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Steinberg Recherche Referent Texte 2006 Texte 2005 Texte 2004 Texte bis 2003 Karten Bilder Home Inhalt Etienne de La Boëtie
Von der freiwilligen
Knechtschaft des Menschen
Vorbemerkung
des Übersetzers
Etienne
de La Boëtie hat von 1530 bis 1563 gelebt; die vorliegende Schrift ist vor dem
Jahr 1550 von ihm verfaßt worden, vor mehr als 360 Jahren also. Sie kursierte
schon bei Lebzeiten des jungen Verfassers, der in seiner Verborgenheit blieb, in
Abschriften; eine solche Abschrift kam in die Hände Michel Montaignes, der
darum seine Bekanntschaft suchte und sein Freund wurde. Den revolutionären
Republikanern, die in den nächsten Jahrzehnten in England, den Niederlanden und
Frankreich gegen den Absolutismus kämpften und die man die Monarchomachen
nennt, muß die Schrift wohl bekannt gewesen sein. Aus dem Kreise dieser französischen
Revolutionäre des 16. Jahrhunderts heraus ist sie auch zuerst gedruckt worden -
gegen Montaignes Willen, dessen widerspruchsvolle Äußerungen auf seine
behutsame Vorsicht zurückzuführen sind. Diese Herausgeber gaben der Schrift
den treffenden Namen "Le Contr'un", der sich nicht ins Deutsche übersetzen
läßt; den Sinn würde wiedergeben die Fremdwörterübersetzung: Der
Anti-Monos, wobei unter Monos eben der Eine, der Monarch zu verstehen wäre, als
dessen grundsätzlicher Gegner der Verfasser auftritt. Später ist die
Abhandlung dann doch von den Herausgebern von Montaignes Essais anhangsweise dem
Essai über die Freundschaft, der zu großem Teil Etienne de la Boëtie gewidmet
ist, beigegeben, aber immer nur als eine Art literarisches Kuriosum betrachtet
worden, bis in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Lameunais die politische
Bedeutsamkeit der grundlegenden Schrift erkannte. Näheres über den
Zusammenhang, in den diese einzige Erscheinung gehört, habe ich in meinem Buche
"Die Revolution" gesagt. Gustav Landauer (gefallen im Kampf gegen die Freikorps 1919) Feigheit
"Mehrern
Herren untertan sein, dieses find' ich schlimm gar sehr, Nur ein einziger sei
Herrscher, einer König und nicht mehr", so sagt Ulysses bei Homer vor versammeltem Volke. Hätte er nur gesagt:
"Mehreren
Herren untertan sein, dieses find' ich schlimm gar sehr",
so wäre das eine überaus treffliche Rede gewesen; aber anstatt daß er, wenn
er mit Vernunft reden wollte, gesagt hätte, die Herrschaft von mehreren könnte
nichts taugen, weil schon die Gewalt eines einzigen, sowie er sich als Herr gebärdet,
hart und unvernünftig ist, fuhr er gerade umgekehrt fort: "Nur
ein einziger sei Herrscher, einer König und nicht mehr."
Immerhin jedoch kann
Ulysses entschuldigt werden; etwa mußte er diese Sprache führen und sie klüglich
benutzen, um die Empörung des Kriegsvolks zu sänftigen; mich dünkt, er hat
seine Rede mehr den Umständen als der Wahrheit angepaßt. Um aber in guter
Wahrheit zu reden, so ist es ein gewaltiges Unglück, einem Herrn untertan zu
sein, von dem man nie sicher sein kann, ob er gut ist, weil es immer in seiner
Gewalt steht, schlecht zu sein, wenn ihn das Gelüste anwandelt; und gar mehrere
Herren zu haben, ist gerade so, als ob man mehrfachen Grund hätte, gewaltig
unglücklich zu sein. Gewißlich will ich zur Stunde nicht die Frage erörtern,
die schon mehr als genug abgedroschen ist; ob nämlich die andern Arten der
Republiken besser seien als die Monarchey. Wenn ich darauf kommen wollte, dann müsste
ich, ehe ich ausforschte, welchen Rang die Monarchey unter den Republiken haben
soll, erst ausmachen, ob sie überall einen haben darf, denn es ist schwerlich
zu glauben, daß es in dieser Form der Regierung, wo alles Einem gehört,
irgendwas von gemeinem Wesen gebe. Aber diese Frage bleibe einer andern Zeit überlassen
und müßte wohl in einer sonderlichen Abhandlung geprüft werden wobei ich
freilich fürchte, daß die politischen Streitigkeiten alle miteinander aufs
Tapet kämen. Für dieses Mal will ich
nur untersuchen, ob es möglich sei und wie es sein könne, daß so viele
Menschen, so viele Dörfer, so viele Städte, so viele Nationen sich manches Mal
einen einzigen Tyrannen gefallen lassen, der weiter keine Gewalt hat, als die,
welche man ihm gibt; der nur soviel Macht hat, ihnen zu schaden, wie sie
aushalten wollen; der ihnen gar kein Übel antun könnte, wenn sie es nicht
lieber dulden als sich ihm widersetzen möchten. Es ist sicher wunderbar und
doch wieder so gewöhnlich, daß es einem mehr zum Leid als zum Staunen sein muß,
wenn man Millionen über Millionen von Menschen als elende Knechte und mit dem
Nacken unterm Joch gewahren muß, als welche dabei aber nicht durch eine
