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Thomas Immanuel Steinberg 

Effizienz- und Sparrhetorik im Staatssektor

 

- Versuch einer ideologiekritischen Einordnung (ca. 1995) - 

 

1. Rhetorik und Sachstand 
 
Privatwirtschaftliche Begriffe wie Controlling, Budgetierung und Erfolgskontrolle beherrschten etwa ab 1985 die Debatte um die Lenkung staatlicher Organisationen. Ministerielle und kommunale Kernverwaltung, so hieß es, ebenso wie Krankenhäuser, Schulen und Polizei, würden unter wucherndem Regelgestrüpp zu ersticken drohen. Weitere Stellenvermehrungen würden zur beobachteten Unbeweglichkeit eher beitragen, als sie beseitigen helfen. Daher, so die Vordenker des Neuen Steuerungsmodells, habe Output-Orientierung an die Stelle von (wirkungsloser) Input-Reglementierung zu treten, das Verhältnis von Leistungen zu Kosten habe künftig staatliches Wirken zu bestimmen: Nur mit Effizienz- und Servicedenken im Staatssektor selbst sei dem existenzgefährdenden Privatisierungsangriff zu begegnen. (1) 
 
Fünf Jahre später vermischte sich die Effizienzrhetorik mit den Sparaufrufen aus allen bürgerlichen Lagern. Die technokratischen Verwaltungsreformatoren sah sich einerseits bestätigt - sollte doch der Staatskörper abspecken, um beweglicher zu werden - andererseits nagte die Geldmangeldebatte nun ihrerseits an der Glaubwürdigkeit des Effizienzarguments: Krankenschwestern und Sozialpädagogen, Lehrerinnen und Polizisten begannen zu befürchten, daß die Flexibilisierungsidee nur den Vorreiter spiele für einen letztlich beabsichtigten Leistungs- und Stellenabbau. (2) 
 
Heute - so meine Einschätzung - würde die sorgfältige empirische Analyse großer staatlicher Organisationen zum Thema Effizienz und Sparen etwa folgenden Sachstand ergeben: 
 
- Die Regelungsdichte hat sich weiter erhöht. Das beklagte Gestrüpp wuchert fort. 
- Die angestrebte Output-Orientierung ist allenthalben schon beim Versuch der bloßen Output-Feststellung steckengeblieben, "Leistung" kommt begrifflich nicht an gegen Wohlfahrts-, Emanzipations- und Mitarbeiterbeteiligungsgewölk in den Reformpapieren. 
- Arbeit mit Beratern, in Workshops, auf Seminaren hat sich vermehrt; in herkömmlichen hierarchischen Organisationseinheiten vermindert. 
- Operative staatliche Aktivitäten sind ab-, dispositive und prozessierende Tätigkeiten aufgebaut worden - ohne nennenswerten Personalkosten-Nettoeffekt. 
- Die Investitionsausgaben zugunsten privater Unternehmen sind zumindest nicht gesunken. 
- Sachmittel - hauptsächlich Personalkosten bei Zuwendungsempfängern - werden auf andere staatliche oder kryptostaatliche Organisationen verschoben oder auch reduziert, und zwar zu Lasten der unteren sozialen Schichten. 
- Die Staatsquote, also der Staatsanteil am Sozialprodukt, ist nicht gesunken, sondern gestiegen. 
 
Für die nähere Zukunft zeichnen sich überdies erhebliche Desinvestitionen im Staatssektor ab: Tafelsilber wird verscherbelt, staatliche Einnahmeausfälle in den Folgejahren sind absehbar. 
 
2. Die Bedeutung von Effizienz- und Sparappellen 
 
Die - zugegebenermaßen kursorische und überprüfungsbedürftige - Beschreibung von Entwicklung und heutigem Stand von Effizienz- und Spardiskurs möchte ich im Lichte tauglicher soziologischer, speziell organisationssoziologischer Kategorien interpretieren. 
Was steckt hinter den fortgesetzten Effizienz- und Sparappellen? 
Und wo findet sich möglicherweise ein Ansatz zu befreiender Politik? 
Für diesen Zweck geeignet scheint mir das Kategoriengerüst des Wuppertaler Soziologen Klaus Türk, neuerdings greifbar in der Aufsatzsammlung mit dem ironischen Titel "Die Organisation der Welt", aus der ich beidhändig schöpfen will.(3) 
 
