Ist Bush verrückt?

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1. John Pilger deutsch. Übersetzung von Thomas Immanuel Steinberg

2. Hat der Afghanistankrieg Gründe - oder ist Bush verrückt? von Thomas Immanuel Steinberg

*

1. John Pilger deutsch

Interview:

Die eignen Worte straften ihre Propaganda Lügen

 John Pilger über Bushs Irak-Besetzung

John Pilger ist ein erfahrener Journalist ("Guardian") und Dokumentarfilmer. Seine Karriere überspannt mehr als drei Jahrzehnte. Er hat von den Tatorten einiger der fürchterlichsten Kriegsverbrechen der US-Regierung berichtet – von Vietnam und Südostasien über die vom Südafrika der Apartheid angegriffenen Frontstaaten bis hin zu Palästina und Irak im Nahen Osten.

In seinem neuen Dokumentarfilm Breaking the Silence: Truth and Lies in the War on Terror zertrümmert Pilger die Begründung für den Krieg gegen den Irak, die George W. Bush und der britische Premierminister Tony Blair geliefert hatten. Insbesondere veröffentlichte Pilger Videomaterial von 2001, auf dem Außenminister Colin Powell und die nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice die Wahrheit zugeben: Irak stellte keine militärische Bedrohung dar und hatte seit dem ersten Golfkrieg zehn Jahre zuvor keine Massenvernichtungswaffen entwickelt. Der Dokumentarfilm wurde erstmalig im September im britischen Fernsehen gezeigt. Pilgers neustes Buch The New Rulers of the World  ist  eine Essaysammlung, die aktualisiert und erweitert wurde um Beiträge zu Bushs „Krieg gegen den Terror“.

Pilger sprach mit Anthony Arnove vom Socialist Worker - online am 21. November 2003über die Kriegsgründe der USA und darüber, warum die Kolonialbesatzung in einer Krise ist. Originaltext siehe http://www.socialistworker.org/2003-2/477/477_05_Pilger.shtml gespiegelt unter http://www.counterpunch.org

 

Übersetzung: Thomas Immanuel Steinberg

? In Ihrem neuen Dokumentarfilm legen Sie Beweise dafür vor, daß Colin Powell und Condoleezza Rice wußten, daß der Irak keine Gefahr darstellte. Können Sie diese Beweise nennen?

! Die Beweise liegen in deren eigenen Worten vor. Ich entdeckte einiges Ungewöhnliche im Archivmaterial  mit den stundenlangen Erklärungen der Bush-Bande, die ich für Breaking the Silence herangezogen hatte.

Powell sagte in Kairo am 24. Februar 2001: „Er [Saddam Hussein] hat bedeutende Fähigkeiten, was Massenvernichtungswaffen anlangt, nicht entwickelt. Er ist außer Stande, mit konventionellen Waffen gegen seine Nachbarn vorzugehen.“ Das ist natürlich das genaue Gegenteil von dem, was Bush und Blair ihren Völkern erzählt haben.

Powell prahlte sogar mit der US-amerikanischen „Eindämmungspolitik“ , die den irakischen Diktator entwaffnet habe – abermals das Gegenteil von dem, was Bush und Blair immer wieder gesagt haben. Am 15. Mai 2001 ging Powell noch weiter und sagte, Saddam Hussein sei „in den letzten 10 Jahen“ nicht in der Lage gewesen, „seine Armee wieder aufzubauen oder Massenvernichtungswaffen zu entwickeln“. Amerika, sagte er, habe Saddam „unter dem Deckel“ halten können.

Zwei Monate später schilderte Condoleezza Rice einen schwachen, gespaltenen und militärisch wehrlosen Irak. „Saddam beherrscht den Norden seines Landes nicht“, sagte sie. „Wir richten uns darauf aus, die Waffen von ihm fern zu halten. Die Armee ist nicht wieder aufgebaut worden.“

Da gab es also zwei der wichtigsten Bush-Mitarbeiter, deren eigene Worte sie bei ihrer Propaganda Lügen straften.

? Jetzt, wo der Krieg vorbei ist, wie hält da Tony Blairs „Dossier“ über irakische Massenvernichtungswaffen einer Überprüfung stand?

