Leid ohne Gegenwehr

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Thomas Immanuel Steinberg

Leid ohne Gegenwehr

– Einige Erklärungsansätze –

 

1.      Fragestellung

Warum einer dem andern Schmerz zufügt, läßt sich zuweilen erklären: Er hat einen wirtschaftlichen Vorteil davon, das heißt, er beutet den andern aus. Oder einen politischen – er herrscht. Oder schließlich: Er ist pervers, und das Quälen bereitet ihm Lust.  

Warum aber läßt einer sich quälen – und wehrt sich nicht? Und nicht nur einer, sondern viele? Warum lassen sich Menschen ausbeuten und beherrschen, und das oft sogar ohne Not? Warum wehren sich Menschen oft selbst dann nicht, wenn ihnen Gewalt oder Elend gar nicht drohen?  

Ich will über einige Versuche zur Erklärung von Herrschaft und Ausbeutung berichten, und dabei einer gewissen Systematik folgen. Voranstellen möchte ich eine verbreitete, aber nicht immer beachtete Erkenntnis: Herrschaft und Ausbeutung sind Verhältnisse zwischen Herrschenden und Beherrschten, Ausbeutern und Ausgebeuteten. So spricht man zwar vom Kapital, als wär‘s ein Ding, kennzeichnender ist aber oft der Begriff „Kapitalverhältnis“ - als Ausdruck der Beziehung zwischen zwei Polen. Damit soll nahegelegt werden, daß Leidenserduldung nicht unabhängig von der Leidenszufügung erklärt werden kann: Die Beziehung zwischen den beteiligten Parteien gilt es aufzuklären, nicht etwa das Verhalten der einen Seite unabhängig von dem der andern.  

2.      Étienne de La Boétie – ein politischer Philosoph

In seinem Traktat über die freiwillige Versklavung[1] konstatiert La Boétie eingangs wie wir:  Verständlich sei eine Unterwerfung, wenn Widerstand gewaltsam verhindert werde, rätselhaft aber, wenn sie scheinbar freiwillig geschehe. Ein Tyrann vermöge erstaunlicherweise ein ganzes Volk zu unterdrücken, obwohl die Unterdrückten sich zu Teilen ihrer Lage bewußt – und sogar stark, ja, viel stärker als er seien.  

La Boétie führt dann außer einigen verbreiteten Herrschaftstechniken, wie der dosierten Gewährung von Vorteilen, der Spaltung, der Propaganda und Ablenkung einen Umstand an, der seines Erachtens das Rätsel löst: Der Tyrann herrscht gar nicht unmittelbar über sein Volk, sondern allenfalls über vier oder fünf, fünf oder sechs Getreue, die ihrerseits vier bis sechs Getreue haben. Ein Fadennetz verknüpfe über einige Stufen hinweg den Tyrann mit dem Letzten seines Herrschaftsgebiets. Der Tyrann brauche nur an den Fäden zu ziehen, damit ihm alles gehorcht.  

La Boétie liefert demnach eine Beschreibung der Hierarchie, wie wir sie aus Kirche, Staat und Konzern kennen. Er schrieb sein Buch aber schon 1548 und war damit grundsätzlich bereits ebenso schlau wie rund vierhundert Jahre später die Organisationstheoretiker Max Weber (Wirtschaft und Gesellschaft, etwa 1920) und in Teilen Klaus Türk („Die Organisation der Welt“, etwa 1990). Er kann auch als Vorläufer der Elitetheoretiker Vilfredo Pareto, Robert Michels, Gaetano Mosca und C. Wright Mills (19. Und 20 Jahrhundert) gelten, die allesamt zumindest zum Teil die Aufrechterhaltung der Herrschaft aus der hierarchischen Organisations- und Gesellschaftsstruktur erklären. La Boétie war politischer Philosoph, oder moderner gesagt, Soziologe.  

Soziologen versuchen, das Verhalten der Menschen aus den Gebilden zu erklären, die die Menschen miteinander verknüpfen: Bei Niklas Luhmann sind das Organisationen, andere sprechen von (gesellschaftlichen) Strukturen, wie Gruppenbildungen oder Clans; wieder andere von Institutionen, Marx vor allem von Klassen. Allen gemeinsam ist, daß sie eines außer Betracht lassen: die Entscheidungssituation der je handelnden Subjekte.  

