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Johannes E. S. Schmidt:

Die Französische Domschule und das Französische Gymnasium zu Berlin. Schülererinnerungen 1848-1861. Herausgegeben und kommentiert von Rüdiger R. E. Fock. Schriften zur Kulturgeschichte, Bd. 6. Verlag Dr. Kovač, Hamburg 2008, 174 Seiten, ISBN: 978-3-8300-3478-0

T:I:S, 22. November 2007

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Thomas Immanuel Steinberg 

Das Französische Gymnasium - eine moralische Anstalt 

Das Französische Gymnasium wurde 1689 unter Friedrich III. von Brandenburg, dem Sohn des Großen Kurfürsten, als Lateinschule für die Kinder der wertvollen Hugenotten in Berlin errichtet. Es erlangte den Ruf einer Eliteschule und bewahrt ihn bis heute. 

Der Redner des Abiturjahrgangs 1996 beklagte hierarchische und autoritäre Strukturen am Französischen Gymnasium, doch auch Toleranz habe er üben gelernt. Ich blickte auf meine Schulzeit am Französischen Gymnasium zurück und stellte fest: Offenbar hat sich weder an den Strukturen etwas geändert, noch an deren Bemäntelung. 

Es begann 1955 mit Selektion. Der deutsche Direktor, Dr. Paul Hartig, war einst als Anglist gegen das perfide Albion zu Felde gezogen. Bei der Aufnahmeprüfung konnte ich ihm nicht sagen, wieviel zwölf mal zwölf ist. Ich wurde trotzdem aufgenommen, hatte sich doch mein Vater 1945 um die Wiederzulassung des Französischen Gymnasiums bei der damals zuständigen sowjetischen Besatzungsmacht verdient gemacht. Inzwischen stand die Schule im französischen Sektor. 

Als Siebtkläßler durften wir uns schon wie kleine Sieger fühlen. Frau Dr. Prestien, genannt „die Presse“, hatte ihren Weg mit Abgängerleichen aus den niederen Ständen  gepflastert. Unsere Arroganz ob der erworbenen Französischkenntnisse ergoß sich täglich über Schaffner und Fahrgäste bei der Rückkehr in die beaux quartiers. 

Bald lehrte uns der stellvertretende deutsche Direktor, Herr Links, er sei der Einzige in Deutschland, der Biologie in französischer Sprache unterrrichten könne. Niemand werde ihn von seinem Posten vertreiben. Jürgen Unger, in meiner Erinnerung ein gedrückter Knabe, mußte jede zweite Biologiestunde seine leidlich erworbenen Kenntnisse unter Beweis stellen und bekam dann doch nur eine „4“. Ich dagegen, wendig-agressiver Sonnenschein, durfte den Weg des bol alimentaire durch unbegriffene Körperteile mit Butterbrotpapier abpausen – alle andern mußten wirklich zeichnen – denn ich war „2“; mein Vater war höherer Beamter bei dem Senator, der über die weitere Karriere von Herrn Links entschied. 

Wir haben uns nicht gewehrt, nicht einmal gegen Herrn Dr. Babin, wenn er über die dummen Russen in Workuta schwadronierte. Auch nicht gegen den französischen Proviseur Meyer, der kleinmütige Rezitatoren von „Le chêne et le roseau“ so zusammenfaltete, daß sie in die Hose machten. 

Sportlehrer Schultze-Dietls „Wir sind doch hier nicht in der Judenschule“ ging eine ganze Weile unbeanstandet durch. Und bis Herr Dr. Gewande, mehr Antisemit als Rudolf Augstein und Gräfin Döhnhoff zusammen, schließlich ging, bedurfte es jahrelanger elterlicher minoritärer Anstrengung. 

Einmal wollten zwei ältere Mitschüler, Jörg-Otto Spiller und Claas Fock, den antikommunistischen Gleichklang vorsichtig dämpfen und einen Artikel über 10 Jahre DDR in der Schülerzeitung „Notre Parole“ veröffentlichen. Direktor Dr. Hartig trieb ihnen die Flausen schnell aus – mit der Androhung der Verweisung von der Schule.

Von 30 Fünftkläßlern unterschiedlicher Herkunft blieben zum Abitur in der Section allemande neun übrig. Von den Vätern waren zwei Ärzte, je einer Rechtsanwalt, Lehrer, Professor und Bibliotheksdirektor. 

Autoritarismus, Klassen- und Standesdünkel, Antisemitismus, Nationalismus und wilder Antikommunismus schlossen aber ständiges Reden von Toleranz nicht aus. Auch ich habe 1964 im Namen meiner Klasse in der Abiturrede behauptet und gewünscht, „que la tolérance règne au Collège Français“. Heute meine ich:  Was da seit dem Großen Kurfürsten als Toleranz daherkommt – „Bespuck’ die Tochter vom Außenminister von Dahomey nicht, sie hat halt braune Haut“ – folgt immer dem gleichen Muster: Verwertbares darf sein. Der Wertträger hat Schlitzaugen? Das tolerieren wir. Der Wertträger meidet treifes Geschirr? Wir bleiben tapfer. Mit der Verwertbarkeit ist's nicht weit her? Oh, tut uns leid.

Es geht mir um die Struktur der Anstalt. Unter den Wärtern gab es Ausnahmen. Eine war Rudi Müller. 1962 inszenierte er an der Schule die „Verkehrte Welt“ des Aufklärungskritikers Ludwig Tieck. Aus dem Off ließ er Friedrich Schiller scheppern: „Das-The-a-ter – eine-mo-ra-lische-An-stalt“. Immer wieder.

Die eigne, unsere Anstalt war gemeint.

(Hamburg 1997, Ergänzungen 2004) 

T:I:S, 25. Dezember 2004 

Französisches Gymnasium Berlin

Lycée franco-allemand de Berlin

Lycée français de Berlin 

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