Siehe auch Kooperation und Macht, Herrschaft
und Controlling
Erfolgreiche
Kulturarbeit
Handhabbare Verfahren zur Erfolgsfeststellung und ihre behutsame Einführung
Thomas Immanuel Steinberg
Dipl.-Volkswirt
Organisationsberatung und -entwicklung
in nicht-kommerziellen Einrichtungen
Bearbeitungsstand: Januar 1998
Inhalt
1. Erfolgskontrolle — Alltagsvorgang mit kommerziellem Beiklang
2. Vorbehalte gegen Erfolgskontrolle in
Kultureinrichtungen
2.1 "Kultureller Erfolg ist nicht meßbar"
2.2 "Kulturerlebnisse sind immer subjektiv"
2.3 Erfolgskontrolle als Sparvehikel
2.4 Angst vor Mißerfolg und Täuschung der Kontrollinstanz
2.5 "Kontrolle lähmt die Phantasie"
3. Kontrolle durch den, der plant und ausführt —Instrumente und
Beispiele
3.1 Erfolgskontrolle im Vollzug
3.2 Fragen kostet nichts
3.3 Von der Befragung zum fachlichen Austausch
3.4 Die leidigen Rücklaufquoten
3.5 Mit Erfolgsindikatoren arbeiten
3.6 Einbeziehung von Öffentlichkeit und Geldgebern
4. Einführung der Erfolgskontrolle in Kultureinrichtungen
4.1 Organisationsentwicklung versus Sozialtechniken
4.2 Moderation durch engagierte Unparteiische
4.3 Die Stars zuerst!
4.4 Kausalität und Effizienz
4.5 Zeit lassen — und die Termine überwachen
4.6 Veröffentlichung und Umgang mit der Konkurrenz
4.7 10 Schritte zur Erfolgskontrolle
5. Kosten der Erfolgskontrolle
____________________________________
1. Erfolgskontrolle — Alltagsvorgang mit kommerziellem Beiklang
Jemand ersetzt bei Tageslicht die defekte Glühbirne eines
Autoscheinwerfers durch eine neue und prüft am Schalter, ob sie brennt.
Er kontrolliert den Erfolg seiner Bemühungen — er betreibt
Erfolgskontrolle.
Erfolgskontrolle ist ebenso alltäglich wie trivial. Zwar stammt der
Begriff aus der modernen Arbeitswelt und hat einen kommerziellen Beiklang,
da Arbeitsergebnisse in der Regel in Produkte oder Dienstleistungen
einfließen, die dem Verkauf dienen. Das Glühbirnenbeispiel zeigt jedoch,
daß Erfolgskontrolle unabhängig davon stattfindet, ob eine
Autoelektrikerin oder der Autobesitzer die Birne ersetzt. Dem Begriff
immanent scheinen jedoch
— das Ziel — der Scheinwerfer soll anschaltbar sein,
— der Mitteleinsatz — Glühbirne, Schraubvorgänge,
— der Kontrollvorgang — das Anschalten.
Die Handlung setzt überdies eine Vorstellung über einen
Ziel-Mittelzusammenhang, also eine Theorie voraus, die sich im je
konkreten Falle zu einem Plan verdichtet. Leuchtet die Glühbirne beim
Anschalten nicht auf, ist die Theorie falsch, der Plan unzureichend, die
Durchführung mangelhaft und/oder der Kontrollvorgang fehlerhaft angelegt.
Die Fehlersuche beginnt, der Rückkoppelungsprozeß ist eingeleitet.
Verzicht auf Erfolgskontrolle bedeutet unter Umständen Ärger und erhöhten
Aufwand — so, wenn das Licht bei Dunkelheit gebraucht wird und dann
nicht funktioniert.
Erfolgskontrolle — im kommerziellen wie nicht-kommerziellen Zusammenhang
— vermag also (künftigen) Aufwand zu mindern.
2. Vorbehalte gegen Erfolgskontrolle in Kultureinrichtungen
Für kommerzielle wie nicht-kommerzielle Kultureinrichtungen ist
Erfolgskontrolle wesentlich. Denn beide erhoffen sich vom jeweiligen
Mitteleinsatz Zielerreichung, möglichst ohne Ärger. Dennoch werden
besonders aus dem nicht-kommerziellen Sektor gerade von kulturell Tätigen
Einwände gegen Erfolgskontrolle erhoben, die es zu prüfen gilt.
2.1 "Kultureller Erfolg ist nicht meßbar"
Kultureller Erfolg, so heißt es, sei nicht meßbar. Das ist oft richtig.
Für Erfolgskontrolle ist jedoch nicht Meßbarkeit, sondern
Feststellbarkeit erforderlich. Geht der Scheinwerfer, oder geht er nicht?
Hatten die Zuschauer Spaß, oder haben sie sich gelangweilt?
In dieser Hinsicht unterscheidet sich Kultur übrigens auch nicht von großen
Teilbereichen der Privatindustrie. Entwicklungsabteilungen, Planungsstäbe,
Personalabteilungen und Rechtsreferate erzielen zwar meist feststellbare,
aber nicht immer im engeren Sinne meßbare Erfolge. Dennoch treffen
Industrieunternehmen Erfolgsaussagen, die über ein bloßes Vorhanden oder
Nichtvorhanden hinausgehen, etwa
— "besser oder schlechter" (als zuvor, als geplant, als
vergleichbare Betriebsbereiche)
— "auf dieser Stufe einer Leiter" (Skalierbarkeit)
— "um soviel mehr oder weniger" (ohne, daß die absolute Größe
bekannt wäre)
etc. bis hin zur Quantifizierung oder gar der Bemessung in Geld.
Erfolgskontrolle setzt also Operationalisierbarkeit, nicht aber Meßbarkeit
voraus, wie manche Autoren zu unterstellen scheinen.1 Wer Meßbarkeit als
Voraussetzung für Erfolgskontrolle postuliert, legt, oft unüberlegt,
Erfolgskontrollgegnern eine Killerphrase in den Mund.
2.2 "Kulturerlebnisse sind immer subjektiv"
Über kulturelle Ereignisse ließen sich nur subjektive Aussagen treffen,
lautet ein weiterer Einwand. Erfolgskontrolle erfordere aber objektive
Feststellungen. In der Tat empfiehlt sich der klare Bezug auf einen
Adressatenkreis, wenn Erfolgskontrolle ansteht. Subjektivität ist dann
kein prinzipielles Hindernis.
