Bekenntnis

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Ethnie und Bekenntnis - Eine Antwort

18. Juni 2003

Lieber Gerhard,  

Du fragst, ob man die Juden als Ethnie bezeichnen darf. Ich finde ja, und ich will es erläutern.  

Begriffe sortieren und gruppieren Entitäten. Manche eignen sich, andere taugen nichts. Aber alle Begriffe werden gemacht, genauer, sind Konstrukte. Besonders auffällig ist das bei gesellschaflich bedeutsamen Begriffen, wie Großbourgeois, Volk, Klasse, Amish People, Hottentott, Zigeuner, Familie.  

Der Begriff „Rasse“ ist auch so ein Begriff. Er gruppiert Leute nach physischen Merkmalen. Kriminalisten tun sowas: Sie fragen z.B., welcher Rasse ein Mordopfer angehörte, damit sie es identifizieren können. Bevor der Rassismus aufkam, bezeichnete „Race“ manchmal die Leute aus Glücksburg, manchmal die englische Gentry. Der Begriff war weniger physisch als sozial gemeint, nicht physisch sondern sozial „konstruiert“.  

Ethnie ist die konstruierte Antwort darauf, daß es Bevölkerungsteile gibt, die weder physisch, noch sprachlich, noch religiös durchgängige Gemeinsamkeiten aufweisen und trotzdem als zusammengehörig gesehen werden und sich selbst auch als zusammengehörig verstehen. Genau das ist bei Juden der Fall. „Ethnie“ ist also ein ganz guter Oberbegriff für das, was Juden sind.  Oder Zigeuner, die sich in Deutschland heute Sinti nennen oder Roma. Sie zählen sich zum einen oder zum andern. Sie bekennen sich – in Deutschland – nicht als Zigeuner, sondern als Roma oder Sinti.  

Was hat es mit dem Bekenntnis auf sich? Als Beispiel sollen die Juden dienen.  

„Jude“ ist das gesellschaftliches Konstrukt par excellence. Heute dürfen nach Israel alle einwandern, die einen jüdischen Großelternteil haben. Das liegt daran, daß die Nazis diese und alle mit höherem jüdischem Anteil verfolgt haben. Die Nazis haben den jüdischen Anteil allerdings nicht an physischen Merkmalen festgemacht, das konnten sie auch nicht, sondern am Bekenntnis der Großeltern, der Eltern oder des Deutschtumskandidaten selbst.  

Wer sich zum Judentum bekannte, oder zu einem jüdischen Ehepartner, oder wer Eltern- oder Großelternteile jüdischen Bekenntnisses hatte, wurde diskriminiert. Das war der Kern der Nazidefinition von „Jude“: das eigene Bekenntnis und das Bekenntnis der Vorfahren – sozusagen wegen des Verdachts der „heimlichen“ Bekennerschaft zum Judentum aus dem Verwandtschaftsverhältnis heraus. Die Nazis haben genauso gehandelt wie die Spanier nach 1492: Auch diese haben die konvertierten Juden und deren Nachfahren, die Marranen, verfolgt – wegen des Verdachts heimlichen Bekenntnisses. Dabei gab es manchmal tatsächlich ein heimliches Bekenntnis in (heimlich praktizierten) Eßriten , Gebeten o.ä., womit dann die christlichen Spanier die Verfolgung rechtfertigten.  

Ähnlich konstruieren sich die Juden heute: Sie bekennen sich, oder auch nicht. Letzteres aber eher selten, da die Nazis massenmörderisch bewiesen haben, daß individuelle Abkehr vor der eigenen Vernichtung nicht schützt.  

Judentum ist also ganz gut als ein Bekenntnis zu bezeichnen. Das Wort „Ethnie“ für Juden tut’s indes auch: Denn kein Bekenntnis ohne materielle Zeichen, wie Nahrung, Kleidung, Traditionspflege oder Familienbezug. Auch das Bekenntnis / die Ethnienzugehörigkeit folgt der Weisheit: Keine Bedeutung ohne Ereignis, kein Ereignis ohne Bedeutung. Analytisch können Bedeutung und Ereignis getrennt werden. Auftreten tun sie jedoch nur gemeinsam. Sich den Mantel von rechts nach links knöpfen, bedeutet bei den Chassiden (ethnische) Zugehörigkeit. Das Ereignis des Rechtsknöpfens hat die Bedeutung: Ich bin Chasside. Ich bekenne mich dazu.  

Ich hoffe, Dir geholfen zu haben.

Herzlichst, T:I:S

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