Willis Edmondson

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Thomas Immanuel Steinberg

Hexenjäger

Am 3. Juli 2003 betreten einige Leute gemeinsam die Vorlesung von Willis Edmondson an der Hamburger Universität. Sie breiten ein Transparent aus, verteilen Flugblätter und behaupten, der Sprachlehrforscher am Katheder sei Antisemit. Im Internet steht seitdem der Flugblattext, bei  indymedia (deutsch) ist die Aktion beschrieben.  

Der Antisemitismus-Vorwurf, zumal in Deutschland,  wiegt schwer.  „Antisemit“ – das ist fast so schlimm wie „Mörder“. Ist der Vorwurf begründet? Die jungen Leute, sie nennen sich  „bad weather - [antifaschistische-gruppe]“, schreiben:  

„Im April des Jahres 2002 erschien in der britischen Tageszeitung ‚Guardian’ ein offener Brief, der dazu aufrief, Israel auf kultureller und wissenschaftlicher Ebene zu isolieren. Unterzeichnet wurde der Brief anfangs von 125 vornehmlich britischen Akademikern. Bestehende Verbindungen mit Israel aus wissenschaftlichen Bereichen sollten sowohl auf nationaler, wie auch auf europäischer Ebene abgebrochen werden...“  

Edmondson habe den Brief unterzeichnet. Ihren Antisemitismus-Vorwurf versucht die Gruppe unter anderm damit zu belegen, daß auch Neo-Nazis und Islamisten zum Boykott Israels aufrufen. Die Protestierer schließen:  

„An die Hamburger Unterzeichner des Aufrufs - wie Edmondson - haben wir keine Forderung. Wer ein solches Pamphlet unterzeichnet, verdient nicht mehr, noch ernst genommen zu werden. Vielmehr legen wir den Unterzeichnern nahe, sich statt mit ‚Weltpolitik’ mit Fallschirmspringen zu beschäftigen.“ http://www.antifa-hamburg.com/texte/bwag/eviled.html   

Die verbale Brutalität paart sich mit konspirativem Gehabe: Die Gruppenmitglieder treten anonym auf und machen auf ihren Internetbildern die Gesichter unkenntlich. http://www.antifa-hamburg.com/IMAGES/fotoseviled/eviledfotos.html . Weder zitieren sie den von Edmondson unterzeichneten Appell, noch weisen sie darauf hin, wo er zu finden ist.  

Tatsächlich unterschrieben hat Edmondson folgenden Text: 

“Es mag merkwürdig erscheinen, aber viele nationale und europäische Kultur- und Forschungseinrichtungen - besonders gemeint sind die, die von der EU und der European Science Foundation mitfinanziert werden - betrachten Israel als einen europäischen Staat, wenn es um die Vergabe von Fördermitteln und Aufträgen geht. Wäre es deshalb nicht an der Zeit, daß sowohl auf der nationalen wie europäischen Ebene ein Moratorium über jegliche Unterstützung dieser Art verhängt würde, bis Israel sich an die UN-Resolutionen hält und ersthafte Friedensverhandlungen mit den Palästinensern eröffnet, und zwar entlang der Linie, die in vielen Friedensplänen vorgeschlagen wird, eingeschlossen den kürzlich von den Saudis und der Arabischen Liga vorgetragenen.“ http://www.guardian.co.uk/Archive/Article/0,4273,4388633,00.html

Von Isolierung Israels ist im Aufruf nicht die Rede, der Abbruch bestehender Verbindungen wird keineswegs generell gefordert.  

Die Hamburger Gruppe wäre zu vernachlässigen, handelte sie nicht in einem gepolsterten Umfeld. Das bereitet ihr in Deutschland die kleine Zeitschrift jungle world, die regelmäßig der von den USA hoch subventionierten israelischen Regierung, vor allem aber der Außenpolitik der US-Regierung Schützenhilfe gibt. Ob Irak, Afghanistan, Venezuela, oder Belarus: jungle world ergreift Partei für den Stärkeren, die US-Macht.  

jungle world gab auch den Auftakt zur Hexenjagd auf die Unterzeichner des Edmondson-Aufrufs. Ihr Autor Floyd Witherspoone gibt die entscheidende Passage des von Edmondson unterzeichneten Aufrufs verstümmelt wieder und schließt nach einer Exkursion in das Verhalten anderer Unterzeichner, der moralische Impetus des Aufrufs weiche „immer mehr dem offensichtlichen Antisemitismus“. http://www.nadir.org/nadir/periodika/jungle_world/_2003/02/25a.htm  

Doch wie sich Witherspoone den Fall auch zurecht legt, Edmondson und die andern Unterzeichner haben nicht mehr gefordert, als die Bevorzugung Israels vor anderen nichteuropäischen Ländern einzufrieren. Daraus wird beim Autor Diskriminierung von Juden, und aus den politisch motivierten Unterzeichnern werden Antisemiten.  