Soziologen leugnen also nicht, daß Menschen sich entscheiden: Sie stellen ihre Untersuchungen nur nicht auf die jeweilige Entscheidungssituation aus der Sicht der handelnden Subjekte ab, sondern auf die bestimmten – gesellschaftlichen – Umstände, die auf die Einstellungen und das Verhalten einer größeren Anzahl von Menschen einwirken. Individuen können sich aber entscheiden – und sich unter anderem fürs Nichtentscheiden entscheiden, können sich also unterschiedlich verhalten. Und tatsächlich entscheiden sich unter gleichen Umständen Individuen individuell, wenn auch oft mit bestimmten statistisch feststellbaren Häufungen bei bestimmten Alternativen. Diese Entscheidungen und Verhaltensweisen zu erklären, dazu bedarf es, wie die Gesellschaftswissenschaftler sagen, einer Subjekttheorie.

3.      Christophe Dejours – ein Subjekttheoretiker

Mit seinem Essay über das Leiden in der Arbeitswelt[2] versucht Dejours die Lücke zu schließen zwischen der Erklärung von Leidzufügung und Leiderduldung aus den gesellschaftlichen Gegebenheiten heraus – und der bloßen Feststellung der Anständigkeit, Gemeinheit, Widerständigkeit oder Feigheit des handelnden Subjekts. Um den Stellenwert seines Buchs einmal anschaulich zu machen:  

Ein –zugegeben – dogmatischer Marxist würde das kapitalistische Arbeitsleid mit G – W – G‘ und den Offizieren und Unteroffizieren des Unternehmers und der erzwungenen Konkurrenz zwischen den Arbeitskraftverkäufern erklären. Das je individuelle anständige oder fiese Verhalten der Arbeiter in Entscheidungssituationen würde er auf sich beruhen lassen oder es auf die je entwickelte individuelle Moral zurückführen – was ungefähr dasselbe ist.  

Dejours dagegen fragt: Warum beteiligen sich Angestellte an der Verbreitung von Lügen über die Arbeit, das Produkt, die eigene  Firma. Warum quälen Altenpfleger die ihnen zugewiesenen Alten. Warum mobben Sicherheitstechniker einen Kollegen, der alle Vorschriften einzuhalten versucht. Warum feuern kleine Angestellte noch bei extremer Arbeitsverdichtung weitere ihnen unterstellte Mitarbeiter.  

Hier in groben Zügen seine Antwort:

In Frankreich – wie  bei uns – ist der Widerstand gegen beruflich zugefügtes Leid schwach, wie Dejours versichert, der in den letzten anderthalb Jahrzehnten die Wartungsarbeit in einem französischen Kernkraftwerk, die Gruppenarbeit bei Renault und die Betreuungsarbeit in einem Altersheim untersucht hat.  

Indem die einen arbeiten, Arbeitsplätze halten und im Zuge modernen Managements ihre Arbeitsplätze mitgestalten, nehmen sie teil am Arbeitsplatzabbau und fügen jenen, die keine Arbeit haben, Leid zu: Je „leistungsstärker“ sie sind, desto mehr Leid fügen sie ihren Kollegen zu, desto mehr bedrohen sie sie, einfach durch die eigene Anstrengung und den eigenen Erfolg. Um zu verstehen, wie wir dazu gekommen sind, das Schicksal der Arbeitslosen und der neuen Armen in einer doch immer reicher werdenden Gesellschaft zu tolerieren, müssen wir zunächst die Beklemmungen und Zwänge der Arbeit zur Kenntnis nehmen, meint Dejours, und dann können wir auch die Verteidigungsstrategien erkennen, die uns bislang erlauben, die Augen vor dem zu verschließen, was uns  im Grunde mißfällt und moralisch zuwider ist.  

Dejours ist Psychiater und Psychoanalytiker. Seines Erachtens tragen die noch nicht Ausgeschlossenen bei zum Ausschluß immer größerer Bevölkerungsteile und verschärfen deren Not unter dem Banner ökonomistischer Argumente. Das System, der Weltmarkt, die Konkurrenz... dienen Dejours zufolge als Verteidigung gegen die schmerzhafte Erkenntnis der eigenen Komplizenschaft, der Kollaboration und Mitverantwortung für die Vermehrung des sozialen Elends. Im Anschluß an Hannah Arendts Untertitel zu „Eichmann in Jerusalem“[3] sieht Dejours das Böse in der liberal geprägten Arbeitswelt banalisiert, das heiß: gewöhnlich gemacht. Der Prozeß dieser Banalisierung verläuft in der Nähe dessen, was er Totalitarismus nennt, den Nazismus eingeschlossen.[4]  

Bleibt der Widerstand auch in Frankreich seit etwa 1980 deshalb aus, weil wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Perspektiven fehlen? Mobilisierend wirkt, meint Dejours, weniger die Hoffnung auf Glück als vielmehr die Wut, Wut über Leid und Ungerechtigkeit, wenn sie denn als unerträglich empfunden werden. Ein Beispiel dafür waren die frankreich-weiten Streiks im November und Dezember 1995 gegen die Zerschlagung des öffentlichen Dienstes. Generell liegt das Problem weniger im Fehlen einer gesellschaftlichen Utopie, als vielmehr in der wachsenden Toleranz gegenüber Ungerechtigkeit. Diese wird zwar beklagt, aber da die Klage ohne Folgen bleibt, droht sie, die Gewöhnung an das Unglück eher noch zu verstärken.  