2.3 Erfolgskontrolle als Sparvehikel
Zu den oft befürchteten Einsparungen als Folge von Erfolgskontrolle zwei
Überlegungen:
— Neigen nicht gerade dann Entscheidungsträger zu Sparbeschlüssen,
etwa nach der Rasenmäher-Methode, wenn ihnen die kulturellen Produzenten
den Einblick in ihre Erfolgsbilanz verwehren?
— Kann Kulturerfolgskontrolle überhaupt greifen, wenn Entscheidungsträger
umstandslos die Vermeidung von Ausgaben anstreben?
Produzenten wie Entscheidungsträger werden sich selbst und einander
verdeutlichen müssen, daß Sparen kein operationales Ziel abgibt: Wer
Sparsamkeit proklamiert, muß sagen, wofür. Allein Wirtschaftlichkeit,
also das Verhältnis von Kosten zu Leistungen, besitzt (ökonomische)
Steuerungsqualität. Beide Seiten haben also letztlich Interesse an mehr
Leistungstransparenz. Die Einführung von Erfolgskontrolle in
Kultureinrichtungen (siehe Kap. 4) ist dennoch ein schwieriger Prozeß,
den es beiderseits zu gestalten gilt.
2.4 Angst vor Mißerfolg und Täuschung der Kontrollinstanz
In der Tat könnte die zitierte Autoelektrikerin fürchten, einen Fehler
gemacht zu haben. Sie wird daher lieber selbst prüfen, als andere den
Fehler finden zu lassen, etwa ihren Lizenzgeber Renault, der den Kunden
seiner Vertragswerkstätten ausgefeilte Fragebögen über deren
Zufriedenheit mit der Service-Qualität ins Haus schickt.2 Der Gedanke läßt
sich verallgemeinern.
Ein ganzheitlicher Handlungszusammenhang sollte — gerade im
Kulturbereich — nicht personell oder institutionell zerrissen werden:
Wo immer möglich, sollte der den Erfolg kontrollieren, der plant und ausführt.
Auch die Form der Veröffentlichung sollte er bestimmen. Sein
Eigeninteresse wird ihn schrittweise zur Erhöhung der Ergebnistransparenz
antreiben. Wird er dagegen von Fremdinteressen getrieben, liegt der
Versuch einer Täuschung der Kontrollinstanz nahe. Probleme, die mit
Kontrollbedürfnissen von Geldgebern und Öffentlichkeit verbunden sind,
werden in Kapitel 3.6 behandelt.
2.5 "Kontrolle lähmt die Phantasie"
Kontrolle, auch Selbstkontrolle zum falschen Zeitpunkt, kann die Phantasie
lähmen. Beim Brainstorming gilt deshalb die Regel: Jeder Gedanke ist
erlaubt, Kritik streng verboten. Erst wenn niemandem mehr etwas einfällt,
wird sortiert. Und auch danach werden alle Ideen noch aufbewahrt. Bei der
Erfolgskontrolle könnte sich nämlich herausstellen, daß ein
aufgedeckter Fehler mit einer der ursprünglichen Ideen behoben werden
kann. Wie anders aber als durch Erfolgskontrolle könnten Fehler überhaupt
entdeckt werden?
x Zweckmäßig erscheint daher ein Schutz des kreativen Prozesses vor
vorschneller Ablehnung durch Selbst- oder Fremdzensur. Kein Einwand gegen
Erfolgskontrolle sollte zu deren vorschneller Ablehnung führen. Die
Kernpunkte der Kritik sollten viel eher in die Ausgestaltung des
betrieblichen Steuerungsprozesses einfließen.
3. Kontrolle durch den, der plant und ausführt — Instrumente und
Beispiele
3.1 Erfolgskontrolle im Vollzug
"Der beste und billigste Lehrmeister, um anzufangen, ist die Straße".
"Laßt die Leute entscheiden, ob und vor allem wodurch ihr überzeugend
seid." Das behaupten zwei versierte Theaterleute von der
Kleinkunstgattung Straßentheater3
Denn: Wer erkennt wohl treffender, ob er ankommt, womit er ankommt und bei
wem, als der, der keinen Eintritt verlangen kann? Bleiben die Leute
stehen? Gehen sie bald weiter? Lassen sie 'ne Mark da? Lachen sie an der
falschen Stelle? Bleiben überwiegend Touristen? Füllen oder lichten sich
die Reihen während der neuen Nummer? Hier erleben wir Steuerung im
Regelkreis "at its best".
Steuerung im Regelkreis heißt allerdings: Steuerung, Lernen und
Erkenntnis im Kreis. Suchen sich die Straßenschauspieler das Publikum,
die Themen, Darstellungsformen, äußeren Umstände und Erfolgskriterien
heraus, die ihnen nur Gutes verheißen, so schmoren sie bald im eigenen
Saft. Das Verfahren birgt die Gefahr der Tautologisierung in sich.
Allerdings scheint es den anderen beiden Alternativen aus dem Albertschen
Münchhausen-Trilemma, nämlich der axiomatischen Setzung "Wir sind
gut, egal, was die Zuschauer meinen" und dem infiniten Regreß
"Wir spielen so, weil a; a weil b; b weil c; und so fort"4
leicht überlegen. Daher rührt die Verbreitung ganzheitlichen Denkens mit
seinen Verweisen auf Wechselwirkungen, unbeabsichtigte Nebenwirkungen und
sich selbst erfüllende oder zerstörende Erwartungen und Befürchtungen,
das auch Dialektik genannt wird. Anders gesagt: Zwar verzerrt jeder
Spiegel, aber ohne ihn wüßten wir überhaupt nicht, wie wir aussehen.
In seiner "Logik des Mißlingens" fragt sich Dietrich Dörner,
warum das "Bestreben nach Effektivitätskontrolle _ zwar zu steigen
(scheint), insgesamt aber nicht sehr stark ausgeprägt" ist. Er
vermutet: "Wenn ich die Folgen meiner eigenen Handlungen gar nicht
erst zur Kenntnis nehme, so bleibt mir die ,Kompetenzillusion'! Hat man
eine Entscheidung getroffen, um einen bestimmten Mißstand zu beseitigen,
so kann man, wenn man nur die Folgen der Maßnahme nicht betrachtet, der
Meinung sein, daß der Mißstand behoben ist. Das Problem ist gelöst, und
man kann sich neuen Problemen zuwenden." Man "hat etwas davon, nämlich
geringe Unbestimmtheit und die Möglichkeit zur Beibehaltung einer hohen
Auffassung von der eigenen Kompetenz und Handlungsfähigkeit. Und das ist
doch auch etwas! Oder?"5
Kultureinrichtungen sollten das Spieglein an der Wand befragen, zumal wenn
Antworten leicht zu erhalten sind.
