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Lob des
Müßiggangs
Ich möchte [.
.] in vollem Ernst erklären, dass in der heutigen Welt sehr viel Unheil
entsteht aus dem Glauben an den überragenden Wert der Arbeit an sich, und dass
der Weg zu Glück und Wohlfahrt in einer organisierten Arbeitseinschränkung zu
sehen ist [...] Dank der modernen Technik brauchte heute Freizeit und Muße, in
gewissen Grenzen, nicht mehr das Vorrecht kleiner bevorzugter
Gesellschaftsklassen zu sein, könnte vielmehr mit Recht gleichmäßig allen
Mitgliedern der Gemeinschaft zugute kommen. Die Moral der Arbeit ist eine
Sklavenmoral, und in der neuzeitlichen Welt bedarf es keiner Sklaverei mehr [...
] Der Krieg hat zwingend
bewiesen, dass sich moderne Völker durch wissenschaftlich organisierte
Produktion auf der Basis eines geringen Teils der tatsächlichen Arbeitskapazität
der neuzeitlichen Welt angemessen versorgen lassen. Hätte man nach Kriegsende
die wissenschaftliche Organisation, die geschaffen worden war, um die Menschen für
die Front und die Rüstungsarbeiten freizustellen, beibehalten und die
Arbeitszeit auf vier Stunden herabgesetzt, dann wäre alles gut und schön
gewesen. Statt dessen wurde das alte Chaos wiederhergestellt; diejenigen, deren
Leistungen gefragt waren, mussten viele Stunden arbeiten, und der Rest durfte
unbeschäftigt bleiben und verhungern. Warum? Weil Arbeit Ehrensache und Pflicht
ist und der Mensch nicht gemäß dem Wert dessen, was er produziert hat, bezahlt
werden soll, sondern entsprechend seiner tugendhaften Tüchtigkeit, die in
rastlosem Fleiß ihren Ausdruck findet [...] Der Gedanke, dass die
Unbemittelten eigentlich auch Freizeit und Muße haben sollten, hat die Reichen
stets empört. Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war ein fünfzehnstündiger
Arbeitstag für den Mann das Normale; Kinder arbeiteten zuweilen ebenso lange
und sehr häufig zwölf Stunden täglich. Als vorwitzige Wichtigtuer darauf
hinwiesen, dass das doch eigentlich eine recht lange Arbeitszeit sei, wurde
ihnen erklärt, die Arbeit hindere die Erwachsenen daran, sich zu betrinken, und
die Kinder, Unfug zu treiben [...] Ich höre noch eine alte Herzogin sagen: »Was
wollen denn die Habenichtse mit Freizeit anfangen? Arbeiten sollen sie!«
So offen äußern sich die Leute heute nicht mehr, aber die Gesinnung ist noch
die gleiche geblieben und hat weitgehend unsere chaotische Wirtschaftslage
verschuldet [...] Wenn auf Erden niemand mehr
gezwungen wäre, mehr als vier Stunden täglich zu arbeiten, würde jeder
Wissbegierige seinen wissenschaftlichen Neigungen nachgehen können, und jeder
Maler könnte malen, ohne dabei zu verhungern, und wenn seine Bilder noch so gut
wären. Junge Schriftsteller brauchten nicht durch sensationelle Reißer auf
sich aufmerksam zu machen, um wirtschaftlich unabhängig zu werden, dass sie die
monumentalen Werke schaffen können, für die sie heute, wenn sie endlich so
weit gekommen sind, gar keinen Sinn und keine Kraft mehr haben. Menschen, die
sich als Fachleute für eine besondere wirtschafts- oder staatspolitische Phase
interessieren, werden ihre Ideen entwickeln können, ohne dabei im luftleeren
akademischen Raum zu schweben, was der Arbeit der Volkswirtschaftler an den
Universitäten so häufig einen wirklichkeitsfremden Anstrich gibt. Die Ärzte
werden Zeit haben, sich mit den Fortschritten auf medizinischem Gebiet vertraut
zu machen, die Lehrer werden sich nicht mehr erbittert bemühen müssen, mit routinemäßigen
Methoden Dinge zu lehren, die sie in ihrer Jugend gelernt und die sich in der
Zwischenzeit vielleicht als falsch erwiesen haben. Vor allem aber wird es wieder Glück und Lebensfreude geben, statt der nervösen Gereiztheit, Übermüdung und schlechten Verdauung. Man wird genug arbeiten, um die Muße genießen zu können, und doch nicht bis zur Erschöpfung arbeiten müssen. Wenn die Menschen nicht mehr müde in ihre Freizeit hineingehen, dann wird es sie auch bald nicht mehr nach passiver und geistloser Unterhaltung verlangen [...] Die normalen Männer und Frauen werden, da sie die Möglichkeit haben, ein glückliches Leben zu führen, gütiger und toleranter und anderen gegenüber weniger misstrauisch sein. Die Lust am Kriegführen wird aussterben, teils aus diesem Grunde und teils, weil Krieg für alle lang dauernde, harte Arbeit bedeuten würde. Guten Mutes zu sein, ist die sittliche Eigenschaft, deren die Welt vor allem und am meisten bedarf und Gutmütigkeit ist das Ergebnis von Wohlbehagen und Sicherheit, nicht von anstrengendem Lebenskampf. Mit den modernen Produktionsmethoden ist die Möglichkeit gegeben, dass alle Menschen behaglich und sicher leben können; wir haben es statt dessen vorgezogen, dass sich manche überanstrengen und die andern verhungern. Bisher sind wir noch immer so energiegeladen arbeitsam wie zur Zeit, da es noch keine Maschinen gab; das war sehr töricht von uns, aber sollten wir nicht auch irgendwann einmal gescheit werden? Bertrand Russell, Lob des Müßiggangs. Zitiert nach: Wolfgang Schneider, Die Enzyklopädie der Faulheit. Frankfurt am Main ²2004. S. 93-95. T:I:S, 1. April 2004
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