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Sieg der Krieger
Freies Sender Kombinat Hamburg (FSK)
siecht dahin
Das Freie Sender Kombinat Hamburg, einst ein beliebter
alternativer Radiosender, hat kaum noch Zuhörer. Im Mini-Sender haben sich die
Anhänger der US-amerikanischen Kriegspolitik durchgesetzt. Wer Israels
mörderisches Besatzungsregime angriff oder das alberne Mohammed-Atta-Märchen
vom 11. September 2001 zu glauben sich weigerte, wurde schikaniert, gemobbt und
schließlich von der Mitarbeit ausgeschlossen.
SteinbergRecherche hat den Zustand des Senders Ende 2003
beschrieben: Kinderfunk. Mitte 2006 herrscht Ödnis.
Die Betreiber der Sendungen RadioAktiv, Salon Rouge, Back To The Basics,
WiseUp!, Spielerfrauen, Trost in lausigen Zeiten undSonido Bestial hoffen auf
Besserung : Wo einige gleicher sind.
Solange sie jedoch die Verantwortlichen nicht beim Namen nennen, und auch sich
selber nicht, wird sich die Hamburger linke Öffentlichkeit kaum mobilisieren lassen.
Der Konflikt wird fast unbemerkt im kleinen Zirkel weiter schwelen - bis der
Sender tot ist.
T:I:S, 1. Juli 2006
*
1. Kinderfunk. Leserbrief zu
„Redaktion Radio Klassenkampf: Warum wir die Mitarbeit im Freien Sender
Kombinat (FSK) beenden.“
2. Blaue Linie –
roter Faden. Über die Macht der Inklusion -
Klassenkämpfe in historischen Werkstattsituationen von Martin Krämer, Warszawa
*
1. Kinderfunk
Leserbrief zu „Redaktion Radio Klassenkampf: Warum wir die Mitarbeit im
Freien Sender Kombinat (FSK) beenden.“ Lokalberichte Hamburg, 14. Jahrgang,
Nr. 25 v. 11.12.03
von Thomas Immanuel Steinberg
Die Gruppe Radio Klassenkampf sieht nach zehn Jahren
intensiver Sendearbeit beim Freien Sender Kombinat (FSK) keinen Platz mehr für
linke Diskussion, für Gesellschaftsanalyse und Aufklärung. Eine Mehrheit in
den Entscheidungsgremien habe einzelne Aktive und ganze Radiogruppen eingeschüchtert,
verdrängt, zur Resignation veranlaßt oder ihnen das Senden ganz verboten. Die
Zahl der Fördermitglieder gehe rapide zurück. Die Ausstattung verkomme. Die
Gremienmehrheit hätte immer wieder der Minderheit Antisemitismus vorgeworfen,
platten Antiimperialismus und Gewerkschaftsnachläufertum.
Ich habe Platz bekommen bei FSK, gerade als Radio
Klassenkampf dabei war aufzugeben. Auch die Macher der monatlichen Sendung über
Mexiko waren müde geworden. So konnte ich am 8. Oktober abends um halb acht ans
Mischpult gehen und senden. Meine halbe Stunde war noch nicht vorbei, da betrat
ein irritierter Musikredakteur das Studio und verlangte, ich solle abbrechen.
Ein Werner sei am Telefon, der mitgehört habe. Mein Beitrag sei antisemitisch.
Später hörte ich, Werner sei meist im Studiogebäude, manchmal auch nachts,
und versehe in gewissem Maße Hausmeister- und Pförtnerdienste.
Werner der Pförtner - seinen Nachnamen kennen nur seine
Freunde - hatte bei früherer Gelegenheit eine Bambule-Demo-Reportage
wiederholt. Hörer dachten, das sei live und suchten vergeblich nach der Demo.
Zweimal soll er das gemacht haben. Die Gremienmehrheit fand das wohl witzig.
Auch soll Werner dem Polizeisprecher am Telefon verschwiegen haben, daß er beim
Interview ein Band mitlaufen läßt. Diesen Kinderkram bestreitet die
Mehrheitsfraktion.
