Bosporus

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Thomas Immanuel Steinberg 

Blockade am Bosporus 

Umweltschützer machen Engpaß der eurasischen Ölroute vorübergehend dicht – in wessen Interesse?

 

Mit tausend Booten blockierten am Sonntag türkische Umweltschützer für eine Stunde den Bosporus. Täglich werden drei Millionen Barrel Öl per Tankschiff durch die Meerenge zwischen beiden Teilen Istanbuls geschleust. Ein Unglück würde zehn Millionen Istanbuler und die Umwelt in Gefahr bringen. Die Tanker nehmen mehrtägige Wartezeiten in Kauf, um durch den Engpaß der eurasischen Ölroute vom Schwarzen Meer ins Mittelmeer zu gelangen.

Foto: US Energy Information Administration

Interessant ist der Zeitpunkt des Protests. Gerade wurde die Baku-Tbilisi-Ceyhan-Pipeline (BTC-Leitung) eröffnet. In wenigen Monaten werden bis zu einer Million Barrel Öl aus der kaspischen Region und aus Aserbaidschan durch die BTC-Leitung nach Ceyhan am Mittelmeer fließen , ohne den Bosporus zu belasten. Die Pipeline wurde von einem Konsortium unter Führung von BP Amoco gebaut und durchquert Aserbaidschan, Georgien und die Türkei. Alle drei Länder profitieren dankt Durchleitungsgebühren vom Bau. Am meisten wird die Türkei kassieren.

Das kasachische Öl fließt hingegen zur Zeit durch die CPC-Pipeline des Caspian-Pipeline-Konsortiums zum russischen Noworossisk. Von dort müssen zur Zeit täglich 500000 Barrel Öl per Tanker über das Schwarze Meer durch den Bosporus transportiert werden. Denn weder die Bosporus-Umgehung unter US-Regie – die sogenannte AMBO-Pipeline durch Bulgarien, Mazedonien und Albanien – noch die russisch inspirierte Route von Bulgarien nach Alexandroupolis an der griechischen Mittelmeerküste sind durchfinanziert, geschweige denn im Bau. An der kasachisch-russischen CPC-Pipeline sind Chevron (zuvor Chevron Texaco) und ExxonMobil beteiligt. Die Mehrheit halten Kasachstan und Rußland.

Die Umweltschützer handelten womöglich im Einklang mit offiziellen türkischen Stellen. Hasan Akgun, Bürgermeister eines Bezirks von Istanbul, erklärte der Nachrichtenagentur Anatolia zufolge, die Demonstrationen sollten fortgesetzt werden, »bis klar ist, daß der Bosporus keine Ölleitung ist«. 

Der Artikel ist in der jungen Welt erschienen. 

T:I:S, 15. Juni 2005

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