! Es ist eine Lachnummer. Teile davon waren ein Plagiat einer amerikanischen Doktorarbeit. Sogar die Schreibfehler waren übernommen, und Begriffe wie „oppositionelle Gruppen“ waren ersetzt durch „Terroristengruppen“. Das ist wirklich schlecht gelogen. Der Rest des Dossiers wurde von den Blairschen höheren Geheimdienstlern widerlegt, darunter sein eigener Stabschef, und zwar bei Auftritten vor der Hutton-Kommission.

? Haben Sie irgendeine Bestätigung für die Behauptung gefunden, daß der Irak mit Al Kaida in Verbindung steht?

! Keine. Tatsächlich sind meine beiden besten Quellen dafür der Präsident der Vereinigten Staaten und sein Verteidigungsminister, die beide innerhalb weniger Tage im September die bloße Vorstelung zurückwiesen, Irak und Al Kaida stünden in Verbindung miteinander. So weit geht ihr Zynismus. Die Nation und die Welt belügen, sodaß die Mehrzahl der Amerikaner daran glaubt, und dann es in aller Ruhe zurückweisen. Unter Berücksichtigung aller Berichte gibt es selbst heute keinen Beweis dafür, daß Al Kaida im Irak ist. Sie könnten da sein, aber wie bei den Massenvernichtungswaffen gibt es keinen Beweis dafür.

? Was meinen Sie zur Behauptung der Bush-Regierung, daß der Widerstand gegen die Besatzung im Irak von „ausländischen Terroristen“ stammt?

! Das klingt wie Ironie, wenn amerikanische Amtsträger von „ausländischen Kämpfern“ sprechen, die Amerikaner angreifen! Als wären Amerikaner Iraker, oder als gäbe es keine Iraker.

Wie Robert Fisk hervorgehoben hat, gibt es 200 000 ausländische Kämpfer im Irak, davon tragen 146 000 US-Uniformen. Es könnte durchaus weitere ausländische Kämpfer im Irak geben. Die anglo-amerikanische Invasion war ein Angriff auf die arabische Welt, ich wäre also nicht überrascht über einen ad-hoc-panarabischen Widerstand. Die französische Résistance hatte ausländische Unterstützer, namentlich Briten, und es passierten schreckliche Dinge. Da gibt es keinen Unterschied. Die jetzige Propaganda zielt darauf, die Wahrheit eines nationalistischen Widerstands zu verschleiern.

Ob man es mag oder nicht, für viele Iraker verkörperte Saddam Hussein einen gewissen Nationalismus, und die sogenannten „Saddam-Überbleibsel“ sind Nationalisten. Es handelt sich um eine durchaus nationalstolze Gesellschaft. Sie ist nicht so tief in Stämme gespalten, wie uns manche westlichen Kommentatoren glauben machen wollen.

Die Besatzung hat Ähnlichkeit mit Vietnam, aber die größte Ähnlichkeit besteht mit dem sowjetischen Desaster in Afghanistan. Und das hat wirklich noch nicht ernsthaft begonnen. Das passiert, wenn die Schiiten loslegen.

Ich denke, daß sich langsam eine schiitische Armee bildet. Die Schiiten haben eine Tradition der Geduld, und sie warten, bis ihre Zeit kommt, so, wie sie es unter dem persischen Schah getan haben. Die Besatzung und Bush sind in großen Schwierigkeiten.

? Warum, denken Sie, hat die Konzernpresse, besonders in den USA, so lange gebraucht, um über die Tatsache der Täuschung und Verfälschung durch die Regierung zu berichten?

! Die Konzernpresse ist der verlängerte Arm des Staats. Das ist eine Binsenweisheit, die kaum je in Journalistenschulen gelehrt wird. Schauen Sie zurück auf die McCarthy-Ära, lesen Sie die Zeitungen, hören Sie in die Schallarchive hinein. Mit ehrenwerten Ausnahmen ist das ein frappierender Widerhall von heute. Die meiste Zeit seines Aufstiegs über wurde McCarthys Galle von den Mainstream-Medien weitergeleitet und verstärkt.

Sogar der große Edward R. Murrow wartete bis 1954, bevor er McCarthy anprangerte, der dann gerade anfing zu verblassen. Erst als McCarthy völlig durchdrehte und behauptete, das US-Militär sei von Kummunisten durchsetzt, scheiterte er, und nicht dank der Medien.

Jetzt, im 21. Jahrhundert, schlugen die Medien falschen Alarm wegen des Extemismus. Charles Lewis, Vorsitzender des Center for Public Integrity und ehemaliger CBS-Journalist, erzählte mir, er denke, daß die Invasion wohl nicht passiert wäre, wenn die Medien Bushs Betrug aufgegriffen hätten. Er wäre bloßgelegt und die Invasion unhaltbar geworden. Ich teile diese Meinung.

