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Thomas Immanuel SteinbergBewerbungsschreibenJacques Derrida hat offenbar ein gutes Buch verfaßt. Ich sage "offenbar", denn ich habe zuerst einen Verriß gelesen, einen so schauerlichen, daß ich neugierig wurde. Deshalb fischte ich mir einen Buchauszug aus dem Internet. Der Auszug steht unter der Überschrift "Das Recht des Stärkeren". Jenseits von Chomskys Auffassung seien Staaten, die gegen Schurkenstaaten Krieg führen können, nicht bloß selber Schurkenstaaten. Denn wo immer Staaten souverän seien, da sei Machtmißbrauch, sei Schurkenstaat: Der Staat ist Schurke. Bald nach Ende des Kalten Krieges habe Clinton vor den Vereinten Nationen erklärt, die USA würden "multilateral handeln, wo möglich, unilateral, wo nötig." Gegen Schurkenstaaten würden die USA, so Verteidigungsminister William Cohen, unilateral vorgehen, wenn vitale Interessen der USA gefährdet seien. Vitale Interessen seien "der freie Zugang zu den Schlüsselmärkten, zu den Energiequellen und zu den strategischen Ressourcen." Die USA hätten sich nach dem 11. September selbst als Schurkenstaat gegen Schurkenstaaten aufgestellt, um sich weltweit vor dem, in Anführungszeichen "internationalen Terrorismus" zu schützen. Doch mit dem Ende des Kalten Krieges hätte die absolute Bedrohung auch ihre Staatsförmigkeit verloren. Nicht der 11. September habe in und außerhalb der USA ein Trauma ausgelöst. Das Trauma käme vielmehr aus der Zukunft. Dieses virtuelle Trauma sei unheilbar: Ein Atomangriff drohe, den Staatsapparat der Vereinigten Staaten zu zerstören, den Garanten der Weltordnung. Der Angriff drohe von überall her. Nunmehr habe man es weder mit einem klasischen internationalen Krieg zu tun, noch mit einem Bürgerkrieg oder einem "'Partisanenkrieg' (dem interessanten Konzept von Schmitt zufolge)". Auch der Begriff Terrorismus sei zu Recht immer mit, jeweils in Anführungszeichen, "Revolutionskriegen" verknüpft worden, "Unabhängigkeitskriegen" oder "Partisanenkriegen", bei denen es immer um den Staat gegangen sei, um Grenze und Fläche. So gebe es nur noch Schurkenstaaten, und es gebe keine Schurkenstaaten mehr. Von Anfang an sei das Ende dieses Konzepts nah gewesen. Madeleine Albright, berichtet Derrida, erklärte am 19. Juni 2000, das US-Außenministerium werde den Begriff künftig meiden und stattdessen von States of concern sprechen, von Besorgnis erregenden Staaten. Sorge, meinte sie, müsse uns umtreiben, im medizinischen wie im richterlichen Sinne. Die Wörter "Schurke" und rogue, so Derrida, seien versenkt worden. Sie würden aber noch eine Weile überleben in den Schurkenstaaten und in den rogue States, den USA also. Derrida dekonstruiert, spielt etymologisch ein wenig herum, hebt zu scholastischen Sophismen an. Er setzt einige Begriffe kursiv, viele andere, gängige, in Anführungszeichen, weist über den politischen Faktensammler und Moralisten Chomsky hinaus auf das "Recht des Stärkeren", wie es sich uns manifestiere im Weltengang. Der Verriß des Derrida-Buchs steht bei telepolis. Niels Werber hat ihn verfaßt. Werber mag den Rest des Buches gelesen haben, den ich nicht kenne. Der eben wiedergegebene Auszug muß ihm entgangen sein. Werber sucht Dekonstruktion, Wortspiele und Sophismen in Derridas Abschnitten über die US-Politik. Er findet Chomsky. Den habe Derrida unbekümmert abgesegnet. Derrida habe das Wort Terroristen "vorsichtig" in Anführungszeichen gesetzt - die vielen andern Wörter offenbar unvorsichtig - und, der Gipfel: Derrida wolle wohl andeuten, der 11. September sei im Grunde ein amerikanischer Anschlag gewesen. Welcher vernünftige Mensch auf der Welt, frage ich Niels Werber, Mathias Bröckers auf telepolis eingeschlossen, hätte das nicht schon angedeutet? Passagenweise befände sich Derrida mit dem faschistischen Staatsphilosophen Carl Schmitt "in völliger Übereinstimung". Das Vertrackte bei Schmitt: Seine Empfehlung, den Feind zu suchen und zu vernichten, kommt als Tatsachenfeststellung über das Wesen von Politik daher. Derrida, in Übereinstimmung mit Chomsky, stellt fest, um das ewige Totschlagen zu begreifen und zu verhindern. Niels Werber unterschlägt dem Leser, was zwischen Derrida und Schmitt klafft. Er überbrückt den Abgrund mit einem Faden. Weil Derrida La Fontaines Fabel vom Wolf und dem Schaf dekonstruiert (also da wenigstens), kommt aus Werbers Spindel: "Heute sind die USA der Wolf. Von der Wolfsschanze zu Wolfowitz, könnte man kalauern." An anderer Stelle schreibt Werber: "Ob er auch die Attentäter des 11. September für Schurken hält, lässt Derrida offen." Dann findet er noch Emmanuel Todd seltsam, der meint, den USA sei an internationalen Spannungen und einem begrenzten, aber endemischen Kriegszustand gelegen. Na was denn sonst? Niels Werber sollte sich mit seinem Derrida-Verriß bei Josef Joffe bewerben. Morgen hol' ich mir den Derrida aus der Heine-Buchhandlung. T:I:S, 22. Januar 2003
Jacques Derrida: "Schurken". Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003. 220 S., € 24,90 Jacques Derrida: Ya-t-il des états voyous? La raison du plus fort. Le Monde diplomatique, Janvier 2003, p. 10 http://monde-diplomatique.fr/2003/01/DERRIDA/9835 Niels Werber: Lämmer und Wölfe der neuen Weltordnung. 05.10.2003 www.heise.de *Steinberg Recherche Referent Texte 2008 Texte 2007 Texte 2006 Texte 2005 Texte 2004 Texte bis 2003 Karten Bilder Suchen Home nach oben
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