größere Stärke bezwungen, sondern (scheint es) lediglich bezaubert und
verhext sind von dem bloßen Namen des EINEN, dessen Gewalt sie nicht zu fürchten
brauchen, da er ja eben allein ist, und dessen Eigenschaften sie nicht zu lieben
brauchen, da er ja in ihrem Fall unmenschlich und grausam ist. Das ist die Schwäche
bei uns Menschen: wir müssen oft der Stärke botmäßig sein; kommt Zeit, kommt
Rat; man kann nicht immer der Stärkere sein. Wenn demnach eine Nation durch
kriegerische Gewalt gezwungen ist, Einem zu dienen, wie die Stadt Athen den dreißig
Tyrannen, dann darf man nicht darüber staunen, daß sie dient, sondern darf nur
das Mißgeschick beklagen: oder man soll vielmehr nicht staunen und nicht
klagen, sondern das Übel geduldig tragen und ein besseres Glück in der Zukunft
erwarten. Unsre Natur ist also
beschaffen, daß die allgemeinen Pflichten der Freundschaft ein gut Teil unsres
Lebens in Anspruch nehmen; das Gute, das man von Einem empfangen hat,
dankbarlich zu erkennen und oft auf ein Teil seiner Bequemlichkeit zu
verzichten, um die Ehre und den Gewinn dessen, den man liebt und der es
verdient, zu erhöhen. Wenn demnach die Einwohner eines Landes eine große Persönlichkeit
gefunden haben, einen Mann, der die Probe einer großen Voraussicht, um sie zu
behüten, einer großen Kühnheit, um sie zu verteidigen, einer großen
Sorgfalt, um sie zu leiten, bestanden hat; wenn sie um dessentwillen sich
entschließen, ihm zu gehorsamen und ihm dergestalt zu vertrauen, daß sie ihm
etliche Vorteile über sich einräumen, so weiß ich nicht, ob das klug wäre,
insofern man ihn von da wegnimmt, wo er gut tat, und ihn an eine Stelle befördert,
wo er schlimm tun kann: aber gewiß ist es der menschlichen Güte zu Gute zu
halten, daß sie von einem solchen nichts Schlimmes fürchten mag, der ihr nur
Gutes getan hat. Aber mein Gott! was kann das
sein? wie sagen wir, daß das heißt?
was für ein Unglück ist das? oder
was für ein Laster? oder vielmehr was für ein Unglückslaster? Daß man nämlich
eine unendliche Zahl Menschen nicht gehorsam, sondern leibeigen sieht; nicht
geleitet, sondern unterjocht; Menschen, die nicht Güter noch Eltern, noch
Kinder, noch ihr eigenes Leben haben, das ihnen selber gehört! Daß sie die Räubereien,
die Schindereien, die Grausamkeiten nicht einer Armee, nicht einer
Barbarenhorde, gegen die man sein Blut und sein Leben kehrt, dulden, sondern
eines einzigen Menschleins, das oft gar der feigste und weibischste Wicht in der
ganzen Nation ist; eines Menschen, der nicht an den Pulverrauch der Schlachten,
sondern kaum an den Sand der Turnierspiele gewöhnt ist; nicht eines solchen,
der gewaltiglich Männer befehligen kann, sondern eines solchen, der ein jämmerlicher
Knecht eines armseligen Weibchens ist! Werden wir das Feigheit nennen? Werden
wir sagen, daß diese Knechte Tröpfe und Hasen sind? Wenn zwei, wenn drei, wenn
vier sich eines Einzigen nicht erwehren, dann ist das seltsam, aber immerhin möglich;
dann kann man schon und mit gutem Recht sagen, es fehle ihnen an Herzhaftigkeit;
wenn jedoch hundert, wenn tausend unter einem Einzigen leiden, dann sagt man
doch wohl, daß sie sich nicht selbst gehören wollen, nein, daß sie es nicht
wagen; und das nennt man nicht mehr Feigheit, sondern Schmach und Schande. Wenn
man aber sieht, wie nicht hundert, nicht tausend Menschen, sondern hundert
Landschaften, tausend Städte, eine Million Menschen sich eines Einzigen nicht
erwehren, der alle miteinander so behandelt, daß sie Leibeigene und Sklaven
sind, wie könnten wir das nennen? Ist das Feigheit? Von der Freiheit und Trägheit eines Volkes
Alle Laster haben ihre natürlichen
Grenze, die sie nicht überschreiten können: zwei Menschen, vielleicht auch
noch zehn, können Einen fürchten; aber wenn tausend, wenn eine Million, wenn
tausend Städte mit Einem nicht fertig werden, dann ist das keines Weges
Feigheit; soweit geht sie nicht; ebenso wenig wie sich die Tapferkeit so weit
erstreckt, daß ein Einziger eine Festung stürmt, eine Armee angreift, ein Königreich
erobert. Welches Ungeheuer von Laster ist das also, das nicht einmal den Namen
Feigheit verdient? das keinen Namen findet, weil die Natur keinen so scheußlichen
gemacht hat, weil die Zunge sich weigert, ihn auszusprechen? Man stelle fünfzigtausend
bewaffnete Männer auf eine Seite und ebenso viele auf die andere; man ordne sie
zur Schlacht; sie sollen handgemein werden: die einen sollen freie Männer sein,
die für ihre Freiheit kämpfen, die andern sollen ausziehen, um sie ihnen zu
rauben: welchen von beiden wird vermutungsweise der Sieg in Aussicht zu stellen
