Daniel Barenboim

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Grenzschikane

Nach der Festsetzung eines palästinensischen Musikers an einem Grenzposten bei Gaza hat der Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden in Berlin, Daniel Barenboim, das bürokratische Vorgehen in Israel kritisiert. 

ddp, T:I:S, 21. Dezember 2007. Dank an Ulrich F.

*

Thomas Immanuel Steinberg

Der Dirigent Barenboim zitierte...

...die israelische Unabhängigkeitserklärung und brachte damit die israelische Rechte in Aufruhr.

 

Am  9. Mai 2004 erhielt Daniel Barenboim, der schon mit etlichen Preisen für sein politisches Engagement geehrt wurde, vom Staat Israel den hoch angesiedelten Wolf-Preis für sein künstlerisches Lebenswerk, zusammen mit dem Cellisten Rostropowitch.

Schon im Vorfeld der Preisverleihung war es zu Protesten gekommen. "Israels Nobel-Preis" wird von Staatsvertretern ausgehändigt, nicht aber verliehen. Der Parlamentsvorsitzende war der Zeremonie unter Protest fern geblieben, da er die Verleihung an Barenboim nicht verhindern konnte. Der Juror Professor Alexander Berg sprach anschließend ebenfalls von einer Provokation. Er entfaltete während der Verleihung ein selbstgefertigtes Plakat, dessen Schriftzug "Musik macht frei" an das "Arbeit macht frei" der KZs erinnerte.

Hier die deutsche Übersetzung von Barenboims hebräisch gehaltener Rede bei der Preisverleihung vor der Knesset:

Ich möchte der Wolf-Stiftung meine tiefe Dankbarkeit für die große Ehre ausdrücken, die mir heute zuteil wird. Diese Anerkennung ist für mich nicht nur eine Ehre, sondern auch eine Quelle des Ansporns zu weiterer kreativer Tätigkeit.

Im Jahre 1952, vier Jahre nachdem Israel seine Unabhängigkeit erklärt hatte, kam ich als 10-jähriger Junge mit meinen Eltern aus Argentinien nach Israel.

Die Unabhängigkeitserklärung war uns Ansporn und Inspiration, an die Ideale zu glauben, die aus uns Juden Israelis machten. Dieses bemerkenswerte Dokument bekennt sich zu der folgenden Verpflichtung: „Der Staat Israel wird sich der Entwicklung des Landes zum Wohle aller seiner Bewohner widmen. Er wird auf Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden im Sinne der Visionen der Propheten Israels gestützt sein. Er wird all seinen Bürgern ohne Unterschied von Religion, Rasse und Geschlecht soziale und politische Gleichberechtigung verbürgen. Er wird Glaubens- und Gewissensfreiheit, Freiheit der Sprache, Erziehung und Kultur gewährleisten.“  

Die Gründerväter des Staats Israel, die die Erklärung unterzeichneten, verpflichteten auch sich und uns, "sich für Frieden und gute Beziehungen mit allen benachbarten Staaten und Völkern einzusetzen."

In tiefer Sorge frage ich heute, ob die Besetzung und Kontrolle eines anderen Volkes mit Israels Unabhängigkeitserklärung in Einklang gebracht werden kann. Wie steht es um die Unabhängigkeit eines Volkes, wenn der Preis dafür ein Schlag gegen die fundamentalen Rechte eines anderen Volkes ist? Kann es sich das jüdische Volk, dessen Geschichte voller Leid und Verfolgung ist, erlauben, angesichts der Rechte und Leiden eines benachbarten Volkes in Gleichgültigkeit zu verharren? Darf sich der Staat Israel unrealistischen Träumen hingeben, die den Ehrgeiz beinhalten, den Konflikt ideologisch zu lösen, anstatt als Ziel eine pragmatische, menschliche Lösung anzustreben, die auf sozialer Gerechtigkeit beruht?

Ich glaube, dass trotz aller objektiven und subjektiven Schwierigkeiten die Zukunft Israels und seine Stellung in der Familie der aufgeklärten Nationen von unserer Fähigkeit abhängig sein wird, das Gelöbnis unserer Gründungsväter, wie es in der Unabhängigkeitserklärung für immer festgehalten ist, zu erfüllen.

Ich bin seit jeher der Meinung, dass es für den jüdisch-arabischen Konflikt weder eine militärische noch eine moralische oder strategische Lösung gibt. Weil aber eine Lösung unumgänglich ist, frage ich mich: Warum noch warten? Aus diesem Grund gründete ich mit meinem verstorbenen Freund Edward Said einen Workshop für junge Musiker aus allen Ländern des Nahen Ostens, Juden und Arabern.

Obwohl Musik Kunst ist, darf Musik nicht ihre Grundsätze in Frage stellen, und auf der anderen Seite ist Politik die Kunst des Kompromisses. Aber wenn die Politik über die Grenzen der Gegenwart hinausblickt und sich um die höheren Ziele des Möglichen bemüht, wird sie dort die Musik wiederfinden. Musik ist die Kunst dessen, was die Imagination erschaffen kann, eine Kunst frei von allen mit Worten aufgezwungenen Grenzen, eine Kunst, die bis in die Tiefen der menschlichen Existenz vordringt, und eine Kunst von Klängen, die alle Grenzen sprengt. Als solche kann die Musik die Gefühle und die Phantasie von Israelis und Palästinensern in neue, bisher undenkbare Welten führen. Deshalb habe ich beschlossen, das mit dem Preis verbundene Geld für Projekte der Musikerziehung in Israel und Ramallah zur Verfügung zu stellen.

Ich danke Ihnen.

Mit einer Retourkutsche der Ideologen und Fundamentalisten war zu rechnen; sie kam, fiel aber dürftig und plump aus. Noch während Barenboims Rede gab es im Parlament Tumulte, bei denen sich unverständlicherweise Israels Präsident Moshe Katsav und - erwartungsgemäß - ganz besonders die Erziehungsministerin Limor Livnat unrühmlich hervortaten. Da sie allerdings gegen Barenboims Fragen keine Argumente vorbringen konnten, versuchten sie es mit der sophistischen Verdrehung, Barenboim sei ein "Provokateur" und habe "Israel attackiert" - die in diesem Pauschalvorwurf derzeit oft versteckte Absurdität, er sei daher auch antisemitisch, verkniffen sie sich. 

Barenboims Entgegnung an Katsav und Livnat war ebenso schlicht wie überzeugend: "Ich habe nicht Israel attackiert, sondern einfach nur die Unabhängigkeitserklärung zitiert und rhetorische Fragen gestellt. Sie haben entschieden, das anders zu interpretieren." Gegenüber Ha'aretz und Jerusalem Post erklärte Barenboim später, wenn es provokativ sei, Israels Unabhängigkeitserklärung zu zitieren, "dann bin ich stolz darauf, ein Provokateur zu sein". 

(Übersetzung der englischen Fassung der Barenboim-Rede; siehe auch Compass)

T:I:S, 27. September 2005  

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