Shraga Elam 1987

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Shraga Elam zu Gas und Öl, der Schweiz, Israel und Iran siehe auch Israel 

T:I:S, 9. April 2008

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Diplomatische und propagandistische Vorbereitungen 

der israelischen Herrscher auf eine verhehrende Bombardierung der Bevölkerung von Gaza. Irib-Interview mit Shraga Elam, Audio, ca. 5 Minuten. Dank an Dr. B.

T:I:S, 25. Februar 2008

*

Siehe auch Die Debatte über NS-Pläne zur Vernichtung der Juden in Palästina

T:I:S, 15. Februar 2008

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Why there is so much excitement about Holocaust Denial and to whom the HD is dangerous? Who were the first Holocaust Deniers? Shraga Elam, December 2006

T:I:S, 26. Dezember 2006

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Henryk M. Broder bezichtigt Shraga Elam der Judäophobie. Er stützt sich dabei neuerdings auf den judäophoben Historiker David Irving, der seit dem 15. April 2000 auf seiner Internetseite einen Korrespondenz-Auszug mit Elam anführt. Elam hat Broder verklagt.

T:I:S, 26. Dezember 2006

*

Shraga Elam, israelischer Friedensaktivist, schickte SteinbergRecherche einen Artikel aus der Schweizer WochenZeitung von 1987.  

„Einiges würde ich heute anders schreiben. Ich bin jedoch nach wie vor

gegen Judeophobie.

gegen die Antisemitismus-Keule, d.h. vor allem gegen den Missbrauch des  tatsächlichen oder vermeintlichen Judenhasses durch zionistische Bewegungen.

gegen jeglichen Nationalismus. So gesehen, kann nur die Überwindung der nationalistischen Bestrebungen Aussicht auf eine friedliche und gerechte Koexistenz in Israel/Palästina bieten. Zu diesem Punkt gibt es einige Widersprüche im vorliegenden Text. Der Aufruf zur Gründung einer ANC-ähnlichen Bewegung ist trotzdem eindeutig genug.

Zu den zwei Fotos, die den ursprünglichen Artikel begleiteten, muss ich beifügen, dass es um meine Gefühle und Identität als ehemaliger israelischer Soldat geht. Ich stand zwar 1968 nur ein paar Mal an einem Checkpoint, und dies war harmlos im Vergleich mit den heutigen Zuständen. Ich kann mich aber an Hand dieser eigenen Erfahrung paradoxerweise eher mit den NS-Soldaten am Warschauer Checkpoint als mit meinen eigenen Grosseltern, die von den Nazis in München schikaniert und nachher ermordet wurden, identifizieren. D.h., die Empfindungen meiner eigenen Vorfahren sind mir fremder als diejenigen der unbekannten deutschen Soldaten. 

Shraga Elam
Zürich" 

Elam ist unter elams(at)dplanet.ch zu erreichen.

T:I:S, 21. August 2005

*

Die WochenZeitung (WoZ) 5.11.1987

Antisemitismus - der nützliche Idiot des Zionismus

Über jüdische Identität 

Von Shraga Elam 

I

Die Affäre Waldheim zeigt deutlich, wie stark und lebendig nationalsozialistische und antisemitische Gefühle in Österreich bis heute sind. Dies ganz unabhängig von der Frage, ob Waldheim nun ein Kriegsverbrecher war oder nur ein ungeschickter Lügner. Den offenen Antisemitismus belegt ein Artikel im österreichischen Magazin «profil» vom 20. Juli dieses Jahres. Darin werden 369 Anrufe zusammengefasst, die der ORF-Kundendienst nach der «Club 2»-Sendung zum Thema «Probleme der jüdisch-christlichen Versöhnung» erhalten hatte: «Die Juden im Ausland sind unsympathisch. Schon wieder etwas über Juden. Die Juden haben uns doch furchtbar behandelt. Langsam gehl einem das Judengesindel auf die Nerven. Den Antisemitismus hat es schon in der Zarenzeit gegeben, das gibt einem doch zu denken. Warum stellt man nicht die Frage, weshalb man unseren Bundespräsidenten ununterbrochen angreift? Man hört und sieht die Juden zu oft im ORF, das schürt den Judenhass. Juden raus. Allein durch die vielen Judensendungen beleidigt man unseren Bundespräsidenten. ORF züchtet Antisemiten. Zahlt keine Gebühren mehr, bei solchen Sendungen! Die Judenplage wird schlimmer als die Jugos und die Türken. Eine Frechheit, so was in Österreich zu bringen. Die Juden sollen uns endlich in Ruhe lassen. Die Stärke der Juden liegt in ihrem grossen Mundwerk, und der ORF liegt vor ihnen auf dem Bauch. Die Juden machen sich mit ihrer Wichtigtuerei sehr unbeliebt. Es ist schade, dass einige Juden es so weit treiben, dass man ihr ganzes Volk hasst.»