sein? Welche, meint man, werden tapferer in den Kampf gehen? Diejenigen, die zum
Lohne für Ihre Mühen die Aufrechterhaltung ihrer Freiheit erhoffen, oder
diejenigen, die für die Streiche, die sie versetzen oder empfangen, keinen
'andern Preis erwarten können, als die Knechtschaft der andern? Die einen haben
immer das Glück ihres bisherigen Lebens, die Erwartung ähnlichen Wohlstands in
der Zukunft vor Augen; es kommt ihnen nicht so sehr zu Sinn, was sie in der
kurzen Spanne einer Schlacht durchzumachen, wie was sie, ihre Kinder und all
ihre Nachkommenschaft für immer zu ertragen haben. Die andern haben zu ihrer
Erkühnung nur ein kleines Quentchen Begehrlichkeit, das sich gegen die Gefahr
verblendet, das aber nicht so gar glühend sein kann, vielmehr mit dem kleinsten
Blutstropfen, der aus ihren Wunden fließt, erlöschen muß. Gedenke man nur an
die hochberühmten Schlachten des Miltiades, Leonidas, Themistokles, die vor
zweitausend Jahren geschlagen worden sind und noch heute so frisch im Gedächtnis
der Bücher und Menschen leben, als hätten sie ehegestern in Griechenland zum
Heil des griechischen Volkes und der ganzen Welt Exempel sich zugetragen; was,
glaubt man wohl, gab einer so kleinen Schar wie den Griechen nicht die Gewalt,
sondern den Mut, dem Ansturm so vieler Schiffe, daß das Angesicht des Meeres
von ihnen verändert wurde, standzuhalten; so viele Nationen zu überwinden, die
in so gewaltigen Massen angerückt waren, daß das Häuflein Griechen den
feindlichen Armeen noch nicht einmal die Hauptleute hätte stellen können? Was
anders, als daß es uns dünkt, in jenen glorreichen Tagen sei gar nicht die
Schlacht der Griechen gegen die Perser geschlagen worden, sondern der Sieg der
Selbständigkeit über die Tyrannei und der Freiheit über die Willkür! Seltsam genug, von der
Tapferkeit zu vernehmen, welche die Freiheit ins Herz derjenigen trägt, die zu
ihrem Schutze erstehen; aber was alle Tage in allen Ländern von allen Menschen
getan wird, daß ein einziger Kerl hunderttausend Städte notzüchtigt und ihnen
die Freiheit raubt, - wer möchte es glauben, wenn er nur davon reden hörte und
es nicht vor Augen sähe? Und wenn es nur bei fremden Völkern und in entfernten
Ländern zu sehen wäre und man davon erzählte, wer möchte nicht sagen, eine
so unwahrscheinliche Geschichte müßte erdichtet und erfunden sein? Noch dazu
steht es so, daß man diesen einzigen Tyrannen nicht zu bekämpfen braucht; man
braucht sich nicht gegen ihn zur Wehr zu setzen; er schlägt sich selbst. Das
Volk darf nur nicht in die Knechtschaft willigen; man braucht ihm nichts zu
nehmen, man darf ihm nur nichts geben; es tut nicht not, daß das Volk sich
damit quäle, etwas für sich zu tun; es darf sich nur nicht damit quälen,
etwas gegen sich zu tun. Die Völker lassen sich also selber hunzen und
schuriegeln, oder vielmehr, sie lassen es nicht, sie tun es, denn wenn sie aufhörten,
Knechtsdienste zu leisten, wären sie frei und ledig; das Volk gibt sich selbst
in den Dienst und schneidet sich selber die Gurgel ab; es hat die Wahl, untertan
oder frei zu sein und läßt seine Freiheit und nimmt das Joch; es fügt sich in
sein Elend und jagt ihm gar nach. Wenn es das Volk etwas kostete, seine Freiheit
wieder zu erlangen, würde es sich nicht beeilen, obwohl es nichts Köstlicheres
geben kann, als sich wieder in den Stand seines natürlichen Rechtes zu setzen
und sozusagen aus einem Tier wieder ein Mensch zu werden; aber ich gebe nicht
einmal zu, daß es die Sicherheit des Lebens und die Bequemlichkeit ist, die es
der Freiheit vorzieht. Wie! Wenn man, um die Freiheit zu haben, sie nur wünschen
muß; wenn weiter nichts dazu not tut, als einfach der Wille, sollte sich
wirklich eine Nation auf der Welt finden, der sie zu teuer ist, wenn man sie mit
dem bloßen Wunsche erlangen kann? Eine Nation, der es leid täte, zu wollen,
was um den Preis des Blutes nicht zu teuer erkauft wäre? Nach dessen Verlust
alle Menschen, die auf Ehre halten, das Leben widerwärtig und den Tod eine Erlösung
nennen müssten? Gewisslich, ganz ebenso, wie das Feuer eines Fünkleins groß
wird und immer mehr zunimmt und, je mehr es Holz findet, um so gieriger
entbrennt; und wie es, ohne daß man Wasser herzuträgt, um es zu löschen, wenn
man bloß kein Holz mehr daran legt und es nichts mehr zu lecken hat, sich in
sich selbst verzehrt und formlos wird und kein Feuer mehr ist: also werden die
Tyrannen, je mehr sie rauben, je mehr sie heischen, je mehr sie wüsten und
wildem, je mehr man ihnen gibt, je mehr man ihnen dient, um so stärker und
kecker zum Vernichten und alles Verderben; und wenn man ihnen nichts mehr gibt,