Einen Monat später wollte ich wieder senden. Das
Endlosband lief, im Studio war niemand, ein Schlüssel nicht aufzutreiben. So
fiel die Sendung aus. Ein paar Tage später lieh mir ein Freund seinen
Sendeplatz. Da konnte ich über Ölpipelines und Ressourcenkriege berichten und
über Michel Warschawski, einen der vielen israelischen Gegner von Scharon und
Bush. Freundliche türkische Radioredakteure liehen mir folkloristische
Untermalungsmusik, weil ich meine vergessen hatte. Am Ende der geliehenen
Sendezeit erschien niemand zur Folgesendung. Offenbar waren auch
deren Redakteure die Sache leid.
Für den nächsten Sendetermin am 13. Dezember hatte ich
einen detailgenauen Beitrag über den Imperialismus in Georgien
vorgesehen - und die eigene Übersetzung eines Texts von
Judith Butler. Nicht nur Werner, auch andere Zuhörer hatten meine erste
Sendung für antisemitisch erklärt und mir, statt irgendwelcher Verschwörungsschinken,
die große jüdische Feministin und Philosophin zu lesen empfohlen. Ich griff
den Vorschlag dankbar auf. Ich hatte vor, meinen Kritikern Judith Butlers Empörung
zu Gehör zu bringen über Leute, die Scharons Politik mit der Sache der Juden
in Israel und der Welt ineins setzen. Die Gleichsetzung einer jüdischen
Position mit der aller Juden hält Butler für ein antisemitisches Grundmuster.
Butler hatte den Text gegen den Präsidenten der Harvard-Universität in der
London Review of Books veröffentlicht. Der Gründungsaufruf der Jüdischen
Stimme für gerechten Frieden in Nahost aus Berlin sollte die Sendung rund
machen; der Aufruf, unterzeichnet von der Computerwissenschaftlerin Fanny-Michaela
Reisin, endet mit dem Satz: „All jenen, die sich anmaßen, für alle Juden
einer Nation oder gar der Welt zu sprechen, rufen wir entgegen: NICHT IN UNSEREM
NAMEN!“
Dazu kam es nicht. Eine dreiviertel Stunde vor meinem
Sendetermin fand ich die Tür zum Studio verschlossen. Neben dem Flur zur
Studiotür stand Werner der Pförtner und behauptete, er hätte keinen Schlüssel.
Aus dem Radio im Vorraum, das immer auf die Frequenz von FSK eingestellt ist, tönte
ein Kinderlied. Trullala - und hoppsassa. Dann ein zweites. Und noch eins.
Werner: Ja, da sei wohl ein Endlosband eingeschaltet. Das lief, erfuhr ich,
schon um sechs. Kurz vor acht, die unverlesenen Wunschtexte meiner kritischen Hörer
unterm Arm, suchte ich das Weite. Da dudelte er noch, der Findige
Sendeverhinderungs-Kindergarten. Und wenn er nicht vermodert ist, dann dudelt er
noch heute.
T:I:S, 15. Dezember 2003
*
2. Blaue Linie –
roter Faden
Über die Macht der Inklusion -
Klassenkämpfe in historischen Werkstattsituationen
von Martin Krämer, Warszawa
[ erscheint demnächst in Fantômas, Heft "Klassenkampf", siehe http://www.akweb.de/fantomas/daten.htm
]
Wer kennt sie nicht, die
Briefe von Rosa Luxemburg, in denen neben Aufrufen zu Klassenkampf und Mord auch
andere herzzerreißende Anliegen aufleuchten? Die Rettung von Kleininsekten am
Gefängnisfenster, Verwünschungen von Genossen, die sich in Theorie vergraben,
Liebesdinge. Letztere vornehmlich auf Polnisch, das ist schon weniger bekannt.
