Joseph Ratzinger

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Zu Joseph Ratzinger siehe auch Islamophobie. T:I:S, 18. Januar 2008

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Thomas Immanuel Steinberg

Alles ist relativ – außer Ratzinger

Heute, am 17. Januar, sollte Papst Benedikt XVI., bürgerlich Joseph Ratzinger, an der römischen Universität La Sapienza das akademische Jahr 2008 eröffnen. Doch Studenten und Dozenten protestierten gegen seinen Auftritt,  und der Papst sagte ab.  

67 Professoren hatten gefunden, der Papst vertrete eine wissenschaftsfeindliche Position. Stimmt: Der Mann steht nicht nur für den Einfall, Maria sei leiblich in den Himmel gefahren, sondern auch dafür, dieser Einfall, da ex cathedra verkündet, könne kein Irrtum sein.

Wissenschaftsfeindlicher geht’s nimmer. 

Allerdings beriefen sich die 67 Wissenschaftler bei ihrem Protest auf eine Rede Joseph Ratzingers vom 15. Februar 1990, und zwar über das Inquisitionsverfahren gegen Galileo Galilei 1632.  

In dieser Rede bezieht sich Ratzinger auf die zutreffende Erkenntnis, daß es prinzipiell keinen Punkt im Universum gibt, der vor anderen ausgezeichnet ist. Die Gestirne bewegen sich relativ zueinander. Die Behauptung, die Erde drehe sich um die Sonne, ist von daher ebenso sinnvoll oder sinnlos wie die, die Sonne drehe sich um die Erde. Beide drehen sich halt umeinander. 

So weit, so richtig. 

(Die Sonne als Nullpunkt des Koordinatenkreuzes zu wählen, vereinfacht allerdings die Berechnung der Flugbahnen in unserem Sonnensystem. Und Einfachheit ist eines der Kriterien für die Annehmbarkeit einer Theorie.)

Doch Ratzinger stellte 1990 die erkenntnistheoretische Schlußfolgerung aus der Relativitätstheorie in einen ethischen Zusammenhang. Hier der Auszug, bereitgestellt von der Katholischen Nachrichten-Agentur

Der Widerstand der Schöpfung gegen ihre Manipulation durch den Menschen ist im letzten Jahrzehnt zu einem neuen Faktor der geistigen Situation geworden. Die Frage nach den Grenzen der Wissenschaft und nach den Maßen, denen sie zu folgen hat, stellt sich unausweichlich. Bezeichnend für die Änderung des Klimas erscheint mir die Änderung in der Art und Weise, wie man den Fall Galilei beurteilt. Das im 17. Jahrhundert noch wenig beachtete Ereignis war im Jahrhundert darauf geradezu zum Mythos der Aufklärung überhöht worden: Galilei erscheint als das Opfer des in der Kirche festgehaltenen mittelalterlichen Obskurantismus.

(...) Seltsamerweise war Ernst Bloch mit seinem romantischen Marxismus einer der ersten, der sich offen diesem Mythos widersetzte und eine neue Interpretation der Ereignisse anbot.
Für ihn beruht das heliozentrische Weltbild ebenso wie das geozentrische auf unbeweisbaren Voraussetzungen. Dazu gehöre die Annahme eines ruhenden Raumes, die inzwischen durch die Relativitätstheorie erschüttert worden ist. (...) Erstaunlich ist aber nun die Wertung, die er daraus ableitet: "Nachdem (sic!) die Relativität der Bewegung außer Zweifel steht, hat ein humanes und ein älteres christliches Bezugssystem zwar nicht das Recht, sich in die astronomischen Rechnungen und ihre heliozentrische Vereinfachung einzumischen, wohl aber hat es das eigene methodische Recht, für (sic!) die Zusammenhänge der humanen Wirklichkeit dieser Erde festzuhalten und die Welt um das auf der Erde geschehene herumzuordnen."

Wenn hier die beiden methodischen Sphären noch deutlich voneinander geschieden und in ihrem jeweiligen Recht wie in ihren Grenzen anerkannt werden, so klingt das Resümee des skeptisch-agnostischen Philosophen P. Feyerabend schon sehr viel aggressiver, wenn er schreibt: "Die Kirche zur Zeit Galileis hielt sich viel enger an die Vernunft als Galilei selber, und sie zog auch die ethischen und sozialen Folgen der Galileischen Lehre in Betracht. Ihr Urteil gegen Galilei war rational und gerecht (...)". [1]

Unter den Gesichtspunkten der praktischen Wirkung geht zum Beispiel C. F. von Weizsäcker noch einen Schritt weiter, wenn er einen "schnurgeraden Weg" von Galilei zur Atombombe sieht.

Zu meiner Überraschung wurde ich vor kurzem in einem Interview über den Fall Galilei nicht etwa gefragt, wieso die Kirche sich angemaßt habe, naturwissenschaftliche Erkenntnis zu behindern, sondern ganz im Gegenteil, warum sie eigentlich nicht klarer gegen die Verhängnisse Stellung genommen habe, die sich ergeben mussten, als Galilei die Büchse der Pandora öffnete.

Es wäre töricht, auf solchen Auffassungen eine kurzschlüssige Apologetik aufzubauen; der Glaube wächst nicht aus dem Ressentiment und aus der Bezweiflung der Rationalität, sondern nur aus einer grundlegenden Bejahung und aus einer weiträumigen Vernünftigkeit.

Läßt man Ratzingers und C.F. von Weizsäckers Sinnieren über die guten oder bösen Folgen naturwissenschaftlicher Forschung beiseite, so bleibt: 

Erstens: Humanisten und Christen hätten das Recht, die Erde mit ihren Menschen in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen zu stellen. Na, was denn sonst. 

Zweitens: Paul K. Feyerabend fand, und mit ihm findet wohl Ratzinger, die Kirche habe 1632 richtig gelegen. 

Doch womit?

Der Wikipedia-Artikel über das heliozentrische Weltbild gibt einen Überblick. Zwar kreiste die Debatte immer wieder um das geozentrische (ptolomäische) und das heliozentrische (kopernikanische) Weltbild. Doch die Kirche war zum Beispiel bereit, das heliozentrische Weltbild als „Hypothese“ zu akzeptieren. Viel spricht daher für die abschließende Einschätzung, die der evangelische Theologe Thomas Schirrmacher getroffen hat:

Im Gegenteil zur Legende wurden Galileo und das Kopernikanische System von den Kirchenbeamten intensiv geprüft. Galileo wurde das Opfer seiner eigenen Arroganz, des Neides seiner Kollegen und der Politik des Papstes Urban VIII. Er wurde nicht der Kritik an der Bibel, sondern des Ungehorsams gegenüber dem Papst beschuldigt.   

Die Kirche fand, man solle ihr gehorchen. Ihr jetziger Chef, kein Wunder, teilt diese Ansicht. Die 67 Wissenschaftler und die römischen Studenten fanden: Wer fordert, daß man ihm gehorcht, gehört ausgesperrt. 

Recht so

T:I:S, 17. Januar 2008

Anmerkung

[1] Paul K. Feyerabend: Wider den Methodenzwang. Frankfurt am Main 1976, Seite 206

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