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Thomas
Immanuel Steinberg
Hitlers geistige Väter
Hermann
Ploppa ist US-Quellen für den Nazirassismus nachgegangen
Baldur von
Schirach (1907–1974), Hitlerjugend-Führer bis zum Sieg der Alliierten über
Deutschland, sagte vor dem Nürnberger Gerichtshof 1946: »Das ausschlaggebende
antisemitische Buch, das ich damals las und das Buch, das meine Kameraden
beeinflußte... war das Buch von Henry Ford ›Der internationale Jude‹. Ich
las es und wurde Antisemit...«
Hermann Ploppa belegt in »Hitlers amerikanische Lehrer«, daß jedenfalls der
oberste Führer selbst mit seinen Rassen- und Euthanasievorstellungen weder
Joseph Arthur de Gobineau (1816-1882), noch Houston Steward Chamberlain
(1855–1927) folgte, wie in Schulbüchern behauptet, sondern vor allem drei
US-Amerikanern: Madison Grant (1865–1937), Theodore Lothrop Stoddard
(1883–1950) und dem Autobauer Henry Ford (1863–1947). Während der ersten Hälfte
des 20. Jahrhunderts teilte die Herrschaftselite der USA diese Ansichten; sie
finden sich, bis hin zu Einzelheiten, in Hitlers »Mein Kampf« wieder.
Zur
Illustration in der jungen Welt
Für seine Verdienste um das
Dritte Reich: Henry Ford erhält am 30. Juli 1938 das Großkreuz des Deutschen
Adlerordens. Foto: AP
Rassismus
Ploppa zeichnet
zunächst nach, wie mit den Einwanderungwellen jeweils die Indianer, die
Schwarzen, die Deutschen, Iren, Polen, Juden, Italiener und Chinesen den
US-Amerikanern von den Herrschenden als Sündenböcke und Blitzableiter
dargeboten wurden. Intellektuelle lieferten das dazu gerade passende
biologistische Gestrüpp aus Fakten und Ideologie. Mit dem Eintritt der USA in
den Ersten Weltkrieg schwenkten zahlreiche Intellektuelle auf Antideutsch um,
und manche von ihnen wußten die Gegnerschaft rassisch zu begründen.
Lange Zeit dominierte in den USA die Eugenik mit ihren Sterilisierungs- und
Selektionsvorstellungen. Madison Grant führte den Begriff »Nordicizing« ein,
und zwar in der Einleitung zu Stoddards »The Rising Tide of Color against White
World Supremacy« (1920), etwa »Die anschwellende Flut der Farbe gegen weiße
Weltvorherrschaft«. Die Flut der rassisch verderblichen Einwanderer galt es
einzudämmen und die US-amerikanische Rasse »aufzunorden« – eine Vokabel,
die deutsche Rassisten von den US-Amerikanern übernahmen. Stoddard erfand den
»Underman«. In der weit verbreiteten Übersetzung wurde daraus der »Untermensch«,
den die Nazis in Slawen und Juden zu erkennen glaubten.
Der Rassismus der Herrschenden entsprang, das zeigt Ploppa ebenfalls,
patriarchalischen, elitistischen Grundhaltungen, wie sie etwa der
Harvard-Absolvent und Pulitzer-Preisträger Walter Lippmann (1889–1974)
vertrat. Ploppa zusammenfassend: »Der Versuch, in den ersten beiden Jahrzehnten
des zwanzigsten Jahrhunderts einen US-Intellektuellen aus der ersten Reihe
anzutreffen, der sich für echte Demokratie stark macht, die die Mitsprache der
Gesamtheit der mündigen Bürger vorsieht, ist genau so aussichtsreich, wie in
der Lüneburger Heide einer weißen Giraffe zu begegnen. Alle
Spitzenintellektuellen der USA sind sich damals völlig einig, daß das Volk von
einer kleinen Elite mit ebenso diskreter wie harter Hand geführt werden muß.
