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Thomas Immanuel
Steinberg
Davidstern
Im Foltergefängnis Abu Ghraib zeigt
ein Mann in Dienstuniform seinen tätowierten Oberarm. Zu erkennen sind ein
Skorpion mit aufgestelltem Stachel und die israelische Fahne mit dem Davidstern.
Das Foto dieser Szene kam nicht auf die Titelseite der New York Times.
Counterpunch veröffentlichte es.
Der Anblick hat mich sehr bedrückt. Warum?
Meine Familie
Meine Mutter war Jüdin, ihr Vater hat im KZ Buchenwald gelitten. Der eine
Bruder flüchtete mit sechzehn nach England und wurde dort als feindlicher Ausländer
interniert. Der andere litt im KZ Theresienstadt, die Schwester im Arbeitslager.
Auch der Vater meines Vaters war Jude. Eine meiner Urgroßmütter, zwei Großonkel
und zwei Großtanten wurden im KZ Auschwitz ermordet.
Meine Eltern haben den Nazi-Terror überlebt, und ich konnte im August 1945
geboren werden. Ich besuchte in Berlin das Französische Gymnasium. Das war die
Schule mit dem größten Anteil jüdischer Schülerinnen und Schüler. Ich habe
dort, und vor allem in den Ferien, mit Feuereifer Französisch gelernt, später
auch Englisch, denn meine Eltern warnten mich: Eines Tages könnte ich gezwungen
sein, vor deutschen Antisemiten zu fliehen und im Ausland unterzutauchen. Israel
hatte ich als Fluchtort im Blick, zumal entfernte Verwandte und Freunde meiner
Eltern dort Zuflucht gefunden hatten. Allerdings war ich seit der Pubertät
nicht mehr religiös. Ich habe anderthalb Jahre meines Lebens in den USA
verbracht und mich mit Juden zusammen gegen den US-amerikanischen Rassismus und
den Vietnam-Krieg eingesetzt. In Deutschland war ich dreizehn Jahre lang
Mitglied einer Partei, die politische Heimstatt war für zahlreiche jüdische
Widerstandskämpfer und Verfolgte des Nazi-Regimes. Meine Tochter hat in Hamburg
in einem Judaica-Verlag gearbeitet und in Berlin im Jüdischen Museum.
Die Politik Israels
Auf der Grundlage des Tagebuchs von Moshe Sharett, dem israelischen Außenminister
von 1948 bis 1956 und zeitweiligen Ministerpräsidenten, hat Livia Rokach, die
Tochter des Innenministers unter Sharett, beschrieben, was die israelischen
Politiker während meiner Kindheit und ihrer Jugend trieben. Das Ziel war, wie
man auch bei den israelischen Autoren Michel Warschawski oder Ran HaCohen
nachlesen kann, Israels Herrschaft auf
Kosten aller Nachbarländer auszudehnen, zum Schaden der fremden und der eigenen
Bevölkerung. Dasselbe Ziel verfolgt die israelische Politik bis heute. Sie
unterdrückt, quält und mordet. Damit stachelt sie nicht-jüdische In- und Ausländer
zu Handlungen auf, die als Rechtfertigung für weitere Ausdehnung herhalten können.
Die Israel-Politik der USA
Die USA haben Israels politische Ziele gefördert und fast immer seine Mittel
gebilligt. Heute unterscheidet sich die Politik der US-Regierung von der Israels
nicht mehr: Hohe Verwaltung, Massenorganisationen und Mehrheitspresse verfolgen
in beiden Ländern die gleiche Linie. US-amerikanische Juden arbeiten Seite an
Seite mit notorisch antisemitischen Evangelikalen und Skull &
Bones-Korporierten an der Ausdehnung Israels und des US-amerikanischen
Imperiums.
Die Wirkung der israelisch-US-amerikanischen Politik
Die Mehrheitspolitik der USA und Israels weckt Haß. Teilweise bleibt der Haß
stumm, manchmal wird er laut und gewalttätig, sowohl im eigenen
Herrschaftsgebiet wie außerhalb. Der Haß
richtet sich nach und nach nicht allein gegen die Politiker und ihre Politik,
sondern mehr und mehr auch gegen US-Amerikaner und Israelis allgemein. Da nicht
nur US-amerikanische Juden, sondern auch große jüdische Verbände, wie der
französische Zentralrat der jüdischen Organisationen, CRIF, die
israelisch-US-amerikanische Politik unterstützen, werden
die Juden allgemein wieder zur Zielscheibe der Kritik und des Hasses. Zum
Glück sind die jüdischen Gegner der israelischen und der US-amerikanischen
Politik nicht mundtot. Sie können den jüdischen
und nicht-jüdischen Greueltätern ebenso entgegen treten wie Nicht-Juden.
Der Antisemitismus ist verbreitet, in Deutschland, in Polen, in Rußland, auch
in den USA. Antisemitismus ist ein Defekt der Antisemiten, nicht der Juden.
Zugleich empört die israelisch-US-amerikanische Politik jeden, der hinschaut.
Besonders unter den nicht-jüdischen Anhängern des US-Imperialismus läßt sich
der Antisemitismus leicht für politische Zwecke revitalisieren. Die
Herrschenden werden sich nicht scheuen, „den Juden dem Neger zum Fraß“
hinzuwerfen, wie Jean Améry bemerkte. Sie können Israelis und Juden fallen
lassen, ebenso, wie sie ihnen heute Platz gewähren.
Denn der Judenhaß sitzt tief. Jeden Tag, den die USA und Israel länger
mordbrennend den Irak „demokratisieren“ und
je länger die Palästinenser gequält
werden, an jedem dieser Tage wächst der Stoff, aus dem der
Antisemitismus sich sein Rechtfertigungsmäntelchen schneidert. Und dann
krempelt ein israelischer Gefängniswärter, Dolmetscher oder Folterer in Abu
Ghraib den Ärmel hoch und zeigt stolz den eintätowierten Davidstern.
Wenn
der Antisemitismus wieder aufflammt und Juden in die Flucht schlägt: Wohin
sollen sie dann fliehen? Israel ist keine Hoffnung, keine Zuflucht und keine mögliche
Heimat mehr.
Counterpunch
Livia Rokach
Warschawski
Ran HaCohen
T:I:S,
28. Mai 2004
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