.2 Fragen kostet nichts
Viele Kulturveranstaltungen unterscheiden sich nachteilig dadurch vom Straßentheater,
daß spontane Teilnehmerreaktionen ausbleiben. So wird im Kino selten
geklatscht und kaum jemals gebuht. Deshalb hatten in einem Berliner
Programmkino am Lehniner Platz schon in den 50er Jahren die Zuschauer die
Möglichkeit, am Kinoausgang ihre Eintrittskarte in einen von drei
einsehbaren Briefkästen zu werfen, mit den Aufschriften
"Gut"
"Mittel" "Schlecht"
Aus der Größe der entstandenen Kartenhäufchen konnte der Betreiber ohne
Nachzählen den Eindruck der Zuschauer ablesen.
Für Programmkinobetreiber hat die Abstimmung am Ausgang den alles
entscheidenden Vorteil der Durchführbarkeit. Die Nachteile liegen jedoch
auf der Hand:
Was fanden die Besucher gut oder schlecht? Welche Kriterien leiteten das
Urteil?
Fragen sollen daher differenziert formuliert werden. Für Vorträge,
Seminare und vielleicht sogar schriftliche Beiträge eignet sich der
abgebildete Fragebogen. Er sollte auf ein Blatt passen, das Wesentliche
enthalten, leicht auswertbar sein und eine freie Formulierung gestatten.
Noch zielgenauer läßt sich die Teilnehmerresonanz ermitteln, wenn die
Fragen, also die Beurteilungskriterien, nicht vom Veranstalter vorgegeben,
sondern zu Beginn der Veranstaltung gemeinsam mit den Teilnehmern
erarbeitet werden. Bei dieser Gelegenheit kann der Veranstalter schwer erfüllbare
Erwartungen dämpfen und möglichen Enttäuschungen bereits vorbeugen.
Allerdings geht dabei ein Teil der Vergleichbarkeit mit anderen
Veranstaltungen verloren.
Antworten auf erste Fragen in Fragebögen fallen oft willkürlich aus.
Daher sollte ihre inhaltliche Bedeutung gering sein. Geradzahlige Antwortmöglichkeiten
(also vier, oder — wegen der schnelleren Auswertbarkeit — zwei, wie
Renault im eingangs erwähnten Service-Kontrollbogen) verhindern die
Flucht ins aussageschwache Mittelfeld. Bei 25 Teilnehmern dauert die
Auswertung des abgedruckten Beispiels mit Fünfer-Strichen auf einem
leeren Exemplar keine fünf Minuten und kann als Grundlage für ein
Abschlußgespräch dienen. Das fruchtlose Komplimente-Fischen kann
unterbleiben. Falls eine Veranstaltung schlecht ankam, so erhalten die
Veranstalter Hinweise auf Verbesserungsmöglichkeiten. Kam sie gut an, ist
mancher Selbstzweifel behoben. Das Befragungsergebnis kann den Teilnehmern
sofort rückgemeldet werden. So nutzt auch ihnen der Aufwand unmittelbar.
Bei ganzen Veranstaltungstagen oder -serien mit gleichbleibendem
Teilnehmerkreis lohnt sich eine gesonderte Erhebung der Erwartungen der
Teilnehmer entweder mündlich oder durch anonyme Stichwortkärtchen. Die
Ergebnisse sollten sich als Fragen im (auch mehrfach einsetzbaren)
Ergebniskontrollbogen niederschlagen. Bei geringeren Anforderungen an die
Anonymität der Beurteiler bewährt sich ein großer Packpapier-Fragebogen
je Workshop-Abschnitt, auf dem die Teilnehmer vor der Pause Klebepunkte
verteilen. So können Teilnehmer und Veranstalter gemeinsam laufend
nachsteuern.
Für Kultur- und Lernerfolg zentral erscheint mir, daß auch der
Workshop-Leiter nicht bloß sein "altruistisches" Lernziel für
die Teilnehmer klarlegt. Er muß für sich selbst einen spezifizierbaren
Lernerfolg und/oder die Erweiterung des eigenen Handlungsspielraums
anstreben und das durchaus verdeutlichen.6 Abschließend sollte auch er
den Teilnehmern berichten, was ihm, gemessen an den eigenen Ansprüchen,
die Veranstaltung gebracht hat. Jedes andere Vorgehen birgt schon den Keim
der Langeweile in sich.
Mitunter haben derart gestaltete Befragungen auch unmittelbaren Nutzen:
Eine schwach subventionierte freie Theatergruppe mit Interesse am eigenen
Werbeerfolg fand durch Zuschauerbefragung heraus, worauf sie sich künftig
würde konzentrieren müssen. Auf die Frage: "Was hat Sie hauptsächlich
zum Vorstellungsbesuch veranlaßt?" antwortete die Mehrzahl durch
Ankreuzen der vorgegebenen Kategorien: "Eine Empfehlung von Freunden
oder Bekannten". Daraufhin verschickten alle Mitglieder persönlich
gehaltene Einladungen und Hinweise an nahe und ferne Bekannte, wodurch
sich der Vorstellungsbesuch erhöhte.
Alle Befragungen ergeben nur Sinn, wenn sie mit Verstand ausgewertet
werden. Erfolgsvergleiche mit gleichartigen Veranstaltungen der Vorperiode
bieten sich ebenso an wie die Überprüfung anhand einer
Vorab-Selbsteinschätzung des Veranstalters. Das Urteil über die eigene
Resonanz wird sicherer und kann laufend verbessert werden. Nicht nur, aber
auch zu diesem Zweck versammeln sich alle Lehrer der Hamburger japanischen
Schule morgens vor Unterrichtsbeginn zu einem Fünf-Minutengespräch. So läßt
sich der Wiederholung von Vortagspannen vorbeugen.
3.3 Von der Befragung zum fachlichen Austausch
Wo Laienbefragung nicht zufriedenstellend ist, müssen Fachleute
herangezogen werden. In Schulen und schulähnlichen Kultureinrichtungen
mit Scheu vor dem Einblick der Vorgesetzten in die eigene Arbeitsleistung
wird dann regelmäßig nach kostspieliger Supervision gerufen. Weniger
aufwendig und unter Umständen sogar aufwandsmindernd wirkt sich aus, was
beispielsweise Volkshochschuldozenten praktizieren: gegenseitige
Intervision. Sie erläutern KollegInnen ihr Unterrichtsziel, lassen sie
hospitieren und besprechen die Beobachtungen. Ein Austausch von
Unterrichtsmaterialien, Methoden und Ideen kommt zustande, und die
Selbstsicherheit steigt. Wichtig erscheint abermals der Gesichtspunkt der
Selbst- oder Peer-Group-Selbststeuerung. In den Prozeß gegenseitiger
Unterrichtskritik sollte die Leitung sich nur einschalten, wenn die
DozentInnen selbst es ausdrücklich wünschen.