Und die OeVP-nahe «Salzburger Volkszeitung» schreibt: «Zuerst wird gegen das von der überwiegenden Mehrheit der Österreicher freigewählte Staatsoberhaupt geheizt bis zum Gehtnichtmehr, wenn dann - was zu beklagen, aber unvermeidlich ist - bei einigen Leuten längst vergessene, verdrängte, verschüttete antisemitische Emotionen wieder hochkommen, hat man einen Grund, die Hetze erst recht weiterzutreiben.»

Maximilian Gottschlich, Publizistikprofessor an der Universität Wien, stellte in einer Medienanalyse fest, dass die «Kronen-Zeitung», Österreichs auflagestärkstes Blatt, während Waldheims Wahlkampf eine eindeutig antisemitische Haltung einnahm. «Jeder dritte Waldheim-Artikel der "Kronen-Zeitung" ist reichlich mit antisemitischen Textteilen versehen, sei es in Form journalistischer  Stellungnahmen, sei es als unkommentierte Wiedergabe antisemitischer Zitate in- und ausländischer Politiker. Das mit Abstand am häufigsten vorkommende antisemitische Klischee war dabei der variationsreich vorgetragene Vorwurf, dass 'die Juden traditionsgemäss mit der Wahrheit zwiespältig umgingen und dass es 'die Juden verstünden, aus den Ereignissen der Vergangenheit Kapital zu schlagen'», schreibt Gottschlich («profil», 2.2.87).

Die Antisemiten haben sich anlässlich der Wahl von Waldheim vermehrt zu Wort gemeldet. Antisemitismus wurde in den Medien nun häufiger thematisiert, doch gab es ihn natürlich vorher genauso. Untersuchungen von Hilde Weiss zeigten schon 1984, dass «nur 15% der österreichischen Bevölkerung den Juden 'weitgehend vorurteilsfrei' gegenüberstehen. 57% meinen, 'es sollte nicht immer wieder an die Ermordung von Juden in den KZ erinnert werden'. 21% halten es für zutreffend, 'dass die Beseitigung der Juden aus unserem Land auch positive Auswirkungen gehabt hat.» («profil», 2.2.87). Neu ist, dass der Antisemitismus wieder als politisches Mittel eingesetzt wird.

Auch in der Schweiz braucht es offenbar wenig, damit der latent vorhandene Antisemitismus an die Oberfläche steigt. Besonderen Anstoss erregen orthodoxe Juden - weil sie sofort auffallen. So lösten solche jüdischen Gäste in einigen Schweizer Kurorten in den letzten Jahren offenen Antisemitismus aus. Eine Umfrage im Auftrag des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (Dezember 1984) zum «Image der Juden in Schweizer Kurorten» brachte in Arosa, Davos und St. Moritz Aussagen zutage wie: Die Juden sind nicht als Personen schlecht, aber ihre Art passt nicht hierher». Oder: Die Juden vertreiben andere Touristen - «in so ein Judenkaff geht doch niemand».

II

Ich gehöre nicht zu den neuen «Antisemitismus-Experten» wie [Henrik M.] Broder, [Imanuel] Hurwitz, [Alain] Finkielkraut etc. Ich bin in Israel geboren und wuchs mit den üblichen zionistisch-antisemitischen Vorurteilen und Bildern auf. Wir hatten nichts gemeinsam mit diesen mit diesen Horrorgestalten des Planeten Auschwitz. «Diaspora-Jude» war für uns ein Schimpfwort. Brave Kinder nannten wir «Sabonim», d.h. Seife: So wurden nach dem Zweiten Weltkrieg in den Kibbuzim die Kinder genannt, die den Holocaust überlebt hatten - eine grässliche Anspielung darauf, dass die Nazis [angeblich] aus jüdischen Leichen Seife produziert hätten. Für uns Kinder des sozialistischen Zionismus, der zionistischen Hauptströmung damals, war Judentum der Name einer Religion, deren langweilige und unappetitliche Geschichte wir in der Schule pauken mussten.  