Den gesellschaftlichen Prozeß der Banalisierung von Elend und Ungerechtigkeit erfaßt Dejours auf den folgenden 200 Seiten in mehreren Etappen, von denen der erste Teil skizziert sei:  

Zum einen nennt Dejours die Furcht vor eigener Inkompetenz, die erzeugt wird durch die unüberbrückbare Kluft zwischen vorgeschriebener und tatsächlich erforderlicher Arbeitsorganisation; durch den damit teilweise verknüpften Zwang zum Pfusch; und durch fehlende Hoffnung auf Anerkennung.  

Gegen aufkommendes psychisches, im weiteren Sinne ethisches Leid  und die reale Gefahr der Geisteserkrankung entwickeln die Arbeitenden Strategien. Eine davon ist Leugnung. So wähnten Kommunistische Partei und CGT offenbar jahrzehntelang die Anerkennung psychischen Arbeitsleids als schädlich für Mobilisierung und Klassenbewußtsein und vermieden jede vermeintliche „kleinbürgerliche Nabelschau“. Daher konnten die Arbeitgeber in den Achtziger Jahren unbehelligt ihren Human-Ressources-Ansatz[5] entfalten, der ja das damals vorhandene Arbeitsleid durchaus thematisierte – mit der Folge für Frankreich, daß es heute den niedrigsten gewerkschaftlichen Organisationsgrad in ganz Europa aufweist.  

Jenseits des Profitziels verschob sich der neoliberale Diskurs von Produktion und Arbeit weg, hin zu Organisation, Führung und Management. Ein Teil der Arbeit wurde „entortet“, nicht mehr in den armen Süden verlagert, sondern nach innen, auf Subunternehmer, prekär Arbeitende, unbezahlte Kräfte. Die Arbeit der mittleren Kader wurde stark verdichtet. Auf sie alle und auf die Arbeitslosen sah sich verwiesen, wer selbst litt. Wie kann ich protestieren, wenn es andern soviel schlechter geht... Letztendlich, so Dejours, trennt uns die Unduldsamkeit gegen eigene Gefühlsreaktionen ab vom Leiden des andern. So entstehe Gleichgültigkeit, und die Ursachen des Leidens werden geduldet. Die Unfähigkeit, sein eigenes Leid an der Arbeit auszudrücken und zu bearbeiten, blockiere den Arbeitenden bei der Anerkennung des Leids der Arbeitslosen.  

Den Arbeitsalltag vieler beherrscht die Angst – Dejours veranschaulicht es anhand der Gruppenarbeit in einer Autofabrik: Aus mehr als 15 000 Bewerbern werden jährlich150 bis 300 junge Leute selektiert. Die Ausbildung verdeutliche jedem seine Ausgewähltheit und die hohen Erwartungen, die sich infolgedessen auf ihn richten. Die Selbststeuerung der Arbeitsgruppe nach japanischem Muster verstärke den Druck – und die Angst. Und die mache taub für eigenes Leid und das der andern. Ab einem bestimmten Ausmaß an Leid, Dejours evoziert hier Wolfgang Sofskys „Ordnung des Terrors“[6], führe das Elend nicht mehr zusammen, es zerstöre das Miteinander.  

Der mittlere Manager ahnt, was sich abspielt, und erhöht trotzdem den Druck. Seine eigenen Schwierigkeiten muß er ständig verheimlichen, um nicht selbst auf dem Karren der Entlassenen[7] weggefahren zu werden. Die industrielle Reservearmee scheint unerschöpflich. Den Arbeitern kann offenbar immer noch eine größere Bürde aufgeladen werden. Die Funktionsträger, so Dejours, kennzeichne der gleiche Eifer, der auch Eichmann und seinesgleichen beseelte und ohne den keine Zusammenarbeit funktioniere. Er schließe die Lücke zwischen Vorschrift und Durchführung, denn die angeblich rein ausführende Arbeit sei nichts als eine Chimäre. Nicht Disziplin, Ordnung, Gehorsam und Unterwerfung erklärten die Schlagkraft der Nazis und der Wirtschaftswunder-Deutschen, sondern ihr Eifer, ihre Bereitschaft zu Tricks und Schlichen. Die Mobilisierung der Intelligenz des arbeitenden Subjekts sei entscheidend. Triebfeder des Eifers der Arbeitenden sei jedoch kaum ihr Wille sondern – die Angst.  