wenn man ihnen nicht mehr gehorcht, stehen sie ohne Kampf und ohne Schlag nackt
und entblößt da und sind nichts mehr; wie eine Wurzel, die keine Feuchtigkeit
und Nahrung mehr findet, ein dürres und totes Stück Holz wird. Wenn die Kühnen das Gut
erlangen wollen, nach dem ihnen der Sinn steht, fürchten sie keine Gefahr; die
Vorsichtigen scheuen die Mühe nicht; die Feigen und Trägen können weder dem
Übel standhalten noch das Gute erobern; sie begnügen sich damit, es zu wünschen;
die Tugend aber, die Hand danach zu recken, enthält ihre Feigheit ihnen vor;
nur der Wunsch, es zu haben, wohnt in ihnen von Natur. Dieser Wunsch, dieser
Wille, ist den Weisen und den Toren, den Mutigen wie den Feigen gemein; sie wünschen
alle Dinge, in deren Besitz sie glücklich und zufrieden sein möchten; ein
einziges ist zu nennen, von dem ich nicht weiß, wie die Natur den Menschen den
Wunsch darnach versagt haben kann: das ist die Freiheit, die doch ein so großes
und köstliches Gut ist, daß, wenn sie verloren ist, alle Übel angerückt
kommen und selbst die guten Dinge, die noch geblieben sind, ihren Duft und ihre
Würze verlieren, weil die Knechtschaft sie verderbt hat: die Freiheit allein
begehren die Menschen nicht, aus keinem andern Grunde, dünkt mich, als weil
sie, wenn sie ihrer begehrten, die Freiheit hätten; wie wenn sie nur darum
verschmähten, diese schöne Beute zu machen, weil sie zu leicht ist. Über die Natur des Menschen
O ihr armen, elenden
Menschen, ihr unsinnigen Völker, ihr Nationen, die auf euer Unglück versessen
und für euer Heil mit Blindheit geschlagen seid, ihr laßt euch das schönste
Stück eures Einkommens wegholen, eure Felder plündern, eure Häuser berauben
und den ehrwürdigen Hausrat eurer Väter stehlen! Ihr lebet dergestalt, daß
ihr getrost sagen könnt, es gehöre euch nichts; ein großes Glück bedünkt es
euch jetzt, wenn ihr eure Güter, eure Familie, euer Leben zur Hälfte euer
Eigen nennt; und all dieser Schaden, dieser Jammer, diese Verwüstung geschieht
euch nicht von den Feinden, sondern wahrlich von dem Feinde und demselbigen, den
ihr so groß machet, wie er ist, für den ihr so tapfer in den Krieg ziehet, für
dessen Größe ihr euch nicht weigert, eure Leiber dem Tod hinzuhalten. Der
Mensch, welcher euch bändigt und überwältiget, hat nur zwei Augen, hat nur
zwei Hände, hat nur einen Leib und hat nichts anderes an sich als der geringste
Mann aus der ungezählten Masse eurer Städte; alles, was er vor euch allen
voraus hat, ist der Vorteil, den ihr ihm gönnet, damit er euch verderbe. Woher
nimmt er so viele Augen, euch zu bewachen, wenn ihr sie ihm nicht leiht? Wieso
hat er so viele Hände, euch zu schlagen, wenn er sie nicht von euch bekommt?
Die Füße, mit denen er eure Städte niedertritt, woher hat er sie, wenn es
nicht eure sind? Wie hat er irgend Gewalt über euch, wenn nicht durch euch
selber? Wie möchte er sich unterstehen, euch zu placken, wenn er nicht mit euch
im Bunde stünde? Was könnte er euch tun, wenn ihr nicht die Hehler des
Spitzbuben wäret, der euch ausraubt, die Spießgesellen des Mörders, der euch
tötet, und Verräter an euch selbst? Ihr säet eure Früchte, auf daß er sie
verwüste; ihr stattet eure Häuser aus und füllet die Scheunen, damit er
etliches zu stehlen finde; ihr zieht eure Töchter groß, damit er der Wollust
fröhnen könne; ihr nähret eure Kinder, damit er sie, so viel er nur kann, in
den Krieg fähre, auf die Schlachtbank führe; damit er sie zu Gesellen seiner
Begehrlichkeit, zu Vollstreckern seiner Rachbegierden mache; ihr rackert euch zu
Schanden, damit er sich in seinen Wonnen räkeln und in seinen gemeinen und
schmutzigen Genüssen wälzen könne; ihr schwächet euch, um ihn stärker und
straff zu machen, daß er euch kurz im Zügel halte: und von so viel Schmach, daß
sogar das Vieh sie entweder nicht spürte, oder aber nicht ertrüge, könnt ihr
euch frei machen, wenn ihr es wagt, nicht euch zu befreien, sondern nur es zu
wollen. Seid entschlossen, keine Knechte mehr zu sein, und ihr seid frei. Ich
will nicht, daß ihr ihn verjaget oder vom Throne werfet; aber stützt ihn nur
nicht; und ihr sollt sehen, daß er, wie ein riesiger Koloß, dem man die
Unterlage nimmt, in seiner eigenen Schwere zusammenbricht und in Stücke geht. Aber freilich, die Ärzte
raten gut, wenn sie warnen, man solle die Hand nicht in unheilbare Wunden legen;
und es ist nicht weise von mir, das Volk in diesem Stück tadeln zu wollen, das
schon seit langem nichts mehr von der Freiheit weiß und dessen Krankheit sich
gerade dadurch als tödlich erweist, daß es sein Übel nicht mehr spürt.