2.1 "Effizienz" in der kapitalistischen Warenproduktion 
 
Alle Termini und alle Kerngedanken der noch anhaltenden staatlichen Reformdebatte sind dem privatwirtschaftlichen Sektor entlehnt. Im Zentrum steht die Behauptung, kapitalistische Produktion sei effizient, jedenfalls effizienter als vergleichbare Tätigkeit unter staatlicher Ägide. Vernachlässigt wird dabei jedoch regelmäßig, was denn Effizienz eigentlich bedeutet 
Jeder Einführung in die Betriebswirtschaftslehre zufolge ist Effizienz der Quotient aus einem Output (im Zähler) und einem Input (im Nenner). Was über, was unter dem Bruchstrich steht, hängt vom jeweiligen Erkenntnisinteresse ab. Soll z.B. in der kapitalistischen Warenproduktion von Schuhen herausgefunden werden, ob die Leute mehr herstellen als die der Konkurrenz, so dividiert man Schuhpaare durch Beschäftigte und erhält Arbeitseffizienz, hier festgemacht an fertiggestellten Paaren Schuhe. Die tautologische Transformation schafft Übersicht, aber welche Schlüsse aus der Kennziffer zu ziehen sind, hängt völlig davon ab, was in Zähler und Nenner hineingesteckt wurde: Auch den Produktionsausschuß in den Zähler? Auch die kranken Arbeiter in den Nenner? Et cetera. Reingepackt wird, was die eigene Warenproduktion betrifft, rausgelassen, was dafür egal sein kann. 
 
Das Bestreben des warenproduzierenden Kapitals richtet sich nunmehr auf zweierlei: 
 
1) tatsächlich wegzuschieben, was schadet - zum Beispiel kränkelnde Arbeiter zur Sozialkasse, Bodensanierungskosten zur Umweltbehörde - und tatsächlich zu erlangen, was nützt, zum Beispiel geeigneteres Leder oder einen günstigen Produktionsstandort. D.h.: Kosten externalisieren, Leistung internalisieren. Die Kennziffer Effizienz reflektiert dann das für den kapitalistischen Produktionsbetrieb relevante Ergebnis dieser Bemühungen. Die externalisierten Kosten verschwinden jedoch nicht, sondern müssen dort getragen werden, wo sie hingeschoben wurden: von Zulieferern, von Abnehmern, von staatlichen Organisationen oder von den arbeitenden Menschen selbst. Ebenso internalisiert der kapitalistische Betrieb Leistungen nicht aus dem Himmel, sondern zu Lasten seiner Zulieferer ...So geht das Spiel. Die Effizienz des einen ist in dieser Hinsicht die Ineffizienz des andern. 
 
2) tatsächlich zu bewerkstelligen, daß das Produkt durch die miteinander Kooperierenden schneller, günstiger oder besser verwertbar erstellt wird. Dazu ist die Transformation von Arbeitskraft in tatsächliche Leistungsabgabe durch die Arbeitenden erforderlich. Es entstehen Transformationskosten, die wiederum möglichst externalisiert werden, indem zum Beispiel bereits formierte Arbeiter oder Manager von außen gewonnen werden. Intern werden die Arbeitenden so zugerichtet, die Apparaturen so ausgerichtet, der Arbeitsprozeß insgesamt so gestaltet, daß die Transformation möglichst reibungslos gelingt und sich auch hierdurch die für den Betrieb relevante Effizienz erhöht. 
 
Während die unter 1) beschriebenen Externalisierungs- und Internalisierungsvorgänge erst weiter unten interessieren, wenn von Effizienz im Staatssektor die Rede sein wird, verdient der unter 2) erfaßte Transformationsprozeß sogleich analytische Aufmerksamkeit: Arbeitskraft wird immer und überall von den Ko-Operierenden selbst in Leistung und Ergebnisse umgewandelt, allerdings im Rahmen und durchwirkt und unterlegt von je spezifischen Konditionen, die sich dem Einfluß gerade der Zusammenarbeitenden selbst weitgehend entziehen. 
 
