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Thomas Immanuel Steinberg

BTC: Umwelt- oder Wirtschafts-Desaster?

60 000 Schweißnähte von Rost bedroht. Britischer Baulöwe verklagt BP Amoco

Der britische Baukonzern Amec hat den britisch-US-amerikanischen Ölriesen BP Amoco auf zig-Millionen Pfund Schadenersatz verklagt. Der Bau der 1700 km langen Ölleitung vom aserbaidschanischen Baku über Tbilissi in Georgien an die türkische Mittelmeerküste unter Führung von BP verzögert sich, weil der Korrosionsschutz für die Schweißnähte platzt. 60000 Nähte der unterirdischen Pipeline sind nun rostgefährdet. Austretendes Öl würde bei der für September geplanten Inbetriebnahme der sogenannten BTC-Pipeline das Erdreich verseuchen. 20 km der Ölleitung führen durch das Ski- und Wanderparadies Borjomi-Schlucht. Aus ihr stammt das rußlandweit gerühmte Borjomi-Mineralwasser. 

Amec, die Consolidated Contractors International Company (CCIC) und weitere Kläger behaupten, der neuartige Korrosionsschutz eines kanadischen Anbieters sei von BP für erprobt und tauglich erklärt worden – wider besseres Wissen der BP-Manager. CCIC stützt seine Klage auf ein Gutachten. Ein weiteres, wissenschaftliches Gutachten sagt Korrosion an den Schweißnähten voraus, so die Sunday Times (1). Die Pipeline könnte unversicherbar, und damit unbenutzbar sein. BP hält dem entgegen, Amec und die anderen Auftragnehmer hätten den Schutz schlampig aufgetragen. 

Doch ein weltbekannter Korrosionsexperte, Derek Mortimore, hatte im Auftrag von BP bereits im November 2002 das Verfahren geprüft und für untauglich befunden. Die Nähte würden in den geforderten vierzig Jahren unter der Erde anfangen zu lecken. „Ich spürte, daß BP gerade Tausende von Zeitbomben eingrub”, erklärte Mortimore später. Mortimore wurde kurz nach dem Vortrag seiner Einwände entlassen. Laut Baku Ceyhan Campain, einem Bündnis britischer, kurdischer, georgischer und anderer Umweltorganisationen, wies BP seine Manager an, über den Vorgang Stillschweigen zu bewahren. Auch das Export Credits Guarantee Department der britischen Regierung erfuhr nichts von Mortimores Expertise, bevor es mit einem kleinen Gewähleistungsdarlehen von 60 Millionen Pfund den Kreditbanken Unbedenklichkeit bei ihrem anstehenden 2,6-Milliarden-Dollar-Risiko bescheinige. Es verließ sich auf Gutachten, die von BP bestellt und nach Vermutungen ihrer Verfasser vor Übergabe an die Regierung von BP frisiert worden waren.

 

Rohrstücke ohne und mit Korrosionsschutz in Georgien. Foto: www.bakuceyhan.org.uk

Im August 2003 begann der Leitungsbau. Im Winter darauf platzten die ersten Schutzmäntel. Vor dem Trade and Industry Select Committee, einem Ausschuß des  britischen Parlaments, boten Konkurrenten des kanadischen Anbieters Korruption als Erklärung für die BP-Entscheidung an. Das Umweltbündnis Baku Ceyhan Campain meldete, BP habe seine Ingenieure angewiesen, nicht jeden Verdacht auf geplatzte Schutzmäntel zu prüfen.  

BP, um ein sauberes Umwelt-Image bemüht, wurde gerade wegen einer Explosion mit 15 Toten und 100 Verletzten in Texas auf bis zu einer Milliarde Dollar Schadenersatz verklagt. Die Umweltschutzbehörde von Alaska hat BP beschuldigt, Bohröl-Lecks rechtswidrig verschwiegen zu haben. Und eine Raffinerie in Kalifornien hat die Luft verschmutzt; BP Amoco muß 81 Millionen Dollar Schadenersatz zahlen, listete die britische Financial Times im März auf (2). 

Wie erklärt sich technisch die Riesen-Panne an der BTC-Pipeline? Die zwölf Meter langen Rohrstücke von ca. einem Meter Durchmesser werden dreifach beschichtet -  außen mit Polyethylen - dann an die Baustelle geliefert und zusammengeschweißt. Anschließend werden beide Rohrenden mitsamt der dazwischen liegenden Schweißnaht gesondert ummantelt – bei der BTC-Pipeline mit dem offenbar untauglichen Flüssigkeit  „SPC-2888“ der kanadischen Firma Speciality Polymer Coatings. Das Material wird zwar hart, verbindet sich aber nicht fest mit dem darunter liegenden fabrikseitig aufgetragenen Polyethylen, sondern platzt, so die Darstellung der Baku Ceyhan Campain. In die Risse dringt Wasser, die Feuchtgkeit kriecht in die Schweißnähte, die Nähte rosten.

"weld" heißt Schweißnaht. Zeichnung: www.bakuceyhan.org.uk 

Sollten sich die Kläger mit dem Konsortium unter der Führung von BP Amoco nicht einigen, kommt der Fall vor ein internationales Schiedsgericht in London. Gegen Klagen von Anliegern der Leitung ist das Konsortium gesichert: Die sogenannten Host Government Agreements des Konsortiums mit den demokratie-armen Staaten Aserbaidschan, Georgien und Türkei haben den „Gastgebern“ wenig Rechte über die Transporttrasse gelassen. BP Amoco gibt sich selbstsicher. Mit dem Bau der weitgehend parallel verlaufenden Leitung für Gas wurde bereits begonnen; der dubiose  Schweißnaht-Aufstrich „SPC-2888“ werde auch dort verwendet. 

Die deutsche Firma Europipe ist mit Lieferungen am insgesamt 1070 km langen türkischen Teil beteiligt. Der 410 km umfassende Auftrag (180000 Tonnen, Rohre von 46, 42 und 34 Zoll Durchmesser) wurde vom türkischen Pipeline-Bauer Botas erteilt. Botas handelte im Auftrag des BTC-Betreiber-Konsortiums mit BP an der Spitze. Europipe hat Produktionsstätten in Mühlheim an der Ruhr und Dunkerque. Die Firma gehört je zur Hälfte den Salzgitter/ Mannesmannröhren-Werken und den Dillinger Hüttenwerken. Die Tochterfirma Eupec PipeCoatings trägt den dreifachen Mantel mit Polyethylen als Deckschicht auf.

 T:I:S, 26. April 2005

(1) Michael Gillard and David Connett: BP 'covered up' pipeline flaw. The Sunday Times,17 April 2005
(2)
Sheila McNulty, Houston, Texas: BP suffers triple blow to US reputation. Financial Times, March 27 2005 

Der Text ist - um die technischen Angaben gekürzt - in der jungen Welt vom 30. April 2005 unter dem Titel "Tausende Zeitbomben" erschienen.

Siehe auch Ferhat Kaya , BP Amoco , Krieg um Öl , Transportkorridore , Pipelines und T... , Peak Oil , Tschetschenien  bei SteinbergRecherche

 

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