Suchen wir also, wenn es irgend zu ermachen ist, herauszubekommen, wie sich
dieser hartnäckige Wille zur Botmäßigkeit so eingewurzelt hat, daß es jetzt
scheint, als ob sogar die Freiheitsliebe nicht so natürlich wäre. Zum ersten steht es, dünkt
mich, außer Zweifel, daß wir, wenn wir nach den Rechten, welche die Natur uns
verliehen hat, und nach ihren Lehren lebten, in natürlicher Art gehorsam den
Eltern, untertan der Vernunft und niemand zu eigen wären. Des Gehorsams, den
jedweder, ohne weitern Zuruf als seiner Natur, zu Vater und Mutter in sich
findet, sind alle Menschen sich inne, jeder in sich und für sich. Ob die
Vernunft uns eingeboren ist oder nicht, worüber die Akademiker geteilter
Meinung sind und was jede philosophische Schule für sich entscheiden muß,
davon, meine ich, genügt es zur Stunde, soviel zu sagen: es gibt in unserer
Seele irgendwie eine natürliche Ansaat von Vernunft, die, wenn sie durch guten
Rat und Sitte gehegt wird, zur Tugend erblüht, gegenteils aber, wenn sie sich
oft gegen die aufschießenden Laster nicht halten kann, erstickt, verkümmert
und eingeht. Aber gewißlich, wenn irgend etwas klar und natürlich einleuchtend
ist, und wogegen niemand blind sein darf, ist das: die Natur, die Gehülfin
Gottes und die Lenkerin der Menschen, hat uns alle in derselben Form und
sozusagen nach dem nämlichen Modell gemacht, damit wir uns einander als
Genossen oder vielmehr als Brüder erkennen sollten; und wenn sie bei der
Austeilung der Geschenke, die sie uns gespendet hat, die einen am Körper oder
am Geist mehr bevorzugt hat wie die andern, so war es doch nicht ihre Meinung,
uns in diese Welt wie in ein Kriegslager zu setzen und sie hat nicht die Stärkeren
und Gewitzteren auf die Erde geschickt, damit sie wie bewaffnete Räuber im
Wald, über die Schwächeren herfallen sollten; vielmehr muß man glauben, daß
sie, wenn sie dergestalt den einen die größern und den andern die kleinem
Gaben schenkte, der brüderlichen Liebe Raum schaffen wollte, damit sie habe, wo
sie sich betätigen könne: die einen haben die Macht, Hilfe zu leisten, und die
andern die Not, sie zu empfangen. Da nun also diese gute
Mutter uns alle aus dem nämlichen Teige geknetet hat, damit jeglicher Mensch
sich in dem andern spiegeln und einer im andern sich gleichsam selber erkennen
kann; wenn sie uns allen zur gemeinsamen Gabe die Stimme und die Sprache gegeben
hat, um uns noch traulicher zueinander zu bringen und zu verbrüdern und durch
den Umgang und den gegenseitigen Austausch der Gedanken eine Gemeinschaft
unseres Willens zu schaffen; und wenn sie mit allen Mitteln versucht hat, den
Knoten unseres Bundes und unserer Gesellschaft zu Stücken gezeigt hat, daß sie
uns alle nicht sowohl vereinigt als ganz eins hat machen wollen: dann gibt es
keinen Zweifel, daß wir alle Genossen sind und es darf keinem zu Sinn steigen,
die Natur habe irgend einen in Knechtschaft gegeben. Drei Arten von Tyrannen
In Wahrheit ist es ganz
nichtig, darüber zu streiten, ob die Freiheit natürlich ist, da man keinen in
Knechtschaft halten kann, ohne ihm Unrecht zu tun, und da nichts in der Welt der
Natur (die völlig vernünftig ist) so entgegen ist wie die Unbill. So bleibt zu
sagen, daß die Freiheit natürlich ist, und in derselben Art, nach meiner
Meinung, daß wir nicht nur im Besitz unserer Freiheit, sondern auch mit dem
Trieb, sie zu verteidigen, geboren werden. Wenn wir nun daran zweifeln können
und wenn wir so entartet sind, daß wir unsere Eigenschaften und unsere ursprünglichen
Triebe nicht zu erkennen scheinen, dann tut es not, daß ich euch die Ehre
erweise, die euch zukommt, und die wilden Tiere sozusagen aufs Katheder stelle,
damit sie euch eure Natur und Verfassung lehren. Denn bei Gott, wenn die
Menschen nicht gar zu taub sind, rufen ihnen die Tiere zu: Es lebe die Freiheit!
Etliche unter ihnen sterben, wenn sie in Gefangenschaft geraten: wie der Fisch,
der das Leben aufgibt, wenn er aus dem Wasser kommt so schwinden sie dahin und
wollen ihre natürliche Freiheit nicht überleben. Ich meine, wenn es bei den
Tieren Rangstufen und Vorrechte gäbe, dann wäre die Freiheit ihr Adel. Die
andern, von den größten bis zu den kleinsten, setzen ihrer Gefangennahme mit
Krallen, Hörnern, Füßen und Schnäbeln so heftigen Widerstand entgegen, daß
darin genugsam zum Ausdruck kommt, wie wert ihnen das ist, was sie verlieren;
wenn sie dann gefangen sind, geben sie uns so lebhafte Zeichen von ihrer
Kenntnis ihres Unglücks, daß sie von Stund an mehr hinschmachten als leben,
und daß sie ihr Dasein mehr fortsetzen, um ihr verlorenes Glück zu beklagen,
als nun sich in der Knechtschaft wohlzufühlen. Da also alles, was
Empfindung hat, unter der Unterjochung leidet und der Freiheit nachgeht; da die
Tiere, wenn sie schon vom Menschen vergiftet und an die Knechtschaft gewöhnt
sein könnten, sich doch noch dagegen auflehnen und ihren Widerwillen kundgeben:
was für ein Unglück hat den Menschen so unnatürlich machen können, daß er,
der wahrhaftig nur zur Freiheit geboren ist, die Erinnerung an sein erstes Wesen
und das Verlangen, wieder zu ihm zu kommen, verloren hat? Es gibt drei Arten Tyrannen
(ich meine die schlechten Fürsten): die einen haben die königliche Gewalt
kraft der Wahl des Volkes; die andern durch die Gewalt ihrer Waffen; die dritten