In der kapitalistischen Warenproduktion als den hier interessierenden Produktionsverhältnissen findet jeder Neuling als unumstößlich gegeben vor: Das Produkt der Arbeit wird von den Eigentümern des Betriebes angeeignet, in der Warenzirkulation verwertet und der Mehrwert dem Kapital einverleibt. BGB und StGB, Arbeitsrecht und Arbeitsvertrag stellen sicher, daß die Arbeitenden weder ihre Arbeitskraft für eigene oder die Zwecke Dritter einsetzen, noch, daß die Produkte der Arbeitenden bei ihnen selbst verbleiben. Selbst Know-how, Software und Betriebskenntnisse werden gehütet: Die Vorgesetztenkette, Werkschutz, apparative Vorkehrungen - und nicht zuletzt die eigenen Kollegen - sichern im Betrieb durch Überwachung und Kontrolle die möglichst vollständige Mehrwertaneignung. Über Menschenbeurteilung, Beförderungsregeln, Gratifikationen und Sanktionen, Krankenstandsauswertungen und schließlich Entlassungsdrohungen werden die Arbeitenden reguliert und diszipliniert - um der Aneignung des Mehrwerts willen. Die Organisation insgesamtsichert die Mehrwertaneignung - nicht etwa den Vorgang des Zusammenarbeitens, der auch ohne und sogar weit besser ohne all diese herrschaftlichen Vorkehrungen vorstellbar ist. Je "natürlicher" dem Arbeitenden diese Zentralbedingung kapitalistischer Arbeit vorkommt, je mehr er also kapitalistisches Arbeiten für Arbeiten an sich hält, desto müheloser gestaltet sich der Transformationsprozeß. Deshalb treten zunehmend an die Stelle kooperationshemmender, kostenintensiver und daher tendenziell effizienzmindernder Organisationsvorkehrungen solche, die die Verinnerlichung kapitalistischer Arbeitsdisziplin fördern: Corporate Identity steht hier pars pro toto.(4) Endlich wird Organisation als Herrschaftsmodus gar nicht mehr bemerkt und für eine Bedingung von Zusammenarbeit überhaupt gehalten. Die Beherrschten, dieTeil-Beherrschten auf all den Zwischenstufen der Hierarchie und ohnehin die Angehörigen der Funktionselite halten sich - eben "im Rahmen des Menschenmöglichen" - für frei. Sie wirken selbst mit an der Festigung und Verfeinerung des über sie ausgebreiteten Nylonnetzes, bis sie es selbst allenfalls noch als Alltagsgrau wahrnehmen das irgendwie die Morgenlaune dämpft. 
 
Effizienzsteigerungin einer kapitalistischen Organisation bedeutet also in der eben beschriebenen Hinsicht Ersatz massiver durch subtile, teurer durch billige Herrschaftsmittel. Die Mehrwertakkumulation durch das Kapital und als Kapital bleibt nicht nur erhalten: Sie beschleunigt sich, während und gerade weil sie für den Arbeitenden selbst immer unfaßbarer wird. 
 
2.2 "Effizienz" staatlicher Aktivitäten 
 
So dreht sich also kapitalistische Warenproduktion um nichts anderes als um Mehrwertaneignung und Kapitalakkumulation. Staatlichen Organisationen dagegen, ob kommunale oder ministerielle Kernverwaltung oder eine der zahllosen Erziehungs-, Bildungs-, Strafvollzugs- und Badeanstalten, dürfen "bei Strafe ihres Untergangs" gerade nicht Kapital akkumulieren! Tun sie es doch ansatzweise, oder zeichnet sich aufgrund ihres Aktivitätenfeldes dazu die Möglichkeit ab, so werden sie gnadenlos privatisiert und gehen in den Sektor der kapitalistischen Warenproduktion über: So geschehen bei der Post in Zahlreichen kapitalistischen Ländern, so beabsichtigt für weitere möglicherweise "rentablen" staatlichen oder staatsnahen Organisationen. 
 
Zugleich bieten sich die Staatsorganisationen der kapitalistischen Warenproduktion an für das unter 2.1. 1.) beschriebene Wegschieben von Schädlichem (zum Beispiel kranker Arbeiter) und der Erlangung von Nützlichem (zum Beispiel vorteilhafter Produktionsstandorte). Wenn also Organisationen im Staatssektor ihre Output-lnput-Relationen, in Analogie zur Warenproduktion also scheinbar ihre Effizienz, steigern sollen, dann hieße das, in dieser Hinsicht die privatwirtschaftlich sinnvollen Verschiebungen gerade zu verhindern. Also wehren sich die Funktionseliten, und mit ihnen das Heer der dispositiv und operativ Tätigen, im Namen der vermeintlichen eigenen Organisationseffizienz auch gelegentlich gegen derartige Attacken. In der Regel aber erkennen sie die Leitdifferenz Kapitalakkumulation als eine der kapitalistischen Warenproduktion eigentümliche an und berufen sich auf die ihnen je eigene Leitdifferenz: 
 
