|
Steinberg Recherche eMail an SR Referent Texte 2007 Texte 2006 Texte 2005 Texte 2004 Texte bis 2003 Karten Bilder Inhalt Home
Johannes E. S. Schmidt:Die Französische Domschule und das Französische Gymnasium zu Berlin. Schülererinnerungen 1848-1861. Herausgegeben und kommentiert von Rüdiger R. E. Fock. Schriften zur Kulturgeschichte, Bd. 6. Verlag Dr. Kovač, Hamburg 2008, 174 Seiten, ISBN: 978-3-8300-3478-0 T:I:S, 22. November 2007 *Thomas Immanuel SteinbergDas Französische Gymnasium - eine moralische Anstalt
Das Französische Gymnasium wurde 1689 unter Friedrich III. von Brandenburg, dem Sohn des Großen Kurfürsten, als Lateinschule für die Kinder der wertvollen Hugenotten in Berlin errichtet. Es erlangte den Ruf einer Eliteschule und bewahrt ihn bis heute. Der Redner des Abiturjahrgangs 1996 beklagte hierarchische
und autoritäre Strukturen am Französischen Gymnasium, doch auch Toleranz habe
er üben gelernt. Ich blickte auf meine Schulzeit am Französischen Gymnasium
zurück und stellte fest: Offenbar hat sich weder an den Strukturen etwas geändert,
noch an deren Bemäntelung. Es begann 1955 mit Selektion. Der deutsche Direktor, Dr.
Paul Hartig, war einst als Anglist gegen das perfide Albion zu Felde gezogen.
Bei der Aufnahmeprüfung konnte ich ihm nicht sagen, wieviel zwölf mal zwölf
ist. Ich wurde trotzdem aufgenommen, hatte sich doch mein Vater 1945 um die
Wiederzulassung des Französischen Gymnasiums bei der damals zuständigen
sowjetischen Besatzungsmacht verdient gemacht. Inzwischen stand die Schule im
französischen Sektor. Als Siebtkläßler durften wir uns schon wie kleine Sieger
fühlen. Frau Dr. Prestien, genannt „die Presse“, hatte ihren Weg mit Abgängerleichen
aus den niederen Ständen gepflastert.
Unsere Arroganz ob der erworbenen Französischkenntnisse ergoß sich täglich über
Schaffner und Fahrgäste bei der Rückkehr in die beaux quartiers. Bald lehrte uns der stellvertretende deutsche Direktor,
Herr Links, er sei der Einzige in Deutschland, der Biologie in französischer
Sprache unterrrichten könne. Niemand werde ihn von seinem Posten vertreiben. Jürgen
Unger, in meiner Erinnerung ein gedrückter Knabe, mußte jede zweite
Biologiestunde seine leidlich erworbenen Kenntnisse unter Beweis stellen und
bekam dann doch nur eine „4“. Ich dagegen, wendig-agressiver Sonnenschein,
durfte den Weg des bol alimentaire durch unbegriffene Körperteile mit
Butterbrotpapier abpausen – alle andern mußten wirklich zeichnen – denn ich
war „2“; mein Vater war höherer Beamter bei dem Senator, der über die
weitere Karriere von Herrn Links entschied. Wir haben uns nicht gewehrt, nicht einmal gegen Herrn Dr.
Babin, wenn er über die dummen Russen in Workuta schwadronierte. Auch nicht
gegen den französischen Proviseur Meyer, der kleinmütige Rezitatoren von „Le
chêne et le roseau“ so zusammenfaltete, daß sie in die Hose machten. Sportlehrer Schultze-Dietls „Wir sind doch hier nicht in
der Judenschule“ ging eine ganze Weile unbeanstandet durch. Und bis Herr Dr.
Gewande, mehr Antisemit als Rudolf Augstein und Gräfin Döhnhoff zusammen,
schließlich ging, bedurfte es jahrelanger elterlicher minoritärer Anstrengung. Einmal wollten zwei ältere Mitschüler, Jörg-Otto Spiller und Claas Fock, den antikommunistischen Gleichklang vorsichtig dämpfen und einen Artikel über 10 Jahre DDR in der Schülerzeitung „Notre Parole“ veröffentlichen. Direktor Dr. Hartig trieb ihnen die Flausen schnell aus – mit der Androhung der Verweisung von der Schule. Von 30 Fünftkläßlern unterschiedlicher Herkunft blieben
zum Abitur in der Section allemande neun übrig. Von den Vätern waren zwei Ärzte,
je einer Rechtsanwalt, Lehrer, Professor und Bibliotheksdirektor. Autoritarismus, Klassen- und Standesdünkel,
Antisemitismus, Nationalismus und wilder Antikommunismus schlossen aber ständiges
Reden von Toleranz nicht aus. Auch ich habe 1964 im Namen meiner Klasse in der
Abiturrede behauptet und gewünscht, „que la tolérance règne au Collège
Français“. Heute meine ich:
Was da seit dem Großen Kurfürsten als Toleranz daherkommt –
„Bespuck’ die Tochter vom Außenminister von Dahomey nicht, sie hat halt
braune Haut“ – folgt immer dem gleichen Muster: Verwertbares darf sein. Der
Wertträger hat Schlitzaugen? Das tolerieren wir. Der Wertträger meidet treifes
Geschirr? Wir bleiben tapfer. Mit der Verwertbarkeit ist's nicht weit her?
Oh, tut uns leid. Es geht mir um die
Struktur der Anstalt. Unter den Wärtern gab es Ausnahmen. Eine war Rudi Müller.
1962 inszenierte er an der Schule die „Verkehrte Welt“ des Aufklärungskritikers
Ludwig Tieck. Aus dem Off ließ er Friedrich Schiller scheppern:
„Das-The-a-ter – eine-mo-ra-lische-An-stalt“. Immer wieder. Die eigne, unsere Anstalt war gemeint. (Hamburg 1997, Ergänzungen
2004) T:I:S, 25. Dezember 2004 Französisches Gymnasium BerlinLycée franco-allemand de BerlinLycée français de Berlin*Steinberg Recherche Referent Texte 2007 Texte 2006 Texte 2005 Texte 2004 Texte bis 2003 Karten Bilder Inhalt Home nach oben
URL dieser Seite: http://www.steinbergrecherche.com/collegefrancais.htm |