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Am 3. Juli
2003 betreten einige Leute gemeinsam die Vorlesung von Willis Edmondson an der
Hamburger Universität. Sie breiten ein Transparent aus, verteilen Flugblätter
und behaupten, der Sprachlehrforscher am Katheder sei Antisemit. Im Internet
steht seitdem der Flugblattext, bei indymedia
(deutsch) ist die Aktion beschrieben. Der
Antisemitismus-Vorwurf, zumal in Deutschland,
wiegt schwer. „Antisemit“
– das ist fast so schlimm wie „Mörder“. Ist der Vorwurf begründet? Die
jungen Leute, sie nennen sich „bad
weather - [antifaschistische-gruppe]“, schreiben: „Im April
des Jahres 2002 erschien in der britischen Tageszeitung ‚Guardian’ ein
offener Brief, der dazu aufrief, Israel auf kultureller und wissenschaftlicher
Ebene zu isolieren. Unterzeichnet wurde der Brief anfangs von 125 vornehmlich
britischen Akademikern. Bestehende Verbindungen mit Israel aus
wissenschaftlichen Bereichen sollten sowohl auf nationaler, wie auch auf europäischer
Ebene abgebrochen werden...“ Edmondson
habe den Brief unterzeichnet. Ihren Antisemitismus-Vorwurf versucht die Gruppe
unter anderm damit zu belegen, daß auch Neo-Nazis und Islamisten zum Boykott
Israels aufrufen. Die Protestierer schließen: „An die
Hamburger Unterzeichner des Aufrufs - wie Edmondson - haben wir keine Forderung.
Wer ein solches Pamphlet unterzeichnet, verdient nicht mehr, noch ernst genommen
zu werden. Vielmehr legen wir den Unterzeichnern nahe, sich statt mit
‚Weltpolitik’ mit Fallschirmspringen zu beschäftigen.“
http://www.antifa-hamburg.com/texte/bwag/eviled.html
Die verbale
Brutalität paart sich mit konspirativem Gehabe: Die Gruppenmitglieder treten
anonym auf und machen auf ihren Internetbildern die Gesichter unkenntlich. http://www.antifa-hamburg.com/IMAGES/fotoseviled/eviledfotos.html . Weder zitieren sie den von Edmondson
unterzeichneten Appell, noch weisen sie darauf hin, wo er zu finden ist. Tatsächlich
unterschrieben hat Edmondson folgenden Text: “Es mag
merkwürdig erscheinen, aber viele nationale und europäische Kultur- und
Forschungseinrichtungen - besonders
gemeint sind die, die von der EU und der European Science Foundation
mitfinanziert werden - betrachten Israel als einen europäischen Staat,
wenn es um die Vergabe von Fördermitteln und Aufträgen geht. Wäre es deshalb
nicht an der Zeit, daß sowohl auf der
nationalen wie europäischen Ebene ein Moratorium über jegliche Unterstützung
dieser Art verhängt würde, bis Israel sich an die UN-Resolutionen hält und
ersthafte Friedensverhandlungen mit den Palästinensern eröffnet, und
zwar entlang der Linie, die in vielen Friedensplänen vorgeschlagen wird,
eingeschlossen den kürzlich von den Saudis und der Arabischen Liga
vorgetragenen.“ http://www.guardian.co.uk/Archive/Article/0,4273,4388633,00.html Von
Isolierung Israels ist im Aufruf nicht die Rede, der Abbruch bestehender
Verbindungen wird keineswegs generell gefordert. Die
Hamburger Gruppe wäre zu vernachlässigen, handelte sie nicht in einem
gepolsterten Umfeld. Das bereitet ihr in Deutschland die kleine Zeitschrift
jungle world, die regelmäßig der von den USA hoch subventionierten
israelischen Regierung, vor allem aber der Außenpolitik der US-Regierung Schützenhilfe
gibt. Ob Irak, Afghanistan, Venezuela, oder Belarus: jungle world ergreift
Partei für den Stärkeren, die US-Macht. jungle world
gab auch den Auftakt zur Hexenjagd auf die Unterzeichner des Edmondson-Aufrufs.
Ihr Autor Floyd Witherspoone gibt die entscheidende Passage des von Edmondson
unterzeichneten Aufrufs verstümmelt wieder und schließt nach einer Exkursion
in das Verhalten anderer Unterzeichner, der moralische Impetus des Aufrufs
weiche „immer mehr dem offensichtlichen Antisemitismus“.
http://www.nadir.org/nadir/periodika/jungle_world/_2003/02/25a.htm Doch wie
sich Witherspoone den Fall auch zurecht legt, Edmondson und die andern
Unterzeichner haben nicht mehr gefordert, als die Bevorzugung Israels vor
anderen nichteuropäischen Ländern einzufrieren. Daraus wird beim Autor
Diskriminierung von Juden, und aus den politisch motivierten Unterzeichnern
werden Antisemiten. Eine
wichtige Tatsache unterschlägt der Autor: Steven Rose, der englische Professor,
der mit seiner Frau Hillary zusammen den Aufruf verfaßt hat, ist einer
BBC-Meldung zufolge Jude. http://www.inminds.co.uk/boycott-news-0201.html Er hat
Angehörige im Holocaust verloren. Eine Erst-Unterzeichnerin ist
Professorin an der Tel-Aviver Universität. Viele der inzwischen
zahllosen Unterzeichner in Großbritannien und Frankreich tragen jüdisch
klingende Namen. Demnach hätte ein Jude einen antisemitischen Boykottaufruf
verfaßt und Juden seien ihm dabei gefolgt. Ein Blättchen
hat also Scharon-Gegner als Antisemiten diffamiert. Doch nicht nur ein Blättchen.