der Erziehungssektor auf seinen Zurichtungs- und Selektionsauftrag, oder, in verquaster Form, auf die Aufgabe der Vermittlung sozialer Kompetenz und der Förderung von Emanzipation; 
der Rechts- und Polizeisektor auf seinen Repressions- und Präventionsauftrag, oft verkleidet als Gewährleistung von Sicherheit und Ordnung; et cetera. 
 
Alle staatlichen funktionalen Teilbereiche konkurrieren demgemäß auch untereinander und mit der kapitalistischen Warenproduktion um Ressourcen, sie orientieren sich aber an (und rechtfertigen regelmäßig ihre Existenz mit) den ihnen je eigenen Leitdifferenzen. Für die kapitalistische Warenproduktion aber sind sie nur insoweit nützlich, als sie zum Verwertungs- und Akkumulationsprozeß in der kapitalistischen Warenproduktion beitragen: im Kern, indem sie anstellige Produzenten und Konsumenten auswerfen. Und nur insoweit, wie sie der Warenproduktion nützen - die ja die Hand auf allen Ressourcen hat -, werden den staatlichen funktionalen Teilbereichen auch Ressourcen zugebilligt. Demgemäß geraten alle staatlichen Anstalten, und die Kernbürokratien schon gar, hinsichtlich ihres Outputs für den warenproduzierenden Sektor zu Herrschaftsapparaten, und zwar seit ein bis zwei Jahrhunderten mehr und mehr in Form des Herrschaftsmodus Organisation. 
 
Soll nun, wie der Diskurs um neue Steuerungsmodelle, Budgetierung und Controlling es vorsieht, eine staatliche Organisation dem gesellschaftlich dominierenden warenproduzierenden Sektor ihre Effizienz darlegen, so müßte sie in den Zähler des Quotienten ihren Beitrag zu Sicherung und Vervollkommnung der Kapitalakkumulation, also ihren Herrschaftsbeitrag setzen: ein Jugendhaus seinen Beitrag zur Befriedung männlicher Rebellen, eine Schule den ihren zur Konditionierung ihrer Zöglinge. Sozialarbeiterinnen und Lehrer tun sich dabei aber außerordentlich schwer: einmal, weil sie selbst an das Reden von sozialer Kompetenz und Emanzipation glauben und damit zur Befreiung der Menschen von Unterdrückung und Ausbeutung beitragen zu können meinen; und zum anderen, weil sie vielleicht finden, ein Jugendhaus sollte den Besuchern und ihnen selbst vor allem Freude bereiten, eine Schule Schülerinnen wie Lehrern lustvolles Lernen ermöglichen. 
 
Sind sie doch selbst recht weit vom Kern der kapitalistischen Herrschaftsgesellschaft entfernt und können sich Zusammenleben, Zusammenarbeiten und Zusammenlernen im weiteren Sinne von Ko-Operation, also als Gegenbegriff zum Herrschaftsmodus Organisation zumindest noch vorstellen.  
 
Im Ergebnis benennen bis dato etwa in Hamburg Jugendhäuser ihren Output (die Leistung; den Zähler im Effizienzquotienten) nur unklar; Schulen überhaupt nicht. Wird Schulen etwa vorgeschlagen, doch einmal zur Selbstkontrolle festzustellen, welche von je zwei 11. Jahrgängen vergleichbarer Gesamtschulen bei einem standardisierten und anonymisierten Test die besseren Englischkenntnisse aufweist, also vielleicht zur eigenen Entfaltung mehr gelernt hat, so sind die Einwände Legion: Soziale Kompetenz sei weit wichtiger, der Erziehungsauftrag würde untergehen, die Kultur anglophoner Länder als bedeutendes "Stoff “Element ließen solche Tests sträflich unberücksichtigt, und dergleichen mehr. 
 
