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Steinberg Recherche Referent Texte 2006 Texte 2005 Texte 2004 Texte bis 2003 Karten Bilder Home Inhalt Thomas Immanuel SteinbergHexenjagd und TätervolkArne Hoffmann ("Warum Hohmann geht und Friedman bleibt") analysiert sorgfältig eine Hälfte des Problems.
Der Vorwurf des Antisemitismus sei in Deutschland zu einem
Totschlag-Argument geronnen, meint Arne Hoffmann. Das versucht er, anhand der
Antisemitismusdebatten von Möllemann bis Walser, aufzuzeigen. Als Paradebeispiel
für Hexenjagd dient ihm der Fall Hohmann. Martin Hohmann, Bundestagsabgeordneter im katholischen Neuhof bei Fulda und CDU-Mitglied bis zum Rauswurf, wollte mit seiner Rede zum 3. Oktober 2003 darlegen, warum die Deutschen kein Tätervolk seien. Jüdische Bolschewisten hätten die Zarenfamilie, viele Popen und zahllose andere Menschen in Mittel- und Osteuropa umgebracht. Eugenio Pacelli, dem späteren Papst Pius XII., hätten bolschewistische Juden in der Münchner Nuntiatur eine Pistole auf die Brust gesetzt. Das hätte damals für Empörung gesorgt. Die Juden insgesamt seien dennoch kein Tätervolk, ebensowenig wie die Deutschen. Vielmehr habe sowohl jüdische wie deutsche Täter Gottlosigkeit ausgezeichnet. Fromme Deutsche und gläubig gebliebene Juden hätten sich an den jeweiligen Untaten nicht beteiligt. Kein Tätervolk Hohmanns verschlungene Argumentationsfigur schätzen wohl
nur Klerikal-Faschisten. Hohmann hat im Rahmen seines antikommunistischen und
rassistischen Geschichtsverständnisses allerdings tatsächlich darzulegen
versucht, weder Deutsche noch Juden seien ein Tätervolk. Die Mainstream-Presse
behauptete sofort das Gegenteil: Hohmann habe die Juden als Tätervolk
bezeichnet. Innere und äußere Parteifeinde wiederholten den falschen Vorwurf.
Die judeophile Springer-Presse, sonst für jeden antikommunistischen Ausfall zu
haben, überschlug sich schier vor Empörung über den strammen
National-Katholiken. Hohmann flog aus der Partei und, mit der letzten Wahl, aus
dem Bundestag. Der Autor Arne Hoffmann hat diesen und andere Fälle von
falscher Beschuldigung sorgfältig nachgezeichnet: wer wen in welchem Organ als
Antisemiten diffamiert hat; wie das Plattmachen im Rudel funktioniert; und daß
die üblich gewordene Vermengung - von Ablehnung israelischer Politik und Haß auf
Juden als Juden - übel sei; übel sowohl für die jüdisch-israelische, wie für
die deutsche Sache. Soweit zur Instrumentalisierung des Judeophobie-Vorwurfs, der einen Hälfte des Problems. Die andere hieß früher Kollektivschuld. Beim Ex-CDUler Hohmann heißt sie Tätervolk. Wir Deutsche seien kein Tätervolk, sagt er, genauso wenig wie die Juden. Worüber redet Hohmann? Deutsche Täter Hundertausende, ja, Millionen Deutsche haben 1933 bis 1945
mitgewirkt an Diskriminierung, Mißhandlung, Vertreibung und Massenmord, erst im
eigenen Land, dann in ganz Europa. Sie waren schuldig. Mitschuldig waren auch
alle, die die Täter neben sich haben gewähren lassen. Mitschuldig waren schließlich
auch die Abermillionen Deutschen, die von der Beute profitiert haben: Alle wußten,
woher ihr Wohlstand bis kurz vor Kriegsende kam. Sie haben ihn meist
widerspruchslos genossen. Fast alle Deutschen waren 1933 bis 1945 Täter oder
mitschuldige Zuschauer. Doch Hohmann geht es ums heutige Volk, dessen Angehörige,
wie er, überwiegend nach 1945 geboren wurden. Das heutige deutsche Volk, wir,
seien kein Tätervolk. Von dieser Vorstellung geleitet, führt Hohmann in seiner
Neuhofer Rede an:
Die Antwort ist nicht ungerecht, wie Hohmann insinuiert,
sondern falsch. Man kann die beiden Fälle vergleichen. Man muß sie sogar
vergleichen, um den grundlegenden, ja himmelschreienden Unterschied zu erkennen: Die deutschen Täter haben Polen, Rußland und andere Länder
überfallen, Abermillionen zur Arbeit in Lagern gezwungen und mehrere Millionen
Polen und geschätzte 20 Millionen Sowjetmenschen ermordet. Sie verwüsteteten