Dejours analysiert im weiteren die Funktionalität verzerrender Information, die der sogenannten Evaluation der Arbeit und des ganzen neumodischen Management-Instrumentariums. Die Banalisierung von „Drecksarbeit“ laufe heute wie in weit finstereren Zeiten über den Appell an den vermeintlichen Mut der Manager, an ihre Männlichkeit. Wer sich verweigere, gelte bald als Kameradenschwein, als Memme.  

Dejours stellt Produktion und Verarbeitung von Leid unter neoliberalen Arbeitsbedingungen neben die in Faschismus und Vernichtungskrieg, ohne erstere aufzublasen oder letztere zu verniedlichen. Ihm geht es um die Struktur von Herrschaft. Seine Parallelisierung von Terrorsystem und Neoliberalismus eröffnet Möglichkeiten zu einem näherungsweisen Verstehen einerseits des Täter- und Zuschauerverhaltens in Nazideutschland, andererseits der gegenwärtigen Beteiligung der Unterworfenen an ihrer Beherrschung und der Herrschenden an ihrer Unterwerfung.  

4.      Ausblick  

Ein anderer subjekttheoretischer Ansatz ist der von Klaus Holzkamp, ausführlich dargelegt in der Diplomarbeit von Thomas Gerlach über Denkgifte. Aus seiner Arbeit ein markanter Auszug:  

Die Beherrschten befänden sich einerseits in einschränkenden Lebensbedingungen, setzten sich aber bei dem Versuch, diese Bedingungen zu verbessern, dem Risiko der Repression aus.  

„Aus diesem Widerspruch resultiert ein Konflikt zwischen zwei prinzipiellen Handlungsmöglichkeiten: Dem im Streben nach Verbesserung der eigenen Lage begründeten Versuch, auf dem Wege des Zusammenschlusses mit sich in gleicher Lage befindlichen Menschen und der Zurückdrängung der Partialinteressen der Herrschenden den allgemeinen Interessen Geltung zu verschaffen, dabei aber das Risiko der Sanktionierung einzugehen oder sich, um dieses Risiko zu vermeiden, mit den bestehenden schlechten Lebensverhältnissen zu arrangieren und sich darin einzurichten. Im letztgenannten Fall ist die Aufrechterhaltung der eigenen Handlungsfähigkeit nur als Teilhabe an der Macht der Herrschenden möglich und schließt die aktive Unterdrückung anderer, die Weitergabe des ‚von oben‘ erlittenen Drucks sowie die eigene Unterdrückung ein. Kritische Psychologie faßt die auf diese Weise formationsspezifisch konkretisierte Vermittlungskategorie der doppelten Möglichkeit im Begriffspaar der verallgemeinerten vs. restriktiven Handlungsfähigkeit.“[8]  

Das Zitat zeigt meines Erachtens die Verwandtschaft des Ansatzes von Dejours mit dem der Kritischen Psychologie. Die Unterschiede gilt es gelegentlich herauszuarbeiten.  

Jedenfalls können soziologische und subjekttheoretische Ansätze fruchtbar gemacht werden für Friedens- und Klassenkampf.  

 

T:I:S, 2002

 

[1] De la servitude volontaire ou Contr‘un

[2] Souffrance en France. La banalisation de l’injustice sociale.- Paris: Editions du Seuil 1998

[3] Der Untertitel lautet: Die Banalisierung des Bösen. Gemeint ist Eichmanns rein verwaltungsmäßige, abwicklungstechnische Haltung zum Massenmord ohne einen Anflug von Haß, Verbissenheit, Wut, Angst oder sonst einem Gefühl.

[4] 1976 hat Herbert Marcuse die neue kapitalistische Weltordnung als totalitär bezeichnet, siehe „Un Nouvel Ordre“, Le Monde Diplomatique , Juni 1976, gemäß Raffaele Laudini: Marcuse und die Analyse des Nationalsozialismus, Le Monde Diplomatique vom 13.02.2001.

[5] Vertreter sind Rensis Likert, Douglas McGregor (Management-Theorie X und –theorie Y) , Chris Argyris, Arnold S. Tannenbaum, die u.a. die sogenannten Milgram- Experiment zum Anlaß für vertiefte Forschung genommen haben

[6] ein Bericht über das NS-KZ-System

[7] also wie die Unterlegenen während der Französischen Revolution zur Guillotine gekarrt wurden

[8] Gerlach, Thomas: Denkgifte. Psychologischer Gehalt neoliberaler Wirtschaftstheorie und gesellschaftspolitischer Diskurse. Universität Bremen: Diplomarbeit, ca. 2000

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