Die Kommunale Gemeinschaftsstelle hat übrigens den Gedanken des
Peer-Group-Vergleichs oder des Benchmarking unter dem Namen „IKO-Netz“
für interkommunale Vergleiche systematisch aufgegriffen. Gleichartige
Kultureinrichtungen stellen ihre Merkmale vergleichbaren Einrichtungen in
anderen Kommunen gegenüber. Die Berichte stehen den
Teilnehmereinrichtungen zur Verfügung.
Treten zwischen größeren Kultureinrichtungen und anderen Organisationen
Kooperationsstörungen auf, so bleiben die Ursachen oft im Dunkeln.
Wechselseitige Beschuldigungen oder geheimes Verdächtigen verschlechtern
zusätzlich das Arbeitsklima. Dann fechten beispielsweise ein künstlerisch
ambitionierter Zirkus und ein umweltbesorgtes Gartenbauamt ihren Streit um
frevelhafte Zeltheringe in der Lokalpresse aus wie dies in Hamburg vor
einigen Jahren geschehen ist.
Ein rechtzeitig angesetztes Gespräch zwischen Spitzenvertretern beider
Seiten kann in derartigen Fällen vielleicht helfen, den Ärger zu
mindern. Bei größeren Organisationen ist es damit aber häufig nicht
getan, denn die ausführenden Ebenen blockieren, wenn sie vom
Verhandlungsergebnis eine Beeinträchtigung ihrer jeweils eigenen
Arbeitsbedingungen befürchten müssen. Hier könnte ein Mittel greifen,
das zwar Arbeitszeit kostet, aber nicht unmittelbar Ausgaben verursacht:
Mitarbeiter der einen Seite interviewen Mitarbeiter der anderen Seite
anhand eines Leitfadens über Kooperation, Kooperationsmängel und
Verbesserungsmöglichkeiten. Im Falle einer schulbehördlichen Einrichtung
mit 40 MitarbeiterInnen, die lieber mit anderen Instanzen kooperieren
wollte, wurden drei offene Fragen entwickelt und den Kooperationspartnern
vorgelegt:
— Was klappt zwischen uns?
— Was klappt nicht?
— Was kann verbessert werden?
Dabei traten scheinbar ganz banale Störgrößen wie das
Nicht-Weiterleiten telefonischer Nachrichten, aber auch
Selbstdarstellungsmängel bei der interviewenden Dienststelle zutage. Die
Maßnahme war als längerfristiges kleines Evaluationsverfahren angelegt.
Die Nachuntersuchung darüber, ob eingeleitete Verbesserungen beim Partner
"angekommen" waren, ermöglichte die Beseitigung weiterer
Verfahrensmängel. Bemerkenswert ist, daß schon die Führung der offenen
Interviews beiderseits überwiegend als erster Schritt zur
Kooperationsverbesserung empfunden wurde. Mit Spitzengesprächen oder der
Versendung von Fragebögen wäre diese Wirkung wohl nicht eingetreten.
Ob strukturierte Interviews, Intervision, Supervision, gegenseitige
Beobachtung oder auch nur Fragebogenversand den Aufwand lohnen, hängt
jeweils vom Ausmaß der denkbaren Verbesserungen ab. So legte ein winziger
Hamburger Veranstalter von gratis erteilten Alphabetisierungskursen für
verschiedensprachige Personen Wert auf die Beibehaltung des guten
multinationalen Gruppenklimas. "Die Teilnehmerzahl beim alljährlichen
Abschlußfest darf nicht geringer sein als im Vorjahr", lautet
deshalb eines der beiden Erfolgskriterien. Das andere: "Die
durchschnittliche Teilnahme an den Unterrichtsstunden bei 60 alten."
Mehr Erfolgskontrolle erschien hier unangemessen.
3.4 Die leidigen Rücklaufquoten
Befragungen gewinnen an Aussagekraft, je mehr Befragte antworten. Deshalb
versprach ein Hamburger Zuwendungsgeber Absolventen von Berufsbildungsmaßnahmen
20 DM Prämie für die Rücksendung eines ausgefüllten Fragebogens. Gegenüber
unprämierten Vorläufern erhöhte sich jedoch die Rücklaufquote nicht. Lösungen
scheinen eher dort zu liegen, wo die Hamburger Stiftung Berufliche Bildung
sie sucht: Beim engen Konnex zwischen Ausbilder und Bildungsempfänger und
bei der übersichtlichen Gestaltung auch komplizierter Fragebögen. Bleibt
dennoch die Rücklaufquote gering und sollen die Antworten mehr als nur
heuristischen Zwecken dienen, so ist ein Test auf Verzerrung beipielsweise
anhand verfügbarer sozio-demographischer Daten über die Gesamtpopulation
angezeigt.7
3.5 Mit Erfolgsindikatoren arbeiten
Erfolgskontrolle als Mittel zur Steuerung im Regelkreis setzt Zielklarheit
voraus. Kultureinrichtungen haben es jedoch immer mit mehreren Personen
oder Personengruppen unterschiedlicher Interessenlagen und mit mehreren,
teils konfligierenden Zielen zu tun. Außerdem läßt sich Kulturelles
scheinbar schwer konkretisieren. Deshalb führen Volkshochschulen mitunter
strapaziöse Zieldiskussionen: Konzeptionierer verfassen Gegenvermerke zu
Vermerken zu Protokollnotizen — solange, bis eine NachfolgerIn sie
ersetzt, die dann alles ganz anders sieht.
Nicht das Ei des Kolumbus, aber eine Hilfe im Debakel kann die Frage sein:
Welches Ereignis oder welche Ereignisse würden mich oder uns veranlassen
zu schließen, die Arbeit sei erfolgreich? Mögliche Antworten in
Teilbereichen der Volkshochschularbeit:
— wenn die Nachrückerschlange länger wird,
— wenn häufiger auch der Fortgeschrittenenkurs belegt wird,
— wenn der Anteil der Geringverdiener steigt,
— wenn der Frauenanteil steigt,
— wenn die Presseresonanz steigt,
— wenn die Abbrecherquote sinkt,
— wenn _
Scheinbar wird damit das Pferd vom Schwanz aufgezäumt: Müßten nicht
eigentlich die hinter solchen Zielindikatoren stehenden Zielvorstellungen
expliziert werden? Tatsächlich müssen die über das Wesen nicht
philosophieren, die sich über die Erscheinungen einig sind. Erst wenn
Indikatoren unterschiedlich interpretiert werden, sind Wert- und
Theoriediskussion angesagt. Und auch dann nützt wohl wieder am ehesten
die Frage: Welcher Indikator oder welche Indikatoren würden denn besser
den Erfolg spiegeln?
