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Thomas Immanuel Steinberg

Bobigny, Sonntag, 2. März 2008

Nathalie erzählt, daß nur Güterzüge auf den Gleisen am Haus vorbeirollen. Manchmal aber kommt der Orient-Expreß vorbei, ein Nostalgie-Zug für Betuchte. Auf den werfen die Nachbarjungen Steine. Auch auf Auto-Züge, wenn sie teure Karossen geladen haben. Sie versteht das nicht. 

Neben den Güterzuggleisen führt der Radweg nach Bobigny. Lagerhallen, Werkstätten, Speditionen, unter der TGV-Strecke durch, dort die Zahlstelle für den Familienzuschuß, dann das Arbeitsamt, leere Betongebirge als Spielplätze, 

 

 

rue de la République, ein anderer leerer Spielplatz an der rue des Bons Enfants, der Straße der guten Kinder, Boulevard Lénine, zahnärztliches Zentrum Karl Marx, ein endloses fensterloses Einkaufszentrum,

 

 

schließlich die Ortsmitte: der Busbahnhof an der Metro-Endhaltestelle Pablo Picasso. Inderinnen mit Gesichtern wie Zigeunerinnen steigen in den Bus, eine Chinesenfamilie, oder Vietnamesen, schleppt Tüten, Palästinenser-Tücher hinter den Straßenbahnscheiben, schwarze und braune junge Männer hängen herum. Ein kleiner europäischer Mann, gar nicht alt, mit zwei Zähnen an verschiedenen Stellen im Oberkiefer, bewundert mein Fahrrad. Da käme er wohl nicht rauf. Sport, das sei gut, wirklich gut für die Gesundheit. 

Hinter dem Einkaufszentrum, etwas höher gelegen, die Cité Verdi mit dem Chemin Vert, dem Grünen Weg, einem 200 Meter langen schmalen Asphaltweg mit Gras links und rechts. Die Bäckerei, Viennoiserie – Wiener Feinbäckerei – überschrieben, führt Baguettes und Croissants. 

 

 

Beim Hineingehen schimpft eine Frau hinter mir „Ah, merci!“. Ich entschuldige mich, verstehe aber nicht ganz. Sie könne allein die Tür nicht aufstoßen wegen ihrer Finger. Ihre faltige Hand zittert. Zwei Finger könne sie nicht mehr strecken. Les Boches, die Deutschen hätten sie ihr zertrümmert. Der habe mit einem Gerät  draufgeschlagen, „un schlag“. Das war zentimeterdickes Leder, am Ende mit Blei beschwert. 

 

 

Die Frau trägt einen Hausanzug und darüber eine Jacke, Filzhausschuhe, vor langer Zeit blondiertes langes graues Haar, offen und wirr. Sie habe in der Cellophane in Bezons arbeiten müssen, als ganz ganz junges Mädchen. 

 

 

Die Säure sei unter die Fingernägel gedrungen, in die Hände und bis zu den Unterarmen. Die Deutschen hätten geschlagen, wann immer sie Lust dazu hatten. Sie seien mit einem sit-car, einem Jeep, immer zu dritt herumgefahren, mit einem aufmontierten Maschinengewehr. Aber am schlimmsten sei es den Juden ergangen, die Deutschen hätten die Juden gehaßt. Eines Tages hätten sie die Juden ein Loch buddeln lassen – die Frau weist aufs Pflaster, um die Größe anzuzeigen. Ja, einen Graben. Und dann hätten sie Jüdinnen mit Säuglingen geholt, ihnen die Säuglinge weggerissen und in den Graben geworfen. Sie hätten Holz darüber gelegt und Benzin darüber gegossen und alles angezündet. Eine Mutter habe sich den Säuglingen hinterhergeworfen, in den brennenden Scheiterhaufen hinein. 

Wo das passiert sei? Auf der Cote de Laury, an der Seine entlang, da links hoch. Was die Frau als Seine bezeichnet, ist der Canal de l’Ourcq, ein schnurgerader gemauerter Schiffartsweg ohne Schiffe. Wie weit das sei? Sie erinnert sich nicht. Recht lang, bestimmt eine Stunde. Die Leute würden es mir sagen. Sie sei Katholikin, und jeden Abend bete sie und bitte die Mutter Gottes um Beistand für alle Menschen, alle. 

Sie habe immer Brot dabei für dieTauben. Die Leute würden auch Katzen aussetzen, die bräuchten Futter. Sie beugt sich zu einem angewehten Haufen aus Blättern, Kippen und Papier und sammelt vier kanariengelbe Verpackungsdeckel auf. Die würde sie waschen, sie dienten ihr als Napf für die Katzen. 

 


Colette J., 81 Jahre alt

 

Am Kanal kennt niemand die Cote de Laury, wo sollte es auch Hänge geben, hier in der platten Landschaft. Aber an der Bondy-Brücke steht ein Wegweiser nach Drancy, dem Ort, wo die Nazis das Internierungslager für die Deportation in die Vernichtungslager errichtet hatten. 

