen als Appendix A und B abgedruckt. Es bezeichnet die iranische Unterstützung der Hisbollah im Libanon und der Palästinenser als Verhandlungsgegenstand. (4) Trita Parsi hat an der Johns Hopkins University School of Advanced International Studies bei Francis Fukuyama (und Zbigniew Brzezinski) über das US-israelisch-iranische Machtdreieck promoviert. Sein persönlicher strategischer Vorteil: Er wurde im Iran geboren – Farsi ist seine Muttersprache – wuchs in Schweden auf und machte in den USA akademische Karriere. Siehe auch CNN-Interview, 3 1/2 Minuten. Unter dem Einstieg ins Video hat Parsi die Medienresonanz auf sein Buch gelistet: überwältigend, aber ausschließlich Englisch und Farsi. *Trita
Parsi
Auf
Autopilot geschaltet
Israels
Iran-Politik
Die Behauptung des
US National Intelligence Estimate (NIE), daß der Iran gegenwärtig kein
Atomwaffenprogramm habe, hat in Israel große Enttäuschung ausgelöst. Der
stellvertretende Verteidigungsminister Ephraim Sneh bezeichnete kürzlich bei
einem Frühstück in New York den Bericht als Lüge, und Infrastrukturminister
Binyamin Ben-Eliezer mag, wie es heißt, den Autoren das Untersuchungsergebnis
„nicht abkaufen“. Kniesehnenreflexe Obwohl der Bericht
Israel darin bestärkt, Washington dazu zu bringen, eine immer härtere Linie
gegen Teheran zu verfolgen, ist für Israel nicht alles verloren. Trotz erster
Kniesehnenreflexe könnte das NIE sich am Ende als verkappter Segen für den jüdischen
Staat herausstellen. Es könnte Israel von seiner Lähmung gegenüber dem
Iran befreien. Israel liegt seit
langem mit den Washingtoner Geheimdiensten überquer. Es schlug bereits 1991
Alarm wegen des iranischen Atomprogramms und führte an, daß in der
Nach-Kalte-Kriegs-Welt Iran und schiitischer Fundamentalismus sich zur neuen
strategischen Bedrohung für den Nahen Osten entwickeln würden. Veränderte
israelische Haltung Die israelischen
Warnungen wurden damals in der US-Hauptstadt mit großer Skepsis und Überraschung
aufgenommen. Schließlich hatten die Israelis nur ein paar Jahre zuvor – als
der revolutionäre Eifer im Iran noch hochschlug – viel daran gesetzt, daß
der Iran und die USA wieder miteinander reden. Damals wiesen sie alle Verweise
auf einen bedrohlichen Iran zurück. Aber Israel blieb fest, und seit 1992 hat der jüdische Staat sich stets einer bellizistischen Rhetorik gegen Teheran bedient (er entsprach damit den giftigen Verbalattacken der islamischen Republik auf Israel) und hielt daran fest, daß den Iran nur ein paar Jahre von der Bombe trennten. Sarkasmus „Bedenken Sie,
die Iraner stehen immer fünf bis sieben Jahre vor der Bombe“, sagte Shlomo
Brom, stellvertretender Sicherheitsberater unter Premierminister Ehud Barak
sarkastisch dem Autor dieser Zeilen in einem Interview für ein Buch über
die israelisch-iranischen Beziehungen. „Zeit geht ins Land, und sie stehen
immer fünf bis sieben Jahre vor der Bombe.“ Innerisraelische
Kritik Doch es mangelte nicht an Kritik an der neuen aggressiven israelischen Iranpolitik. Ein regierungsinterner Ausschuß kam Mitte der neunziger Jahre zu dem Schluß, daß Israels harte öffentliche Position zum Iran einen Rückschlag ausgelöst hatte. Israel hatte sich unnötig selber zu einer Zielscheibe des Iran gemacht und Teherans Nuklearambitionen als bloß israelisches Problem erscheinen lassen, denn als Grund zur Sorge für die ganze internationale Gemeinschaft. Die Rabin-Peres-Regierung hielt dem entgegen, daß ihre aggressive Haltung Washington dazu bewegt habe, sich mit Teheran anzulegen, statt mit den iranischen Geistlichen eine Übereinkunft zu treffen. Das Argument wurde sogar von den Kritikern der Arbeitspartei-Regierung wohlwollend aufgenommen. Instabiles
Gleichgewicht Genau deshalb ist
NIE für die gegenwärtige Iranstrategie Israels so problematisch. Einerseits fürchtet
Israel US-iranische Verhandlungen, weil ein Arrangement zwischen Washington und
Teheran höchst wahrscheinlich ein iranisches Anreicherungsprogramm auf niederer
Stufe mit sich bringen würde. Eine solche Entwicklung würde die Machtbalance
signifikant gegen Israel ausschlagen lassen. Außerdem würden Israels
Interessen in der Region von Washington zunehmend als berechtigt angesehen
werden, was wiederum die Probleme mit dem neuen Gleichgewicht vergrößern würde. Um solch ein Szenario gar nicht erst entstehen zu lassen, hat Israel es andererseits für notwendig erachtet, die Alarmglocken zu läuten, einem US-iranischen Dialog Hindernisse in den Weg zu legen und Washington zu drängen, alle Optionen offen zu halten – ohne sich selbst als an der iranischen Front stehend erscheinen zu lassen. Den Teppich
weggezogen Das NIE hat Israel
den Teppich unter den Füßen weggezogen und in beiderlei Hinsicht einen
Fehlschlag hervorgerufen. Die Wahrscheinlichkeit für US-iranische diplomatische
Schritte ist erheblich gewachsen, während Israel, kriegstreiberisch und überzogen,
immer einsamer auf der Welt dasteht. Aber die kompromißlose
Linie dem Iran gegenüber war ohnehin zum Scheitern verurteilt. Erstens hat der
Iran in den letzten beiden Jahren alle von Israel gezogenen roten Linien in der
Atomfrage überschritten, ohne eine robuste israelische Antwort zu erhalten.
