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Noch ist Polen nicht verloren.

Noch ist Polen nicht verloren. Doch internationale Solidarität ist gefragt. Das Mail von Dr. Martin Krämer vom 30 August 2003, 20:45 h aus Warszawa schildert die Arbeitskampfsituation in Polen. Krämer bittet die deutschen Kolleginnen und Kollegen um Hilfe.

Auf zur Revolution... über die Oder, Warszawa,
15. September 2003

Am 15. September beginnt um 15.30 Uhr die Demonstration für den letzten Großbetrieb der polnischen Hauptstadt. Der Demonstrationszug sammelt sich unter dem Denkmal für Kopernikus, d.h. “pod pomnikiem Kopernika“ im Stadtzentrum zwischen Hauptbahnhof, “Warszawa Centralna“ und Fluß, “Wisła“, Str. Ul. Krakowskie Przedmieście, Südende, und zieht an verschiedenen Gewerkschaftszentralen vorbei zum Regierungssitz mit der Forderung nach Renationalisierungb der Industrie (ohne Entschädigung, weil die Privatisierung ein Betrugsvorgang war). Wer mit dem Morgenzug aus Berlin kommt, erreicht den Sammelpunkt mit Ruhe und Stadtrundgang.

Zum Hintergrund:
Im Sonderzug gegen den G8-Gipfel in Evian hatten wir ja die Besetzung der letzten noch produzierenden großen Fabrik in Warszawa, FSO-“Daewo“ in Aussicht gestellt. Durch den Kapitalabfluß nach Korea seit der Privatisierung ist der Weiterbetrieb für die Eigentümer nicht mehr lohnend. Die Autofabrik mit noch 4000 Beschaeftigten im Stadtteil Praga soll in den naechsten Monaten auf eine reine Endmontage mit noch knapp 500 handverlesenen Arbeitern geschrumpft werden. Bezeichnenderweise heißen die Zulieferprodukte für Endmontage international “monkey kid“. Mit dieser Simulation von Produktion zur Importzollersparnis wäre dann die letzte Basis großindustrieller Arbeitskämpfe in der polnischen Hauptstadt zerschlagen. Die Liquidierung des vorletzten Großbetriebs von Warszawa, den Traktorwerken URSUS, war übrigens das Werk des RWE-Konzerns und seiner hiesigen vertragswiedrigen Privatisierung von ehemals öffentlichen Zahlungsausständen zusammen mit dem gesamten Energienetz der Hauptstadt.

Gleichzeitig plant General Motors in der polnischen Provinz, ein komplett neues Autowerk aus dem Boden zu stampfen und unter Nutzung staatlicher Hilfen zu einem Drittel des Lohns bei FSO-Daewo einzustellen. Es geht also bei der Auseinandersetzung um FSO-Warszawa um die Verteidigung von Arbeitsstandards, nicht um die Förderung der Autoproduktion. Heute fährt eine Delegation von FSO-Arbeitern in die besetzten Eisenbahnwaggonwerke von Ostrów Wielkopolska südlich Poznań (2000 Beschäftigte im Ausstand). Sie wollen ein gemeinsames Komitee zur Verteidigung/Rück-Verstaatlichung der beiden Betriebe ins Leben rufen. In Ostrów waren die Bestzung und der Hungerstreik der WaggonarbeiterInnen gegen den erklärten Willen der Regierung vorgestern nach Wochen der Auseinandersetzung vorläufig mit der faktischen Renationalisierung erfolgreich.