auf Grund der Erbfolge ihres Geschlechtes. Diejenigen, so das Königtum vermöge
des Kriegsrechts erworben haben, führen sich derart darin auf, daß man wohl
merkt, daß sie, wie man sagt, in erobertem Lande hausen. Die, so als Könige
zur Welt kommen, sind gemeiniglich nicht viel besser; sie sind mit dem Blut der
Tyrannei geboren und aufgewachsen, sie saugen mit der Muttermilch die
Tyrannenart ein und springen mit den Völkern, die unter ihnen stehen, wie mit
ihren vererbten Leibeigenen um; und je nach ihrem Charakter, ob sie nun
habgierig oder verschwenderisch sind, tun sie mit dem Königreich wie mit ihrem
Erbe. Derjenige, dem das Volk das Königreich anvertraut hat, sollte, dünkt
mich, erträglicher sein; und er wäre es auch, glaube ich, wenn nicht von dem
Augenblick an, wo er sich über die andern so hoch erhoben weiß, die Eitelkeit
über ihn käme, daß er so groß dasteht; und nun beschließt er von dem Orte
nicht mehr zu wanken; die Macht, die das Volk ihm geliehen hat, will er nun
seinen Kindern vererben. Sowie die Tyrannen dieser Sorte nun so weit gekommen
sind, ist es erstaunlich, wie sie in Lastern aller Art, selbst in der
Grausamkeit über die andern hinausgehen; sie sehen kein anderes Mittel, um die
neue Tyrannei zu sichern, als die Knechtschaft zu verstärken und die Untertanen
der Freiheit, wenn auch die Erinnerung an sie noch frisch ist, so sehr zu
entfremden, daß sie ihnen selbige rauben können. Um also die Wahrheit zu
sagen, so gibt es zwischen ihnen allerdings einen gewissen Unterschied, aber
Vorzug kann ich keinen erkennen, und so verschieden die Mittel sind, durch die
sie zur Herrschaft kommen, so ist doch die Manier der Herrschaft immer recht ähnlich:
die Erwählten regieren, wie wenn sie Stiere gefangen hätten und sie zähmen
wollten; die Eroberer verfahren mit den Untertanen wie mit Ihrer Beute; und die
Erbfürsten wie mit ihren natürlichen Sklaven. Aber gesetzt den Fall, es kämen
heute etliche Völker ganz neu zur Welt, die nicht an die Untertänigkeit gewöhnt
und auch nicht auf Freiheit erpicht wären, und sie sollten von der einen wie
der andern nichts wissen und kaum die Namen gehört haben: wenn man denen die
Wahl ließe, entweder untertan oder frei zu sein, wofür würden sie sich
entscheiden? jeder sieht ein, daß sie lieber der Vernunft gehorchen als einem
Menschen dienstbar sein wollten; es müßten denn nur die Völker Israels sein,
die sich ohne Zwang und ohne irgend eine Not einen Tyrannen gemacht haben: die
Geschichte welchen Volkes ich nie lesen kann, ohne so großen Abscheu zu haben,
daß ich bis zur Unmenschlichkeit gehe und mich über die vielen Leiden freue,
die ihnen daraus zugestoßen sind. Aber sonst muß es für alle Menschen gewiß,
wenn sie nur einigermaßen Menschen sind, ehe sie sich unterjochen lassen, eines
von zweien geben: entweder sie werden gezwungen oder betrogen. Gezwungen von
fremder Waffengewalt, wie Sparta und Athen durch die Streitkräfte Alexanders,
oder von den Parteien, so wie die Landesherrlichkeit von Athen ehbevor in die Hände
des Pisistratus gekommen war. Durch Betrug verlieren sie oft die Freiheit, und
dabei werden sie nicht so oft von andern überlistet wie von sich selber getäuscht:
so wie das Volk von Syrakus, der Hauptstadt von Sizilien, die heute Saragossa
heißt, als es im Kriege bedrängt war, nur an die Gefahr dachte und Dionys zu
seinem Obersten machte und ihm die Führung des Heeres übertrug; es achtete
nicht darauf, daß es ihn so groß gemacht hatte, daß dieser Verschmitzte, als
er als Sieger heimkehrte, sich, wie wenn er nicht die Feinde, sondern seine Mitbürger
besiegt hätte, aus dem Kriegshauptmann zum König und aus dem König zum
Tyrannen machte. Es ist nicht zu glauben,
wie das Volk, sowie es unterworfen ist, sofort in eine solche und so tiefe
Vergessenheit der Freiheit verfällt, daß es ihm nicht möglich ist, sich zu
erheben, um sie wieder zu bekommen. Es ist so frisch und so freudig im Dienste,
daß man, wenn man es sieht, meinen könnte, es hätte nicht seine Freiheit,
sondern sein Joch verloren. Im Anfang steht man freilich unter dem Zwang und ist
von Gewalt besiegt; aber die, welche später kommen und die Freiheit nie gesehen
haben und sie nicht kennen, dienen ohne Bedauern und tun gern, was ihre Vorgänger
gezwungen getan hatten. Das ist es, daß die Menschen unter dem Joche geboren
werden; sie wachsen in der Knechtschaft auf, sie sehen nichts anderes vor sich,
begnügen sich, so weiter zu leben, wie sie zur Welt gekommen sind und lassen es
sich nicht in den Sinn kommen, sie könnten ein anderes Recht oder ein anderes
Gut haben, als das sie vorgefunden haben; so halten sie den Zustand ihrer Geburt
für den der Natur. Und doch gibt es keinen so verschwenderischen und nachlässigen
Erben, daß er nicht manchmal in sein Inventarverzeichnis blickte, um sich zu überzeugen,
ob er alle Rechte seines Erbes genieße oder ob man ihm oder einem Vorgänger
etwas entzogen habe. Aber gewiß hat die Gewohnheit, die in allen Dingen große
Macht über uns hat nirgends solche Gewalt wie darin, daß sie uns lehrt,
Knechte zu sein und (wie man sich erzählt, daß Mithridates sich daran gewöhnte,
Gift zu trinken) uns beibringt, das Gift der Sklaverei zu schlucken und nicht
mehr bitter zu finden. Über die Ursachen freiwilliger Knechtschaft
