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Steinberg Recherche Referent Texte 2007 Texte 2006 Texte 2005 Texte 2004 Texte bis 2003 Karten Bilder Home Inhalt 1. John Pilger deutsch. Übersetzung von Thomas Immanuel Steinberg2. Hat der Afghanistankrieg Gründe - oder ist Bush verrückt? von Thomas Immanuel Steinberg*1. John Pilger deutschInterview:Die eignen Worte straften ihre Propaganda LügenJohn Pilger über Bushs Irak-BesetzungJohn Pilger
ist ein erfahrener Journalist ("Guardian") und Dokumentarfilmer. Seine Karriere überspannt
mehr als drei Jahrzehnte. Er hat von den Tatorten einiger der fürchterlichsten
Kriegsverbrechen der US-Regierung berichtet – von Vietnam und Südostasien über
die vom Südafrika der Apartheid angegriffenen Frontstaaten bis hin zu Palästina
und Irak im Nahen Osten. In seinem
neuen Dokumentarfilm Breaking the Silence: Truth and Lies in the War on
Terror zertrümmert Pilger die Begründung für den Krieg gegen den Irak,
die George W. Bush und der britische Premierminister Tony Blair geliefert
hatten. Insbesondere veröffentlichte Pilger Videomaterial von 2001, auf dem Außenminister
Colin Powell und die nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice die
Wahrheit zugeben: Irak stellte keine militärische Bedrohung dar und hatte seit
dem ersten Golfkrieg zehn Jahre zuvor keine Massenvernichtungswaffen entwickelt.
Der Dokumentarfilm wurde erstmalig im September im britischen Fernsehen gezeigt.
Pilgers neustes Buch The New Rulers of the World ist
eine Essaysammlung, die aktualisiert und erweitert wurde um Beiträge
zu Bushs „Krieg gegen den Terror“. Pilger sprach mit Anthony Arnove vom Socialist Worker - online am 21. November 2003 - über die Kriegsgründe der USA und darüber, warum die Kolonialbesatzung in einer Krise ist. Originaltext siehe http://www.socialistworker.org/2003-2/477/477_05_Pilger.shtml gespiegelt unter http://www.counterpunch.org
Übersetzung: Thomas Immanuel Steinberg? In
Ihrem neuen Dokumentarfilm legen Sie Beweise dafür vor, daß Colin Powell und
Condoleezza Rice wußten, daß der Irak keine Gefahr darstellte. Können Sie
diese Beweise nennen? ! Die
Beweise liegen in deren eigenen Worten vor. Ich entdeckte einiges Ungewöhnliche
im Archivmaterial mit den stundenlangen Erklärungen der Bush-Bande, die ich für
Breaking the Silence herangezogen hatte. Powell sagte
in Kairo am 24. Februar 2001: „Er [Saddam Hussein] hat bedeutende Fähigkeiten,
was Massenvernichtungswaffen anlangt, nicht entwickelt. Er ist außer Stande,
mit konventionellen Waffen gegen seine Nachbarn vorzugehen.“ Das ist natürlich
das genaue Gegenteil von dem, was Bush und Blair ihren Völkern erzählt haben. Powell
prahlte sogar mit der US-amerikanischen „Eindämmungspolitik“ ,
die den irakischen Diktator entwaffnet habe – abermals das Gegenteil von dem,
was Bush und Blair immer wieder gesagt haben. Am 15. Mai 2001 ging Powell noch weiter
und sagte, Saddam Hussein sei „in den letzten 10 Jahen“ nicht in der Lage
gewesen, „seine Armee wieder aufzubauen oder Massenvernichtungswaffen zu
entwickeln“. Amerika, sagte er, habe Saddam „unter dem Deckel“ halten können. Zwei Monate
später schilderte Condoleezza Rice einen schwachen, gespaltenen und militärisch
wehrlosen Irak. „Saddam beherrscht den Norden seines Landes nicht“, sagte
sie. „Wir richten uns darauf aus, die Waffen von ihm fern zu halten. Die Armee ist nicht wieder aufgebaut worden.“ Da gab es
also zwei der wichtigsten Bush-Mitarbeiter, deren eigene Worte sie bei ihrer
Propaganda Lügen
straften. ? Jetzt,
wo der Krieg vorbei ist, wie hält da Tony Blairs „Dossier“ über irakische
Massenvernichtungswaffen einer Überprüfung stand? ! Es
ist eine Lachnummer. Teile davon waren ein Plagiat einer amerikanischen
Doktorarbeit. Sogar die Schreibfehler waren übernommen, und Begriffe wie
„oppositionelle Gruppen“ waren ersetzt durch „Terroristengruppen“. Das
ist wirklich schlecht gelogen. Der Rest des Dossiers wurde von den Blairschen höheren
Geheimdienstlern widerlegt, darunter sein eigener Stabschef, und zwar bei
Auftritten vor der Hutton-Kommission. ?