beide Länder auf Jahrzehnte. Ein Teil der Täter kam 1945 in Kriegsgefangenenlager und mußte dort teils mehrere Jahre arbeiten. Der fromme Katholik Martin Hohmann möchte nun von den überlebenden und den glücklicherweise nachgewachsenen Polen und Russen eine Entschädigung für die Gefangennahme und Zwangsarbeit der deutschen Täter haben, wenigstens eine symbolische. Seine Vorstellung lautet: Erst überfallen Deutsche ihre Nachbarn und erschlagen Millionen. Wenn die Überlebenden die Totschläger schließlich überwältigen und gefangen nehmen, haben diese Totschläger Anspruch auf Entschädigung bei denen, die zu töten sie gerade noch gehindert wurden. Hitlerbefehl Folgender Passus in seiner Rede verrät, wie Hohmann zu der
aberwitzigen Forderung an die Gepeinigten und ihre Nachkommen gelangt:
Hitler, so Hohmann, habe befohlen. Feigheit Befehlsverweigerer unter
Hitler indes ordnet Hohmann so ein:
Der ehemalige CDU-Politiker bahnt mit seiner Auffassung weiteren deutschen Verbrechen den Weg: Bundeswehrsoldaten halfen 1999 Jugoslawien bombardieren und zerschlagen? Sie konnten nicht anders, denn Schröder, Scharping und Fischer haben alles befohlen. Befehlsverweigerer bei drohender Gefahr? Sind Kameradenschweine. Bundeswehrsoldaten nehmen Schaden in Afghanistan, am Horn von Afrika, im Sudan? Mit Hohmann kann Deutschland jederzeit Schadenersatz von denen verlangen, die unseren Männern da draußen ein Haar krümmen. Ablaß-Brief Hohmann ging es mit seiner Rede vom 3. Oktober 2003 um einen General-Ablaß nicht nur für die vergangenen deutschen Verbrechen, sondern auch für die gegenwärtigen und künftigen. Hätten Parteipolitiker und Medien sich mit dem Inhalt von Hohmanns Rede auseinander gesetzt, dann hätten sie gestehen müssen: Sie teilen nicht seinen Argumentationsweg, aber seine Position. Die lautet:
Doch Hohmann kam allzu
plump daher mit seinen jüdischen Bolschewisten. Er wurde aus dem Verkehr
gezogen. Nahezu geschlossen haben
Parteipolitiker und Medien den leichten Weg gewählt und behauptet, Hohmann hätte
die Juden als Tätervolk bezeichnet. Ach hätte doch Einer, hätte er doch die jüdischen
Israelis als das bezeichnet, was sie sind: als mehrheitliche Parteigänger einer
mörderischen Regierungspolitik. Dann hätten deutsche Politiker und Medien
- jetzt zum Beispiel - vor dem Problem gestanden, wie sie, selbst
abermals Täter, die Schenkung von Atomträger-U-Booten an die israelische Tätermehrheit
rechtfertigen. Arne Hoffmanns Buch über deutsche Hexenjagden im Namen des Kampfes gegen Antisemitismus umgeht Inhalt und Stoßrichtung der Hohmann-Rede. Das ist ein schwerer Mangel. Ähnlich wie sogenannte Diskursanalytiker weicht der Autor dem Kern seiner Aufgabe aus: zu klären, was der Fall ist; und das, was der Fall ist, dann mit dem zu vergleichen, was einer wie Hohmann darüber sagt. Arne Hoffmann hat eine große Chance vertan und dem Kampf gegen Hexenjagden einen Bärendienst erwiesen. T:I:S, korrigiert am 24. November 2005Arne Hoffmann: Warum Hohmann geht und Friedman bleibt. Antisemitismusdebatten in Deutschland von Möllemann bis Walser. Schnellroda: Edition Antaios 2005, 304 Seiten, (D) EUR 24,00 *Im Gegensatz zu einer vorschnellen Annahme tritt Martin Hohmann nicht für
einen Bundeswehreinsatz in Afghanistan ein. MdB Martin Hohmann erklärte am 28.09.2005
zum Antrag der Bundesregierung auf Fortsetzung des Afghanistan-Einsatzes der
Bundeswehr: „Herr Präsident, verehrte Kolleginnen und Kollegen, die
Fortsetzung des Afghanistaneinsatzes der Bundeswehr lehne ich mit folgender Begründung
ab: Hohmann hält alllerdings offenbar einen Bundeswehreinsatz dann für geboten, wenn "vitale nationale Interessen den Einsatz zwingend erfordern". Die Formulierung ist ebenso wolkig wie die Formulierungen, die Hohmann zu Recht als wolkig bezeichnet. Auch ein Bundeswehreinsatz zur Wahrung "vitaler nationaler Interessen" außerhalb des Verteidigungsauftrags wäre Verfassungsbruch. Dank für den wichtigen Hinweis an Hans PH Neidhardt. T:I:S, 24. November 2005 *Steinberg Recherche Referent Texte 2006 Texte 2005 Texte 2004 Texte bis 2003 Karten Bilder Inhalt Home nach oben
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