Die cosmopolitische Leichtigkeit bei der Lektüre der deutschsprachigen Ausgabe,
in der uns nicht einmal die Sprachwechsel auffallen, verdanken wir vornehmlich
der jahrzehntelangen Herausgebertätigkeit von Feliks Tych, seinen Übersetzungen
und Anmerkungen. Aber auch für HistorikerInnen des Klassenkampfes ändert sich
die Erwerbslage. Jener polnische Nationaladler, den Rosa so gern im Kochtopf des
internationalen Proletariats gesehen hätte, bekam 1990 wieder eine Krone
aufgesetzt und ziert nun die Uniformen von Berufskillern einer ganzen irakischen
Kolonie. Feliks Tych ist derweilen als Institutsdirektor in der polnischen
Hauptstadt untergekommen. Statt “Die
Akkumulation des Kapitals“
beschäftigt ihn nunmehr die Ethnisierung des Sozialen. So kam er im Zuge der
unseligen Jedwabne-Diskussion im letzten Jahr zu dem Urteil, die russische
Oktoberrevolution sei unerreicht die größte materielle Enteignung in der uns
bekannten Weltgeschichte. Zu seiner Entlastung sei behauptet, daß kaum einer
sich im Westen ein Bild machen kann von den Deprivationen, die die Lufthoheit
der Neurechten im osteuropäischen Alltag nach sich zieht. Im Präsidium kreisen
die Geier liberal
- wo sie sich niederlassen, gedeiht die Reaktion. Aber Zarewitschtränen hin
oder her: die paar Kandinskis im Winterpalais und das damals erreichbare Öl von
Baku sind nun wahrlich Peanuts gegenüber der tagtäglichen Aneignung
verausgabter menschlicher Arbeitskraft im real existierenden Kapitalismus.
Allein am gestrigen Tag haben mehr Werte unter Zwang die Hände gewechselt: die
Arbeitsleistungen von über 5 Millliarden Menschen, die dafür nicht mal ein
Viertel des Welt“sozial“produkts bekamen. Bei diesem Eigentumstransfer sind
über 140 000 Menschen zwangsweise verhungert. So schnell konnte das World Trade
Center gar nicht einstürzen, wie der ganz alltägliche Kapitalismus seine Opfer
begräbt.
Aber zurück zu den Schulwegen von Rosa Luxemburg. An einem fand im Juni
2003 in Warszawa die Konferenz der polnischen Neuen Linken statt. Magdalena kam
aus der Provinz angereist und hatte keinen leichten Stand. Neben der
Parteiarbeit leitet sie nämlich einen Kirchenchor. Diesem Brotberuf aber
verdankt sie eine Atem- und Sprechtechnik, die es ihr ermöglicht, auch gegen
die Schmährufe altgedienter Bewegungsmachos ihre Stimme hörbar zu machen:
“Sind wir nicht alle mittlerweile Proletariat hier, auch die, die studieren
oder anders hinten runterfallen?“
Die altgedienten Gewerkschaftsbosse der sogenannten “Solidarność“
sehen das anders. Konferenzen der Neuen Linken meiden sie wie das Weihwasser den
Teufel, obwohl die damals “neue Linke“ des Westens sie in den 80er Jahren
zusammen mit den Finanziers von EWG und CIA auf Jahrzehnte hinaus rund- und
fettgeküßt hat. Aber wo ihre Klasse endet, das wissen sie genau, da stellen
sie keine Fragen wie Magdalena. Die vorletzte Fabrik der polnischen Hauptstadt
hat RWE erledigt, die letzte erledigen sie selbst. Auf der Begleitdemonstration
zur letzten Aktionärsversammlung Ende September 2003 (Aktienmehrheit General
Motors) haben sie nicht nur einen schlagfertigen Ordnerdienst mit jenen bekrönten
Adlern am Oberarm, sondern auch einen Blauen Strick, der die vollproletarischen