Abgesehen von verständlicher Abwehr gegen mögliche äußere Überwachung und Kontrolle eigener Arbeit, also der Durchkapitalisierung und Verherrschaftlichung bisher nicht kapitalisierter Gesellschaftbereiche, scheint mir der Grund für das fast flächendeckende Scheitern des Versuchs auch nur der Selbstevaluation von Outputs staatlicher Organisationen im Herrschaftscharakter eben dieser Outputs zu liegen: So etwas mag man sich nicht eingestehen, und wenn man es gar bekundete, untergrübe man gerade dadurch seine Wirkung. Es ginge einem vielleicht sogar selbst an den Kragen. 
 
Gleichwohl scheint in der Verwaltungsreformdebatte das Dilemma immer dort auf, wo ein ideologieträchtiger Terminus der kapitalistischen Warenproduktion allzu krude auf Staatsorganisationen angewendet werden soll, zum Beispiel die Vokabel "Produkt":(5) Eine solle ihre "Produkte" beschreiben, heißt es etwa. Sie zählt also ihre Insassen und ihre Wärter und bildet daraus den Quotienten. Fertig ist die Produktbeschreibung. Solche Handhabung stößt auch in der staatlichen Verwaltung auf Kritik - nicht weil das Grundlaster positivistischer Begriffsbildung, nämlich die Verdinglichung von Beziehungen - wiedererkannt wäre, sondern weil man zumindest hören will, was die ganze ekelige Einsperrerei denn nun bringt. Und genau diese Obszönität wollen und werden die Anstaltsbetreiber nie aussprechen: nämlich Herrschaftssicherung. 
 
Gleiches gilt für den Tilburger (6) Terminus Kunde. Da soll künftig als "Kunde" betrachtet werden, wer sich aufgrund eines in Deutschland unter den Nazis verabschiedeten Gesetzes pflichtgemäß einen Personalausweis ausstellen läßt. Auch die schulpflichtige Schülerin mutiert zur "Kundin". Über die Verschleierung von Herrschaftsbeziehungen hinaus verweist aber das Wort Kunde auf die kapitalistische Wirklichkeit, in der schon längst die Fortsetzung der Warenproduktion, der Warenkonsum, durchkapitalisiertist: So, wie niemand mehr Hosen aus Denim kaufen kann, ohne sich zugleich qua Markenentscheidung gesellschaftlich zu verhalten, so sollen jetzt auch klassische Herrschaftsmittel, zum Beispiel Identitätskarten fetischisiert werden. 
 
Freilich wird in allen staatlichen Organisationen gearbeitet. Oft völlig abgetrennt vom - häufig schwer durchschaubaren - engen gesellschaftlichen Zusammenhang mit Kapitalakkumulation und Herrschaft - wird geschrieben, gelesen, gezählt, sortiert, kopiert und abgelegt; gelehrt, konferiert, geheilt und gelegentlich beerdigt. Auch in Staatsorganisationen wird kooperiert, und zwar ebenfalls organisational, also herrschaftlich. Für die Transformation von Arbeitskraft in Leistung müssen auch hier Ressourcen eingesetzt werden, die somit der kapitalistischen Warenproduktion entzogen sind. Die warenproduzierende Konkurrenz verlangt daher von den staatlichen Teilbereichen immer wieder die Reduzierung des staatlichen Inputs - aber möglichst ohne, daß deren Systemstabilisierungsbeitrag sinkt. Die staatlichen Funktionsbereiche haben nun meines Erachtens in den vergangenen zehn Jahren den Appell zur Effizienzsteigerung via Kostensenkung zwar rhetorisch aufgegriffen, aber summa summarum keineswegs umgesetzt: Würde doch ihre jeweilige Domäne, also das Schulwesen, oder die Bauverwaltung, oder die Schlickbaggerei, schrumpfen, der Zugriff auf einen Teil der gesellschaftlichen Ressourcen leiden. So verteidigen zuförderst die jeweiligen Funktionseliten ihre Sinnprovinz, unterstützt vom ganzen Fußvolk, mit der jeweils alamodischsten Camouflage ihrer organisationalen Leitdifferenz: 
Der Landesschulrat behauptet, bei weniger Lehrern würden die Kinder verblöden. Der Polizeipräsident verkündet, nur durch Revierverstärkung sei der Beschaffungskriminalität beizukommen. Der Hafenbaudirektor phantasiert, ohne Elbvertiefung seien 160 000 Arbeitsplätze gefährdet. Und die Universitätsrektoren, ganz nationalistisch und kein Fünkchen mehr universal, führen den Standort Deutschland ins Feld. 
 
