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Alain Gresh 

Südafrika und Gaza

Von der Reaktion vieler Regierungen auf den israelischen Krieg gegen Gaza haben die Medien berichtet, aber nicht von der Stellungnahme der ANC-Regierung, die aus dem Kampf gegen die Apartheid in Südafrika hervorgegangen ist. 

Die Regierung Südafrikas verurteilt unmissverständlich und auf das Schärfste die erhöhte Gewalt, die Israel Samstag Nacht mit dem Einmarsch in den Gazastreifen angewendet hat,

erklärte der südafrikanische Außenminister in einer Pressemitteilung, die in Kapstadt am Sonntag, dem 4. Januar 2009 veröffentlicht wurde. [Alle Links unten, T:I:S]

Die Opfer an Menschenleben und die humanitäre Katastrophe in Gaza sind nicht hinnehmbar, 

fügte er hinzu, und forderte die israelische Regierung auf, dieses “humanitäre Massaker” in Gaza einzustellen und die Truppen “sofort und bedingungslos” aus dem Gebiet abzuziehen.

Der Gazastreifen ist eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Welt, und die israelische Landoffensive mit Panzerfahrzeugen und schwer bewaffneten Truppen, Artillerieunterstützung und Kampfhubschraubern wird unausweichlich noch größere Verluste unter Zivilisten nach sich ziehen, mit Folgen für die ganze Region in den kommenden Jahren,”

führte der südafrikanische Minister weiter aus. 

Demonstration gegen Bombardierung vor US-Konsulat

Am Sonntag, dem 4. Januar 2009 versammelten sich Tausende von Demonstranten vor dem Konsulat der Vereinigten Staaten in Johannesburg, um gegen die Bombardierung des Gazastreifens durch Israel zu protestieren. 

 Am 6. Januar verurteilte der Afrikanische Nationalkongress (ANC) die israelische Aktion in Gaza: “Südafrikas regierende Partei verurteilt Israels Angriff in Gaza.”

Der ANC zu Gaza

Der Afrikanische Nationalkongress betonte: "Solange Israel weiterhin die Gebiete besetzt hält, die rechtmäßig den Palästinensern gehören, wird es keine dauerhafte Lösung für die Probleme und den Nahost-Konflikt geben”. Die Presseerklärung betont, dass das palästinensische Volk das Recht hat, in einem unabhängigen Staat zu leben, mit sicheren Grenzen, neben einem unabhängigen israelischen Staat. Der ANC verlangt, dass Israel endlich die Beschlüsse der UNO befolgt, namentlich die Resolution der Kommission für Menschenrechte vom Juni 1996 (gemeint ist wohl die Resolution  vom 11. April 1996, Alain Gresh). 

Südafrikanische Hilfe für Gaza

News24, die Hauptinformationsquelle in Südafrika, meldete am 23. Januar 2009, dass humanitäre Hilfe nach Gaza unterwegs sei (“SA aid on way to Gaza”). Das Flugzeug transportiere 84 Tonnen Hilfsgüter und 25 südafrikanische Ärzte und Journalisten. Die Hilfsaktion war vom Kirchenrat organisiert worden, von den katholischen Bischöfen und von der mächtigen Gewerkschaft COSATU. Das Flugzeug wurde von der Vize-Außenministerin, Fatima Hajaig, verabschiedet: “Uns wird warm ums Herz, da das südafrikanische Volk mit Worten und Gesten das palästinensische Volk erreichen kann. Die Regierung grüßt die Zivilgesellschaft und die Nicht-Regierungsorganisationen, die mit soviel Begeisterung diese Initiative unterstützt und organisisert haben.”

Apartheid "ein Sonntagspicknick"

Die Nachrichtenagentur JTA meldete am 19. Januar 2009 aus Kapstadt (“ANC lawmakers rip Israel”), Parlamentarier des ANC hätten erklärt, dass “die Grausamkeiten der Israelis an den Palästinensern die Apartheid  wie ein Sonntagspicknick erscheinen ließen”.  Der Präsident der Kommission für auswärtige Angelegenheiten, Job Sithole, verglich die Behandlung der Palästinenser an den Checkpoints mit der Behandlung von Vieh und mit der Behandlung unter der Apartheid. 

Über eine Parlamentssitzung in Anwesenheit des israelischen Botschafters berichtet der Artikel “MPs slam Israeli ambassador” (Michael Hamlyn, 16. Januar, 24.com).

