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Thomas Immanuel Steinberg
Versuchter Durchbruch
Ab September soll Erdöl von Baku bis
ans Mittelmeer gepumpt werden. Der strategische Deal beschert Betreiber BP und
der Türkei massive Kritik.
Im September 2005 soll das Öl fließen: von der aserbaidschanischen
Haiptstadt Baku am Kaspischen Meer durch Georgien und die östliche Türkei zum
Ölhafen Yumurtalik am Mittelmeer. Die Baku–Tbilissi–Ceyhan-Pipeline unter
Konsortialführer BP Amoco, dem britisch-US-amerikanischen Ölriesen (früher
British Petroleum), wird bis zu 50 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr über die
1700 Kilometer lange Strecke in westliche Tanker und Raffinerien leiten – wenn
es nach den Investoren geht. Damit wolle man unabhängiger von Öl aus Nahost
werden, lautete eine der Begründungen für das Riesenprojekt.
Rechtsverstöße
Doch vor allem britische Umweltgruppen – in der Baku Ceyhan Campain
zusammengeschlossen – mobilisieren zur Gegenwehr. In Georgien führt die
Leitung durch ein Naturschutzgebiet mit wertvollen Mineralquellen. Die Gruppen
haben bei den Betreibern besondere Sicherungsmaßnahmen durchgesetzt. Sie halten
die Ummantelung der Leitung weiterhin für unzureichend. Die Türkei hat nach
Meinung der Campain zahlreiche kleine Grundbesitzer dürftig oder gar nicht
entschädigt. Unter dem Vorwand fehlender Grundbuchnachträge mißachteten sie
damit Generationen alte Gewohnheitsrechte. So habe die staatseigenen Ölfirma
BOTAS, Mitglied des BTC-Konsortiums, leichtes Spiel gehabt, die teils
kurdischsprachigen Betroffenen abzuservieren.

Deutsches
Kapital ist am BTC-Bau beteiligt. Foto: BTC-Konsortium
Dagegen hatte der türkische Menschenrechtsaktivist Ferhat Kaya lange Zeit gekämpft.
Der auch im kurdischen Human Rights Project gegen die entschädigungslosen
Enteignungen an der Grenze zu Georgien engagierte Kaya wurde deshalb im Sommer
2004 mehrfach inhaftiert. Nach
eigener Aussage schlugen ihn die türkischen Polizisten, bedrohten
ihn gar mit Erschießung. Im daraufhin angestrengten Strafverfahren stellten
Beobachter der Umweltkampagne gravierende Verfahrensfehler fest. Sie haben jetzt
zwei umfangreiche Berichte
ins Internet gestellt, pünktlich zur Aktionärsversammlung von BP am 14. April 2005 in London. Der englischen Zeitung Evening Standard
zufolge sei die Veröffentlichung ein schwerer Schlag gegen den Konzernvorstand.
Der Ölriese war 2004 mit einem Jahresumsatz von 285 Milliarden US-Dollar neben
der US-Supermarktkette Wal-Mart das umsatzstärkste Unternehmen weltweit und
wies einen Gewinn von 15,7 Milliarden US-Dollar aus. BP bemüht sich seit längerem
mit grün-gelb-blumigem Design, flockigen Reklamesprüchen (»beyond
petroleum«
– jenseits von Erdöl) und ausführlichen Repliken auf die zahlreichen Vorwürfe,
gegen Umweltschutz und Menschenrechte verstoßen zu haben, um ein sauberes
Image. Das scheint nun angekratzt.
Die türkischen Menschenrechtsverletzungen zur Durchsetzung des Leitungsbaus
haben bereits das britische Außenministerium und das Unterhaus beschäftigt –
dank der Umweltgruppen. Ihr Hebel: Weltbank und das britische Pendant zur
deutschen Hermes-Versicherung haben den gigantischen Bau durch Kredite erst ermöglicht.
Der britische Staat, und mit ihm der britische Steuerzahler, sitzen im Boot,
ebenso wie wir Deutsche, und zwar über die Europäischen Kreditanstalt für
Wiederaufbau und Entwicklung. Die hatte dem Konsortium durch ihren Kredit im
Namen der europäischen Bürger und Steuerzahler umweltpolitische und rechtliche
Unbedenklichkeit bescheingt.
Unterirdische Pipelines
Die Rohrleitung vom Kaspischen- ans Mittelmeer wird unterirdisch verlegt. Zum
Schutze vor Sabotage. Diese Sicherheitsmaßnahme, die zudem erheblich
kostentreibend auf das Projekt wirkte, könnte sich jedoch als fatal erweisen.
Sobald Lecks entstehen nämlich – sei es durch starke Erdbeben im stets gefährdeten
Anatolien, durch Pannen oder auch Anschläge, wird’s teuer.
Konkurrenz zum Projekt kommt von den Betreibern der CPC-Pipeline. Diese führt
von den kasachischen Tengis-Ölfeldern zur russischen Hafenstadt Noworossisk am
Schwarzen Meer. CPC und das BTC-Konsortium von BP kämpfen nun um
Durchleitungsaufträge. So wird verbreitet, daß sich die bisher elf Millionen
Jahrestonnen Rohöl aus Baku nicht nennenswert steigern lassen werden. Somit wäre
die 50-Millionen-Tonnen-Kapazität der neuen Pipeline bei weitem nicht ausgeschöpft.
Der Bau einer solchen Ölpipeline bis ans Mittelmeer, so argumentierte die
russischen Nachrichtenagentur RIA Nowosti, dürfte sich nur rentieren, wenn
Kasachstan einen Teil seiner Förderung in die britisch-US-amerikanisch
dominierte BTC-Pipeline abzweigt. Die kasachische Regierung werde sich dabei auf
das Istanbuler OSZE-Abkommen von 1999 über die Errichtung einer
Hauptexportroute ans Mittelmeer berufen, das sie mit Aserbaidschan,
Turkmenistan, Georgien und der Türkei unterzeichnet hatte. Folge sie den
BP-Interessen jetzt nicht, könnte ihr ein Sturz nach ukrainischem Muster
drohen.
Das scheint nicht übertrieben: Eine der ersten Amtshandlungen der neuen
ukrainischen Regierung nach dem Umsturz war die Umkehr der Fließrichtung in
ihrer kürzlich fertiggestellten Groß-Pipeline: Statt Öl aus dem russischen
Netz von Brody nach Odessa für die Tankerfahrt durch den Bosporus wird sie
aserbaidschanisches Öl von Odessa nach Brody an der polnischen Grenze leiten
und weiter zu den deutschen Raffineriestandorten Ingolstadt und Wilhelmshaven.
erschienen
in der jungen Welt vom 12.
April 2005
T:I:S,
11. April 2005
*
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