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Karl-Heinz Dellwo
Die
Bourgeoisie in kleinen Schritten enteignen - und sie merkt es nicht?
"Von
Euch kommt doch seit eh und je immer das gleiche: ‚Die anderen sind nicht so
weit’. Deswegen könnt Ihr denen nicht die Wahrheit sagen, also daß wir einen
Systemwechsel brauchen, denn das würde sie verschrecken, obwohl Ihr ja
insgeheim selber der Meinung seid, so jedenfalls in den Diskussionsaussagen, daß
dieser notwendig ist. Dahinter steht ein taktisches Mobilisierungsmodell, nach
dem man mit kleinen Schritten Verhältnisse schafft, mit denen man dann so
langsam den Systemwechsel schafft."
Es
folgt der Auszug eines Beitrags
von Karl-Heinz Dellwo
zur Hamburger Sozialforums-Debatte, siehe
www.sozialforum-hamburg.de . Zwei
Erläuterungen: Dellwo hatte kürzlich geäußert: „Die deutschen
Gewerkschaften müssen vom Kapital nicht besiegt werden. Sie fressen Scheiße
von alleine.“ Und Dellwo war RAF-Mitglied; er saß zwanzig Jahre im Gefängnis.
Autor: Karl-Heinz
Dellwo (217.114.68.---)
Datum: 08-21-04 01:04
Antwort auf Andreas Grünwald.
... Mein Satz zu den Gewerkschaften hat viel Erregung produziert. Im mündlichen
Vortrag habe ich auch darauf hingewiesen, daß ich an dieser Aussage keine
Freude habe. Ich selber bin seit Jahren Verdi-Mitglied. Ich kann verstehen, wenn
Gewerkschafter sich hier vor den Kopf gestoßen fühlen. Ich hätte natürlich
differenzieren können zwischen einem Gros der Gewerkschaften, insbesondere
einer Führung, die doch längst schon die Logik des Kapitals verinnerlicht hat
und davon persönlich auch profitiert, und einer Gewerkschaftslinken, die um
soziale Grundsätze in der Gesellschaft kämpft. Es ändert aber am Grundsätzlichen
nichts, daß in den Gewerkschaften die gleiche Basislogik vorherrscht wie auf
seiten des Kapitals. Auch erreicht kaum eine Kritik an den Gewerkschaften diese
Qualität der Selbstdenunziation, wie sie von DGB-Chef Sommer oder in Hamburg
von Herrn Pumm ausgedrückt wird, indem sie das ganze sozialpolitische Rollback
der Sozialdemokratie unterstützen durch Nichtstun und Abwiegeln gegen die, die
Widerstand leisten wollen, bzw. kanalisieren, wenn der Daumen nicht mehr
draufgehalten werden kann.
Diese Woche stand im Spiegel, daß „das durchschnittliche Nettogeldvermögen
des reichsten Viertel gegenüber dem ärmsten vom Achtfachen auf das
Zwanzigfache (stieg)“. Darf man das ansprechen als Frage nach dem Erfolg der
Gewerkschaftspolitik?
Ja, ich weiß, die Gewerkschaftslinke erklärt seit 30 Jahren, daß sie die
Gewerkschaftspolitik von innen ändern wollen. Man hört dem nur noch ermüdet
zu. Diese Gewerkschaften, so wie sie heute sind, sind keine Hoffnung, für
niemand. Wo Frau Engelen-Kefer erklären kann, daß die Gewerkschaften „voll
hinter Hartz IV“ stehen, fällt es schwer, nicht drastisch und ausfallend zu
werden. Es gibt auch den Satz, daß man nie so tief sinken sollte, daß man den
Kakao, durch den man gerade gezogen wird (oder sich ziehen läßt) , auch noch
trinkt. Wie soll man das denn nennen, wenn hier die Gewerkschaften als Verband
das sozialpolitische Rollback gleich hektoliterweise reinschlürfen (Beispiel
DaimlerChrysler), um bei diesem Bild zu bleiben?