Boykott des diktatorischen Staates Israel

Die COSATU verlangte den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Israel, den Boykott israelischer Waren und beteuerte erneut “ihre Unterstützung für den Freiheitskampf des palästinensischen Volkes”. Ausserdem haben die südafrikanischen Hafenarbeiter angekündigt, dass sie ein israelisches Schiff boykottieren werden, das in Durban festgemacht hat (“Dock workers won't offload Israeli ship”, JTA, 3. Februar). Der Ausschuss für die Solidarität mit den Palästinensern erinnert in einer Pressemitteilung daran, dass die Arbeiter sich geweigert hätten, ein chinesisches Schiff zu entladen, das Waffen für Zimbabwe geladen hatte. Er ruft dazu auf, verschiedene diktatorische Staaten wie Zimbabwe, Swaziland und Israel zu boykottieren. Die Mitteilung begrüßt die Erklärungen verschiedener jüdischer Stimmen, welche sich von der Aktion in Gaza distanziert haben: 

Wir rufen alle Südafrikaner dazu auf zu gewährleisten, dass kein Bürger unseres Landes an der Tötungsmaschine der israelischen Besetzungsstreitkräfte mitwirkt.

Nadine Gordimer: Nicht in unserem Namen

Eine Gruppe von etwa hundert südafrikanischen Juden hat in einer Zeitung Kapstadts, Cape Times, einen Aufruf veröffentlicht und betont, dass die Führer der jüdischen Gemeinde, die die israelische Operation in Gaza unterstützt haben, nicht in ihrem Namen sprächen. Der Presseagentur JTA (“Letter protests South African Jewish leaders”, 13. Januar) zufolge würden die Unterzeichnenden bedauern, dass die Gemeindevertreter so täten, als ob sie auch in ihrem Namen sprächen; dieses Vorgehen sei “unverantwortlich”, da es die Gemeinde spalte. Ihrer Ansicht nach sei die israelische Aktion “eine kollektive inhumane und unverhältnismäßige Bestrafung, die nach internationalem Recht verboten ist”; zugleich verurteilten sie die von Gaza aus abgefeuerten Raketen. 

Einige Tage später stand auf der Website der Zeitschrift Mail & Guardian, (“ Top SA Jews slam Gaza attack” von Percy Zvomuya und Sello S. Alock, 1. Februar), dass elf wichtige jüdische Persönlichkeiten die Angriffe auf Gaza als “inhuman und unverhältnismäßig” verurteilt hätten. Dazu gehörten die Literatur-Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer, Arthur Chaskalon, ein ehemaliger Staatsanwalt, und William Kentridge, ein bekannter Künstler. Der Artikel weist auch auf eine Kontroverse über die Mitwirkung südafrikanischen Juden in der israelischen Armee hin, und auf das Verlangen pro-palästinensischer Aktivisten nach einer Untersuchung der Rolle, die sie dort gespielt haben.

Kein Boykott von Juden

Als Reaktion auf Appelle im Internet, jüdische Geschäfte zu boykottieren, prangerte eine Gruppe von ca. hundert Muslimen die wahllosen israelischen Angriffe auf Gaza an, verurteilte aber zugleich die Aufrufe gegen die jüdische Gemeinde als Rassismus, den sie ihr Leben lang bekämpft hätten. (“South African Muslims condemn Jewish boycott", JTA, 2. Februar).

Der israelische Staat hat mit dem Apartheid-Regime zusammengearbeitet

Die Bedeutung der israelisch-palästinensischen Frage in Südafrika geht auf mehrere Faktoren zurück, vor allem auf die alten Beziehungen zwischen dem ANC und der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO). Man muss sich vor Augen halten, dass während des gesamten Kampfes gegen die Apartheid alle aufeinander folgenden Regierungen Israels, ob rechts oder links, mit dem Apartheid-Regime zusammengearbeitet haben. Mehr zum Thema in Le Monde diplomatique, “Comment L'Afrique du Sud a pu mettre au point 'sa' bombe nucleaire”, von Howard Schissel (September 1978) und “Un poumon d'acier: la cooperation avec Israel”, von Bowke Mafuna (September 1986). [In etwa: „Wie Südafrika seine ‚Atombombe’ bauen konnte” von Howard Schissel, und “Eine eiserne Lunge: die Zusammenarbeit mit Israel“ von Bowke Mafuna, Anm.d.Ü.]