Haben Sie irgendeine Bestätigung für die
Behauptung gefunden, daß der Irak mit Al Kaida in Verbindung steht? !
Keine. Tatsächlich sind meine beiden besten Quellen dafür der Präsident der
Vereinigten Staaten und sein Verteidigungsminister, die beide innerhalb weniger
Tage im September die bloße Vorstelung zurückwiesen, Irak und Al Kaida
stünden in Verbindung miteinander. So weit geht ihr Zynismus. Die Nation und die Welt belügen, sodaß
die Mehrzahl der Amerikaner daran glaubt, und dann es in aller Ruhe zurückweisen. Unter
Berücksichtigung aller Berichte gibt es selbst heute keinen Beweis dafür, daß
Al Kaida im Irak ist. Sie könnten da sein, aber wie bei den
Massenvernichtungswaffen gibt es keinen Beweis dafür. ? Was
meinen Sie zur Behauptung der Bush-Regierung, daß der Widerstand gegen die
Besatzung im Irak von „ausländischen Terroristen“ stammt? ! Das
klingt wie Ironie, wenn amerikanische Amtsträger von „ausländischen Kämpfern“
sprechen, die Amerikaner angreifen! Als wären Amerikaner Iraker, oder als gäbe
es keine Iraker. Wie Robert
Fisk hervorgehoben hat, gibt es 200 000 ausländische Kämpfer im Irak, davon
tragen 146 000 US-Uniformen. Es könnte durchaus weitere ausländische Kämpfer
im Irak geben. Die anglo-amerikanische Invasion war ein Angriff auf die
arabische Welt, ich wäre also nicht überrascht über einen
ad-hoc-panarabischen Widerstand. Die französische Résistance hatte ausländische
Unterstützer, namentlich Briten, und es passierten schreckliche Dinge. Da gibt
es keinen Unterschied. Die jetzige Propaganda zielt darauf, die Wahrheit eines
nationalistischen Widerstands zu verschleiern. Ob man es
mag oder nicht, für viele Iraker verkörperte Saddam Hussein einen gewissen
Nationalismus, und die sogenannten „Saddam-Überbleibsel“ sind
Nationalisten. Es handelt sich um eine durchaus nationalstolze Gesellschaft. Sie
ist nicht so tief in Stämme gespalten, wie uns manche westlichen Kommentatoren
glauben machen wollen. Die
Besatzung hat Ähnlichkeit mit Vietnam, aber die größte Ähnlichkeit besteht
mit dem sowjetischen Desaster in Afghanistan. Und das hat wirklich noch nicht
ernsthaft begonnen. Das passiert, wenn die Schiiten loslegen. Ich denke,
daß sich langsam eine schiitische Armee bildet. Die Schiiten haben eine
Tradition der Geduld, und sie warten, bis ihre Zeit kommt, so, wie sie es unter
dem persischen Schah getan haben. Die Besatzung und Bush sind in großen
Schwierigkeiten. ?
Warum, denken Sie, hat die Konzernpresse, besonders in den USA, so lange
gebraucht, um über die Tatsache der Täuschung und Verfälschung durch die
Regierung zu berichten? ! Die
Konzernpresse ist der verlängerte Arm des Staats. Das ist eine Binsenweisheit,
die kaum je in Journalistenschulen gelehrt wird. Schauen Sie zurück auf die
McCarthy-Ära, lesen Sie die Zeitungen, hören Sie in die Schallarchive hinein.
Mit ehrenwerten Ausnahmen ist das ein frappierender Widerhall von heute. Die
meiste Zeit seines Aufstiegs über wurde McCarthys Galle von den
Mainstream-Medien weitergeleitet und verstärkt. Sogar der
große Edward R. Murrow wartete bis 1954, bevor er McCarthy anprangerte, der dann
gerade anfing zu verblassen. Erst als McCarthy völlig durchdrehte und
behauptete, das US-Militär sei von Kummunisten durchsetzt, scheiterte er, und
nicht dank der Medien. Jetzt, im
21. Jahrhundert, schlugen die Medien falschen Alarm wegen des Extemismus.
Charles Lewis, Vorsitzender des Center for Public Integrity und ehemaliger
CBS-Journalist, erzählte mir, er denke, daß die Invasion wohl nicht passiert wäre,
wenn die Medien Bushs Betrug aufgegriffen hätten. Er wäre bloßgelegt und die
Invasion unhaltbar geworden. Ich teile diese Meinung. Die Macht der Journalisten besteht darin, sich für die Wahrheit und das
Volk einzusetzen, nicht für Propaganda und Herrschaft. Es ist an der Zeit, daß
Journalisten, die ihr Handwerk ernst nehmen, ihr Gewissen prüfen und aufhören
zu versuchen, ihren Verstand und ihre Moral zu verbiegen um des Arbeitsplatzes
willen. ?
