Anthony Cordesman

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Geschichte braucht Zeit

Anthony Cordesman, US-Paläokonservativer, war gegen die Irak-Besetzung, nun ist er fürs Bleiben. Seine unwiderlegbare Begründung: "It’s just an honest understanding that history takes time."

T:I:S, 22. Februar 2008

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Thomas Immanuel Steinberg 

Scherben

Die US-Politik gegenüber Irak: Ein Aufsatz redet Klartext

Manchmal, als Linker und als Angehöriger der beherrschten Klasse, kommen einem Zweifel an der eigenen Urteilsfähigkeit. Stimmt denn, was ich mir denke über die Kriegspläne der USA? Nehmen Bush und seine Spießgesellen tatsächlich in Kauf, daß der ganze Nahe Osten Feuer fangen kann und sogar die USA selber sich daran verbrennen können?

In solchen Momenten des Zweifels lohnt ein Blick nach rechts: nicht in die Propagandagazetten der Herrschenden, sondern in ihre Verständigungsorgane. Eins davon heißt GulfWire und ist der Informationsdienst des National Council on U.S.-Arab Relations. GulfWire dient der Verständigung der herrschenden Klasse der USA, insbesondere ihrer Ölfraktion, über die Lage in den arabischen Ländern. Die CD-Zeitschrift hat in den vergangenen Monaten neunmal Anthony Cordesman zum Irak, zum Krieg und zum arabischen Raum berichten lassen, in mehrseitigen gut lesbaren Aufsätzen. Der vorerst letzte ist überschrieben: »Planning for a self-inflicted wound: US policy to reshape a post-Saddam Iraq«, also »Planung einer selbst zugefügten Wunde: Die US-Politik zur Umgestaltung des Irak nach Saddam«. Dieser Aufsatz hat’s in sich.

Cordesman ist Professor für Strategie im Washingtoner Center for Strategic and International Studies, einem Think Tank der Republikaner, und Militärkommentator für ABC. Zuvor war er hoher Beamter und Assistent für Verteidigungsfragen eines republikanischen Senators.

Cordesman zufolge ist sein Land dabei, sich allergrößten weltpolitischen Ärger aufzuhalsen. Weder kenne die Regierung von Präsident George W. Bush die derzeitigen Verhältnisse in Irak, noch schätze sie die Lage im Nahen Osten und in Mittelasien realistisch ein. Sie habe keine Vorstellung von künftigen Regelungen zwischen Sunniten und Kurden, etwa im Ölgebiet um Kirkuk oder zwischen Sunniten und Schiiten – um die Ölstadt Basra herum. Mit dem Iran und der Türkei in Hinblick auf beide Gruppen sei nichts abgeklärt. Die Regierung habe keine Vorkehrungen getroffen für ein Zusammenwirken mit der UNO, den Nichtregierungsorganisationen oder den Regionalmächten in der Nachkriegszeit. Ihr fehle jedes Bewußtsein dafür, was das Wort »Besatzung« in der arabischen Welt angesichts von Israel bedeute.

Alles, was die USA im Irak tun würden, »von der Bombardierung bis zum ersten Bodenkontakt mit Irakern, wird in einem medialen Zierfischglas stattfinden, und die Welt wird jeden Fehler und jede Schwäche sehen können«. Für alles, was der Besatzung folge, würden aber die Besatzer verantwortlich gemacht werden. Die gegenwärtige Verwaltungsstruktur des Irak sei komplex und entspreche je lokalen Bedürfnissen. »Demokratisierung« werde also nicht nach dem Motto gehen: Nimm ein »Förmchen« und stich die Plätzchen aus.

Für Gerichte, Rechtssystem und irakische Verfassung gelte Vergleichbares. Workshops und Gesprächsrunden würden lebbare Verhältnisse nicht aus dem Hut zaubern können. Ölförderung und Industrie müßten jahrelang gepäppelt werden, und die Erträge müßten einer gewaltig gewachsenen Bevölkerung bei erheblich gesunkenen Ölpreisen zur Verfügung stehen.

Cordesman schließt: »Wenn wir uns auf Wunder und gute Absichten verlassen oder als Besatzer statt als Partner auftreten, so können wir fast sicher sein, daß wir am zehnten Jahrestag des nächsten Krieges sehr viel unglücklicher sein werden als wir am zehnten Jahrestag des Golfkriegs waren.«

Der Republikaner Cordesman, zweifellos ein Mann des Kapitals, nimmt mir die Zweifel: Wenn Bush den Irak angreift, dann kalkuliert er ein, daß die Welt vielleicht in Scherben fällt.

Erschienen als Kommentar in der jungen Welt  vom 21. Dezember 2002

T:I:S, 22. Dezember 2002

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