Die Macht der Journalisten besteht darin, sich für die Wahrheit und das Volk einzusetzen, nicht für Propaganda und Herrschaft. Es ist an der Zeit, daß Journalisten, die ihr Handwerk ernst nehmen, ihr Gewissen prüfen und aufhören zu versuchen, ihren Verstand und ihre Moral zu verbiegen um des Arbeitsplatzes willen.

? Wenn Massenvernichtungswaffen und Verbindungen zu Al Kaida betrügerische Rechtfertigungen für die Irakinvasion waren, was war dann das wahre Motiv?

! Es ging um Öl natürlich und um die unmittelbare Beherrschung des Nahen Ostens. Saudi-Aabien, Amerikas Bevollmächtigter, ist heutzutage unzuverlässig. Die USA wollten den Irak, ein ganzes Land, als Basis, ebenso wie sein Öl. Lesen Sie die wichtigsten Berichte, die Bush und Dick Cheney bald nach ihrem Amtsantritt durchgesehen haben. Ein Council-on-Foreign- Relations-Bericht verblüfft durch seine Warnungen, indem er im Endeffekt behauptet: „Handelt jetzt und nehmt das Öl, bevor es alle ist oder China es sich holt.“

Die Invasion war auch das, was Alexander Haig einen „Vorzeigekrieg“ nannte. Sie führte die schiere Habgier der Bush-Extemisten vor und ihre Entschlossenheit, der Menschheit ihre Brandmarke des Kapitalismus aufzudrücken. Sie enthielt eine Botschaft: „Paßt auf, ihr könntet die nächsten sein.“

? Wie steht es um die Lebensbedingungen der Iraker?

! Ich persönlich kann nicht sagen, wie die Bedingungen sind. Aber Freunde dort erzählen mir, daß es, wie einer schrieb, „eine Hölle ist, die wir nie erwartet hatten.“ Ein Institut in Bagdad hat die erste glaubwürdige Umfrage seit der Invasion gemacht und herausgefunden, daß die Mehrheit der Iraker glaubt, daß die Lage für normale Leute schlimmer ist als unter Saddam Hussein.

Auf jeden Fall gibt es mehr Gefangene – mindestens 4 000 wurden eingesperrt, möglicherweise viel mehr. Es gibt Kollektivstrafen, Folter, Verstöße gegen jedes international verbriefte Recht. Die Amnesty-International-Berichte darüber könnten von irgendeinem totalitären Staat handeln.

? Sie haben kürzlich das Nachkriegs-Afghanistan besucht. Was können wir von den Bedingungen dort für die Besatzung des Irak lernen?

! Wir können daraus lernen, daß Amerika die unbesteitbare Fähigkeit hat, schwache und meist wehrlose Länder zu schlagen, aber daß es fast überhaupt nicht in der Lage ist, sie nachher unmittelbar zu beherrschen. In Afghanistan haben sich die Amerikaner in die Airbase von Bagram verkrochen. Das erinnert mich an die Festung von Pleiku in Vietnam.

Sie sind umgeben von Mißtrauen und Feindschaft, und sie haben kein Interesse daran zu versuchen, die Art von kolonialer Situation herzustellen, die es den Briten erlaubte, ganze Völker mit nur ein paar Soldaten zu beherrschen. Ich denke, die USA werden aus dem Irak vertrieben werden, und die Folgen werden für Bush so ernst sein wie es Vietnam für den Präsidenten Lyndon Johnson war.

? Wie werden die USA mit der gegenwärtigen Krise umgehen? Glauben Sie, daß sie versuchen werden, wieder die Initiative zu ergreifen?

! Amerika hat die materielle Kraft und die Feuerkraft, also ist das möglich. Aber es wäre künstlich und kurzlebig.

? Was, meinen Sie, sollte für die Antikriegsbewegung die größte Priorität haben?

! Direkte Massenaktionen, wie klein auch immer. In jeder kleinen Stadt und jedem Wohnblock müssen sich Stimmen erheben und Leute bereit sein, alle Risiken zivilen Ungehorsams auf sich zu nehmen.

Tut auf amerikanischer Bühne, was das bolivianische Volk kürzlich in seinem kleinen verarmten Land getan hat, wo sie einen Präsidenten gestürzt haben. Gewinnt an Schwung. Setzt euch mit den Familien von GIs in Verbindung, die im Irak Dienst tun oder die getötet oder verwundet wurden.