Sollte sich der Erfolg überhaupt nicht indizieren lassen, so müßte wohl
besser die Maßnahme unterbleiben. Freilich liegen Indikatoren nicht auf
der Hand, sondern müssen erarbeitet werden. So liefern häufig erst
Antworten auf Befragungen, wie die oben beschriebenen, Hinweise auf Erfolg
oder Mißerfolg. Eine auch auf kulturellen Erfolg ausgerichtete
Institution, die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) in
Eschborn, evaluiert ihre Entwicklungshilfeprojekte anhand von Indikatoren:
Um festzustellen, ob ein Terrain im Himalaya aufgeforstet ist, waren
Luftaufnahmen vorgesehen. "Die Indikatoren sind der ,harte Kern' von
Projektplanung und -Controlling. Oft werden erst bei der
Indikator-Formulierung verbal plausible Ziele in ihren Widersprüchen
transparent und in ihrer Zielrichtung präzisiert _ Ohne Indikatoren kann
_ eine systematische und konkrete Überprüfung des Projekterfolges kaum
gelingen."8
Die GTZ versucht, Defiziten bei der Indikatorbildung durch verstärktes
Training der Projektmanager und durch die Bereitstellung von
Indikator-Beispielsammlungen zu begegnen. Die von Reichard angeführten
Beispiele zeigen jedoch:
— Indikatorenbildung erfordert Energie und Kreativität in jedem
Einzelfall.
— Die Feststellung, ob und welche Merkmalausprägung eines Indikators
vorliegt, kann erhebliche Projektmittel verzehren.
So wurde zum Beispiel gefragt: Geht der Aufwand für Fluggerät, Piloten,
Photographen nicht dem "Projekt selbst" verloren? Umgekehrt läßt
sich feststellen: Ohne Erfolgskontrolle anhand schlüssiger Indikatoren
besteht die Gefahr endlos wiederholter Fehlausgaben.
Ein Beispiel aus dem kulturnahen Sozialbereich soll verdeutlichen, was
gemeint ist: In Hamburg werden Alkoholiker nach dem Entzug etwa drei
Monate lang von spezialisierten SozialarbeiterInnen betreut, bevor sie
einen Therapieplatz einnehmen. Die SozialarbeiterInnen erfahren jedoch
fast nie, ob ihre Klientel nach der Therapie "trocken" geblieben
ist. Die Ermittlung sei zu teuer. Unsicher über den eigenen
Arbeitserfolg, sind die SozialarbeiterInnen nicht selten dauerhaft
deprimiert. Selbst wenn der Erfolgsermittlungsaufwand zunächst zulasten
des Betreuungsaufwandes ginge, befänden sich die SozialarbeiterInnen in
einer besseren Lage: Sie könnten zumindest abwägen, ob ihre Arbeit Sinn
macht.
3.6 Einbeziehung von Öffentlichkeit und Geldgebern
Nicht für "die" Öffentlichkeit wird Kulturelles produziert,
sondern jeweils für bestimmte Adressaten. Deshalb stellt eine Studie der
KGSt über Museen auf marketing-inspirierte Segmentierung des
Museumspublikums ab. Was macht, so fragten die Autoren, Museen für welche
Zielgruppe attraktiv? Erfolgskontrolle in Museen hat sich auf die Abfrage
von Zielindikatoren bei der jeweiligen Zielgruppe zu richten. Das von
kultureller Einrichtung zu kultureller Einrichtung jeweils neu zu lösende
Problem liegt in beiden Fällen in der zieladäquaten Segmentierung.9 In
die gleiche Richtung, wenn auch mit dem umfangreicheren Anspruch der
generellen Output-Orientierung, zielen weitere Berichte der KGSt, so der
über Aufgaben und Produkte für den Bereich Kultur.10
Die Öffentlichkeit hat aus unterschiedlichen Gründen Interesse am Erfolg
kultureller Einrichtungen. Soweit sie als Geldgeber fungiert, möchte sie
im Prinzip die Kontrolle über die Mittelverwendung haben. So verlangen
staatliche Zuwendungsgeber seit langem Verwendungsnachweise von den Empfängern.
Diese richten sich jedoch allzu häufig nur auf den Input, nicht auf den
Output der kulturellen Einrichtung. An die Stelle von
Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen — also der Gegenüberstellung von
Kosten und Leistungen — tritt dann Pfennigfuchserei, der die
Zuwendungsempfänger notgedrungen mit Verweisen auf den allgemeinen
kulturellen Wert des Outputs oder auf spezielle Input-Bedarfe begegnen.
Statt über kulturellen Erfolg im Verhältnis zu den Kosten, wird über
die Notwendigkeit von Einzelbeträgen diskutiert. Der indizierbare Erfolg
gerät aus dem Blick, die Diskussion ideologisiert sich.
Beide Seiten geraten tiefer in die Sackgasse, wenn die Zuwendungsempfänger
beim Zuwendungsgeber andere Ziele vermuten, als sie selbst verfolgen, oder
wenn sie befürchten, Erfolgskontrolle würde nur den eigenen Mißerfolg
offenbaren. Ganz gleich von welcher Seite der Anstoß zur Erfolgskontrolle
kommt: Beide Seiten scheinen gut beraten,
— wenn zunächst der Zuwendungsempfänger den eigenen Erfolg
festzustellen in die Lage versetzt wird, auch ohne, daß der
Zuwendungsgeber vom Ergebnis formal Kenntnis erhält;
— wenn dann der Empfänger Maßnahmen zur Verbesserung der eigenen
Ergebnisse ergreifen kann, bis er sie für offiziell mitteilbar erachtet.
Aus der dauerhaften Installation veränderter Beziehungen zwischen Geber
und Empfänger kann sich entwickeln, was niederländische
Kommunalverwaltungen Kontraktmanagement genannt haben.11 Der Grundgedanke:
Die beiden Parteien schließen eine Vereinbarung über Indikatoren, anhand
derer die Zielerreichung festgestellt werden kann, und über die Mittel,
die dem Nehmer zur Verfügung gestellt werden. Grundsätzlich wird nur die
Höhe der Gesamtmittel festgelegt. Deren Aufteilung auf Personal,
Betriebsmittel und eventuell Investitionen bleibt Angelegenheit des Empfängers.