Am besten in einem autoritären Regierungsstil.«
Antisemitismus
Von Henry Ford,
der den Elitismus teilte und, so Ploppa, »sich ein kleines totalitäres Königreich
rund um seine Autofabrik in Detroit gebaut« hatte, zeichnet Ploppa ein
differenziertes Bild. Umso mehr überzeugt, was er an Belegen für den
intellektuellen und vor allem wirtschaftlichen Einfluß Fords auf Hitler und
sein Reich anführt. Nicht nur war Hitler ein begeisterter Anhänger der
Automobilisierung von Volk und Boden nach Fordschem und US-amerikanischem
Vorbild. Er speiste auch seinen Judenhaß aus Fords Bestseller »Der
internationale Jude. Ein Weltproblem« (deutsch 1922). Bei Ford heißt es zum
Beispiel: »Der Jude wird, wo er kann, von dem Boden-Bebauer leben. Mögen sich
andere in Handwerk und Gewerbe placken: Der Jude zieht es vor, sich die Früchte
ihres Schaffens anzueignen. Diese schmarotzende Neigung muß somit in ihrem
Wesen begründet liegen.« Seinen Lehrmeister für Judenhaß, so Ploppa, überbot
Hitler nur im Tonfall: »...Parasit im Körper anderer Völker... Er ist und
bleibt der typische Parasit, ein Schmarotzer, der wie ein schädlicher Bazillus
sich immer mehr ausbreitet, sowie nur ein günstiger Nährboden dazu einlädt...
wo er auftritt, stirbt das Wirtsvolk nach kürzerer oder längerer Zeit ab.«
Henry Ford popularisierte in einer mehrjährigen Artikelserie die vermutlich
zaristische Fälschung mit dem Titel »Protokolle der Weisen von Zion«, die von
deutschen Judenhassern aufgegriffen wurde, und unterstützte die Nazis
finanziell. Er durfte nach 1933 seine deutschen Werke ausbauen und eine Überkreuzbeteiligung
mit der IG Farben bilden. Im Zweiten Weltkrieg sollten dann die Bomber das
faktisch US-amerikanisch gebliebene Kapital auf deutschem Boden auffällig
schonen.
Ploppa hat keine unbekannten Dokumente erschlossen, sondern ermittelt und
zusammengestellt, was über Hitlers US-amerikanische Lehrmeister seit langem
vorlag. Warum fiel anderen kaum auf, daß Gobineau und Chamberlain andere
Rassenvorstellungen entwickelt hatten, als Hitler vertrat? Daß deutsche
Rassisten keineswegs wie Hitler den »Schulterschluß mit England und den USA«
(Ploppa) suchten? Und daß Hitlers erbbiologischer Wahn dem der US-Amerikaner
Grant und Stoddard entsprach?
Ploppa zitiert als Hinweis auf eine Erklärung nicht nur von Schirach, der dank
Henry Ford zum Judenhaß konvertiert sei, sondern auch den vernehmenden Richter
in Nürnberg, der von Schirach unterbricht und dessen Verteidiger Dr. Fritz
Sauter ermahnt: »Dr. Sauter! Der Gerichtshof ist der Ansicht, wie ich es
bereits zweimal gesagt habe, daß der erzieherische Einfluß, den der Angeklagte
genoß, für uns ganz unerheblich ist. Ich möchte es nicht mehr wiederholen,
und sollten Sie den Angeklagten nicht im Zaume halten können und ihn
veranlassen, bei der Sache zu bleiben, werde ich gezwungen sein, seine Aussage
zu unterbinden.«
T:I:S, 5. Januar
2009
Hermann Ploppa: Hitlers amerikanische Lehrer - Die Eliten
der USA als Geburtshelfer des Nationalsozialismus. Liepsen Verlag, Sterup 2008,
298 Seiten, 20 Euro
Der Beitrag ist in der jungen
Welt vom 5. Januar 2009 erschienen.
URL dieses Beitrags: http://www.steinbergrecherche.com/09herrschaftselite.htm#Ploppa
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