Noch-Belegschaftsmitglieder von den SchnürsenkelverkäuferInnen, Obdachlosen
und Rote-FahnenträgerInnen trennt, die in den letzten Monaten und Jahren aus
dem Fabrikkomplex mit Segen der “Solidaritäts“-Gewerkschaft in die polnisch
vorgezogene Agenda 2010 entlassen wurden. Die Blaue Linie der Trennung und
Exklusion wird auch für den 1. Mai 2004 vorbereitet. Bereits auf der
Generalprobe 2003 schaffte es die regierende Sozialdemokratie, in ihrem
Jugendverband, der aus guten Gründen als Verband aufmarschiert, keine einzige
rote Fahne mehr zuzulassen. Statt dessen schwenkten die Söhne und Töchter
besserer Eltern ausschließlich und mit einem systemkonform zur Schau gestellten
Optimismus, der an Künstlichkeit ihren andersfarbigen Vorbildern der frühen
50er Jahre nicht nachsteht, die blauen Europa-Fahnen. Der erste Mai wird
umfunktioniert zum Tag der EU-Erweiterung – die Lufthoheit des Neoliberalismus
wird zur materiellen Gewalt. Wie in London macht die Polizei Jagd auf alle, die
jenseits der blauen Linie an diesem Tag ihre Meinung kundtun wollen. Bereits
jetzt patrouilliert sie mit Nachtsichtgeräten aus deutschen Steuergeldern, damit
die Fluchtopfer des metropolitanen Grenzregimes in Zukunft im polnisch-weißrussischen
Grenzfluß Bug und nicht mehr in der bald rundum zivilisierten Oder ertrinken.
Wenn die verblichene Solidarność heute ausscheidende Bergarbeiter in
die polnische Hauptstadt einfährt, dann gibt sie als Losung neben
unwiederholbaren Abscheulichkeiten über ihr Steckenpferd “Judenkommunisten“
den Schlachtruf vor “SLD=KGB“ (SLD sind die regierenden sogenannten
Sozialdemokraten). Das heißt: Der vermeintlich linke politische Gegner gehört
– obwohl noch in der Regierung – eigentlich auf die andere Seite der künftigen
EU-Demarkationslinie. Das malerisch klassische Proletariat (männlich,
katholisch, schwerindustriell) kämpft so für EU-gerechte Abfindungen bei der
Abwicklung seiner Traditionsunternehmen in Heimindustrieunternehmungen. Währenddessen
sitzen die scheinselbständigen Kassiererinnen im Baumarkt Obi auf Befehl der
Betriebsleitung in Babywindeln an den Kassen, damit keine Pinkelpause die
Verwertung ihrer Arbeitskraft unterbrechen kann.
Exklusionstechnik ist Herrschaftstechnik. Und diese macht vor dem
Klassenbegriff nicht halt. Emanzipatorische Politik wird sich zunächst von den
blauen Demarkationslinien und ihren gelben
Profiteuren befreien, bevor sie die roten Fäden aufnehmen kann, die die
Trennung von Kapital und Arbeit organisieren. In diesem Sinne können wir
einstimmen nach André Gorz: “Adieu au prolétariat“
pittoresque, bonjour le prolétariat de classe – Abschied vom [malerischen]
Proletariat, willkommen in den real reproduzierten Klassenbeziehungen. Die
derzeitige ökonomische Trennung zwischen Arbeit und Kapital entzaubert und
realisiert sich als politische Auseinandersetzung um die konfliktförmige
Einheit der Klasse und ihrer vorgeblich auseinanderlaufenden Interessen.
Das ist faszinierend, spannend, vielleicht sogar herzzerreißend; nur eins
ist es nicht: neu. Bevor noch der Zar in Petrograder Februar 1917 abdankte,
liefen bereits die Telegrafendrähte heiß mit chiffrierten Meldungen der noch
illegalen Gewerkschaften.