Wenn Massenvernichtungswaffen und Verbindungen zu Al Kaida betrügerische
Rechtfertigungen für die Irakinvasion waren, was war dann das wahre Motiv? ! Es
ging um Öl natürlich und um die unmittelbare Beherrschung des Nahen Ostens.
Saudi-Aabien, Amerikas Bevollmächtigter, ist heutzutage unzuverlässig. Die USA
wollten den Irak, ein ganzes Land, als Basis, ebenso wie sein Öl. Lesen Sie die
wichtigsten Berichte, die Bush und Dick Cheney bald nach ihrem Amtsantritt
durchgesehen haben. Ein Council-on-Foreign- Relations-Bericht verblüfft durch
seine Warnungen, indem er im Endeffekt behauptet: „Handelt jetzt und nehmt das
Öl, bevor es alle ist oder China es sich holt.“ Die Invasion
war auch das, was Alexander Haig einen „Vorzeigekrieg“ nannte. Sie führte
die schiere Habgier der Bush-Extemisten vor und ihre Entschlossenheit, der
Menschheit ihre Brandmarke des Kapitalismus aufzudrücken. Sie enthielt eine
Botschaft: „Paßt auf, ihr könntet die nächsten sein.“ ? Wie
steht es um die Lebensbedingungen der Iraker? ! Ich
persönlich kann nicht sagen, wie die Bedingungen sind. Aber Freunde dort erzählen
mir, daß es, wie einer schrieb, „eine Hölle ist, die wir nie erwartet
hatten.“ Ein Institut in Bagdad hat die erste glaubwürdige Umfrage seit der
Invasion gemacht und herausgefunden, daß die Mehrheit der Iraker glaubt, daß
die Lage für normale Leute schlimmer ist als unter Saddam Hussein. Auf jeden
Fall gibt es mehr Gefangene – mindestens 4 000 wurden eingesperrt, möglicherweise
viel mehr. Es gibt Kollektivstrafen, Folter, Verstöße gegen jedes
international verbriefte Recht. Die Amnesty-International-Berichte darüber könnten
von irgendeinem totalitären Staat handeln. ? Sie
haben kürzlich das Nachkriegs-Afghanistan besucht. Was können wir von den
Bedingungen dort für die Besatzung des Irak lernen? ! Wir
können daraus lernen, daß Amerika die unbesteitbare Fähigkeit hat, schwache
und meist wehrlose Länder zu schlagen, aber daß es fast überhaupt nicht in
der Lage ist, sie nachher unmittelbar zu beherrschen. In Afghanistan haben sich
die Amerikaner in die Airbase von Bagram verkrochen. Das erinnert mich an die
Festung von Pleiku in Vietnam. Sie sind
umgeben von Mißtrauen und Feindschaft, und sie haben kein Interesse daran zu
versuchen, die Art von kolonialer Situation herzustellen, die es den Briten
erlaubte, ganze Völker mit nur ein paar Soldaten zu beherrschen. Ich denke, die
USA werden aus dem Irak vertrieben werden, und die Folgen werden für Bush so
ernst sein wie es Vietnam für den Präsidenten Lyndon Johnson war. ? Wie
werden die USA mit der gegenwärtigen Krise umgehen? Glauben Sie, daß sie
versuchen werden, wieder die Initiative zu ergreifen? ! Amerika
hat die materielle Kraft und die Feuerkraft, also ist das möglich. Aber es wäre
künstlich und kurzlebig. ?
Was, meinen Sie, sollte für die Antikriegsbewegung die größte Priorität
haben? !
Direkte Massenaktionen, wie klein auch immer. In jeder kleinen Stadt und jedem
Wohnblock müssen sich Stimmen erheben und Leute bereit sein, alle Risiken
zivilen Ungehorsams auf sich zu nehmen. Tut auf
amerikanischer Bühne, was das bolivianische Volk kürzlich in seinem kleinen
verarmten Land getan hat, wo sie einen Präsidenten gestürzt haben. Gewinnt an
Schwung. Setzt euch mit den Familien von GIs in Verbindung, die im Irak Dienst
tun oder die getötet oder verwundet wurden. Denkt daran,
die Antikriegsbewegung ist die demokratische Opposition. Heute gibt es keine
andere. Was ansteht und was zu tun ist, liegt
heute klarer zu Tage, als ich mich je erinnern kann. T:I:S, korrigiert am 5. Dezember 2003 *2. Hat der Afghanistankrieg Gründe - oder ist Bush verrückt?
Gegenrede zu Joachim Bischoff und Bernhard Sander, erschienen in
Sozialismus 1/2002
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