Organisationsspitze und die übrigen Organisationsmitglieder unterscheiden sich dabei weniger durch die Verve ihres Vortrags als vielmehr durch die Asymetrierung in Status und Einkommen, die sich scheinbar natürlich aus dem angeblich unterschiedlichen Leistungsbeitrag der jeweiligen Hierarchiestufe ergibt. So kann das Schulwesen, vom Hausmeister bis zur Senatorin, relativ geschlossen auftreten und damit zugleich sich selbst und anderen suggerieren Herrschaft finde in diesem Gesellschaftssegment gar nicht statt. 
Ob und wem das Geschrei jeweils helfen wird, vermag ich nicht zu sagen. Auf jeden Fall sind alle dabei, ihre sowohl nach innen als auch nach außen gerichteten Legitimations- und Marketing-Aktivitäten zu verstärken - daher der Anstieg an Stabstellen, ex- und internen Organisationsberatern, Betriebspsychologen und Werbetextern in localiter wechselndem Gewand. Ein eigenes Interesse an interner Effizienzerhöhung durch Kostensenkung, zum Beispiel direkt durch Beschäftigtenabbau, ist jedenfalls nicht zu erkennen. So ist denn wohl die Staatsquote im letzten Jahrzehnt nicht gefallen, sondern sogar gestiegen. Indes rufen seit fünf Jahren die Organe des warenproduzierenden Kapitals immer lauter nach Sparsamkeit im Staatssektor. Wie läßt sich diese Erscheinung begreifen? 
 
2.3 "Spar"politik des Staates als kriegerische Folge und Fortsetzung der von den  
Kapitalbesitzern gewonnenen Umverteilungsschlacht 
 
Das Wort Sparen bezieht sich im Alltag auf Geld. Geld kann ausgegeben oder nicht ausgegeben werden. Wird es (gegenwärtig) nicht ausgegeben, so in der Regel mit der Absicht, es für später gewünschte oder notwendige Ausgaben zur Verfügung zu haben. Diesen Vorgang nennt man Thesaurierung (Schatzbildung). Thesaurierung ist aber in der gegenwärtigen Debatte nicht gemeint. Vielmehr soll Geld, statt für den einen, nun für den anderen Zweck ausgegeben werden; oder einem soll es entzogen, dem anderen gegeben werden. 
 
2.3.1 Einkommensumverteilung 
 
Ein Blick ins statistische Jahrbuch zeigt nun, daß seit 1980, also zwei Jahre vor Antritt der Kohlregierung, die Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen stets gestiegen, die aus abhängiger Beschäftigung stets gesunken sind, und zwar nach Steuern und Subventionen erheblich stärker als davor. Das heißt: Zur Einkommensumverteilung hat der Staat erheblich beigetragen. Dank seiner Intervention sind die Reichen zusätzlich reicher, die Armen zusätzlich ärmer geworden. Der Staat hat also sein Geld zunehmend für die Reichen verwendet. Überdies hat er einen Teil seiner Ausgaben über Kredite finanziert - die Zinsen fallen den Kreditgebern, nämlich den privaten Banken und ihren Debit-Kunden zu, also wiederum den Vermögenden. Weitere staatliche Verschuldung würde den Geldwert, also die Kapitalexportfähigkeit schwächen, die deutsche "Organisation der Welt" behindern. Die Standort-Deutschland-Vertreter drängen daher auf Ausgabenreduzierung in den Bereichen, die den Standort nicht gefährden. Das sind zunächst die extrem ineffizienten gesellschaftlichen Sektoren, nach obigen Ausführungen also diejenigen Ecken, die zur herrschaftlichen Prozessierung der Warenproduktion und Kapitalakkumulation besonders wenig beitragen: die Kranken, die Spinner, die Arbeitslosen, die Ausländer, die Alten, die Kinder. Dann die, bei denen das Geld tatsächlich knapp ist, und die (daher?) auch an die angeblich allgemeine Geldknappheit glauben: die kleinen Leute. 
 
Das Phänomen läßt sich zusammenfassen im Bild, das sich dem Besucher des Hamburger Kontorhausviertels nächtlich bietet: Im Windfang jedes leerstehenden achtgeschossigen Büropalastes liegen ein paar Obdachlose. 
 
