Zhitomir

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Zhitomir

 

Житомир / Zhitomir / Zhytomyr 

1. Ungewöhnliches und Alltägliches

 

Am Bahnhof

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kein Mittel gegen Kanaldeckelklau

 

 

 

Zigarretten

 

 

 

*

 

2. Der Neunte Mai, der Tag des Sieges

Schon viele Jahre bin ich nicht mehr auf der Versammlung zum Tag des Sieges gewesen, nicht mehr, seit wir als Schülerinnen mit Blumen hin mussten, um den Veteranen zu gratulieren. Das waren damals ganz viele ältere Männer und Frauen, noch gut in Form, mit vielen Orden stolz über den Platz marschierend, dann über die Bruecke zur ewigen Flamme...

Man munkelt, die ewigen Flammen werden aus Spargruenden allmaehlich abgeschaltet, nur in Großstaedten lasse man sie brennen.

Das Programm ist unveraendert. Doch sind es viel weniger Veteranen, und sie koennen mit der Zeit der Generation ihrer Urenkel überhaupt nicht mehr Schritt halten. Die Computer, die digitalen Technologien... Mein Großvater konnte zu seiner Zeit ganz allein ein Flugzeug steuern. Jetzt kann er kein SMS abschicken, es ist zu kompliziert.

Doch der Tag des Sieges ist so wichtig für sie. Die Alten kommen, um die Jungen an den Schrecken des Krieges zu erinnern und aus tiefstem Herzen ihren Stolz zu zeigen.

Ich bin ganz verwirrt von der Buntheit der Fahnen - weiss für Julia und ihre romantischen Anhaenger mit naiven Herzchen, rosa von den Sozialisten, alte sowjetische von den Kommunisten, orange von der Partei Unsere Ukraine – und noch viele andere, die jedes Jahr wie Pilze aus der reichen Schwarzerde der Ukraine schießen. Ich frage meinen Bekannten: Warum das denn? Oh, ist die Antwort, du hättest im vorigen Jahr kommen sollen, da war es noch bunter.

„Der Sieg ist einzig für alle", ruft die Bürgermeisterin von Zhitomir vom Podium. Heisst das, dass alle Gegner sich an diesem Tage einen muessen, oder einfach sich zeigen?

Verwirrt und verloren blicken die Veteranen, so einen großen Unterschied zwischen den Generationen gab es noch nicht, gewachsen in geometrischer Reihe mit Konsum und Komfort.

Grossmutter Nelja, 80:

Ich kann nicht ohne Tränen vom Krieg hören, deshalb bin ich hier ein seltener Gast, auch jetzt muss ich weinen, ich stand am Rande des Todes, habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie Jungen erschossen wurden, die den Partisanen Essen gebracht hatten... so kalt und hungrig, wieviel Kummer mussten wir ertragen...

Alexandr Iwanowitsch, 87:

Ich wollte hier Kampfgenossen wiedertreffen, nur ist niemand mehr am Leben. Einen noch habe ich, er wohnt aber in Donetsk. 63 Jahre sind vergangen, mir kommen die Tränen, wenn ich das alte Lied "Der Tag des Sieges" laut erschallen höre.

Und mir kommen die Tränen, wenn ich das große Kranzgebinde mit der Schleife von Kievstar sehe – das ist ein großer Mobilnetzbetreiber in der Ukraine –  und junge Leute, die gleich daneben den Veteranen den Kievstar-Service anbieten.

Was verstehe ich falsch?

 

Die Alten unter Lenin

 

 

 

Die Jungen unterm Eingang zu den Spielautomaten

 

 

 

 

 

 

Großonkel Jura

 

 

 

Die neue Zeit

 

 

 

Vereint

 

 

 

Alexadr Iwanowitsch

 

Alle Fotos und Text von Elisaweta Belajewskaja, Zhitomir im Mai 2008 

T:I:S, 26. Mai 2008

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