Eine wichtige Tatsache unterschlägt der Autor: Steven Rose, der englische Professor, der mit seiner Frau Hillary zusammen den Aufruf verfaßt hat, ist einer BBC-Meldung zufolge Jude. http://www.inminds.co.uk/boycott-news-0201.html  Er hat Angehörige im Holocaust verloren. Eine Erst-Unterzeichnerin ist  Professorin an der Tel-Aviver Universität. Viele der inzwischen zahllosen Unterzeichner in Großbritannien und Frankreich tragen jüdisch klingende Namen. Demnach hätte ein Jude einen antisemitischen Boykottaufruf verfaßt und Juden seien ihm dabei gefolgt.  

Ein Blättchen hat also Scharon-Gegner als Antisemiten diffamiert. Doch nicht nur ein Blättchen. Seit langem werden Scharon-Gegner in Israel, in den USA und in Frankreich von Scharon-Anhängern als Antisemiten beschimpft. Die in Deutschland lebende Felicia Langer ist darunter, ebenso wie der hoch angesehene französische Fernsehjournalist Daniel Mermet. Seit Juni 2001 wird er mit Anzeigen von Scharon-Anhängern gepeinigt. Er sei Antisemit. Alle Anzeigen endeten mit Freisprüchen. Der israelische Scharon-Gegner Michel Warschawski berichtete ausführlich, wie prominente französische Hexenjäger den Journalisten dank einer Besonderheit des dortigen Rechts dennoch immer wieder quälen können.  

Michael Kelly von der  New York Times zieh sogar den bundesdeutschen Presseliebling Joseph Fischer des Antisemitismus: "Sie sind der Mann, dem München nicht genügte, der Mann der Entebbe brauchte, um zu verstehen, dass die Ermordung von Juden falsch war." Das war selbst der Frankfurter Rundschau zuviel. Sie stellte im Zusammenhang mit dem letzten Irakkrieg fest:   

„All dies wäre nicht bemerkenswert, wenn in der Argumentation von Michael Kelly nicht ein Muster erkennbar wäre, welches das transatlantische Verhältnis zusätzlich zum Streit über den Irak-Krieg zu belasten droht: dass nämlich hinter der Gleichsetzung von Bush-Kritik und Anti-Amerikanismus häufig der Vorwurf des Antisemitismus lauert.“ (13.02.2003) http://www.fr-aktuell.de/ressorts/kultur_und_medien/feuilleton/?loc=&cnt=126677  

Nein. Der Streit wogt nicht zwischen anständigen Menschen und Judenfeinden. Es ist ein politischer Streit. Der Streit beschränkt sich nicht auf anonyme Hexenjäger und eine kleine Zeitschrift.  

Juden und Nichtjuden in Israel, in Europa und den USA streiten darüber, wie die israelische Regierungspolitik einzuschätzen sei. Eine starke Minderheit meint, die israelische Regierung füge nicht nur den Palästinensern unermeßliches Leid zu, sondern gefährde die Existenz des Staates Israel und das Leben und Wohlergehen der Juden in der Welt.  

Sie sind gegen Scharons Politik und die US-Regierung, die sie bezahlt. Sie sehen, daß die Palästinenser vom israelischen Staat mißhandelt und getötet werden. Die israelische Kolonialpolitik, die Bantustanisierung des Westjordanlandes, der Bau der acht Meter hohen Mauer um einen Flickenteppich aus 40% des palästinensichen Gebietes mit israelischen Wachmannschaften an den Toren – all das zerrütte die israelische Gesellschaft und bringe die Judenheit in große Gefahr.  

Einige stemmen sich nach Kräften gegen die israelische Regierungspolitik. Sie rufen zu  Boykotts israelischer Einrichtungen, Produkte oder Personengruppen auf. Diese Boykotts richten sich gegen die Politik der israelischen Regierung: erstens, weil sie mörderisch ist; zweitens, weil sie selbstmörderisch ist.  

Die Boykotts mögen zweckmäßig oder ungeschickt, kurzsichtig oder weitblickend sein. Eines jedoch sind sie nicht: antisemitisch.

Doch genau diesen Vorwurf erheben die Scharon-Anhänger. Sie benutzen den Antisemitismus-Vorwurf als eine Waffe gegen Leute, die, ob Nichtjuden oder Juden, um Israel und die Juden in der Welt Angst haben und gerade deshalb Scharons Politik bekämpfen.

Scharon und seine Anhänger mißbrauchen, zum Schaden Israels und der Juden in der Welt, den Antisemitismus-Vorwurf als Waffe gegen ihre Gegner. Durch falschen Gebrauch aber wird diese Waffe stumpf, die lebenswichtig ist im Kampf gegen tatsächliche Antisemiten. Scharon und seine Anhänger gefährden Israel und die Juden in der Welt. 

T:I:S, 14. Juli 2003. Siehe auch ... letztlich irgendwie ..., Judith Butler und Wehe dir, Israel !

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