Denkt daran, die Antikriegsbewegung ist die demokratische Opposition. Heute gibt es keine andere. Was ansteht und was zu tun ist,  liegt heute klarer zu Tage, als ich mich je erinnern kann.

T:I:S, korrigiert am 5. Dezember 2003                        

*

2. Hat der Afghanistankrieg Gründe - oder ist Bush verrückt?  

Gegenrede zu Joachim Bischoff und Bernhard Sander, erschienen in Sozialismus 1/2002  
 
von Thomas Immanuel Steinberg 
 
 
Warum führen die USA jetzt Krieg? Da gibt es viele Antworten, die viele Gründe und noch mehr Wechselwirkungen aufzählen. Aber das "Argument mit den Öl-Interessen als Schlüsselfaktor kann nicht überzeugen." Schreiben Joachim Bischoff und Bernhard Sander.(1) 
 
Doch! Ich halte die Gas- und Ölvorkommen im Kaspischen Raum für einen wichtigen Kriegsgrund. Dafür sprechen die vorliegenden Fakten. Und wenn man sie zusammenpuzzelt, entsteht ein Bild davon, wie diese Weltmacht ihre Vorherrschaft sichert. 
 
 
Fakten über Erdgas, Öl und Krieg 
 
Bischoff und Sander behaupten, die Gas- und Ölmengen des Kaspischen Beckens seien so gering, daß sich ein Krieg darum nicht lohne.  
 
Wieviel Gas und Öl lagern im Kaspischen Becken? Und wie wertvoll sind diese Ressourcen? 
 
Die Autoren berufen sich auf eine Schätzung der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover. (2) Deren Angaben zufolge betrug das Erdöl-Gesamtpotential der Welt 1998 etwa 350 Milliarden Tonnen. Davon entfallen etwa 18 Milliarden Tonnen auf den Kaspischen Raum. (3) Das sind etwa 5er Weltreserven an Erdöl. Wieviel ist das Öl wert? 
 
Bei dem zur Zeit niedrigen Rohölpreis von 22 $ je Barrel sind das - grob gerechnet - 2,8 Billionen $. (4)  
 
Das ist nicht der Gewinn, sondern der Vermögenswert des kaspischen Öls. (5) Hinzu kommen der gleichen Quelle zufolge geschätzte 24 Billionen Kubikmeter Erdgas. Erdgaspreise steigen und fallen mit dem Erdöl. Der Heizwert von 1000 Kubikmetern Erdgas ist nun etwa so hoch wie der von einer Tonne Rohöl. Erdöl und Erdgas im Kaspischen Raum zusammen dürften demnach etwa 7 Billionen $, also etwa 15 Billionen DM wert sein. 
 
Wieviel ist das?  
 
Gesetzt, ein bundesdeutsches Einfamilienhaus ist im Schnitt 300 000 DM wert. Dann haben kaspisches Öl und Gas den gleichen Wert wie 50 Millionen bundesdeutsche Einfamilienhäuser. Soviele Einfamilienhäuser, wie es in Deutschland gar nicht gibt. 
 
Ein Blick nach Mazedonien 
 
Nun wird selbst nach dem Afghanistankrieg nicht alles kaspische Öl und Gas der Carlyle Group (Bush), Chevron (Condoleeza Rice) und Halliburton (Dick Cheney) oder auch nur den US-amerikanischen Konzernen insgesamt gehören. Aber die Festungen in Afghanistan, in Usbekistan und in Kirgistan werden für Gas- und Öltransport vergleichbar viel Sicherheit bieten wie Camp Bondsteel in der amerikanischen Zone des Kosovo für den AMBO-Transportkorridor von Bulgarien über Mazedonien nach Albanien. Die britische Tochter von Cheneys Firma Halliburton namens Brown & Root Ltd. hat die Machbarkeitsstudie für den Korridor erstellt. Mit dem Bau wurde im Herbst 2001, also genau zu dem Zeitpunkt begonnen, als die amerikanisch finanzierte UÇK auch in Mazedonien die Waffen ruhen ließ. (6) Investiert werden in die Trasse selbst 1,13 Mrd. $. Einrichtungs- und Servicefirma für Camp Bondsteel ist ebenfalls Brown & Root. 
 