Von der Bondy-Brücke aus sieht man Straßen, Gewerbegebiet, Wohnblöcke, Hochstraßen direkt vor den Wohnblöcken, darunter weitere Straßen, ein paar ältere niedrige Häuser, die zerbröckeln, Ampeln, Lichtmasten, Leitungen und Autos, Autos, Autos. Wo die Autos bei Rot halten müssen und dennoch der Lärm so groß bleibt wie bei Grün, vor dem türkischen Imbiß, stehen Bänke, auf denen niemand sitzt. Wieder halten die Autos, und ein Mädchen läuft zwischen den Spuren entlang mit flehend gefalteten Händen. 

 

 

An der Autotür streckt sie die Hand hin. Es wird grün, sie springt zur Seite, lehnt sich ans Geländer und wartet auf den nächsten Schub. 

 

 

 

Abends knattern die Jungs von gegenüber mit dem Moped herum. Alle zwei Minuten sind sie wieder da. Dann Ruhe, doch bald darauf Jungmänner-Gebrüll und Widerworte und eine beschwichtigende ältere Stimme: T’as des couilles, toi, non! Du hast doch Eier! I m’a dit, ch’baise ta mère, ich fick’ deine Mutter… quand on m' touche, c’est fini. Bei einem steht auf dem Rücken « Algérie » , ein anderer ist dunkelbraun. Sie gehen ins Haus gegenüber. 

Die Töchter meiner Gastgeber, 15 und 18, haben keinen Kontakt mit den Nachbarn. Die Achtzehnjährige muß in Philosophie einen Aufsatz über David Hume schreiben. Das macht ihr keinen Spaß, sie wird ihr Baccalauréat im naturwissenschaftlichen Zweig machen. 

T:I:S, alle Fotos tofoto, 24. März 2008

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Thomas Immanuel Steinberg

Drei Hakenkreuze  

Die junge Frau wurde am Dienstag, dem 13. Juli 2004 in Polizeigewahrsam genommen. Ihr drohen bis zu sechs Monaten Gefängnis oder eine Geldstrafe, wegen Vortäuschung einer strafbaren Handlung. Sie hatte behauptet, in einem Pariser Vorortzug hätten vier Maghrebiner und zwei Schwarze ihr die Tasche mit dem Personalausweis entrissen. Aus ihrem Wohnsitz im feinen Pariser 16. Arrondissement hätten die Angreifer geschlossen, sie sei Jüdin, ihr dann die Jeans und das T-Shirt zerrissen, sie mit Messern verletzt und ihr mit einem Filzschreiber drei schwarze Hakenkreuze auf den Bauch gemalt. Sie habe ihr Kind dabei gehabt. Keiner der etwa 20 Fahrgäste sei ihr zu Hilfe gekommen.  

Die Frau hat beim Kreuzverhör zugegeben, daß sie die Geschichte erfunden hat. Ihr Freund habe ihr geholfen, die Hakenkreuze aufzumalen. Vor der Fahrt wurde sie mit zerrissener Kleidung am Zustiegsbahnhof gesehen, also vor der angeblichen Tat. Zeugen des angeblichen Vorfalls hätten sich nicht gemeldet. Schon sechsmal in den vergangenen Jahren, so die Polizei, hätte die Frau Anzeige erstattet, unter anderm wegen Diebstahls und sexueller Belästigung. Nie habe ein Täter gefunden werden können. Zwei Bekannte der jungen Frau hätten ihren „Verfolgungswahn“ erwähnt.  

Noch am Tag vor der Gewahrsamnahme, dem 12. Juli 2004, um 9.58 h berichtete Le Monde von den Reaktionen aus Politik und Gesellschaft auf die angebliche Untat. Präsident Chirac war „entsetzt“ , Innenminister de Villepin sprach von einem „infamen Übergriff“, der Grüne Noël Mamère von „der Apathie und dem Schweigen der Mitreisenden“. Der Präsident des Regionalrats der Ile-de-France berief für den gleichen 12. Juli um 18 Uhr eine Kundgebung ein, die Kommunistische Partei zur gleichen Zeit eine andere. Roger Cukierman, Vorsitzender des  Zentralrats der jüdischen Einrichtungen in Frankreich (CRIF) erklärte, „die religiösen Organisationen, insbesondere die Imams in den Banlieue-Siedlungen, wo Gewalttäter sind, sollen Gottes Wort verkünden und erklären, daß antisemitische Taten nicht hinnehmbar sind.“  

Die Löwen haben gut gebrüllt - und ganz schnell. Keiner hat die ersten Angaben der jungen Frau bezweifelt. Der Präsident hätte prüfen lassen können, zum Beispiel den Innenminister. Der kann in die Polizeidatei gucken nach der Frau, die schon sechs verdächtige Anzeigen erstattet hat. Roger Cukierman hat nicht abgewartet, ob die angeblich braunen und schwarzen Gesichter zu Moscheebesuchern gehören.  

Alle Löwen haben lieber riskiert, einer Ente aufzusitzen, diese Vorkämpfer gegen den Antisemitismus. Cukierman, der gelegentlich Scharon geraten hatte, ein Propagandaministerium einzurichten, „wie Goebbels“, hat hinzufantasiert, wie Goebbels. Dumm, oder vielmehr schlau wie sie sind, kochen alle auf dem Haß ihr Süppchen. Diesmal ist sie angebrannt. Der Haß aber ist weiter geschürt.  

T:I:S, 14. Juli 2004

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