Für mich war der Besuch bei den Genossen in Ostrów vor einer Woche sehr spannend. Der strajk okupacijny ist eine polnische Besonderheit. In Ostrów wurde schon wenige Stunden nach der Besetzung des Betriebs durch die Belegschaft mit der selbstverwalteten Produktion begonnen und so in Wochenfrist ein beachtlichens Streikgeld von 300,- PLN für die 2000 Kollegen erwirtschaftet, an den Konten und Hierarchien der Fabrik vorbei. Leider stehen die Karten für eine ähnlich faszinierende Entwicklung in der Hauptstadt noch schlecht. Obwohl wir den ganzen Sommer durch um die Fabrik herum aktiv waren mit wöchentlichen Sitzungen, 20 000 Handzetteln, 1000 Plakaten und guten Kontakten zu Arbeitern und Ingenieuren, die bereit sind, eine selbstverwaltete Produktion mitzuorganisieren und dafür ihre berufliche Zukunft zu riskieren, haben wir noch nicht die kritische Masse innerhalb des Betriebs zusammenbringen können. Schuld daran sind auch die 4 gelben offiziellen Gewerkschaftscliquen im Betrieb(darunter Solidarność, wie eh und je seit 1982). Diese Funktionäre zur Kontrolle der Belegschaft verdienen in einer privaten Abmachung mit der Betriebsleitung bis zum 10fachen des Durchschnittsverdienstes und führen sich z.B. in Versammlungen auf wie Wachhunde der Geschäftsführung. Bis jetzt sind ungefähr 20 Arbeiter, die auf unseren Versammlungen aktiv geworden sind, mit Zustimmung dieser Gewerkschafter auf die Entlassungslisten gesetzt worden. Meiner Meinung nach sieht es so aus, als ob die Disziplinierung über Entlassungsdrohungen (nur einer von 8 darf schließlich endmontieren) funktioniert. Aber es gibt hier Genossen, die optimistischer sind. 

Zeichen von Solidarität aus den westlichen Nachbarländern haben einen ungeheuren Wert hier, wie ich immer wieder merke, wenn ich als ehemaliger VW-Baunatal-Arbeiter hier vorgestellt werde. Das Erstaunen ist groß, sobald die polnischen Kollegen erfahren, daß die vermeintliche Arbeiteraristokratie westlich der Oder ganz ähnliche Probleme hat wie sie selber (wenn auch (noch) nicht mit hungrigen Kindern ab der zweiten Streikwoche). Es wäre toll, wenn jemand aus Deutschland am 15. Mit dabei wäre, z.B. eine Grußbotschaft mitbringen könnte, die ich dann hier simultan ins Polnische übersetzen könnte, wie mit der hervorragend aufgenommenen Rede von Winfried Wolf auf dem Parteitag der nowa lewica im Juni 2003. Seit Monaten träumen die Genossen hier z.B. von ein paar Deutschen in IG-Metall-Streikkluft. Als ich von dem Scheitern der Metaller in Ostdeutschland berichtet habe, war für lange Momente bedrückende Stille im Versammlungssaal. Vielleicht ist ja auch für die andere Hälfte interessant, daß es ähnliche Interessen gibt auf der gegenüberliegenden Seite der Oder.

Gäbe es sogar IG-Metaller; die am 15. September kommen würden? Aber ich warne: Wir haben noch nicht die Massenbasis, um die wir ringen. Bitte keine großen Erwartungen an die Quantität. Jedes Hundert auf der Demo ist ein Erfolg.


Aber es gibt auch einige sichere Attraktionen: historische Modelle von Autos der
Hauptstadt, z.T. mit Megaphonanlage, die ein gesellschaftliches Komitee zur Rettung der Fabrik (“Społeczny Komitet Obrony FSO“) beisteuert. Und nähere Bekanntschaft mit der nowa lewica. Die einzige Partei auf den Antikriegsdemos vom März, die mittlerweile wegen Blokaden vor der amerikanischen Botschaft auch in den Gerichtssälen ist. Zahlenmäßig leider immer noch bei hundert Mitgliedern, hat aber im Unterschied zum sonstigen hiesigen linken Zirkelwesen auch sehr aktive Zentren außerhalb der Hauptstadt (Elk, Poznań, Wrocław). Ihre sichtbarste Stärke und auch ihr wesentlicher Schwachpunkt ist die Fixierung auf die landesweit durch Besetzungen, Medien und Parlamentskarriere bekannte linke Figur Piotr Ikonowicz. Er ist u.a. in Kuba aufgewachsen und kam in Francos Spanien das erste Mal ins Gefängnis. Den heute aktivsten alternativen Gewerkschaftler (Konfederacja Pracy) der FSO (bereits gefeuert), Maciek Gus, hat er schon währrend des Kriegsrechts 1981 nach Pazifierung von Streiks im Polizeiarrest kennengelernt. Nach 8 Jahren im Parlament auf sozialdemokratischen Listen hat er vor allem mit seiner Kampagne gegen den Rausschmiß säumiger Mieter und gegen Privatisierungen mit dem Establishment gebrochen. Was er nun mit existenzieller Armut für sich und seine Familie bezahlt. Faktisch hat er Berufsverbot und Mediensperre durch die stillschweigende Koaliton aus Neoliberalen und Sozialdemokraten in Polens Wirtschaft und Politik. Als einer der wenigen linken antikapitalistischen Aktivisten in Polen spricht er eine Sprache, die auf der Straße oder im Bürgerfernsehn (mit manchmal bis zu einer halben Million Zuschauer, nächster Termin 7. September, herzlich eingeladen ins Studio!) mehr begeistern kann als nur Studierte und Zugereiste, die die linken Diskussionsgruppen der Hauptstadt vor allem bevölkern. 

