|
|
Steinberg Recherche Referent Texte 2007
Texte 2006 Texte
2005 Texte 2004 Texte bis 2003 Karten Bilder Home Inhalt
Newsletter?
Thomas Immanuel Steinberg
Telekom ElmshornStreik am DeichDort wo die Schafe den Deich festtreten, bei der Wisch, wie hier die Wiese heißt, haben die Elmshorner Streikposten ihre Autos geparkt. Die Heinrich-Hertz-Straße, benannt nach dem Entdecker der elektromagnetischen Wellen, führt an Kleingärten vorbei zum Betriebsgelände von T-Systems, oder auch TK ZS, das steht für Technischer Kundendienst – Zentrale Services. Warnschilder und ver.di-Fahnen säumen den Weg.
Nur wer sich unterm roten Baldachin, dem Streiklokal, einträgt, bekommt das Streikgeld: Beitragssatz (1% vom Bruttolohn) mal Tagessatz von zwei-komma-fünf, das macht im Monat ca. 85% vom Nettolohn.
Etwa 300 Kolleginnen und Kollegen streiken seit
fünf Wochen; warum, das erklärt Vertrauensmann Heiko Siemann, Mitglied der
Arbeitskampfleitung: 50 000 der
rund 100 000 Telekom-Beschäftigten sollen in Niedriglohn-Firmen ausgelagert
werden und dort für weniger Geld länger arbeiten. Die Elmshorner sind fast zur
Hälfte Angestellte und Arbeiter, die Beamten aus der Zeit der sogenannten
grauen Post, meist im Mittleren Dienst, bilden die Mehrzahl. Wer daher im
Elmshorner Werk nicht Beamter ist, streikt – mit wenigen Ausnahmen. Die Telekom nutzt ihre Gewinne nicht für Investitionen,
sondern schüttet sie an die Anteilseigner aus. Das ist zu 31,7%, teils über
die staatliche Frankfurter KFW (früher Kreditanstalt für Wiederaufbau), teils
unmittelbar, der deutsche Staat. Münte & Merkel also haben das Sagen bei
der Telekom: Sie wollen Lohnsenkung und Arbeitszeiterhöhung. Sie lenken die
Telekom-Gewinne um in den allgemeinen Haushalt; und sie sind dabei, die Telekom
zu zerschlagen. So wird es möglich, die profitablen Rosinen aus dem
Telekom-Kuchen herauszupicken und Großanlegern ins Maul zu schieben. Der
verbleibende Teig läßt sich danach umso leichter zerbröseln. Heiko Siemanns Handy klingelt. Während er noch telefoniert, ist Klaus Goerke, auch Kollege, aber von der Seite, die nicht streikt, vor die Schranke getreten und reklamiert. Die Streikenden stünden auf dem Fahrdamm. Die Lastwagen, die weiterhin hinein- und herausfahren, gefährdeten die Posten. Streikunwillige seien beschimpft worden. Mit dem eigenen Körper eine Barriere bilden, das sei unzulässig.- Das treffe alles nicht zu, sagen die Posten, sagt auch Siemann von der Arbeitskampfleitung, der hinzugetreten ist; man stehe schließlich auf dem Radweg.- Das sei ein Weg nach Straßenverkehrsordnung.- Ja, aber Betriebsgelände.- Das Ordnungsamt habe bestätigt, daß alles seine Ordnung habe.
Die Kollegen dutzen sich, alles spricht in gemessenem Ton.
„Wir wollen auch nachher ein friedliches Miteinander.“ In der Runde wird
genickt. Scheinbar ein Klönschnack entwickelt sich, reichlich lang, ganz
gelassen, immer im Kreis reden die Wortführer und der Sicherheitsbeamte. Ob man
schon mal einen Körper gesehen habe, der von einem Lastwagen zerquetscht wurde.
Nein, nur heil aus einem zertrümmerten PKW gestiegen. Doch nun ist auch von Nötigung die Rede, und einer mahnt
den Beamten: „Klaus, bleib’ auch ’mal
’n bißchen aufm Damm.“ Klaus bleibt auf dem Gehsteig.- Die Lastwagen würden
zum Teil um die Ecke aufs Gelände brettern wie nichts Gutes; da müsse die
Betriebsleitung das Ordnungsamt auffordern, Höchstgeschwindigkeitsschilder
aufzustellen.- Nein, die Posten müßten aus dem Weg gehen.- Sie gehen nicht. Ein Laster kommt angebraust, trotz aller Warnschilder und
Fahnen und obwohl der Fahrer seit fünf Wochen täglich wieder sieht, daß
Streikende vor der Schranke stehen: „Das ist so einer!“, rufen die Kollegen
und treten schnell zur Seite. Der Beamte aber hat getan, was ihm aufgetragen
wurde, die Geschäftsleitung kann mit ihm zufrieden sein; er trollt sich. Da
kommt der Lastwagen vom Gelände zurückgerast, durch die offene Schranke, biegt
in die Heinrich-Hertz-Straße – doch wie durch Zufall setzt sich ein PKW unüberholbar
vor den Raser. Und fährt gaaanz langsam. An den Kleingärten entlang; bis zur
Wisch; bis zu den Schafen. Alles lacht und klatscht und lacht.