Andererseits besteht in Südafrika eine alte jüdische Gemeinde von etwa 100 000 Personen. Während sie, wie alle weißen Gemeinschaften, mehrheitlich mit dem Apartheid-Regime zusammenarbeitetete, hatte sich eine Minderheit gegen das Regime engagiert, vor allem in der Kommunistischen Partei Südafrikas, die im ANC eine sehr wichtige Rolle spielt – die kommunistische Partei spielte innerhalb des ANC eine entscheidende Rolle beim Sieg der Perspektive eines multikulturellen Südafrika über die Befürworter eines “schwarzen” Südafrika. 

Kommunistische Juden gegen die Apartheid

Außer Joe Slovo, dem verstorbenen vormaligen Generalsekretär der kommunistischen Partei, ist Ronnie Kasrils eine weitere emblematische Figur im Kampf der kommunistischen Juden gegen die Apartheid; er war verantwortlich für die südafrikanischen Geheimdienste, dann Minister für Wasser und Wälder. In einem Vortrag von 2002 mit dem Titel “Bethlehem ist zu einem Symbol der Unterdrückung geworden wie Sharpeville ” sagte er:

Mitte der Achtziger Jahre, als erwiesen war, dass Südafrika zu implodieren drohte, wandten einflussreiche amerikanische Politiker, die gegen die Reagan-Regierung waren, sehr strenge Sanktionen an. Eine Warnung für das Apartheid-Regime. 1988 wurde es gezwungen, echte Verhandlungen aufzunehmen. Dasselbe wird mit Israel passieren.

In einem anderen Text zum sechzigsten Jahrestag des Massakers von Deir Yassin (Soixante ans après Deir Yassin), erklärt er:

Wie alle Zehnjährigen, die in Johannesburg aufgewachsen waren, feierte ich vor sechzig Jahren die Geburt des Staates Israel. Ich akzeptierte ohne Weiteres die dramatischen Berichte über die sogenannten Selbstverteidigungsaktionen gegen die arabische Gewalt zum Schutz des jüdischen Staates. 

Als ich mich in unseren Freiheitskampf begeben hatte, bemerkte ich die Ähnlichkeiten mit der palästinensischen Sache bei Landenteignung und Geburtsrecht durch expansionistische Kolonialbesetzung. Ich habe dann begriffen, dass der Rassen- und Kolonialcharakter der beiden Konflikte mehr Parallelen aufweist als jeder andere Kampf.

Als Nelson Mandela erklärte, wir als Südafrikaner wüssten, dass “unsere Freiheit unvollständig ist ohne die Freiheit der Palästinenser”, sprach er nicht nur zu unserer moslemischen Gemeinschaft, von der man erwarten kann, dass sie Empathie zeigt, sondern zu allen Südafrikanern, eben wegen unserer Erfahrung mit der rassistischen und kolonialen Unterwerfung, und weil wir den Wert der internationalen Solidarität zu schätzen wissen.

Eine andere Sicht eines weißen ANC-Kämpfers, auch ein Jude, liefert Andrew Feinstein, After the Party. A Personnal and Political Journey Inside the ANC (Jonathan Ball Publishers, Johannesburg, 2008), vor allem Kapitel 9 über das “Jude sein”. (2)

 Les Blogs du Diplo vom 4. Februar 2009. coorditrad und T:I:S, Übersetzung, 17. Februar 2009. Dank an Marie-Dominique Vernhes

Anmerkung

(1) Siehe auch Chris McGreal: Israel, das Apartheid-Regime und die Juden 

Links

Über 330 Kommentare, französisch 

Le gouvernement sud-africain condamne 

South Africa’s ruling party condemns Israeli attacks on Gaza 

 11 avril 1996

News24

SA aid on way to Gaza

ANC lawmakers rip Israel 

MPs slam Israeli ambassador 

Dock workers won’t offload Israeli ship 

Cape Times 

Letter protests South African Jewish leaders 

Top SA Jews slam Gaza attack

South African Muslims condemn Jewish boycott

 Comment l’Afrique du Sud a pu mettre au point “sa” bombe nucléaire 

Un poumon d’acier : la coopération avec Israël 

Bethlehem, comme Sharpeville, est devenu un symbole de l’oppression

Soixante ans après Deir Yassin 

 

Dieser Beitrag ist erschienen in Sand im Getriebe, attac, vom März 2009. T:I:S, 6. März 2009

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