Unsere Haltung hatte ihre Gründe, denn der Zionismus war von Anfang an nicht nur eine Reaktion auf eine antisemitische Umwelt, sondern bediente sich auf der Suche nach einem neuen Judenbild selbst antisemitischer Vorurteile. Diese Doppelsinnigkeit widerspiegelt sich in einem zentralen Begriff des Zionismus: der Negation der Diaspora. Theodor Herzl, der Begründer des politischen Zionismus und der Vordenker des jüdischen Staats, kreierte in einem Vortrag die Figur des Mauschel: Dieser ist feige, hetzerisch und opportunistisch und so verachtenswert, dass er am Ende physisch vernichtet werden muss. Wir jungen Israelis hatten eben nichts mit diesen Juden gemeinsam, wir waren gesund und stolz und wussten, dass wir als Erwachsene heldenhafte Soldaten werden würden, die fürs Vaterland ihr Blut vergiessen. Und sollte uns dies nicht gelingen, würden wir wenigstens in einem Kibbuz unsere Liebe zum Boden pflegen können. Wir konnten auch unsere Familiennamen aus der Diaspora nicht mehr ausstehen, und so wählte ich, wie viele andere auch, einen hebräisch-biblischen Namen statt des jüdisch-deutschen meines Vaters.

Als ich in die Schweiz kam, war ich weitgehend von diesem Teil zionistischer Vorstellungen befreit. hatte aber noch keine Ahnung, was es bedeutet, Jude zu sein. Meine Zwangskonvertierung vom atheistischen Israeli zum Judentum begann erst hier, ich wurde von der Umgebung in erster Linie als Ausländer, aber eben als jüdischer, definiert. Ich bekam zwar keinen spektakulären Antisemitismus zu spüren, begann aber trotzdem, typisch jüdische Empfindlichkeiten antisemitischen Äusserungen gegenüber zu entwickeln. Eine neue. unangenehme und exotische Erfahrung. 

III

Mir wurde klar, dass Judentum mehr als eine Religion ist, fast eine Schicksalsgemeinschaft. Ganz im Sinne Sartres («Réflexions sur la question  juive», 1946), der schreibt, dass nicht die Juden den Antisemitismus, sondern der Antisemitismus die (säkularen) Juden schafft. Dass die Juden den Antisemitismus selbst erfinden, ist eine geläufige antisemitische Behauptung. Tatsächliche oder mögliche Verfolgung ist für Juden identitäts-bildendes Element. Aus dem Antisemitismus wird eine Leidens-Auserwähltheit abgeleitet. Sie kommt darin zum Ausdruck, dass Auschwitz aus allen ändern Völker-Vernichtungen immer hervorgehoben wird.

Seit die Fremdarbeiter gekommen sind und in den letzten Jahren die Asylsuchenden, wurden die Juden von ihrem Ehrenplatz als best-gehasste Fremde verdrängt. Dies wird - psychologistisch betrachtet - von vielen Juden als Identitätsverlust empfunden.

Das zweite Element jüdischer Identitäts-Bildung ist heute der Zionismus. Obwohl die Mehrheit aller Jüdinnen und Juden nicht in Israel lebt, unterstützen die meisten diesen Staat. Israel wird als Versicherungspolice gegen Antisemitismus verstanden, als letzter Hort im Falle neuer Verfolgungen. Antisemitismus ist der Grund, weshalb der Staat Israel finanziell und politisch unterstützt wird, obwohl sich Israel selbst nicht gerade im Kampf gegen den Antisemitismus profiliert. Im Gegenteil: Zu Israels besten Freunden gehören viele berüchtigte Antisemiten von rechts, wie z.B. der frühere südafrikanische Premierminister Vorster, ein Ex-Nazi, oder der französische Rassist Le Pen. Nicht nur, dass die Mehrheit der Juden sich mit Israel identifiziert, die Juden werden von den Nicht-Juden auch automatisch mit diesem Staat identifiziert (z.B. «Wann geht dieses Dreckspack endlich nach Israel», Zuschauerstimme beim ORF).

Die Vorstellung vom Staat Israel als Versicherung, als Fluchtort, ist eng verbunden mit der Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal des palästinensischen Volkes. Israel wird von jüdischer Seite kritiklos politisch und materiell unterstützt - die Palästinenserinnen begleichen eine fremde Schuld.  