In Char‘kov, 2000 km südöstlich z.B., formierten sich binnen Monatsfrist
zwei Strömungen in der ArbeiterInnenbewegung. Die eine vereinte den Hauptteil
der Belegschaften in den aufgeblähten Rüstungsbetrieben: gänzlich
atraditionelle Proletarier, ungelernt oder angelernt, in den Kriegsjahren eilig
aus dem reproduktiven Reserveheer im dörflichen Hinterland mobilisiert und in
den Augen der Gebildeten jederzeit wieder dorthin abschiebbar; sogenannte
Schwarzarbeiterinnen und Schwarzarbeiter, weil sie bis zum Hals im Dreck der
Kohle, Öle und Demütigungen unter alter Fabrikhierarchie steckten. Ihnen gegenüber
standen die weißen, echten Arbeiter. Facharbeiter mit einem sorgfältig
kultivierten Klassenbewußtsein, die bald ihre politische Heimat in der rechten
Sozialdemokratie, den Menscheviki, fanden.
Im Archiv der cubanischen Arbeiterbewegung stieß ich zu meiner großen Überraschung
auf eine verblüffend ähnliche Konfliktlage in den revolutionären, caribischen
Betrieben von 1959 – mit dem Unterschied, daß dort die afrocubanischen
Belegschaftsmitglieder nicht nur durch Kohle- und Öldreck von ihren
vorgesetzten Facharbeitern als “Schwarze“ ausgrenzbar waren. In beiden Fällen
war das Schicksal der Revolution in den Betrieben für mehrere Monate auf der
Kippe. Den Ausschlag gab jenseits wie diesseits des Atlantik die bisweilen
atemberaubende Fähigkeit von AktivistInnen beider Seiten - über alle
Nuancierungen ihrer tripple oppression hinweg - gegen den Hauptwiderspruch
zwischen Kapital und Arbeit zu mobilisieren und ihn mit einem letztlich kaum
nachvollziehbaren Elan als Betriebssozialisierung durch AbeiterInnenräte
aufzuheben. Als ich diese Entdeckung der cubanischen Archivarin zuflüsterte,
die mir das Material zugespielt hatte, nahm sie mich beiseite und erklärte mir:
in Rußland waren es Millionen und bei uns hier auf der Insel nur eine Handvoll.
In ihren Augen war dabei ein Leuchten, wie ich es nur aus dem catalanischen
Dokumentarfilm “Baustelle“ kannte, in dem ein marokkanischer Maurer im
Schneegestöber von Barcelona die Schaufel hebt und von den Putilov-Werken erzählt.
“Du hast gestern zuviel Fernsehen gesehen“, rempelt ihn sein Kollege an,
weil sich sonst kein Einspruch finden läßt.
Militante Untersuchung
Nach drei Tagen palestinensischer Verhältnisse in Genova 2001 waren wir wie
geplättet: ein Genosse tot, so viele noch nicht realisierte Morddrohungen in so
wenigen Gesten der Ordnungsmacht, die Gasattacken, um Fliehenden den Weg
abzuschneiden. Und dennoch hörten wir nicht auf zu reden, uns auszutauschen.
Wie nach langer Isolation wollten wir mehr und mehr erfahren von denen, mit
denen wir unsere Seite der Barrikade teilen. Mit einem Kollegen sprach ich über
Privatisierung im Gesundheitssystem, über Ausgrenzung aus der Produktion,
Ausbeutung der Reproduktion und den täglichen Widerstand dagegen. Erst später
kam mir in den Sinn zu fragen, welchem Land denn die Erfahrungen zuzuordnen wären,
von denen er so anschaulich nachvollziehbar berichtete. Es war Kroatien. Ich
erinnere mich an das Erstaunen über jenen Vorgeschmack eines revolutionären
Univeralismus, der unsere Verständigung ermöglichte.
