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1. Ein jüdischer Standpunkt
Boykott von Waren aus den besetzten Gebieten, denn die dortigen
Siedlungen sind ein permanenter Bruch des Völkerrechts. Brief von Prof. Dr.
Rolf Verleger, Lübeck, an Sebastian Wertmüller, DGB Göttingen-Nordheim vom 6.
September 2003
2. Such's Antisemiterl, such's Bastl!
Glosse von Thomas Immanuel Steinberg
3. Krieg und Demokratie
von Christian Wetter
*
1. Ein jüdischer Standpunkt
Boykott von Waren aus den besetzten Gebieten, denn die dortigen
Siedlungen sind ein permanenter Bruch des Völkerrechts
Prof. Dr. Rolf Verleger forscht und lehrt an der Klinik für
Neurologie, Campus Lübeck des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein. Er las
den taz-Bericht über die Ausführungen zum Israel-Palästina-Konflikt von
Sebastian Wertmüller, dem DGB-Kreisvorsitzenden von Göttingen-Nordheim, und
schrieb Herrn Wertmüller am 6. September 2003 folgenden Brief:
Sehr geehrter Herr Wertmüller,
ich las in der taz
von gestern ihre (wahrscheinlich verkürzten) Ausführungen zum Israel-Palästina-Konflikt
und bin entsetzt. Wollen Sie denn jede Hoffnung für Israel zunichte machen?
Meine beiden Geschwister sind nach Israel ausgewandert und haben dort ihre
Familien - mein Bruder ist gerade Großvater geworden. Zur Zeit ist mein Sohn in
Israel für ein Gastsemester. Also man kann mir wirklich nicht unterstellen,
dass ich mit Israel nicht verbunden bin. Ebenso habe ich eine Ahnung davon, was
Antisemitismus ist, da mein Vater in Auschwitz war und meine Mutter nach Estland
deportiert war.
Seit Rabins Ermordung haben israelische Regierungen die Oslo- Verträge nicht
eingehalten und sich immer mehr in die Sackgasse des Krieges hineingesteigert.
Scharon hat den jetzigen Zustand mutwillig herbeigeführt und tut freiwillig
nichts, um ihn zu beenden. Stimmen der Vernunft sind marginalisiert (gut messbar
an den Stimmen, die Mitznah bekam).
Offensichtlich muss hier, wie im Falle Südafrika, massiver Druck von außen
gemacht werden, da die terrorisierten Bevölkerungen Israels und Palästinas von
alleine nicht mehr die Kraft für einen Neuanfang haben. Deshalb begrüße ich
ausdrücklich, wenn junge Leute zu einem Boykott von Waren aus den besetzten
Gebieten aufrufen. Das ist eine selbstverständliche Konsequenz des permanenten
Bruchs des Völkerrechts, den diese Siedlungen darstellen. Ich wünsche diesem
Aufruf viel Verbreitung.
Ihre Kritik, Herr Wertmüller, ist gut gemeint, aber sehr kurzsichtig. Ich würde
mich gerne von einem jüdischen Standpunkt aus länger darüber mit Ihnen
unterhalten.
Mit freundlichen Grüßen,
Rolf Verleger
Eine Kopie des Verleger-Briefs ging an attac. attac muß sich entscheiden.
Ganz nach rechts - mit Scharon und Wertmüller - oder mit Professor
Verleger gegen die Terrorisierung der Bevölkerungen Israels und Palästinas.
T:I:S, 10. September 2003
*
2. Such’s Antisemiterl, such’s, Bastl!
Glosse von Thomas Immanuel Steinberg
Wer ist Sebastian Wertmüller? Sebastian Wertmüller ist
attac-Mitglied. Das ist nichts Besonderes. Doch er ist auch Vorsitzender des
DGB-Kreises Göttingen-Nordheim. Des Gewerkschaftsbundes, dessen ver.di neulich die
Sommerakademie von attac in Münster mitfinanziert hat. Desselben Bundes, der fest
in der Hand der SPD ist. Deren Friedrich-Ebert-Stiftung hat am meisten zur
Sommerakademie beigetragen. Aus Steuermitteln, versteht sich, denn die partei-eigenen Stiftungen
bezahlt alle der Staat.
Sebastian Wertmüller, qua Funktion, gibt den attacies also
Brot. Sein Lied sollen sie singen. Das tun sie aber nicht alle, vor allem die
nicht, die keinen bezahlten Posten haben bei attac. Die AG Globalisierung und
Krieg zum Beispiel will nicht, daß
deutsche Rüstungskonzerne weiter Waffen ins Kriegsgebiet Israel liefern. Wertmüllers
DGB, die SPD und die Friedrich-Ebert-Stiftung wollen das aberl. Erstens
schafft es Frieden - und zweitens Arbeitsplätze, sagen sie
Was tut unser Seb? Er sucht einen Grund, um gegen die AG Globalisierung und
Krieg zu polemisieren. Auf
deren Internetseiten würden Positionen vertreten, findet Seb heraus, die sonst nur von
islamistischen Gruppen und Rechtsextremen ventiliert würden. "In der AG
spielen antisemitische Gedanken eine dominierende Rolle", sagt Wertmüller
zur taz.