Seit langem werden Scharon-Gegner in Israel, in den USA und in Frankreich von
Scharon-Anhängern als Antisemiten beschimpft. Die in Deutschland lebende
Felicia Langer ist darunter, ebenso wie der hoch angesehene französische
Fernsehjournalist Daniel Mermet. Seit Juni 2001 wird er mit Anzeigen von
Scharon-Anhängern gepeinigt. Er sei Antisemit. Alle Anzeigen endeten mit
Freisprüchen. Der israelische Scharon-Gegner Michel Warschawski berichtete ausführlich,
wie prominente französische Hexenjäger den Journalisten dank einer
Besonderheit des dortigen Rechts dennoch immer wieder quälen können. Michael
Kelly von der New York Times zieh
sogar den bundesdeutschen Presseliebling Joseph Fischer des Antisemitismus:
"Sie sind der Mann, dem München nicht genügte, der Mann der Entebbe
brauchte, um zu verstehen, dass die Ermordung von Juden falsch war." Das
war selbst der Frankfurter Rundschau zuviel. Sie stellte im Zusammenhang mit dem
letzten Irakkrieg fest: „All dies
wäre nicht bemerkenswert, wenn in der Argumentation von Michael Kelly nicht ein
Muster erkennbar wäre, welches das transatlantische Verhältnis zusätzlich zum
Streit über den Irak-Krieg zu belasten droht: dass nämlich hinter der
Gleichsetzung von Bush-Kritik und Anti-Amerikanismus häufig der Vorwurf des
Antisemitismus lauert.“ (13.02.2003) http://www.fr-aktuell.de/ressorts/kultur_und_medien/feuilleton/?loc=&cnt=126677 Nein. Der
Streit wogt nicht zwischen anständigen Menschen und Judenfeinden. Es ist ein
politischer Streit. Der Streit beschränkt sich nicht auf anonyme Hexenjäger
und eine kleine Zeitschrift. Juden und
Nichtjuden in Israel, in Europa und den USA streiten darüber, wie die
israelische Regierungspolitik einzuschätzen sei. Eine starke Minderheit meint,
die israelische Regierung füge nicht nur den Palästinensern unermeßliches
Leid zu, sondern gefährde die Existenz des Staates Israel und das Leben und
Wohlergehen der Juden in der Welt. Sie sind
gegen Scharons Politik und die US-Regierung, die sie bezahlt. Sie sehen, daß
die Palästinenser vom israelischen Staat mißhandelt und getötet werden. Die
israelische Kolonialpolitik, die Bantustanisierung des Westjordanlandes, der Bau
der acht Meter hohen Mauer um einen Flickenteppich
aus 40% des palästinensichen Gebietes mit israelischen Wachmannschaften an
den Toren – all das zerrütte die israelische Gesellschaft und bringe die
Judenheit in große Gefahr. Einige
stemmen sich nach Kräften gegen die israelische Regierungspolitik. Sie rufen zu
Boykotts israelischer Einrichtungen, Produkte oder Personengruppen auf.
Diese Boykotts richten sich gegen die Politik der israelischen Regierung:
erstens, weil sie mörderisch ist; zweitens, weil sie selbstmörderisch ist. Die Boykotts mögen zweckmäßig oder ungeschickt, kurzsichtig oder weitblickend sein. Eines jedoch sind sie nicht: antisemitisch. Doch genau diesen Vorwurf erheben die Scharon-Anhänger. Sie benutzen den Antisemitismus-Vorwurf als eine Waffe gegen Leute, die, ob Nichtjuden oder Juden, um Israel und die Juden in der Welt Angst haben und gerade deshalb Scharons Politik bekämpfen. Scharon und seine Anhänger mißbrauchen, zum Schaden Israels und der Juden in der Welt, den Antisemitismus-Vorwurf als Waffe gegen ihre Gegner. Durch falschen Gebrauch aber wird diese Waffe stumpf, die lebenswichtig ist im Kampf gegen tatsächliche Antisemiten. Scharon und seine Anhänger gefährden Israel und die Juden in der Welt. T:I:S, 14. Juli 2003 siehe auch ... letztlich irgendwie ..., Judith Butler und Wehe dir, Israel ! *Steinberg Recherche Referent Texte 2006 Texte 2005 Texte 2004 Texte bis 2003 Karten Bilder Inhalt Home nach oben
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