Stattdesssen bestand die israelische Strategie darin, ihre rote Linie immer dann
zu revidieren, wenn der Iran sie überschritten hatte. Das hat die Glaubwürdigkeit
Israels erschüttert. Zweitens führte der Druck auf den Iran mit wachsender Wahrscheinlichkeit entweder, über Verhandlungen mit Washington, zu einer vollendeten nuklearen Tatsache oder zu einer militärischen Konfrontation mit Teheran, mit unabsehbaren Folgen für Israel. Die Kriegsgefahr ist dem jüdischen Staat zunehmend klar geworden. Schließlich sind alle drei vorherigen militärischen Konfrontationen in der Region – Afghanistan, Irak und Libanon – überraschend zugunsten des Iran, nicht Israels, ausgegangen. Israelische
Torheit Immer mehr Leute in Israel haben die Torheit der israelischen Iranpolitik erkannt. Das Schachbrett hat sich verändert, doch Israel hat seine Politik nicht den neuen Realitäten angepaßt. Israel hat auf Autopilot geschaltet. Es verfolgt eine Politik, die die neuen strategischen Grundlagen ignoriert – den militärischen Erfolg der Hisbollah letztes Jahr, das Desaster der USA im Irak und die nicht umkehrbaren atomaren Fortschritte des Iran. Der Iran
handelt rational Die israelischen
Entscheidungsträger befanden sich in einem Zustand strategischer Lähmung. Sie
waren unfähig, vom neuen Schachbrett Notiz zu nehmen und die nötigen
Anpassungen vorzunehmen. Sie fürchteten, öffentlich anzuerkennen, daß der
Iran rational vorgeht und daß selbst ein atomar ausgerüsteter Iran den jüdischen
Staat nicht existenziell bedrohen würde – aus der Furcht heraus, daß solch
ein Eingeständnis den Druck von Washington nehmen würde, entschlossen gegen
den Iran vorzugehen – das gleiche Argument, das Peres und Rabin Mitte der
neunziger Jahre anführten. Politisch ist das
verständlich. Kein israelischer Führer will derjenige sein, der der
israelischen Öffentlichkeit erklärt, daß ein entscheidender Punkt in der
strategischen Rivalität mit dem Iran verloren ist, obwohl dieser nie wirklich
zu gewinnen war. Dialog
steht an Doch einige frühere
Politker und Entscheidungsträger haben begonnen sich zu äußern, wohl um die
strategische Lähmung zu beenden und Israels Verluste einzubeziehen. Shlomo
Ben-Ami, der ehemalige israelische Außenminister, führt öffentlich an, daß
ein US-iranischer Dialog Israel zugute kommen könnte. Ephraim Halevi, früherer
Mossad-Chef, wiederholte in der Washington Post, was er dem Autor dieser Zeilen
letztes Jahr sagte: Der Iran ist rational, er ist nicht selbstmörderisch, er
kann abgeschreckt werden; Israel kann selbst mit einem atomar ausgerüsteten
Iran zurechtkommen, und jetzt ist ein Dialog zwischen dem jüdischen Staat und
der islamischen Republik erforderlich. Der anerkannte israelische Militärhistoriker Martin van Creveld sagte Newsmax letzte Woche sogar, er könne „sich nicht eines einzigen Falles seit 1980 und seit der iranischen islamischen Revolution erinnern, wo sich dieses Land irrational verhalten“ hätte. Den
Autopiloten abschalten Das NIE hat diesen
Stimmen der Vernunft in Israel viel Auftrieb verschafft, den Autopiloten
abzuschalten und die strategische Lähmung Israels zu beenden. Wenn es seine
Iranpolitik den neuen strategischen Realitäten anpaßt und sein Gewicht für
US-iranische Verhandlungen einbringt, dann kann Israel immer noch sowohl die
iranische Atombombe als auch einen katastrophalen Krieg mit dem Iran verhindern. T:I:S, Übersetzung, 13. Dezember 2007 Erläuterungen Original:
Israel's
'auto-pilot' policy on Iran. By Trita Parsi. Asia Times vom 8. Dezember 2007 Trita
Parsi hat an der Johns Hopkins University School of Advanced International
Studies bei Francis Fukuyama (und Zbigniew Brzezinski) über das
US-israelisch-iranische Machtdreieck promoviert.
CNN-Interview,
3 1/2 Minuten Parsis Dissertation fußt auf 130 Interviews mit Politikern und Analysten der drei Länder. Seine These: Die iranische Politik gegenüber Israel und den USA war und ist rational und nachvollziehbar. Trita Parsi: Treacherous Alliance - The Secret Dealings of Iran, Israel and the United States. Yale University Press 2007. Über Libri und eine Buchhandlung in der Nähe für 28,45 Euro erhältlich (Libri gibt den Titel falsch an); Lieferzeit zur Zeit ein bis zwei Wochen. *Steinberg Recherche Referent Texte 2008 Texte 2007 Texte 2006 Texte 2005 Texte 2004 Texte bis 2003 Karten Bilder Suchen Home nach oben
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