Die gegenwärtigen Kampagnen für eine Sozialhilfe, “GDM“ (gibt es nicht in Polen, wie übrigens auch nicht in Portugal und Griechenland), zur Rettung der Ladner “Zabki“ aus den Klauen der Raiffeisenbank, gegen die polnische Militärkolonie im Irak, gegen das Rüstungsprogramm mit den F16 Düsenjägern, gegen die brutale Repression der Bauernproteste, gegen die Privatisierung des Gesundheitswesens und eben zur Rettung der FSO-Werke, sind allesamt ehrgeizig und in der Lage, die Leute auf der Straße anzusprechen. An dem leicht introvertierten Zirkelwesen linker Schattierungen, Zeitungen und Internetseiten, die sich in erster Linie untereinander befehden, leidet die polnische radikale Linke akkut, ob nun organisiert in attac (vor zwei Wochen sind die rechten Trittbrettfahrer und Horst-Mahler-Herausgeber der Zeitschrift “obywatel“ dort ausgestiegen, wir haben diesen kleinen Sieg, der nie hätte nötig werden sollen, ausgiebig gefeiert), Trotzkisten (unversöhnlich zerstritten: die nach Cliff, “Demokracja Pracownicza“ und Mandel “Nurt“) Anarchisten (z.T in Polen ausgesprochen liberalistisch, z.B die Gruppe in Gdańsk gegen progressive Besteuerung).

Das Potential in der polnischen Bevölkerung für einen sozialistischen Aufbruch (auch wenn er sich mit Gewißheit etwas anders nennen müßte, um die Massen zu ergreifen) ist erstaunlich hoch. 70 Prozent aller Polen sprechen sich eindeutig gegen Vermögensunterschiede in der Gesellschaft aus. Währenddessen wächst die soziale Ungleichheit gespenstisch. Die Hälfte der Bevölkerung lebt unterhalb der offiziellen Armutsgrenze, die Produktion schrumpft monatlich. Mittlerweile schaffen es weniger Polen vom Land in die Universitäten als vor dem 2. Weltkrieg. Jedes dritte polnische Kind leidet laut UNESCO armutsbedingt an Calciummangel, jedes zehnte hat irreversible Schäden. Währenddessen zwingt die EU-Kommission Polen, seine Milchproduktion sogar noch unter den jetzigen marktbezogenen Eigenbedarf zu senken. Bildung, Gesundheit, trinkbares Wasser - das Leitungswasser der Hauptstadt ist Flußwasser und krebserregend - sowie Urlaub (nur für 25% der Polen erschwinglich) werden zur knappen und teuren Ware für wenige.

Die Achtung gegenüber Arbeitern und Arbeiterinteressen ist aber zum Teil spektakulär, sichtbar z.B. bei der Unterstützung durch Taxifahrer in Ostrów und Warszawa für den Erhalt der Fabriken oder auch durch einfache Polizisten, die uns beim illegalen nächtlichen Plakatieren unter die Arme greifen. Spannend sind die hiesigen Kontakte zur unabhängigen radikalen Linken z.B. in Weißrußland und Tschechien, die hier gepflegt werden. (Mehr als der Europudding, den das EU-Parlament sich zur Zeit in der radikalen Linken Kerneuropas zusammensponsert, auch in Polen kursieren entsprechende Korruptionsangebote und für St. Denis werden ganze Neue Soziale Bewegungen simuliert, Polen hat sogar zwei landesweite Sozialforen, die um jede Redeminute auf dem ESF (Europäischen Sozialforum im November) miteinander streiten, nur leider weitgehend ohne eine soziale Basis). Mehr zu sehen, zu hören und zu diskutieren hier vor Ort, am 15. September. Übernachtungsmöglichkeiten organisiert Piotr. Parallel zur Demo gründen wir eine internationale “Forschungsgruppe für sozialen Wandel“ mit Sitz in Warszawa. 

Mail von
Dr. Martin Krämer, Warszawa 

 

Kontakt:

 

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