So entfallen Verwendungsnachweise. Die Aufmerksamkeit wird auf den Erfolg
gelenkt, und dem Empfänger bleiben die zur Zielerreichung erforderlichen
Freiheitsgrade im Sinne der Einheitlichkeit von Aufgabe, Kompetenz und
Verantwortung: Der Empfänger kann und soll selbst eruieren, welches der günstigste
Weg zum Ziel ist.
Ähnliches gilt für das Verhältnis von untergeordneten zu übergeordneten
Hierarchiestufen innerhalb einer kulturellen Einrichtung. Mitarbeiter mit
komplexen Aufgaben, die den Erfolg ihrer eigenen Arbeit nicht von oben überprüfen
lassen wollen, finden Wege, die Absichten der Hierarchie zu durchkreuzen.
Spieltheoretiker fanden heraus, nach welchen Regeln erfolgreiche
Kooperation, also auch erfolgreiche Kooperation bei der Steuerung durch
Erfolgskontrolle funktioniert. Die beidseitige Einsicht in die
voraussichtliche Dauerhaftigkeit der Interaktion ist notwendige Bedingung
im sogenannten Nicht-Null-Summenspiel für die Durchsetzung kooperativen
Verhaltens. Nicht einmal Rationalität als Randbedingung scheint nach
Axelrod erforderlich, damit kooperatives Verhalten in Organisationen mit
Erfolg belohnt wird.12 Von daher werden gerade Kultureinrichtungen mit
hoher Personalfluktuation zu prüfen haben, wie Erfolgskontrolle bei ihnen
implementiert werden kann.
Selbst die früher als steif geltenden Rechnungshöfe in Bund und Ländern
verlangen inzwischen aus finanzpolitischer Sicht inhaltliche
Erfolgskontrollen in den sogenannten weichen Bereichen der Verwaltung.13
Sie denken dabei weniger an die Entwicklung eines umfassenden Systems der
Erfolgskontrolle für die Gesamtverwaltung, als vielmehr daran, "den
,kleinteiligen Prozeß' zu Veränderungen in den Behörden und Ämtern zu
fördern."14 Einerseits sollten zuwendungsabhängige
Kulturproduzenten die partielle Abkehr der Rechnungshöfe vom staatlichen
Spargerede durch Entwicklung, Abfrage und Bekanntgabe geeigneter
Zielindikatoren aufgreifen, andererseits aber verdeutlichen: Beibehaltung
detaillierter Verwendungsnachweisprüfung konterkariert die
Erfolgskontrollabsichten. Soll bei vereinbarter Zielsetzung erfolgreich
Kultur produziert werden, so müssen auf der Input-Seite Freiheitsgrade
verbleiben, denn erst sie lassen der gewünschten Gestaltung Raum.
4. Einführung der Erfolgskontrolle in Kultureinrichtungen
Wer sinnvoll arbeiten will, braucht Erkenntnisse über die Wirkung seiner
Arbeit. Deshalb wurde hier der Zugang zum Problem Erfolgskontrolle über
das Individuum gewählt. Individuen betreten jedoch, ausgestattet mit
einer je eigenen Arbeitsbiographie, (kulturelle) Organisationen und finden
dort häufig Kooperationsformen vor, die ihnen Erfolgs-, auch
Erfolgsselbstkontrolle keineswegs geraten erscheinen lassen. Keine geringe
Schuld an diesem Zustand tragen die sogenannten Sozialtechniken.
4.1 Organisationsentwicklung versus Sozialtechniken
Sozialtechniken beruhen auf der Annahme, Organisationsmitglieder sollten
und könnten gegen ihren Willen im Interesse der Organisation oder ihrer
Leitung zu Verhaltensänderungen veranlaßt werden.15 Als
"Organisationsentwicklung" hat sich inzwischen der humanistische
Gegenentwurf etabliert: Nur mit dem Willen der Betroffenen soll und kann
Steuerung von Organisationen, also auch Erfolgskontrolle, fruchten.16
Beide Ansätze enthalten also deskriptive und normative Aussagen über
menschliches Verhalten. Eine Entmischung soll hier unterbleiben zugunsten
einer klaren Entscheidung für Organisationsentwicklung: Sie erscheint mir
nicht nur anständiger, sondern auch wirksamer.
Organisationsentwicklung ist ein reflexives Verfahren zur Veränderung des
Sozialverhaltens von Organisationsmitgliedern bei gleichzeitiger oder
vorhergehender Veränderung der Organisationsstrukturen zum Zwecke der
Verbesserung der Aufgabenerfüllung auf der Grundlage der angewandten
Sozialwissenschaften.
An Veränderungen der Organisation müssen die betroffenen
Organisationsmitglieder aktiv mitwirken.17
Daher sind auch organisationsinterne Gegner der Erfolgskontrolle in den
Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozeß ausdrücklich einzubeziehen.
Gegner von Änderungen liefern bei offener Auseinandersetzung gute
Einsichten in die tatsächliche Problemlage — weit bessere jedenfalls
als die kritiklosen Ja-Sager.
Der Organisationsentwicklung kommt bei der Einführung von
Erfolgskontrolle eine besondere Bedeutung zu, wenn die Zielindikatoren
bestimmt werden. Wie anders soll die kulturelle Organisation ihre Ziele
erreichen, wenn nicht die große Mehrzahl der Mitglieder hinter ihnen
steht? Zudem müssen die Zielindikatoren revidierbar gehalten werden für
den Fall, daß sie das gemeinte Ziel nicht hinreichend indizieren.
4.2 Moderation durch engagierte Unparteiische
Je nach Einrichtungsgröße und Umfang der geplanten
Steuerungsinstallation sollte externe Hilfe erwogen werden. Professionelle
Moderation kann Fehler vermeiden helfen. Meist empfiehlt sich eine, wenn
auch knappe, formale Vereinbarung über Gegenstand und Umfang der Hilfe.
Bei der Helferauswahl sollte weniger die Fachkunde als die Akzeptanz bei
allen Beteiligten entscheiden. Denn die Erfolgsindikatoren sind ohnehin
von der kulturellen Einrichtung zu entwickeln und anzulegen.
4.3 Die Stars zuerst!
Der fatalen Neigung, mit Erfolgskontrolle zuerst die weniger
selbstsicheren Organisationseinheiten zu überziehen, sollte widerstanden
werden. Nur wer sich seiner Sache sicher ist, kann andere überzeugen.
Deshalb sollten die Stars als erste Zielindikatoren entwicklen und
anzuwenden versuchen! Die vermeintlich schwächeren Organisationsteile
werden folgen, wenn sie die Vorteile systematischer Steuerung für sich
nachvollziehen können.