Der Zionismus bietet dem Diaspora-Judentum die Möglichkeit, sich an einem neuen kulturellen Zentrum zu orientieren. Die meisten Juden haben ein ziemlich vages Verhältnis zur Religion, sie üben sie nur oberflächlich aus, d.h. sie begehen nur die allerwichtigsten Feiertage, halten sich vielleicht an einige Gebote, lassen ihre Söhne beschneiden und sich selbst auf dem jüdischen Friedhof begraben. Aus der Vergangenheit wird vielleicht etwas osteuropäische Jiddishkeit ausgegraben, die den meisten in Wirklichkeit fremd ist:

Wurzeln, die längst ausgetrocknet sind. Doch solche Anlehnungen an Traditionen reichen den Diaspora-Juden nicht aus, um positiv besetzte Identitäten zu schaffen. Schon eher bietet sich Israel als weit konkretere Alternative an. Dort ist in kurzer Zeit eine ganz andere «jüdische» Kultur entstanden, eine israelische eben, und die Hinwendung nach Israel (was in den meisten Fällen nicht Einwanderung bedeutet) ermöglicht, sich als Teil dieses neuen Selbstbewusstseins zu empfinden.

Die Identifizierung mit Israel ist aber für Juden und Jüdinnen nicht nur problematisch, weil so die Gleichung Jude = Ausländer bestätigt wird. Schwierig ist sie für jene, die sich nicht vom Zionismus vereinnahmen lassen wollen. Diese Tendenz wurde nach der israelischen Invasion in Libanon 1982 erkennbar: In verschiedenen Ländern entstanden Organisationen, die sich öffentlich von der israelischen Politik distanzierten - in der Schweiz etwa die «Vereinigung Kritischer Juden» (KJS). In den USA und Grossbritannien entstanden Organisationen, die sich nicht nur von der Politik der israelischen Regierung distanzierten - wie die KJS -, sondern vom Staat mit seiner Ideologie. Am letzten Montag, dem 70. Jahrestag der Balfour-Deklaration (Lord Balfour hatte 1917 im Namen Englands die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina versprochen), sammelte eine englische Organisation Unterschriften gegen das israelische Rückwanderungsgesetz und für das Rückkehrrecht der Palästinenser. Das Rückanderungsgesetz ermöglicht allen Juden praktisch automatisch die Einbürgerung in Israel.

IV

Nach der Invasion Libanons wuchs vor allem die Empörung der westlichen Linken über Israel. Die Kritik an der zionistischen Politik hatte schon bald nach dem Krieg 1967 -nach einer anfänglichen Solidaritätswelle mit dem «kleinen, bedrohten Staat» - eingesetzt. Sie wurde von zionistischer Seite häufig als antisemitisch bezeichnet. Diese bequeme Gleichsetzung Antizionismus = Antisemitismus (z.B. bei Henryk Broder, oder etwas differenzierter bei Emanuel Hurwitz, Zürcher Ex-SP-Kantonsrat, für den dieser linke Antisemitismus Grund zum Austritt aus der SP war) ermöglicht es, sich vor der Auseinandersetzung mit den Inhalten der antizionistischen Kritik zu drücken.

Natürlich gibt es auch unter Linken Antisemiten. Ebenso lassen sich in antizionistischen Argumentationen häufig, manchmal unbewusst verwendete, antisemitische Elemente aufdecken. Dies bewusst zu machen ist wichtig, damit die notwendige Kritik an der israelischen Politik und am Zionismus glaubwürdig ist: auch glaubwürdig als Kampf gegen jede Art von Rassismus. Zum Beispiel die Denunziation vulgärmarxistischer Interpretationen Marxscher Kategorien. In «Zur Judenfrage» schreibt Marx 1844: «Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus der Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.» Dan Diner wittert in seiner Analyse zu «Linke und Antisemitismus» (in: «Solidarität und deutsche  Geschichte»,  Berlin, DIAK 1984) Gefahr, dass Marx ausserhalb seines geschichtlichen Kontextes verstanden werde. Die Juden seien hier als gesellschaftliche Kategorie oder Metapher zu sehen, und nicht als konkrete Personen. Die von selten der Linken häufig abgeleitete ökonomische Erklärung des Antisemitismus als Moment des Klassenkampfes «ist eine Rationalisierung, die mit Marxismus nichts zu tun hat, obwohl Marxisten sich ständig dieses Erklärungszusammenhangs bedient haben», schreibt Diner.