Als mir klar wurde, daß ich noch sechs weitere Jahre Untersuchung betreiben
und dafür eine Arbeitsgruppe ins Leben rufen könnte, wußte ich mit
Bestimmtheit, daß die Ergebnisse den Jungs und Genossinnen auf der Straße
zugute kommen sollen: Erfahrungen zusammenfassen, Erkenntnisse gewinnen, die
reale Gebrauchswerte darstellen für die Bewegung gegen kapitalistische
Globalisierung. Denn soviel ahnte ich von den mittlerweile übersehbaren
revolutionären Prozessen z.B. in Char‘kov 1917, in Tschechien 1945 und in
Cuba 1959: es bleibt nicht beim Barrikadenkampf, eine Herrschaft, die ihre
Legitimität verliert in den Augen ihrer Zuarbeiter, hält sich nicht ewig
weiter als Hülle, auch wenn dieser Moment des Wankens uns qualvoll wie eine
Ewigkeit vorkommen will und ganze Generationen von Engagierten das Ende
vielleicht gar nicht mehr erleben werden. Eines Tages heißt es, die Fabriken,
die Werkstätten, die Banken und die Quartiere zu übernehmen. Und dann rächt
sich jede zuvor praktizierte Abkürzung gemeinsamer Entscheidungsfindung in der
Bewegung, jede Verflachung in charismatischem Charme und die hohlen Phrasen, die
in der Konfrontation noch so kreativ klangen. Das reelle Potential der
Gegengesellschaft wird dann offenkundig, wenn es daran geht, den Kommunismus
endlich zu MACHEN. Die Praxis von Untersuchung und Kommunismus ist eine Einheit,
nicht nur für die KollegInnen in den Call-Centren.
Ich habe Staub gefressen. Die Arbeitsgruppe ist erst im Werden (gibt es
eigentlich einen anderen Zustand von Arbeitsgruppen - außer in Nachrufen?)
Wochenlang kannst Du in Archiven suchen und es geht eigentlich nicht weiter. Du
kannst zusammentragen; hier ein Tagebuch einer Gewerkschafterin in den
Textilbetrieben südlich von Havanna, wo die Arbeitskraft weiblich war und der
landesübliche Machismus zusammen mit den alten Aufsehern vom Betriebsgelände
flog; dort Spuren der Büroarbeiterinnen, die im Ministerium des Ché dem für
cubanische Begriffe unsagbar kalten Macho aus Argentinien so manches Veilchen
zur Erinnerung beibrachten; Arcelio Iglesias, schwarzer Gewerkschafter der
Hafenarbeiter von Havanna, ermordet von den Schergen der Battista-Diktatur. Der
Mord applaudiert von den gelben Gewerkschaftlern, allen voran dem ehemals
trotzkistischen Kreidefresser Muchal. Wenn ich mit dem afrocubanischen Portier
am Institutseingang darüber spreche, sehe ich bald schon die Tränen in seinen
Augen. Nach der Revolution drucken seine Gefährten kleine Kalender für die
Taschen der Hafenarbeiter. (In Jamaika, nebenan, gibt es interessanterweise bis
heute auch viele Hafenarbeiterinnen, ein russischer Matrose hat mich neulich in
Kingston darauf aufmerksam gemacht). Darin stehen die Rechte auf Pausen, die
Mitbestimmungsrechte im sozialistischen Aufbau, Ferientage aufgrund der
komplizierten Revolutionsgeschichte. Genau dieses Kalenderformat tauchte nach
den Bürgerkriegsjahren im revolutionären Char‘kov der 20er Jahre auf, etwas
anders auch 1946 für die Arbeiterinnen bei Bat‘a-sozialisiert in Zlín,
Tschechien. Die Arbeitenden hatten zu lesen begonnen und gelernt, Forderungen zu
artikulieren. Im Kalender steht, wo sie hingehen können, wenn ihnen im
Betriebsablauf etwas nicht paßt. Aber das sind ja alles nur kleine Splitter! Wo
ist die Arbeitermacht, BEVOR sie als rote Legitimationshülse für den Verlust
utopischer Fähigkeiten herhalten muß, in Char‘kov 1927-1936, in der ČSR
1948-1969, auf Cuba seit 1962, seit dem Abschied von Ché, zur Zeit?