Wie dem Menschen alle Dinge
natürlich sind, von denen er sich nährt und an die er sich gewöhnt, während
ihm nur das eingeboren ist, wozu seine einfache und noch nicht veränderte Natur
ihn beruft, so ist die erste Ursache der freiwilligen Knechtschaft die
Gewohnheit. Sie sagen, sie seien immer untertan gewesen, ihre Väter hätten
geradeso gelebt; sie meinen, sie seien verpflichtet, sich den Zaum anlegen zu
lassen, und gründen selbst den Besitz derer, die ihre Tyrannen sind, auf die Länge
der Zeit, die verstrichen ist; aber in Wahrheit geben die Jahre nie ein Recht,
Übel zu tun, sondern sie vergrößern das Unrecht. Es bleiben immer ein paar,
die von Natur aus besser Geborene sind: die spüren den Druck des Joches und müssen
den Versuch machen, es abzuschütteln. Die gewöhnen sich nie an die Unterdrückung;
wie Ulysses, der auf langen Reisen zu Wasser und zu Land sich nach der Heimat
und seinem Herde sehnte, vergessen sie nie ihre natürlichen Rechte und gedenken
immer der Vorfahren und ihres ursprünglichen Wesens: das sind freilich die, die
einen guten Verstand und einen hellen Geist haben und sich nicht wie die große
Masse mit dem Anblick dessen begnügen, was ihnen zu Füßen liegt; die nach
vorwärts und rückwärts schauen, die Dinge der Vergangenheit herbeiholen, um
die kommenden zu beurteilen und die gegenwärtigen an ihnen zu messen; das sind
die, welche von Haus aus einen wohlgeschaffenen Kopf haben und ihn noch durch
Studium und Wissenschaft verbessert haben; diese würden die Freiheit, wenn sie
völlig verloren und ganz aus der Welt wäre, in ihrer Phantasie wieder schaffen
und sie im Geiste empfinden und ihren Duft schlürfen; die Knechtschaft schmeckt
ihnen nie, so fein man sie auch servieren mag. Der Sultan hat das wohl
gemerkt, daß die Bücher und die Ausbildung den Menschen mehr als sonst irgend
etwas den Sinn geben, zum Bewußtsein zu kommen und die Knechtschaft zu hassen,
und darum gibt es in seinem Lande nicht mehr Gelehrte, als er zuläßt. Nun
bleibt gewöhnlich der Eifer und die Begeisterung derer, die der Zeit zum Trotz
die Hingebung an die Freiheit bewahrt haben, so groß auch ihre Zahl sein mag,
ohne Wirkung, weil sie sich untereinander nicht kennen: die Freiheit zu handeln
und zu reden, ja sogar zu denken, ist ihnen unter dem Tyrannen ganz geraubt; sie
bleiben in ihren Phantasien ganz vereinzelt: und Momus hatte nicht Unrecht, als
er an dem Menschen, den Vulkan gemacht hatte, das zu tadeln fand, daß er ihm
nicht ein Fensterchen vor dem Herzen angebracht hatte, damit man seine Gedanken
sehen konnte. Und doch, wer Geschehnisse
der Vergangenheit und die alten Geschichtsbücher durchgeht, wird finden, daß
die, welche ihr Vaterland in schlechter Verfassung und in schlimmen Händen
sahen Lind es unternahmen, es zu befreien, fast immer ans Ziel gelangt sind, und
daß die Freiheit sich selbst zum Durchbruch verhilft: Harmodius, Aristogiton,
Thrybul. Brutus der Ältere, Valerius und Dion waren in der Ausführung ebenso
glücklich, wie ihr Denken das rechte war: in diesem Fall fehlt dem guten Willen
fast nie das Glück. Brutus der jüngere und Cassius waren in der Befreiung vom
Joch sehr glücklich; aber als sie eben die Freiheit zurückbrachten, starben
sie, nicht kläglich, denn was für ein Tadel läge darin, wenn man sagte, wie
man sagen muß, daß an diesen Männern weder im Tod noch im Leben etwas zu
tadeln war? Aber sie starben zum großen Schaden und ewigen Unglück und völligen
Untergang der Republik, die wirklich, dünkt mich, mit ihnen ins Grab gelegt
worden ist. Die andern Unternehmungen gegen die späteren römischen Kaiser
waren nur Verschwörungen von Ehrgeizigen, die wegen des Mißgeschicks, das sie
traf, nicht zu beklagen sind: sie wollten den Tyrannen verjagen und es bei der
Tyrannei lassen. Denen wünschte ich gar nicht, daß ihr Unternehmen geglückt wäre;
es ist mir ganz recht, daß sie mit ihrem Beispiel gezeigt haben, daß der
heilige Name der Freiheit nicht zu Unternehmungen der Bosheit mißbraucht werden
darf. Aber um auf meinen Faden
zurückzukommen, den ich fast verloren hätte: der erste Grund, warum die
Menschen freiwillig Knechte sind, ist der, daß sie als Knechte geboren werden
und so aufwachsen. Aus diesem folgt ein zweiter: daß nämlich die Menschen
unter den Tyrannen leicht feige und weibisch werden. Mit der Freiheit geht wie
mit einem Mal die Tapferkeit verloren. Geknechtete haben im Kampf keine Frische
und keine Schärfe: sie gehen wie Gefesselte und Starre und, als ob's nicht
Ernst wäre, in die Gefahr; in ihren Adern kocht nicht die Glut der Freiheit,
die die Gefahr verachten läßt und die Lust hervorbringt, durch einen schönen
Tod inmitten der Genossen die Ehre des Ruhms zu erkaufen. Die Freien wetteifern
untereinander, jeder kämpft fürs Gemeinwohl und jeder für sich, alle wissen,
daß die Niederlage oder aber der Sieg ihre eigene Sache sein wird, während die
Geknechteten außer dem kriegerischen Mut auch noch in allen andern Stücken die
Lebendigkeit verlieren und ein niedriges und weichliches Herz haben und zu allen
großen Dingen unfähig sind. Die Tyrannen wissen das wohl, und tun ihr Bestes,
wenn die Völker erst einmal so weit gekommen sind, sie noch schlaffer zu
machen. Die Theater, die Spiele,
die Volksbelustigungen und Aufführungen aller Art, die Gladiatoren, die
