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Erdgas für die Türkei - woher?
Konzerne aus Rußland, der EU und den USA machen sich die Türkei
streitig - als Abnehmer von Energie und Energieanlagen. Die neuere türkische
Industrie wird fast durchgängig mit Erdgas betrieben. Zwei Drittel des Gases
kommen gegenwärtig auf dem Umweg über den Balkan aus Rußland. Seit Ende 2002
betreibt die russische Gazprom eine neue Erdgasleitung durchs Schwarze Meer von
Novorossisk nach Samsun und weiter bis Ankara -
eine Dreimilliarden-Dollar-Investition, von der als unterseeischer Rohrleger der
italienische ENI-Konzern profitiert hat, ebenso wie die deutsche Röhrenindustrie.
Das technische Wunderwerk, das Meeresbodenberge von über 1000 m bewältigt,
kann seit Ende 2002 Tankschiff- und Umweglieferungen ersetzen und vermag über
den künfigen türkischen Gasbedarf hinaus auch Teile der Nachfrage auf dem
Balkan zu befriedigen. Allerdings tröpfelt das russische Gas vorerst nur durch
die Transportanlage mit dem malerischen Namen Blue Stream. Bei einer
Jahreskapazität der Zwillingsröhren am Meeresboden von 14 Milliarden
Kubikmetern sind im Februar und März 2003 kaum 190 Millionen Kubikmeter
geflossen, nicht einmal zehn Prozent der möglichen Menge. Die Türkei hat
bisher dem russischen Leitungsbetreiber Gazprom weit weniger Gas abgenommen als
erwartet. Die türkische Seite erklärte, der Gaspreis läge zu hoch. eurasianet, eine US-Internetzeitung, sieht den Grund für
den zögerlichen Gaseinkauf im Erfolg der Gasbohrungen auf den aserischen
Shah-Deniz-Feldern bei Baku. Ab 2006 könnte billigeres Gas von Baku nach
Erzurum in der Türkei fließen. Diese Leitung will die US-britische BP Amoco
weitgehend parallel zu ihrer geplanten BTC-Ölpipeline von Baku über Tbilissi
in Georgien nach Ceyhan am türkischen Mittelmeer bauen lassen.
Generalunternehmer des BTC-Baus ist Halliburton, Richard Cheneys Öl- und Rüstungsriese.
Die Verträge wurden von Baker Botts LLP ausgearbeitet, der Anwaltskanzlei des
früheren Außenministers James Baker. Weiter behauptet eurasianet, die Türkei versuche, sich
durch Verträge mit den Gasanbietern Algerien und Nigeria und Bohrungen in
Ostanatolien vom russischen Quasi-Monopol zu lösen. BP Amoco wolle bei der Privatisierung der türkischen Ölraffinerie
Tupras gegen die russische Gazprom mitbieten. Der türkische Premierminister
Erdogan erhoffe sich aus der Privatisierung vier Milliarden Dollar Erlös, um
den Forderungen des Weltwährungsfonds genügen zu können. Das werde, schließt
eurasianet in einer kapitallogischen Volte, langfristig die türkische
Energieunabhängigkeit fördern und künftigen Investoren Sicherheit bieten. Gulf News aus
Dubai berichtet jedoch, Analysten zufolge seien die zitierten künftigen
Gaslieferungen aus Baku tatsächlich noch fraglich. So hatten zwar die Regierungschefs der Länder
Aserbaidschan, Georgien und Türkei im September 2002 den ersten Spatenstich zu
einem kombinierten Öl- und Gastransportkorridor von Baku über Tbilissi in die
Türkei getan. Der Bau der Trasse, dessen Ölkomponente unter dem Kürzel BTC
(Baku-Tbilissi-Ceyhan) firmiert, kommt aber - angeblich wegen aserischen
Finanzierungsschwierigkeiten - bisher nicht voran. Der wahre Grund für die Verzögerung
dürfte in der ungesicherten Auslastung der britisch-US-amerikanischen Röhren
liegen. Das Öl aus den kasachischen Tengis-Feldern nördlich des kaspischen
Meeres, die von Chevron und Exxon ausgebeutet werden, fließt seit Oktober 2001
durch die kasachisch-russische CPC-Pipeline zum russischen Schwarzmeerhafen
Novorossisk statt nach Baku. Das azerische Öl allein aber reicht wahrscheinlich
zur Auslastung der Röhren durch Georgien und die Türkei nicht aus. Und so ist
auch die teilparallel geplante Gasleitung fraglich. Die Blue-Stream-Preise für die Türkei, so erklärt Gulf
News ganz technisch, lägen, angesichts einer vereinbarten zeitverzögerten
Preisbindung an den Ölpreis, diesen Sommer hoch, und zwar wegen der Ölverteuerung
vor dem Irak-Krieg, als auch Venezuela während des Streiks gegen Chavez kaum
liefern konnte. Möglicherweise verschiebt die Türkei die Gasabnahme in den
Herbst und Winter, wenn der Preis wieder niedrig liegt. Vielleicht ist aber auch eine weitere Macht im Spiel. Laut Radio Free Europe / Radio Liberty, einer CIA-Einrichtung, plant der Iran zusammen mit Bulgarien eine Gaspipeline für billiges iranisches Gas, das der Türkei und Griechenland zugute käme. Dann hätte Rußlands Gazprom auf Dauer das Nachsehen. Thomas Immanuel Steinberg
Quellen: Katik,
Mevlut : As Blue Stream pauses, Turkey seeks energy independence.
eurasianet.org 4/30/03 http://www.eurasianet.org/departments/business/articles/eav043003.shtml Turkey halts Black Sea gas imports (Moscow /Reuters) Gulf News, Dubai 26-04-2003 Lelyveld,
Michael :Turkey: Ankara Cuts Russian Gas, Courts Iran. Radio Free Europe / Radio
Liberty, 29. April 2003
http://www.rferl.org/nca/features/2003/04/29042003170246.asp
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