Markt und Macht  
 
An Gas und Öl läßt sich also mehr verdienen als an seinem bloßen Verkauf. Weiters aber liegt Afghanistan neben dem Iran - einem Land, das allein vermutlich 9 Prozent der Weltölreserven birgt (7). Daher hat Afghanistan auch eine militärische Bedeutung für die USA. Und Afghanistan liegt relativ nahe an den Ländern, die in Zukunft das meiste zusätzliche Öl und Gas zu kaufen bereit und in der Lage sein werden: Pakistan, Indien und ganz Ostasien. Nach Osten kann der Iran seine Reichtümer am besten per Pipeline verkaufen: und die führt dann durch Afghanistan.  
 
Bischoff und Sander bezweifeln recht aufwendig, daß die USA zusätzliches Öl brauchen, und daß Öl auf der Welt knapp sei. Sie mögen damit Recht haben. Aber: Rockefeller hat mit Öl, genauer, mit dem Transportmittel für Öl, der Eisenbahn, Profit gemacht, als sein Land im Öl schwamm. Die Verfechter der These, die Transportkorridore insbesondere für Brennstoffe seien ein wichtiger Kriegsgrund, behaupten also nicht, die Güter oder ihre angebliche Knappheit lösten den Krieg aus. (8) Es geht um die Beschaffung der Rohstoffe, die Erschließung der Transportwege und die Erschließung neuer Absatzmärkte für Gas und Öl, für energieverzehrende Maschinen, Autos und Erdölprodukte. Also: Die Warenbeziehung, der Zwang zur Verwertung des Wertes treibt zum Krieg. In Mittelasien winkt den US-Konzernen der große Profit, wenn nur die Produktionsstätten und Absatzmärkte erst geschaffen sind, die den Sog erzeugen für Gas und Öl. Diesem Ziel dient die Politik der USA. 
 
Selbst wenn kaspisches Öl von US-amerkanischen Konzernen vorläufig nur in einem, nämlich dem kasachischen Tengis-Gebiet abgebaut werden kann; und selbst wenn vorläufig die kasachisch-russischen Konkurrenten dort weiter mit dem Transport ihre eigenen Profite einfahren und die US-Konzerne ihre Vorteile noch nicht unmittelbar realisieren können, gilt: Die US-Amerikaner haben mit dem Afghanistankrieg und der Errichtung der Festungen in Mittelasien die Region strategisch gesichert, so daß jedenfalls kein Konkurrent das Gas aus Turkmenistan zur arabischen See pumpen kann. Geschweige denn Öl aus den übrigen Gebieten. Die Vereinigten Staaten haben also mit dem Krieg bereits jetzt einen geradezu klassisch anmutenden geostrategischen Vorteil erlangt.  
 
 
Herrschaft und Profit auf den Begriff bringen 
 
Von Gas und Öl kann gewiß nur profitieren, wer das Eigentum daran auch sichern oder sichern lassen kann. Umgekehrt bedarf selbstverständlich die Eigentumssicherung gewaltiger Energiemengen, z.B. aus Gas und Öl; oder der Einnahmen aus Gas und Öl zum Kauf der Sicherheit. Wer profitieren will, kann kaum besser fahren als mit der Erkämpfung von kampfentscheidenden Ressourcen und Transportwegen. Die Kampfmittel nähren den Kampf, der siegreiche Kämpfer erobert neue Kampfmittel. Lediglich insofern, als ja irgendwie alles mit allem zusammenhängt, sind Energieressourcen "nur ein" Beitrag zu Profit und Herrschaft, also "nur ein" Kriegsgrund von vielen. 
 
Bischoff und Sander vermuten einen zweiten Kriegsgrund darin, daß die Taliban den Mohnanbau zerstört hätten. Das mag durchaus stimmen.  
 
Im übrigen aber verweisen die Autoren auf die allgemeine kapitalistische Krise. Die aber währt, seit es den Kapitalismus gibt, und sie vermag zwar allgemein jeden, aber nicht einen speziellen Krieg zu erklären: Denn egal, wo es gegen wen geht, die Waffenproduktion kurbelt die Konjunktur an; der Krieg schweißt die Leute zusammen; die Rüstungswerte hüpfen mit der Kriegsvorbereitung nach oben. Ebenso gut hätten also die kapitalistischen Länder irgendeinen und nicht gerade diesen Krieg anfangen können. 
 