Staatliche Sparsamkeit folgt also aus, und trägt zugleich weiter bei zu Einkommensumverteilung. In den staatlichen Organisationen gerät sie zur Kostensenkung bei gegebenem Output, also zur Suche nach Effizienzsteigerung möglichst ohne Herrschaftsreduzierung. So wird an den Sozialausgaben "gespart" und an den Zuwendungen für Jugend und Kultur, nicht aber an Bundeswehr und Polizei; nicht an Transrapid und Elbtunnelröhre, wohl aber an entleihbaren Büchern und Warmbadetagen. Wird vernünftigere Ko-Operation gestattet, etwa durch Abbau bürokratietypischer Entscheidungsschleifen, so nur dann, wenn Herrschaftsfunktionen unberührt bleiben. Lieber durchläuft ein Antrag auf Fortbildung weiterhin sechs Instanzen, als daß eine von ihnen der Gefahr ausgesetzt würde, für überflüssig gehalten zu werden. Besser, die Lehrerin selektiert "eben möglichst objektiv" anhand von vier Klassenarbeiten im Halbjahr, als daß diese systematische Lernbehinderung verschwindet.(7) 
 
2.3.2 Ressourcenumverteilung 
 
Die Analyse monetärer Bewegungen, wie eben skizziert, hat den großen Nachteil, daß unversehens Geld verdinglicht statt als Modus von Kommunikation (Luhmann) gesehen wird. Allerlei Fehlschlüsse liegen dann nahe, zum Beispiel die landläufige Rede vom knappen Geld: Wie soll dem Staat an dem mangeln, was er selbst unbegrenzt "schöpfen" kann; eben weil es kein Ding, sondern Kommunikationsmittel ist! Lebensverhältnisse sorgfältig untersuchen hieße daher, vom Geld abzusehen und Ressourcenverschiebungen zu begreifen. "Budjet", wie die Russen sagen; "es wird, es wird", aber nicht mehr in diesem Aufsatz. 
 
3. Wo ansetzen? 
 
Meines Erachtens muß begriffen werden: Effizienz und Sparsamkeit sind Waffen aus dem Herrschaftsarsenal. Wohl kann unter der Hand versucht werden, die Definitionsmacht darüber zu erlangen, was denn jeweils als Output gelten soll: im Kindergarten die Freude der Kinder, im Altersheim die Zufriedenheit der Insassen. Aber mit fortschreitender Ideologisierung selbst der Reproduktionsbereiche, der Durchkapitalisierung selbst von Freizeit und Muße wandelt sich die Orientierung auch an den "Bedürfnissen" der Menschen zur zirkulären Festschreibung restringierender Verhältnisse. Mir fällt daher nichts anderes ein, als die zentrale kapitalistische Kategorie Nutzen, der ja der real auch immer damit angerichtete Schaden gegenübersteht, grundsätzlich in Frage zu stellen. 
 
Wie wär's stattdessen mit Spaß? 
 
 
Anmerkungen: 
 
(1) Die Beiträge der Kölner Kommunalen Gemeinschaftsstelle zur Verwaltungsvereinfachung spiegelten den jeweiligen Stand der Auseinandersetzung wider. 
 
(2) Alle Fachzeitschriften aller professionalisierten staatlichen Teilbereiche enthalten derartige Beiträge, etwa hlz; Verbandsorgan der Hamburger GEW für die Schule. 
 
(3) Türk, Klaus (1995): “Die Organisation der Welt”. Herrschaft durch Organisation in der modernen Gesellschaft.- Opladen: Westdeutscher Verlag 1995, S. 156, 165 u. passim 
 
(4) Die Angestellten von Philips Components in Hamburg etwa verhängen sich, offenbar freiwillig, seit neustem die Aussicht aus dem Bürofenster mit dem firmenfarbig gestalteten Spruch: "Let's make things better". 
 
(5) Ideologieträchtig schon deshalb, weil in dieser Welt niemand "schöpft", sondern alle Herstellung bloße Umformung ist. 
 
(6) Die Verwaltungsreform im holländischen Tilburg dient als Orientierungspunkt für das deutsche Neue Steuerungsmodell. 
 
(7) dazu Holzkamp, Klaus (1993): Lernen. Subjektwissenschaftliche Grundlegung. - Frankfurt a. M., New York: Campus 1993 
 
 

 

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