Die Archive der Mächtigen sind eine Sammlung von Löchern. Linsen wir durch
ein solches Sieb, kommt es uns mitunter auf einmal vor, als schauten wir in den
Sternenhimmel selber: Nachtsitzung im Arbeiterselbstverwaltungsrat der
Stahlwerke Třinec, März 1948 an der polnisch-tschechischen Grenze.
Ein Einpeitscher von der Partei hat eine Liste vorgelegt, wer nach den
Februarunruhen als politisch unzuverlässig entlassen werden soll. Die Liste
wurde abgelehnt. Die Fälle müssen einzeln beraten werden, etwas anderes
erweist sich als nicht durchsetzbar. In dem Protokoll wechseln sich Rede,
Gegenrede, sorgsam gekennzeichnete wortwörtliche Passagen. Jeder soll auf seine
Worte festgenagelt werden können, die er unterschreiben wird. Man verbittet
sich Enthaltungen. Ein ehemaliger SS-Mann soll beschäftigt bleiben, weil er
sich still verhalten hat im Betrieb, meint die Leitung. Umgekehrt kämpfen die
Kollegen um jeden ihrer Genossen, der zwar nicht auf Parteilinie, aber bei der
Sache war. Seine Frau weiß Bescheid in politischen Dingen, auch wenn er den
Dummbatz spielt, heißt es von einem Arbeiter, der dem Kaderfunktionär auffällig
geworden ist. Er soll bleiben. Vor den Tschechen mimt er den Polen, vor den
Polen einen Tschechen, den tschechischen Nationalen Sozialisten sagt er, er sei
Kommunist und umgekehrt. Anders wird über einen Meister beratschlagt. Er hat
unter deutscher Besatzung einem Arbeiter auf den Kopf geschlagen, der soll
endlich gehen müssen. Der nächste, der gehen soll, ist ein Gegner des
Betriebsleiters und der Genosse Leiter soll mal bitte seine privaten
Feindschaften außen vor lassen. Der Kollege fliegt unter lautstarkem Protest.
Im Saal sind 30 ArbeiterInnendelegierte. Sie sind ihren Basisräten direkt
verantwortlich. Und sie machen aus ihrem Mißtrauen gegenüber
Instrumentalisierungen von Klassenkampfbegriffen durch die neue Leitung keinen
Hehl. Die Klasse sind schließlich sie; und kämpfen können sie selber. Mit
eben dieser Determination werden z.B. Differenzierungen der Einheitsentlohnung
durch die ArbeiterInnenräte (závodny rady) abgelehnt. Begründung: angeblich
sozialistischer Leistungslohn ist gegen unser Klasseninteresse. Prämien für
BestarbeiterInnen werden zwar angenommen, aber die Auszeichnung im Kollektiv
kreisen gelassen. In dem nächtlichen Wortgefecht über die anzustrebende
Belegschaftszusammensetzung wird das Ringen eines Kollektivs deutlich: mit
seinen neuen Verwaltern gegen seine alten, am liebsten ohne beide und im
richtigen Moment mit sicherem Gefühl beim Hauptanliegen. Das Land liegt in Trümmern,
die zurückgekehrten KZ-Häftlinge, über 300 allein aus Třinec, brauchen
medizinische Versorgung. Mehr, meint meine Naivität als Leser 55 Jahre später,
mehr an Sozialismus, Arbeitermacht, Selbstbestimmung, Emanzipation war
vielleicht zu den gegebenen materiellen Bedingungen gar nicht möglich. Und noch
eins bei aller Naivität: wenn wir einmal noch so weit kommen und nicht die
selben Fehler wiederholen, können wir uns glücklich schätzen. Der rote Faden
wäre uns dann nicht gerissen, die blaue Linie überschritten.
Martin Krämer forscht in einer Gruppe zur
"Arbeitergeschichte für die Bewegung gegen kapitalistische
Globalisierung". Er gehört zum Kollektiv "Die Soziale Revolution
freskieren" mit Schwerpunkt in der polnischen Hauptstadt.
Dr. Martin Krämer
Wolna Akademia Freskowa
ul. Orla 6 m 55
PL-00-143 Warszawa
Pologne
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