Den Krieg gegen Afghanistan führt eine Clique aus der Ölbranche. Sie führt den Krieg in der Region, deren Gas- und Ölressourcen nicht mehr und noch nicht wieder in sicherer Hand sind. Sie hat ihn selbst ausführlich angekündigt. Unter vielem anderen hat das Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten in seinem neuesten, alle vier Jahre erscheinenden Statusbericht die Strategie entworfen: weltweit den Zugang vor allem zu den Energieressourcen zu sichern; keine auch nur lokale Dominanz in Mittelasien zuzulassen; und drohender Dominanz militärisch zuvorzukommen. (9)  
 
Bischoff und Sander empfehlen in ihrem Beitrag den Rückzug:  
 
"Eine rationale Politik, die das Interesse einer besonders aggressiven Kapitalfraktion exekutiert, sollte man (im Afghanistankrieg) nicht suchen." 
 
Ich dagegen meine: Wir sollten weiter bohren. Und wir können fündig werden!  
 
Erst wenn wir uns Bushs Verhalten überhaupt nicht mehr erklären können, erst dann dürfen wir alle Erklärungsversuche aufgeben und sagen, was einem in solcher Hilflosigkeit dann noch zu sagen bleibt: Der macht keine rationale Politik, der verfolgt kein Interesse - der ist verrückt. Aber dann ist er auch nicht mehr Präsident der USA. 
 
 
Anmerkungen: 
 
(
1) Bischoff, Joachim und Bernhard Sander: Triebfeder des Afghanistankrieges: Öl? Sozialismus 12/2001, S. 14-18 


(2) Kehrer, P (Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, Hannover).: Das Erdöl im 21. Jahrhundert - Mangel oder Überfluß? Vortrag im Erdölmuseum Wietze, 10. März 2000 http://www.bgr.de/b11/erdoel_keh.htm   

 
(3) Rempel, H. (Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, Hannover): Ressourcen im Kaukasus. Vortrag auf der Internationalen Tagung der Bundesakademie für Sicherheitspolitik "Der Kaukasus: eine strategische Region im Spannungsfeld unterschiedlicher Interessen" in Berlin am 23.02.2000 http://www.bgr.de/b123/kaukasien/kaukasus.htm  Angaben zum Kaspischen Raum jeweils ohne den Iran.

 
(4) Das Barrel ist ein Hohlmaß für 159 Liter, die Tonne jedoch ein Gewicht von 1000 kg. Bei einer angenommenen mittleren Dichte für Rohöl von 0,875 (DEA Mineraloel AG, Hamburg, http://www.dea.de/1164.htm  ) sind 18 Milliarden Tonnen kaspische Reserve also 
18 Milliarden : 0,159 : 0,875 x 22 $ = 2,8 Billionen $.

 
(5) genau genommen: erst am Ort der Raffinierung. Das vernachlässige ich hier, weil ich nur einen Begriff von der Größenordnung geben will, nicht einen Kostenvoranschlag erstellen. 


(6) Vgl. Monbiot, George: A discreet deal in the pipeline. Nato mocked those who claimed there was a plan for Caspian oil. In Guardian 15. Februar 2001, http://www.guardian.co.uk/comment/story/0,3604,438134,00.html  , der vermutet, die USA hätten die Zustimmung der Kosovo-Albaner zum AMBO-Bau dadurch erlangt, daß sie sich im jugoslawischen Bürgerkrieg auf ihre Seite gestellt hätten.

  
(7) US Government, Department of Energy: Country Analysis Briefs - Iran. October 2001 http://www.eia.doe.gov/emeu/cabs/iran.html

   
(8) Bedarf und Knappheit schaffen und bedingen sich gegenseitig, also begriffslogisch. Knappheit oder Bedarf gibt es nicht ansich.

 
(9) Department of Defense: Quadrennial Defense Review Report http://www.defenselink.mil/pubs/qdr2001.pdf  Washington, 30. September 2001. Mittelasien und der Festungsbau sind Kernpunkte des Reports. Laut Vorwort von Verteidigungsminister Rumsfeld würden die Terrorangriffe (erst später nannte man sie Krieg) in wichtigen Punkten die strategische Richtung und die Planungsprinzipien bestätigen, die aus der Review hervorgingen. Nur müsse nun schneller in der eingeschlagenen Richtung vorangeschritten werden. (pdf-Datei, 76 Seiten) Im Vorwort betont Donald Rumsfeld, der Bericht sei weitgehend vor dem 11. September 2001 fertiggestellt worden.

 

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