Gaston Kirsche

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Erschienen in den Lokalberichten Hamburg vom 1. Mai 2003

Gaston Kirsche aufs Pferd!

In den Lokalberichten Hamburg Nr. 8 vom 17. April 2003 schreibt Gaston Kirsche: Die Friedensbewegung sei teilweise antisemitisch.

Wer ist Gaston Kirsche? Kirsche ist kosmopolitischer Kommunist und beklagt die "unheimliche(..) Penetranz,  mit der deutsche FriedensfreundInnen auch beim Protest gegen den Irakkrieg immer wieder Israel eine Mitschuld geben".

Welche unheimlich penetrante Äußerung deutscher Friedensfreundinnen meint Kirsche denn? Wann? Wo? Was genau haben sie gesagt?

Was meint denn Kirsche selbst? Denkt er, die israelische Regierung, die den israelischen Staat führt, trage keine Mitschuld am Irakkrieg? Sie habe nicht jahrelang nach allen Kräften dafür getrommelt, daß die USA den Irak angreifen und besetzen? Sie habe nicht jeden Schritt mit der US-Regierung abgestimmt und vorbereitet? Sie habe nicht gejubelt, als der Irak besiegt war? Sie verbreite augenblicklich nicht Meldungen über Massenvernichtungswaffen, die der nachträglichen Rechtfertigung des Angriffskrieges dienen?

Ist es antisemitisch zu behaupten, Israels rechtsradikale Regierung trage Mitschuld am Krieg der Koalition gegen den Irak? Ist es unheimlich penetrant?

Ist Kirsche ernst zu nehmen?

Kirsche hätte die Internetseiten der Friedensbewegung zitieren können: das Netzwerk Friedenskooperative Bonn oder den Kasseler Friedensratschlag, attac oder die evangelischen Frauen.  Nicht unheimlich, und auch nicht penetrant, aber angemessen scharf weisen alle hin auf die deutsche Mitschuld am Angriffskrieg gegen den Irak: auf die deutschen Waffenlieferungen an Irak und USA (was lange Jahre praktisch das gleiche war); auf die Gewährung der Überflugrechte durch die deutsche Bundesregierung, die deutschen Spürpanzer in Kuweit und die AWACS-Bombenzielzuweisung durch deutsche Piloten.

Kirsche hätte sich auch im realen Raum umtun können, zum Beispiel zu Hause in Hamburg, beim Hamburger Forum. Da hat Lühr Henken das Sagen und ein lautstarker Juso. Lühr Henken trägt eine Brille und der Olaf-Scholz-Abklatsch keine; Antisemiten sind beide nicht. Beim Gewerkschaftlichen Arbeitskreis Frieden Hamburg, bei attac Hamburg und ihrer Friedens-AG, bei linksruck und SAV mit ihren jungen Aktionistinnen Susanne und Lucy hätte er nach Antisemitismus forschen können. Er hätte lange suchen müssen.

Vielleicht hätte er sie gefunden, die Antisemitin. Sie läßt von ihrem Fahrrad eine große Friedensfahne wehen und hütet allerhand Friedensreliquien. Sie raunt von Freimaurern und Drahtziehern beim Mossad. Günther Jacob hat einmal eine dumpfe Diskussionsfrage von ihr gehört und erzählt seitdem, das Hamburger Forum sei antisemitisch.

Kennt Gaston Kirsche eine zweite?

Gaston Kirsche erhebt seinen Antisemitismus-Vorwurf gegen die Friedensbewegung ohne Beleg. Dafür macht er ihr weitere Vorwürfe: Sie sei antiamerikanisch, und wirklich pazifistisch sei sie auch nicht. Dazu zitiert er die PDS, und zwar so:

"Es geht nicht einfach um Saddam oder um Öl sondern um Geopolitik. Wenn die USA zwischen dem Mittelmeer und dem Persischen Golf ein großes Truppenkontingent stationieren, sind sie die stärkste Militärmacht der Region... Dann wären die Europäer in größerer Abhängigkeit von den USA... Die USA wollen ihre imperiale Ordnung errichten".

Diesen Passus gibt Kirsche in seinem Text aus als Argument, das die PDS gegen den Irakkrieg anführe. Pazifismus klinge anders. Das dagegen klinge so wie die allgegenwärtige prodeutsche Position.

Indes zitiert Gaston Kirsche die PDS fehlerhaft - und er läßt Lücken. Der Originaltext lautet:

"Der angedrohte Krieg gegen den Irak war zentrales Thema [in Porto Alegre, T:I:S]. Aus Lateinamerika hörte man: Das kennen wir, Krieg haben wir hier jedenTag – als Kriminalität im Alltag, als Bürgerkrieg, als Intervention der USA, unter welchem Vorwand auch immer. Chavez aus Venezuela kam, wurde solidarisch begrüßt und daran erinnert, dass der Putschismus gegen ihn etwa nach dem gleichen Drehbuch läuft, wie der 1973 gegen Allende in Chile. Doch die Einwände aus Asien und Europa wurden aufmerksam zur Kenntnis genommen: Es geht nicht einfach gegen Saddam oder um Öl, sondern um Geopolitik. Wenn die USA zwischen dem Mittelmeer und dem Persischen Golf ein großes Truppenkontingent stationieren, sind sie die stärkste Militärmacht in der Region. Gestützt darauf würden sie über eine neokoloniale Einflusssphäre verfügen, die kombiniert mit der Verfügung über das Öl globale Bedeutung hätte. Dann wären die Europäer in größerer Abhängigkeit von den USA, wie auch die Staaten der asiatischen Wachstumsregionen. Die USA wollen ihre imperiale Ordnung errichten, und die würde auch in Lateinamerika die Bedingungen für eine »andere Welt« wieder verschlechtern." http://www.rosalux.de/rlsnachrichten/0303.pdf

Kirsche dichtet der PDS Antiamerikanismus an, wo Lateinamerikaner den US-Imperialismus fassettenreich und treffend beschreiben.

Anschließend, immer noch dabei darzulegen, daß die Friedensbewegung antiamerikanisch sei, zitiert er die - , ja wirklich, er zitiert die Dithmarscher Landeszeitung: "(D)ie Chance der freien Welt, sich von den arroganten Strategien einzelner US-Regierungen zu emanzipieren, war noch nie so groß wie heute."

Zum Schluß empfiehlt uns der Zitier-Hallodri, wir sollten weder anti- noch proamerikanisch sein, dafür aber antideutsch.

Dann frisch aufs Pferd, kosmopolitischer Kommunist, und in die Nordmark geritten! Dithmarschen muß bezwungen sein!

Thomas Immanuel Steinberg

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