Inzwischen hat sich die Lage weiter verändert. Nachdem von Beust zur Unterstützung
von Schröder bei der Agenda 2010 aufgerufen hat, können wir so langsam von
einer neuen „Volksfront von oben“ reden, die SPD, Grüne, FDP, CDU-CSU,
Arbeitgeber- und Gewerkschaftsverbände umfasst, alle einig darin, daß man
einen gemeinsamen Kraftakt machen muß, um die Mehrheit der Bevölkerung auf
1-EURO-Jobs einzutrimmen als den realen Bezugspunkt für ihre gesellschaftliche
Anspruchsgröße, wenn auf Grund des eingeleiteten weltweiten Wettrennens im
Lohndumping ihre Jobs hier flöten gehen. Da haben wir die „Solidarität der
Demokraten“ gegen den Rest der Gesellschaft im Verteidigen kapitalistischer
Verhältnisse.
Kaum hatte Herr Pumm gesagt, daß es für den Protest zu spät ist und man nur
noch die Arbeitslosen beraten kann, erklärst Du im Hamburg Journal, daß man
das Gesetz bis hin zur Substanz verändern muß. Damit hattest Du Deinen Schritt
von „Weg mit Hartz IV“ zu „verändern“ vollzogen, um im Gleichklang zu
bleiben mit denen, die in den Führungsetagen der Gewerkschaften gar nicht auf
die Idee kämen, daß eine andere Gesellschaft möglich ist. Das ist doch nur
Deine „ja-aber“-Rhethorik, wenn Du in Deinem Kritiktext erklärst, Du bist
voll gegen Hartz IV und gleichzeitig, daß leider die Mehrheit der Bevölkerung
dafür sei und dies berücksichtigt werden muß. (Inzwischen bist Du wieder bei
„voll gegen Hartz IV“, nachdem Dich die Gewerkschaftsführung mit ihrem
offenen Fahnenwechsel zur grundsätzlichen Bejahung von Agenda 2010 düpiert).
Ich laß es dahingestellt sein, ob das auch wirklich so eine klare
Mehrheitsposition ist. Aber solange die gesamte Systemkritik immanent ist, gibt
es auch gar keine Chance für den Großteil der Gesellschaft, ein Gegenbewußtsein
zu den herrschenden Verhältnissen und die Vorstellung von Alternativen zu ihnen
zu entwickeln. Von Euch kommt doch seit eh und je immer das gleiche: ‚Die
anderen sind nicht so weit’. Deswegen könnt Ihr denen nicht die Wahrheit
sagen, also daß wir einen Systemwechsel brauchen, denn das würde sie
verschrecken, obwohl Ihr ja insgeheim selber der Meinung seid, so jedenfalls in
den Diskussionsaussagen, daß dieser notwendig ist. Dahinter steht ein
taktisches Mobilisierungsmodell, nach dem man mit kleinen Schritten Verhältnisse
schafft, mit denen man dann so langsam den Systemwechsel schafft.
Ich glaube weder daran, daß man die Bourgeoisie enteignen kann mit kleinen
Schritten, ohne daß sie das merkt, oder Gewerkschafter, Arbeiter, Masse,
Mehrheit, wie immer man das fassen will, für sie unbemerkt zu einem
Systemwechsel bringen kann.
Zitat:
„Veränderung hat leider keine Anhänger, sie findet nicht aus Einsicht oder
Vernunft statt. Das einzig zwingende Argument für Veränderung ist die Not. Und
die zweite Wahrheit ist: Sie können nicht in homöopathischen Dosen verändern;
Sie können nicht den Arm in fünf gestreckten Operationen amputieren, nur damit
dem Patienten nichts auffällt.“
( Hemjö Klein, ex-Vorstand bei Bundesbahn und Lufthansa über seine
Leitgedanken zitiert aus: brandeins, Heft 6/04).