Am Wochenende werden die Streikenden Picknick machen – unter der Brücke. Wie sich’s so anfühlt, da drunter, wenn man keinen Lohn mehr kriegt und nirgendwo anders mehr seinen Kopf hinlegen kann. Alle Fotos tofoto. T:I:S, 13. Juni 2007 *Thomas Immanuel SteinbergNationaler Konsens im WinkelDie SPD ist alles, was der Fall
ist: Wie verkauft die Partei »Hartz IV«? Die
SPD lud zu einer Werbewoche. Den Auftakt bildete eine Veranstaltung zur Frage:
Welche Fördermaßnahmen für Menschen ohne Arbeit gibt es bei »Hartz IV«?
Ort: »Im Winkel«, Langenmoor. Langenmoor ist Teil einer Ansiedlung, die im
Internet als Standort bezeichnet wird: Standort Elmshorn. Am Standort siedeln 49
000 Menschen, großenteils in mehrstöckigen Mietskasernen. Zu
Veranstaltungsbeginn um 19 Uhr huschen die Mäuse übers Pflaster, nur der »Winkel«
leuchtet. Im
Saal stellt eine stattliche Dame, die örtliche SPD-Abgeordnete im
schleswig-holsteinischen Landtag, die schmalen Redner vor: den Stadtrat; den
Geschäftsführer der Beschäftigungsgesellschaft; den Agenten für Arbeit und
den Vertreter der Arbeiterwohlfahrt, der aber auch für die SPD im Kreistag
sitzt. Menschen
betreuen Der
Agent, ein sympathischer junger Beamter aus dem früheren Arbeitsamt, erklärt,
wie die 9155 Bedarfsgemeinschaften des hiesigen Landkreises Pinneberg unter »Hartz
IV« künftig betreut würden: besser als je zuvor. Zwar gebe es noch zu wenig
Stellen fürs Betreuen, aber da müsse man sehen. Jede Bedarfsgemeinschaft bestände
durchschnittlich aus zwei Kunden. Der Agent nennt die Betreuer nicht Betreuer,
sondern Manager, Fallmanager. Der Kunde, früher Bürger genannt, wird bei der
Agentur wieder zu dem, was er aus staatlicher Sicht immer war: ein Bedarfsfall,
ein trauriger Fall – ein Fall eben. 15 Prozent der Altfälle würden unter »Hartz«
nichts mehr vom Staat bekommen und 30 Prozent weniger als heute. Die zweihundert
bisher angebotenen Beschäftigungsgelegenheiten mit sozialpädagogischer
Betreuung seien bis auf zwölf ausgebucht – und das ganz ohne den Zwang, der
erst ab 2005 einsetzen werde. Das beweise den Ernst, mit dem die Sozialfälle
nach sinnvoller Tätigkeit strebten. Der
Geschäftsführer der Beschäftigungsgesellschaft, ein alerter Asket, hebt denn
auch nicht auf Bezahlung für Arbeit ab, sondern auf Beschäftigung. Durch Beschäftigung
Beschäftigungsloser dürfe kein Arbeitsplatz vernichtet, keine Neubesetzung
verhindert werden, so das Gesetz. Wichtig sei doch, »daß hier diese Menschen
betreut werden«. Der
Vertreter der Arbeiterwohlfahrt, zugleich sozialdemokratischer Parteisoldat,
teilt sich auf. Als Kreispolitiker fände er die Arbeit der Arbeitsgemeinschaft
aus Kreis, Gemeinde und Agentur gut. Dann spricht er als Arbeiterwohlfahrer und
kommt zum gleichen Schluß: die Zivildienstler in der Gemeinwohlarbeit seien
nicht mehr das, was sie einmal waren; Ein-Euro-Jobber nach »Hartz IV« würden
künftig die Wohlfahrtsverbände bereichern und entlasten. Welt
schön reden Das
Publikum, 25 Elmshorner Bürger, keine Kunden oder Fälle, sondern
Sozialarbeiterinnen, Sozialdemokraten und Verwaltungsangestellte, zeigt sich
besorgt. Wie denn das zu überprüfen sei mit dem Ersatz von Arbeitenden durch Fälle?