4.4 Kausalität und Effizienz
Ein Theaterleiter mag den vollen Zuschauerraum als Erfolgsindikator
betrachten und dabei einem gravierenden Irrtum unterliegen: Dann, wenn
besonders theaterhungrige Leute sogar Inszenierungen fressen, die ihnen mißfallen.
Kausalanalyse ist also angesagt. Vergleichbares gilt für jede
Erfolgskontrolle im Kulturbereich: War der Mitteleinsatz tatsächlich
Ursache für die Wirkung? Nur parallele Untersuchungen von Kontrollgruppen
oder -konstellationen können hier letztlich Aufschluß geben. Ob sie
angestellt werden, sollte von der Plausibilität der Primärdaten abhängig
gemacht werden und nicht die Einführungsphase von Erfolgskontrolle
belasten.
Von der Kausalität (Effektivität) zu unterscheiden ist die Effizienz: Hätte
eine gleiche oder bessere Resonanz aus der Zielgruppe auch mit geringerem
Aufwand erreicht werden können? Oder mit gleichem Aufwand mehr Erfolg?
Die Frage liegt nahe, wenn etwa Etats zentraler Sprech- und Gesangstheater
mit denen der restlichen Kultureinrichtungen einer größeren Stadt
verglichen werden. Antworten gestatten die Verfahren der
Effizienzkontrolle nur insofern, als die Alternativen transparent gemacht
werden: Dem Nutzen wird der "Schaden" jeder Variante gegenübergestellt.
Gelegentlich propagierte Bewertungen der einzelnen
Entscheidungskomponenten in Geld würden im Kulturbereich dagegen eher zur
Verdunkelung der Entscheidungslage beitragen.18 Auch dürfte
Effizienzkontrolle im strikten Sinne eher am Ende einer langen Einführungsphase
von Erfolgskontrolle in Kultureinrichtungen stehen.
4.5 Zeit lassen — und die Termine überwachen
Änderungsprozesse in Organisationen benötigen Zeit. Die Mitglieder
sollten selbst die Termine für die Entwicklung von Zielen,
Zielindikatoren und Feststellungsprozeduren setzen, die Leitung — oder
ein dazu beauftragter Controller — allerdings ihre Einhaltung überwachen.
Terminüberschreitungen sollten auf ihre Ursachen hin überprüft, statt
zum Anlaß formaler Sanktionen genommen zu werden.19
4.6 Veröffentlichung und Umgang mit der Konkurrenz
Private Kultureinrichtungen werden Erfolge dann veröffentlichen, wenn sie
sich davon weiteren Erfolg erhoffen. Subventionierte Betriebe, oft
marketing-fern, versäumen manchmal sogar das. Tatsächlich könnte sich
das öffentliche Klima jedoch schon so weit zugunsten von Erfolgskontrolle
entwickelt haben, daß die Bekanntgabe von Mißerfolgen im Zusammenhang
mit der Ankündigung von Gegensteuerungsmaßnahmen nicht mehr abwegig ist.
Bürger hegen ja zurecht den Verdacht, es sei besser, zumindest zu wissen,
wie es nicht geht, als gar nicht zu wissen, was überhaupt versucht wurde.
Hinzu kommt, daß Subventionsbetriebe mit anderen Empfängern um öffentliche
Gelder konkurrieren. Wer seine (relativen) Erfolge veröffentlicht,
gewinnt vor Geheimniskrämern womöglich einen Vorsprung.
Schließlich dürfte das Verbergen von Ergebnissen der Erfolgskontrolle
vor der Öffentlichkeit sowohl auf praktische als auch ethische Probleme
stoßen, setzt doch die Einführung von Erfolgskontrolle durch
Organisationsentwicklung nicht nur auf das Mitwissen, sondern sogar auf
die aktive Mitwirkung der großen Mehrzahl der Organisationsmitglieder.
4.7 Zehn Schritte zur Erfolgskontrolle
Schritt
1
Ist "Kompetenzillusion" vorhanden?
(Anzeichen dafür sind Zweifel Außenstehender an der Leistung der
Kultureinrichtung oder ein depressives Betriebsklima)
Besteht der Wille zur Veränderung?
Wenn ja, Brainstorming mit allen, besonders den Skeptikern. Moderator mit
breiter Akzeptanz auswählen.
Schritt
2
Zieldiskussion führen und Erfolgsindikatoren festlegen:
(zunächst für den Pilotbereich der "Stars")
Indikator 1:
Indikator 2:
Indikator 3:
Schritt
3
Ermittlungsinstrumente konzipieren und festlegen:
M Kunden-Fragebogen M Mitarbeiterbefragung
M Intervision M Supervision
M Spitzengespräch M Leitfadeninterview
M vorhandene Statistiken M Verkaufserfolg
M Zählungen M Publikumsbeobachtung
M Presseauswertung
Schritt
4
Ermittlung durchführen. Pilotbereich stellt Merkmalsausprägungen fest
und berichtet darüber.
Schritt
5
Gruppe analysiert gemeinsam Kausalität und Effizienz.
Schritt
6
Erfolgskontrolle: Überprüfung der Ziele.
Schritt
7
Andere Organisationsteile zur Nachahmung auffordern.
Schritt
8
Zuwendungsgeber informieren: Auf Vereinfachung der Mittelkontrolle drängen
und Erfolgskontrollberichte ankündigen.
Schritt
9
Erfolgskontrolle und ihre Ergebnisse ins Kunden- und Subventions-Marketing
einbauen.
Schritt
10
Die Erfolge feiern!
5. Kosten der Erfolgskontrolle
Eingangs hatte ich behauptet, Fragen koste nichts. Kostenrechnerisch
gesehen stimmt das nicht. Zwar verursacht eine einfache Befragung von
Besuchern einer Kulturveranstaltung keine zusätzlichen Ausgaben, aber sie
kostet in jedem Falle Arbeitszeit. Wieviel Aufwand ist nun gerechtfertigt?
Die generelle Formel, auch In- und Output der Erfolgskontrolle selbst müßten
in einem wirtschaftlichen Verhältnis zueinander stehen, hilft oft nicht
weiter: Denn der Ertrag von Erfolgskontrolle ist im vorhinein unsicher.
