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Thomas Immanuel Steinberg:Wie stellt man Antisemitismus fest?Man unterstellt ihn.Angenommen, Sie sind empirischer Sozialforscher und wollen den Antiamerikanismus der Deutschen ermitteln. Ihr Kollege schlägt für die repräsentative Umfrage unter anderem vor: Auch heute noch ist der Einfluss der Amerikaner zu groß. Stimmen Sie diesem Satz zu? Sie würden vermutlich erst den Satz und dann Ihren Kollegen zerpflücken. Die Frage unterstellt als zutreffend, daß der Einfluß der Amerikaner früher zu groß war. Er unterstellt, daß klar ist, wer Amerikaner ist. Sie unterstellt, daß ein Volk oder die Bevölkerung eines Doppel-Kontinents Einfluß hat – und worauf denn? Daß sie mehr Einfluß haben könnte als ein anderes Volk oder die Leute von einem anderen Kontinent. Sie unterstellt, daß dem Befragten die Kategorie National- oder Kontinentalzugehörigkeit überhaupt bemerkenswert erscheint, wenn es um Einfluß geht. Ihr Kollege müßte sich vor Ihnen verkrümeln. An der Universität Leipzig wurde genau dieser Satz entwickelt und auf 2500 west- und ostdeutsche Probanden losgelassen. Doch die Frage bezog sich nicht auf Amerikaner, sondern auf Juden. Sie lautete: „Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß.“ Ob der Proband dem zustimme. Kein empirischer Sozialforscher wurde in Leipzig unterm Mensatisch hervorgefegt. (1) Stattdessen meldete die österreichische Presseagentur das Forschungsergebnis dem Wiener Kurier, und konkret verkündete es im August-Heft 2005: 21 Prozent der Westdeutschen und 12 Prozent der Ostdeutschen hätten dem Satz zugestimmt – ein Beleg für ihre antisemitische Einstellung. 1. Die Frage unterstellt als Tatsache, daß in der Vergangenheit Juden einen zu großen Einfluß hatten. Was für ein antisemitscher Dreck. Wer ihn nicht fressen will, kommt ins Schlucken: Hatten die Juden einen großen Einfluß? War er zu groß? Soll ich jetzt mit dem Interviewer diskutieren? Vielleicht ist ja was dran, wenn die das so sagen in ihrem wissenschaftlichen Fragebogen. 2. Was ist mit Juden gemeint? Viele Leute, auch an wichtiger Stelle, unterscheiden nicht klar zwischen Juden – einem Bekenntnis, und Israelis – einer Staatsangehörigkeit. Vom israelischen Staat bekommt einen jüdisch-israelisch Paß nur, wer von Juden abstammt. Das Bekenntnis zum Judentum reicht nicht aus, auch Rasse muß dabei sein. Andererseits: Wer in ihrem Sinne Jude ist, hat verbrieften Anspruch auf sofortige jüdisch-israelische Staatsbürgerschaft. Der israelische Staat aber, in seiner jetzigen politischen Ausrichtung, und deren Anhänger haben Einfluß, viel zu großen Einfluß auf das Geschehen im Nahen Osten. Sie scheinen die Juden der Welt zu repräsentieren. Ja, die Juden, könnte eine kurzschlüssige Antwort auf die hinterhältige Frage lauten, haben viel zu großen Einfluß. 3. Anti-Defamation League, AIPAC und andere große zionistische Organisationen in den USA behaupten von sich selbst, sie hätten großen Einfluß. (2) Sie beherrschen die öffentliche Debatte, unter anderm mit Scharon-Propaganda, die sich als Antisemitismus-Forschung tarnt. Richtig, sie sollten überhaupt keinen Einfluß haben. 4. In Deutschland beeinflussen Leute die Debatte über Judentum und Antisemitismus, die Juden repräsentieren oder zu repräsentieren scheinen: Henryk M. Broder, Hannes Stein in der Welt, der Bundeswehr-Professor Michael Wolfsohn und Paul Spiegel. Wer noch nichts von Rafael Seligmann oder Salomon Korn gehört hat, könnte erstere für repräsentativ halten. Die haben in der Tat zuviel Einfluß. Noch stärker gilt das in Frankreich für den CRIF, den Vertreter jüdischer Organisationen, der alles niederbrüllt, was zahllose französische Juden in sachlichem Ton vortragen. 5.
Nationalität und religöse oder kulturelle Zugehörigkeit sind
Kategorien der Herrschenden. Eine emanzipatorisch ausgerichtete Forschung würde
Antisemitismus nicht ermitteln, indem sie diese Herrschafts-Kategorien den
Beherrschten von vorneherein unterstellt oder ihnen geradezu unterschiebt. Sie könnte
den offenen und den tiefsitzenden, verborgenen Antisemitismus unter anderm so
einkreisen: Ein Baulöwe, in der Stadt als Jude bekannt, hat etwa das gleiche
Delikt begangen wie ein nicht-jüdischer Konkurrent. Nach beiden Ereignissen
wird im Fragebogen inhaltlich gleich, aber an verschiedenen Stellen gefragt.
Oder die Reaktionen auf Friedmann einerseits, auf die Puff-Besuche der
VW-Betriebsräte andererseits werden miteinander verglichen. Begriffsklärung, die Vermeidung von Suggestivfragen, der Ausschluß verfälschender Assoziationen - das alles gehört zum ABC empirischer Sozialforschung. Die Leipziger Forscher, die österreichischen Berichterstatter und die Antideutschen bei konkret sind noch nicht einmal schulreif. (3) T:I:S, 29. Juli 2005
Anmerkungen (1) Auf die Frage nach der suggestiven Wirkung dieser Formulierungen antwortet der Leiter der Leipziger Studie ausweichend: "Über die Aufnahme dieser Aussage in unseren Fragebogen haben wir heftig diskutiert - auch mit Politologen." Zitiert aus dem Stern (2) American
Israel Public Affairs Committee – AIPAC. »AIPAC is America’s pro-Israel
lobby« lautet der erste Satz auf der Internetseite von AIPAC. Mehr über ADL
und AIPAC unter Hexenküche. (3) Elmar Brähler und Oliver Decker: Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland. Selbständige Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig - Internet-Präsentation. Die Antworten auf die Frage nach dem jüdischen Einfluß erscheinen dort nicht. *Steinberg Recherche Referent Texte 2008 Texte 2007 Texte 2006 Texte 2005 Texte 2004 Texte bis 2003 Karten Bilder Suchen Home nach oben
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