Der Vorwurf war zwar schon widerlegt, als ihn die taz noch
gar nicht kannte, siehe den Brief von Marie-Dominique
Vernhes an Wertmüller. Doch der Wertmüller-taz-Gemeinschaftsschlag
gegen die Friedensfreunde dürfte sitzen. Die Öffentlichkeit wird schier verzagen,
wenn es heißt, die Linken bei attac sind antisemitisch. Der Vorwurf ist aber
nur Vorwand. Ein scheinbar lauterer Vorwurf, um linke Friedenspolitik schlecht
zu machen
Deshalb nochmal die Frage: Was treibt der Wertmüller-Seb eigentlich sonst so außer
DGB-Vorsitzen und attacies attackieren?
Erstens: Der Sebastian treibt zum Krieg. Als Bush gerade seine Theorie von den neunzehn Teppichmesserverschwörern mit Flaum auf der
Oberlippe verkündet hatte, warb Wertmüller unter linken Deutschen schon
für den großen Gegenschlag: „Wieso
sind die ersten Reaktionen aus Friedensbewegung und der deutschen Linken auf den
Massenmord vom 11.09. nur solche, die die USA von einer militärischen Reaktion
abbringen sollen? Wie sollten denn die
Vereinigten Staaten von Amerika auf die Anschläge reagieren? Fahndungsplakate
und Polizeistreifen? ... Gibt es keine anderen Fragen an die bundesdeutsche
Politik, als die Kritik der Bündnistreue?“
Zweitens: Der Bastian schmeißt den
Antizionisten mit dem Antisemiten durcheinander und mengt noch den international
Solidarischen drunter. Ausgerechnet Gewerkschaftslinken wollte er's geben, die
sich LabourNet zurechnen und einen
wohl überlegten Brief gegen die israelischen Nationalisten an die IG Metall
geschrieben hatten: "Die Solidarisierung mit dem palästinensischen Volk heutzutage in
Deutschland kann nur antisemitisch ausfallen.“
Hauptsache, frisch drauf los gequatscht.
Drittens: Das Bastl ist auf der Jagd - nach Staatsfeinden. Wie ein
Jagdhund an des Jägers langer Leine spürt das Bastl sie auf. Davon berichtet
die folgende schön erzählte Geschichte. Mir ist beim Lesen durch den Kopf
gegangen:
Such’s Antisemiterl, such’s, Bastl!
T:I:S, überarbeitet am 6. September 2003
Zitate aus:
http://www.taz.de/pt/2003/09/05/a0049.nf/textdruck
http://www.goest.de/krieg.htm#dgb
http://www.labournet.de/krieg/nahost/lng.html
3. Krieg und
Demokratie
von Christian Wetter
(mit freundlicher Genehmigung des Autors)
Na, wer hätte das gedacht, eine Friedensdemo in Göttingen. Wie erwartet,
versuchten Vertreter der Parteien, die im Verdacht der Vorbereitung eines
Angriffskrieges stehen und wohlweislich gegen eine Abstimmung über ein Mandat für
die am Krieg direkt beteiligten AWCS-Mannschaften sind, die Führung der
Friedensbewegung zu übernehmen.
Es waren auch andere Leute anwesend, eigentlich gehörte die Mehrheit der
Anwesenden nicht zu den genannten Parteien. Klar, dass auch bei einer
Friedensdemo allerlei Leute Flugblätter verteilten, aber dass ein Vertreter der
selbsternannten Friedensbewegung mit Polizeimitteln Flugblätter unterbinden
will, ist schon merkwürdig.
Nicht unweit von mir stand jemand und bot seine Blättchen feil, nun ja, das
tun viele, dachte ich mir. Doch dann bahnte sich der Gewerkschaftsfunktionär
Sebastian Wertmüller mit drei Polizeibeamten, zwei uniformiert, einer in zivil,
den Weg durch die Menge und zeigte gestikulierend auf eben jenen einen von
vielen Flugblattverteilern. Die Beamten wandten sich ihm gleich zu, während
Sebastian Wertmüller wieder in der Menge untertauchte. Immerhin, die Beamten
redeten zwar anfänglich etwas bestimmend mit dem Dissidenten, verzichteten aber
dann auf auf Beschlagnahme der Blättchen und Platzverweis.
Klar, dass ich mir so ein Blättchen mal durchlas, ist ja immer interessant,
wenn was verboten werden soll. Tja, alles sachlich richtig, was ich da las,
Vorbereitung eines Angriffkrieges, Hinweise, dass Soldaten gesetzwidrigen
Befehlen nicht gehorchen müssen und so.
Tja, da hat er sich wohl verschätzt, die Beamten waren garnicht so
antidemokratisch, wie er es erhofft hatte.
Gewickelchen, sowas will ich aber nun wirklich nicht häufiger erleben!
Sebastian, das hast Du doch nun echt nicht nötig!!
Selbstverständlich sollte unter diesem Ereignis nicht die Kooperation der
Gewerkschaften mit anderen Gruppen leiden.
Der für Rot-Grün redende Herr Ungerer versuchte sich dann auch als Friedensbote, Hinweise auf den noch immer stattfindenden Afghanistankrieg
ignorierte er ebenso mit Leichenbittermine wie die auf den umstrittenen Einsatz
der AWACS-Mannschaften und anderer aktiver Kriegsunterstützung durch seine
Regierunghelden. Und dann wies noch jemand auf den Zusammenhang von Krieg und
Sozialabbau hin, da hat er doch lieber das pathetische Maul gehalten...
Mit diesen Leuten war kein Staat zu machen!
© Christian Wetter 2003 /
Frühjahr
Quelle
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