Pressezensur und Intervention
Ute Weinmann, die Autorin des jungle-world-Beitrags über
Zensur und Diktatorenwillkür in Belarus, antwortete auf meinen unten stehenden
Beitrag über imperialistische Interventen und ihre missionarische Vorhut.
Daraufhin schrieb ich ihr.
Hamburg, 07. Juli 2003
Sehr geehrte Frau Weinmann,
der nationalistisch-chauvinistische Club Zubr in Belarus
ist, wie Otpor in Jugoslawien, ein deutsch-US-amerikanisches Geschöpf. Sie hätten
ihm, sagt Zubr, Erfolg bei seiner „edlen Aufgabe“ gewünscht: beim Kampf
gegen den weißrussischen Diktator Lukaschenko.
Nun schreiben Sie mir am 07. Juli 2003: „Der Zubr hat
ohne meine Zustimmung und inhaltlich entstellt eine Mail im Web veröffentlicht.“
Sie hatten, schreiben Sie, zwar Kontakt zu ihm, fanden ihn aber nicht
sympathisch. Was haben Sie ihm denn tatsächlich gewünscht?
Dagegen stünde Ihnen die antikapitalistische
Oppositionszeitung „Navinki“ nahe, die den Aufhänger für Ihren
jungle-world-Artikel bildete. Indes nannten Sie in Ihrem Artikel Zensurmaßnahmen
auch gegen weitere belorussische Zeitschriften. Auch sie dienten Ihnen als Beleg
für die Willkür des Diktators. Eine Zeitschrift, berichteten Sie, suchte mit
ihren Artikeln Unterschlupf „in dem Blatt der weißrussischen unabhängigen
Gewerkschaft(,) Salidarnasz“. Diese unabhängige Gewerkschaft war es aber,
deren Vorsitzender Wladimir Gonscharek von den USA und Deutschland im letzten Präsidentschaftswahlkampf
Geld und Computer erhielt. Derselbe, der noch vor Schließung der Wahllokale wußte,
daß er verloren hatte und Betrug schrie, laut unterstützt von seinen Gönnern,
dem US-Botschafter Kozak und Ex-BND-Chef Wieck.
Eine dritte vom Diktator schikanierte Schrift sei BDG,
„die als eine der wenigen Zeitungen in Weißrussland einen bescheidenen, aber
dennoch realen Gewinn abwirft“. Das soll, legen Sie nahe, für die Zeitung
sprechen. Auch bei einer Antikapitalistin?
Frau Weinmann, durchgängig unterschlagen Sie die
Intervention der externen Mächte in die belorussischen Angelegenheiten. Ihr
Artikel klingt gut imperialistisch allewege.
Mit freundlichen Grüßen
Thomas Immanuel Steinberg
P.S. Ich möchte diesen Text im Internet veröffentlichen,
aber ungern ohne Ihre Mail. Gestatten Sie, daß ich sie hinzufüge?
Frau Weinmann schrieb mir am 8. Juli 2003, sie wünsche
keine Veröffentlichung ihrer Mail. T:I:S
*
Thomas Immanuel
Steinberg
Gut imperialistisch
allewege
Die Wochenzeitschrift jungle world, eine Abspaltung von
der jungen Welt, gilt vielen noch als linkes Blatt. Doch der Irak, fand die
Zeitschrift, müsse besetzt und demokatisiert werden, und in Israels Ministerpräsident
Scharon vermochte das Blatt nur den tapferen kleinen David aus dem
Kindergottesdienst zu erkennen, nicht den biblischen,
der über 90 000 Feinde abgeschlachtet hat.
Diese Woche
war Weißrußland dran. Das ist das Land des Diktators Lukaschenko, das auch
Belarus heißt. Für jungle world berichtet Ute Weinmann von Pressezensur,
Schikanen gegen Oppositionelle und Eitelkeiten des Diktators.
Weinmann unterschlägt, wer in Belarus die Opposition
betreibt und die Weltpresse mit Horrormeldungen aus diesem Land versorgt. Es ist
die US-Botschaft. Sie arbeitete lange Jahre Hand in Hand mit dem Leiter der
OSZE-Mission, dem früheren Chef des Bundesnachrichtendienstes. Der
US-Botschafter Kozak und sein Kampfgefährte vom BND, Wieck, unterstützten
offen Lukaschenkos Gegenkandidaten bei der letzten Präsidentschaftswahl. Als
der Gegenkandidat verloren hatte, berichteten sie von Wahlfälschungen. Andere
Wahlbeobachter hatten von Fälschungen nichts bemerkt. Der Leedser Politologe
David Chandler, selbst Wahlbeobachter in der Oppositionshochburg Minsk, konnte
plausibel machen, warum die Weißrussen
Lukaschenko wählen, ohne daß er sie betrügen muß. Der Diktator scheine sie
vor dem zu schützen, was andere ehemalige Sowjetbürger inzwischen erleiden.
US-Botschafter Kozak und Konsorten ließen eine
Organisation nach dem Muster der pro-kapitalistichen jugoslawischen Otpor gründen.
Otpor hatte in Jugoslawien wesentlich zum Sturz von Milosevic beigetragen. Die
weißrussische Kopie nennt sich Zubr (Bison) und sucht mit Protestaktionen und
Provokationen den Eindruck zu erhärten, Lukaschenko sei dement und Belarus müsse
zum Westen stoßen.
Von all dem ist im jungle-world-Artikel nicht die Rede.
Seine Autorin hegt allerdings herzliche Sympthie für die US-deutsch geförderte
Opposition. Sie gratuliert im Internet den Zubr-Leuten - deren Wahlspruch lautet
„Ehre! Vaterland! Freiheit“ - und wünscht ihnen Erfolg bei ihrer
„edlen Aufgabe“. Zwei Beiträge weiter gratuliert
ein Milosh Milenkovich von Otpor
aus Serbien.
Wie kommt jungle
world zu einer so offensichtlich pro-imperialistischen Autorin? Frau Ute
Weinmann arbeitet bei der Aktion Sühnezeichen. Viele
Nicht-Regierungsorganisation gelten immer noch als anständig, ehrlich oder
neutral. jungle world gilt als links.
Zu Unrecht.
T:I:S, 19. Juni
2003
Zur Zeitschrift jungle world siehe auch Jungle
World, Wie
einer uns für den Krieg reif schießt und Kriegspropaganda
*

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