Andererseits kann Erfolgskontrolle, wie ich mehrfach dargelegt habe, für
die Maßnahme selbst unerläßlich sein und im Extremfalle viel
aufwendiger geraten als der "produktive" Rest. Die Produktion
eines Computerchips kann Pfennige, seine Erprobung hohe Markbeträge
erfordern. Viel bedeutsamer als direkte Kontrollkosten sind zudem Schäden,
die durch falsch angesetzte Erfolgskontrolle im Sozialgefüge der
Organisation angerichtet werden können. Vor Einführung der
Erfolgskontrolle wäre also eine umfassende Schaden-Nutzen-Analyse
erforderlich, deren Wirtschaftlichkeit vollends in den Sternen steht.20
Deshalb wird sich empfehlen, was die Hamburger Stiftung für Berufliche
Bildung Nacheiferern rät — einfach anfangen:
— Pilotsektoren auswählen
— Nicht zuviele Aspekte unterbringen
— Feinheiten erst nach Vorliegen erster Ergebnisse einbauen
— Alle Organisationsmitglieder einbeziehen.
Und eine letzte Empfehlung sei erlaubt. Besser, als ewig vorzubereiten,
bis die perfekte Lösung gefunden scheint, ist in jedem Falle, einfach
anzufangen.
Quellennachweise
1 Reuß, A.; R. Cohrs; J. Böttcher: Leitfaden für Erfolgskontrollen.
Hinweise etc. Senatsamt für den Verwaltungsdienst (Hrsg.). Hamburg 1992,
S. 8 u. 16
2 "Renault bittet Sie um Ihre Meinung über die Service-Qualität in
,Ihrer' Renault-Vertragswerkstatt". Fragebogen, versandt von der
Deutschen Renault Aktiengesellschaft. Brühl 1991
3 Batz, M.; H. Schroth: Theater zwischen Tür und Angel. Handbuch für
Freies Theater. Reinbek 1983, S. 28f
4 Vgl. Albert, H: Traktat über kritische Vernunft. Tübingen 1968
5 Dörner, D.: Die Logik des Mißlingens. Strategisches Denken in
komplexen Situationen. Reinbek 1989, S. 268f
6 Vgl. Holzkamp, K.: Lehren als Lernbehinderung. In: Forum Kritische
Psychologie. Bd. 27. Hamburg 1991. Eingearbeiten in: ders.: Lernen.
Subjektwissenschaftliche Grundlegung. - Frankfurt a. M., New York: Campus
1993
7 Stiftung Berufliche Bildung (Hrsg.): Verbleibsanalyse 1988ff lfd..
Eingliederung von Teilnehmerinnen Hamburg 1991 ff (Wendenstraße 493,
20537 Hamburg)
8 Vgl. Reichard, Ch.: Anwendung eines Indikatorensystems für das
Controlling von Entwicklungsprojekten in der Technischen Zusammenarbeit.
In: Weber, J.; O. Tylkowski (Hrsg.): Controlling in öffentlichen
Institutionen. Stuttgart 1989, S. 157—183
9 KGST (Hrsg.): Die Museen. Besucherorientierung und Wirtschaftlichkeit. Köln
1989(Lindenallee 13—17, 50968 Köln)
10 KGST (Hrsg.): Von der Kulturverwaltung zum Kulturmanagement im Neuen
Steuerungsmodell: Aufgaben und Produkte für den Bereich Kultur. Bericht
Nr. 3/1997.- Köln 1997(Anschrift s.o.)
11 Vgl. KGST (Hrsg.): Wege zum Dienstleistungsunternehmen
Kommunalverwaltung. Fallstudie Tilburg.Bericht Nr.19/1992 Köln 1992
(Anschrift s.o.)
12 Vgl. Axelrod, R.: Die Evolution der Kooperation. München 1988, hier S.
156
13 Vgl. Harms, J.: Budgetrationalität durch Finanzkontrolle? In: VOP 2
(1992), S. 77—82
14 Rechnungshof der Freien und Hansestadt Hamburg: Jahresbericht 1989 über
die Prüfung der Haushalts- und Wirtschaftsführung und die
Haushaltsrechnung 1987. Hamburg 1989, S. 35. Bisherige Schritte zur Verknüpfung
von Budgetierung und Outputorientierung im Hamburger Schulwesen sind
dargestellt bei Heinrichs, Uwe und Klaus Skulimma (1996): Erweiterung der
finanziellen Eigenverantwortung Hamburger Schulen.- In: SchulVerwaltung
NRW 11/96, S. 345 - 348
15 Vgl. Breisig, Th.: Betriebliche Sozialtechniken. Neuwied, Frankfurt/M
1990
16 Vgl. Bartölke, K.: Organisationsentwicklung. In: Grochla, E. (Hrsg.):
Handwörterbuch der Organisation. o.O. 1980, Sp. 1468—1481.
Gegenpositionen bei Holzkamp-Osterkamp, U.: Grundlagen der psychologischen
Motivationsforschung 1. Frankfurt/M, New York 1977, S. 11—48. Sprenger,
R.: Mythos Motivation. Frankfurt/M 1991. Kelly, G.A.: Der
Motivationsbegriff als irreführendes Konstrukt. In: Thomae, H. (Hrsg.):
Die Motivation menschlichen Handelns. Köln, Berlin 1965, S. 498—509
17 Philipp, E.; H.-G. Rolff: Schulgestaltung durch
Organisationsentwicklung. Fallbeispiele, Methoden und Konzepte.
Braunschweig 1990, S. 77
18 Becker, H.; I. Langosch: Produktivität und Menschlichkeit.
Organisationsentwicklung und ihre Anwendung in der Praxis. Stuttgart 1990,
S. 32
19 Labitzke, Frank: Zurück zur Peitsche? Was bei FmZ -Projekten schiefläuft.-
Personal Potential 5/1996, S. 29f, betont zu Recht die Bedeutung
rechtzeitiger , vollständiger Rückmeldung bei drohender Terminüberschreitung
für beide Vereinbarungspartner. Und zugleich: „Leider ist die
Schuldfrage in Deutschland Reflexhandlung. Sie muß den Führungskräften
erst wegkonditioniert werden.“
20 Vgl. Gührs, E. u. a.: Leitfaden für Nutzen-Kosten-Untersuchungen.
Freie und Hansestadt Hamburg (Hrsg.). o.J.
Weitere Literatur
Kasperek, P.: Erfolgskontrolle — Grundlage für eine seriöse Bewertung
unserer Arbeit. In: Qualifizierung — Brücke zur Beschäftigung.
Jahresbericht 1990 der Stiftung Berufliche Bildung (Anschrift s.o.)
Kommunale Gemeinschaftsstelle (Hrsg.): Dezentrale Ressourcenverantwortung:
Überlegungen zu einem neuen Steuerungsmodell. Köln 1991 und zahlreiche
weitere Veröffentlichungen (Anschrift s.o.)
Eine erste Fassung des vorliegenden Aufsatzes veröffentlichte
1992 der Stuttgarter Raabe Verlag als Beitrag zu seinem Handbuch
KulturManagement.
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