Das Podium versichert, die Betriebe hätten künftig Personalbilanzen vorzulegen
und Beschäftigungsplatzbeschreibungen. Die Kunden würden nach dem »Profilen«
weiter betreut, siehe vorgeschriebener Schlüssel. Mit seiner neuen
Vernetzungssoftware käme der Agent dem Unternehmer schon auf die Schliche, der
aus Elmshorn einen, aus Pinneberg zwei und aus Wedel noch jemand bloß zu beschäftigen
vorgebe, sie aber allesamt für weniger Geld arbeiten ließe als die zuvor
Entlassenen. Später ergänzt die Landtagsabgeordnete: Gemeinnützig müßten
die Beschäftigungen sein und zusätzlich. Als Beschäftigungsbeispiel ohne
Verdrängungswirkung nennt sie das Sprechen mit Patienten im Krankenhaus. Gespräche
mit den Patienten führen – als Ein-Euro-Job. Denn keine Krankenschwester habe
mehr die Zeit, mit den Patienten zu reden. Die Abgeordnete weiß, wovon sie
spricht. Sie war Altenpflegerin, bevor sie als Gesamtschullehrerin nach Altona
ging. Nun soll ein Teil der Krankenpflege für einen Euro die Stunde von
Berufsfremden erledigt werden. Und
die Anrechnungsregelung bei ehemaligen 400-Euro-Jobbern? »Wir nehmen das mit in
den Bundesrat.« Freilich hätte Schleswig-Holstein dort nur vier Stimmen. Ein
Teilnehmer kritisiert die Unternehmer. Sie seien gar keine Unternehmer, denn sie
unternähmen nichts, sie würden gar keine Arbeitsplätze schaffen. Jetzt greift
die Landtagsabgeordnete ein. Senkung der Arbeitslosigkeit? Das könne man sich wünschen,
aber es passiere nicht. »Wir reden uns die Welt schön!« Das gehe nicht so
weiter. Steuersenkungen, nein, nein. Sie gehöre zu einer Gruppe von
Sozialdemokraten, die fänden, daß die Erbschaftssteuer und die Vermögenssteuer
noch nicht ad acta gelegt seien. Der Parteisoldat sekundiert, auch Unternehmer hätten
Verantwortung. »Wir brauchen einen nationalen Konsens.« Ein
Zuhörer fragt weder nach Arbeit noch nach Beschäftigung, sondern nach dem
Einkommen der künftigen Vermittlungsfälle. Die Höhe dürfe, sage das Gesetz,
nicht sittenwidrig sein. Was das zu bedeuten hätte. Der Agent klärt auf: Keine
Pflichttätigkeit sei tariflich gesichert, nicht einmal auf dem Bau durch den
dort geltenden Mindestlohn. Ein früherer Professor müsse in Zukunft auch
bereit sein, Würstchen zu verkaufen. In Mecklenburg-Vorpommern arbeiteten viele
Leute weit unter Bau-Mindestlohn. Da sei es dann sittlich, auch einen
Agentur-Kunden entsprechend zu bezahlen. Die Behörde, so der sympathische
Agent, müsse ein Gespür für Ausbeutung entwickeln. Im Streitfalle könne der
Rechtsweg beschritten werden, bis zum Petitionsausschuß. Gebe es den im Kreis?
Auf jeden Fall auf Landesebene. Er arbeite aber an Schlichtungsmaßnahmen:
Meckerkasten, Verbesserungsvorschlagswesen, Ernennung eines Prüfers vielleicht.
Den
Glauben nicht verlieren Eine
Teilnehmerin weist auf das Schindluder hin, das mit Praktikantinnen und
Auszubildenden getrieben werde. Monatelange Arbeit ohne Bezahlung, dann Abbruch
mit fadenscheiniger Unternehmerbegründung und neuer Vertrag mit einem anderen
Opfer. Da bricht der junge Agent eine Lanze für die Jugend: »Das Wichtigste
ist: Die jungen Leute dürfen nicht den Glauben in diese Gesellschaft verlieren.«
Die
Landtagsabgeordnete dankt dem Publikum für die zahlreichen Anregungen und
Hinweise. Die Bürgerinnen applaudieren gedämpft. Sie bezahlen 3 Euro 10 für
das Bier aus den Gläsern mit hauseigenem Aufdruck und huschen vom »Winkel« in
ihre Kaserne. Die Ampeln sind abgeschaltet. Es ist 21.05 Uhr. Gute Nacht,
Elmshorn. Am
Podiumstisch saßen: Siegrid Tenor-Alschausky, Landtagsabgeordnete; Volker Lützen,
Stadtrat; Sven Hinrichsen, Agent; Joachim Naumann, Geschäftsführer; Hans-Peter
Stahl, Parteisoldat Der Ortstermin ist in der jungen Welt vom 11. Oktober 2004 erschienen. T:I:S, 11. Oktober 2004 siehe auch Arbeitslosengeld II *Steinberg Recherche Referent Texte 2007 Texte 2006 Texte 2005 Texte 2004 Texte bis 2003 Karten Bilder Inhalt Home nach oben
URL dieser Seite: http://www.steinbergrecherche.com/elmshorn.htm |