Ich habe das Zitat von Klein in diese Auseinandersetzung eingeführt, weil es
das Bewußtsein des Angriffs von oben nach unten ausdrückt. In der Tat ist der
EIN-EURO-JOB keine „homöopathische Dosis“ mehr. Danach weiß der
„Patient“, daß das, was ihm selbstverständlich war, für immer weg ist. Wo
die Not des EIN-EURO-JOB allgemein erfahrbar hergestellt ist, wird sich in
Zukunft der ZWEI-EURO-JOB als neues Regelarbeitsverhältnis als „nochmal vom
schlimmsten davongekommen“ vermitteln. Das ist nichts anderes als das
Durchsetzen einer neuen sozialpolitischen Richtschnur im Alltagsbewußtsein der
Gesellschaft. Sie halten uns für Hunde, die man prügeln muß, damit wir die
von ihnen gesetzten Grenzen respektieren. Das ist ihr Verhältnis zu der Masse
und so besprechen sie das untereinander. Daraus kommt jetzt auch der gemeinsame
Schulterschluß in der „konzertierten Aktion“ (Wirtschaftsminister Schiller
1968, oder: Die Einheitsfront von oben singt und spielt wie das Kapital
dirigiert). Genauso wie das besitzende Bürgertum zum Anfang der
kapitalistischen Entwicklung Arbeitshäuser eingesetzt hat, um aus den
renitenten freien Gesellen Fabrikarbeiter zu machen, so kommt das imperiale Bürgertum
heute mit neuen kollektiven Erziehungsmethoden an, um die Masse der von der
Produktion Ausgesonderten an ein erbärmliches Lebensniveau anzupassen. Ich kann
nicht nachvollziehen, wieso das für Euch unabhängig aller politischen
Differenzen nicht selber unerträglich ist, wieso ihr auf diesen zentralen
Angriff des Kapitals nicht selber antwortet mit einer offensiven Mobilisierung für
einen Systemwechsel, denn eines gilt, da haben sie durchaus recht: Auf dem sich
als einen Markt herausgebildeten Weltmarkt ist die privilegierte Situation für
einen großen Teil der Menschen in der Metropole nicht mehr haltbar. Für sie
gilt in Zukunft ebenso das, was schon längst für viele in anderen Teilen der
Welt Realität ist.
Der Unterschied zwischen Metropolen und „Dritter Welt“ löst sich auf. Hier
finde ich es überraschend, daß Du mir unsere alte Analyse aus den 70er Jahren
über die Ungleichzeitigkeit der Entwicklung vorhältst, die in Deiner
Darstellung dann auch noch zur Begründung für das Verteidigen von nationalen Lösungen
wird. Auch dem widerspreche ich: Wir nähern uns einer Gleichzeitigkeit der
Entwicklung in immer größeren Teilen der Welt an. Das ist die Basis, auf der
das Kapital alles ersetzen und mit seiner Produktion von hier nach da ziehen und
in der Niedriglohnkonkurrenz die Massen weltweit gegeneinander ausspielen kann.
Kohl hat 1982 die „geistig-moralische Wende“ eingeleitet. Auf dieser Basis
wird unter Führung der SPD durch die „Volksfront von oben“ die bisherige
sozialpolitische Normalität durchschlagen.
Du schreibst, daß Du mich nicht kritisierst, weil ich den Kapitalismus
kritisiere, sondern weil ich „alle anderen“ ausgrenzen wolle. Ich kann nur
sagen: von mir gibt es keine solchen Papiere wie die von Deinen Bündnispartnern
Christian Schroeppel und Santosh Reichert, die in einem geradezu manisch
entwickeltem Szenario Bunkerveranstaltungen bei Euch vorschlagen, um andere
Vorstellungen als „Störer“ „sicher“ auszugrenzen. Am 12. August waren
neue Leute und Gruppen in die Veranstaltung gekommen, die ich z.B. alle dort zum
ersten Mal kennengelernt habe. Ihr seid in Eurem Ablaufplan (mit Ausnahme von
Christiane Schneider) völlig unfähig gewesen, etwas Neues zu integrieren. Das
ist das Elend von Funktionären, die andere nur verplanen, nie aber mit ihnen
etwas gemeinsam entwickeln können. An dieser Haltung würdet Ihr auch
scheitern, wenn wir nicht mehr da wären.
Du schreibst, ich möchte den anderen das „eigene Ich“, „im Schreibstübchen
des Genossen gezimmert“ aufoktroyieren.
Ich möchte die Diskussion über die RAF hier nicht führen, wäre aber
jederzeit zu einer Auseinandersetzung darüber bereit. Ich kann Dir aber
versichern, daß es keine „Schreibstübchen“ waren, in denen ich und andere
sicher auch mein (unser) eigenes Ich „gezimmert“, oft aber auch nur um unser
Überleben gekämpft habe(n). Du weißt wirklich nicht, von was Du da redest.
Da Du weiter anführst, daß wir uns schon früher geirrt hätten (Na, so
richtig erfolgreich und irrtumslos scheint mir Deine Geschichte auch nicht zu
sein), kann ich nur sagen:
Alle Konzepte der Vergangenheit sind gescheitert. Alle treffen sich auf gleicher
Augenhöhe wieder. Es gibt den Wettstreit der Ideen und von niemand eine
Dominanz. So ist jedenfalls meine Vorstellung.
20. August 2004
Karl-Heinz Dellwo
T:I:S, 23. August 2004
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