Beispiele hierfür finden sich auch in einer Broschüre «Arbeitstexte zum Zionismus» (Zürich 1987, s. WoZ 41/87) von der Internationalen Palästina Gruppe (IPaG). Darin wird zwar immer wieder unterstrichen, dass sich der Kampf gegen den Zionismus und nicht gegen die Juden wendet, doch die Gleichsetzung geschieht dennoch. So wird auf dem Titelblatt ein gesprengter Davidstern gezeigt, und im Innern des Heftes wirft ein Davidstern als Schatten das Hakenkreuz. Der Davidstern ist ein Symbol des Judentums, er kommt auch auf der Fahne des Staates Israel vor, aber zwischen zwei Balken, die im IPaG-Heft fehlen.

Unhaltbar ist auch die von Linken häufig geäusserte Ansicht, die Juden seien kein Volk, ebenso unsinnig wie die zionistische Behauptung, die Palästinenserinnen bildeten kein Volk und hätten kein Recht auf nationale Selbstbestimmung. Für mich gilt ein fast tautologischer Volksbegriff, dass eine Gruppe, die sich als Volk definieren will, auch ein Volk ist. In der Praxis wird dies von den Linken in allen regionalen Konflikten ja auch so verstanden. Die nationale Frage hinsichtlich des jüdischen Volkes zu stellen, ist heute zudem reichlich anachronistisch, da es seit fast 40 Jahren einen jüdischen Staat und ein israelisches Volk gibt. In Israel kann das algerische Antikolonialismus-Modell (Rückkehr der pied-noirs nach Frankreich) nicht angewendet werden - wohin sollten diese Leute schon zurückkehren? Für Israel realistischer scheint mir die vom ANC für Südafrika propagierte Lösung zur Aufhebung des Apartheid-Staates - also die Aufhebung des zionistischen Staates.

Unzulässig, da antisemitisch, ist auch die Gleichsetzung von Zionismus und Imperialismus. Der Zionismus ist zwar Teil der imperialistischen Bewegung, aber nicht umgekehrt. Imperialismus und Zionismus auf dieselbe Begriffsebene zu setzen, ist falsch. Dabei klingen oft auch alte antisemitische Kategorien wie «jüdische Weltherrschaft», «jüdische Verschwörung» etc. an. Im Golfkrieg spricht die iranische Propaganda übrigens auch von Zionismus und meint damit das irakische Regime. Das ist paradox, weil Israel tatkräftig Iran unterstützt. Der Vorwurf des Zionismus trifft, schreibt Dan Diner, weil Khomeini damit meint, dass Saddam Husseins Regime «im Unterschied zum iranisch-islamischen Selbstverständnis gottlos und säkular ist». 

V

Der jüdische Kampf gegen den Antisemitismus ist unglaubwürdig, solange er nicht gleichzeitig auf Distanz zur israelischen Politik in der Palästinenser-Frage geht. Mich hat die selbstgerechte Attacke des jüdischen Weltkongresses auf Waldheim vor allem gestört, weil dieselben Leute Israel vorbehaltlos unterstützen und z.B. nie fordern würden, dass der israelische General Ariel Scharon wegen Kriegsverbrechen vor ein Gericht gestellt wird.

Das Leiden der Palästinenserinnen heute ist untrennbar mit den Judenverfolgungen verknüpft. Die Palästinenserinnen sind zu indirekten Opfern des Antisemitismus geworden. Es liegt in ihrem eigenen Interesse, einen Beitrag zur Bekämpfung des Antisemitismus zu leisten. Denn es ist auch für die Palästinenserinnen unmöglich, gegen den Rassismus Israels zu kämpfen und gleichzeitig für einen Rassismus gegen die Juden zu sein. Der palästinensische Befreiungskampf muss nicht nur gegen den Zionismus, sondern auch gegen den Antisemitismus zielen.

Wollen die Palästinenserinnen eine Friedenslösung finden, müssen sie die Ängste der Juden und Jüdinnen wahr- und ernstnehmen, auch wenn sie nicht die Verursacher dieser Ängste sind. Damit wird es zumindest Israel schwerer fallen, zu behaupten, die PLO wolle die Juden vernichten und gar phantastische Vergleiche zwischen der PLO und den Nazis anstellen, wie dies Begin 1982 tat.

Effektiv können die Palästinenserinnen gegen den Antisemitismus nicht viel ausrichten - ihre Sympathisantinnen wären dazu eher in der Lage. Doch geht es vielmehr um eine politische und moralische Haltung, die den Juden in der Diaspora noch deutlicher zeigt, dass ihre Solidarität mit der Politik des Staates Israel nicht nur unmoralisch, sondern auch gegen ihre eigenen Interessen gerichtet ist.

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