exotischen Tiere, die Medaillen, Bilder und anderer Kram der Art, das waren für
die antiken Völker der Köder der Knechtschaft, der Preis für ihre Freiheit,
das Handwerkszeug der Tyrannei. Dieses Mittel, diese Praktik, diesen Köder
hatten die antiken Tyrannen, um ihre antiken Untertanen unters Joch der Tyrannei
zu schläfern. So gewöhnten sich die Völker in ihrer Torheit, an die sie
selbst erst gewöhnt waren, an diesen Zeitvertreib, und vergnügten sich mit
eitlem Spielzeug, das man ihnen vor die Augen hielt, damit sie ihre Knechtschaft
nicht merkten. Die römischen Tyrannen verfielen noch auf etwas weiteres: sie
sorgten für öffentliche Schmäuse, damit die Kanaille sich an die Gefräßigkeit
gewöhnte: sie rechneten ganz richtig, daß von solcher Gesellschaft keiner
seinen Suppentopf lassen würde, um die Freiheit der platonischen Republik
wiederherzustellen. Die Tyrannen ließen Korn, Wein und Geld verteilen: und wie
konnte man da »Es lebe der König!« zum Ekel schreien hören! Den Tölpeln
fiel es nicht ein, daß sie nur einen Teil ihres Eigentums wiederbekamen und daß
auch das, was sie wiederbekamen, der Tyrann ihnen nicht hätte geben können,
wenn er es nicht vorher ihnen selber weggenommen hätte. Da hatte einer heute
sich auf der Straße nach dem ausgeworfenen Geld gebückt, oder ein anderer
hatte sich beim öffentlichen Mahle vollgefressen, und am Tag darauf wurde er
gezwungen, sein Hab und Gut der Habgier, seine Kinder der Ausschweifung, sein
Blut der Grausamkeit dieser prächtigen Kaiser auszuliefern: da war er stumm wie
ein Stein und wagte kein Wort zu sagen und war reglos wie ein Klotz. So ist die
Volksmasse immer gewesen: beim Vergnügen, das sie in Ehren nicht bekommen dürfte,
ist sie ganz aufgelöst und hingegeben: und beim Unrecht und der Qual, die sie
in Ehren nicht dulden dürfte, ist sie unempfindlich. Wurzeln der Herrschaft
Ich komme nun zu einem
andern Schwindel, den die antiken Völker für bare Münze nahmen. Sie glaubten
steif und fest, daß der große Zeh an dem einen Fuße des Pyrrhus, Königs von
Epirus, Wunder tun könnte und die Krankheiten der Milz heilte: sie schmückten
sogar das Märchen noch weiter aus und erzählten, diese Zehe hätte sich,
nachdem der ganze Leichnam verbrannt worden wäre, unversehrt in der Asche
gefunden und hätte dem Feuer widerstanden. Immer hat sich so das Volk selbst
die Lügen gemacht, die es später geglaubt hat. Als Vespasjan von Assyrien
heimkehrte und auf dem Wege nach Rom durch Alexandrien kam, tat er Wunder (siehe
Sueton, Das Leben Vespasians, Kapitel 7): die Lahmen machte er gehend
und die Blinden sehend und eine Menge andere schöne Dinge, bei denen der, der
den Schwindel nicht merken konnte, blinder war, als die, die er heilte. Selbst
die Tyrannen fanden es seltsam, daß die Menschen sich von Einem beherrschen ließen,
der ihnen übles tat: sie wollten sich darum die Religion zur Leibgarde machen
und borgten, wenn es irgendwie ging, eine Portion Göttlichkeit, um ihrem
verruchten Leben eine Stütze zu geben. Bei uns zu Lande wurden
auch so ähnliche Sächelchen gesät: weiße Lilien und heilige Salbgefäße und
göttliche Oriflammen und derlei Fähnchen. Wie dem aber auch sei, ich will
durchaus keinen Unglauben daran verbreiten, denn wir und unsre Vorfahren haben
keine Gelegenheit gehabt, nicht daran zu glauben: wir haben ja immer Könige
gehabt, die im Frieden so gut und im Kriege so tapfer waren, daß es, wenn sie
schon als Könige geboren wurden, doch scheint, daß sie nicht wie die andern
von der Natur dazu gemacht worden sind, sondern schon vor ihrer Geburt vom allmächtigen
Gott zur Regierung und zum Schutz dieses Reiches erkoren wurden! Aber auch wenn
es nicht so wäre, möchte ich es doch unterlassen, hier mich in einen Streit über
die Wahrheit unsrer Geschichten einzulassen ... Ich wäre wahrlich toll, wenn
ich unsre Überlieferungen leugnen und mich so auf das Gebiet begeben wollte,
das unsern Dichtern vorbehalten ist. Aber, um den Faden da wieder aufzunehmen,
wo ich ihn, ich weiß nicht, wie's kam, fallen ließ: ist es nicht allezeit so
gewesen, daß die Tyrannen, um sich zu sichern, versucht haben, das Volk nicht
nur an Gehorsam und Knechtschaft, sondern geradezu an eine Art religiöse
Anbetung ihrer Person zu gewöhnen? Ich will jetzt von einem
Punkt sprechen, der das Geheimnis und die Erklärung der Herrschaft, die Stütze
und Grundlage der Tyrannei ist. Wer vermeint, die Hellebarden der Wachen oder
die Büchsen der Posten beschütze die Tyrannen, der ist nach meinem Urteil sehr
im Irrtum: sie bedienen sich ihrer, glaube ich, mehr zur Form und als
Vogelscheuche, als daß sie Vertrauen in sie setzten. Diese Wachen hindern die
Ungeschickten, die wehrlos sind, aber nicht Wohlbewaffnete, die zu einem
Unternehmen gerüstet sind. Man erinnere sich nur der römischen Kaiser: deren
gibt es nicht so viele, die durch die Hilfe ihrer Wachen einer Gefahr entronnen
sind, wie solche, die von ihren Wachen umgebracht worden sind. Nicht die
Reitertruppen, nicht die Kompagnien der Fußsoldaten, nicht die Waffen schützen
den Tyrannen; sondern, man wird es nicht gleich glauben wollen, aber es ist doch
wahr, viere oder fünfe sind es jeweilen, die den Tyrannen schützen; viere oder
fünfe, die ihm das Land in Knechtschaft halten. Immer ist es so gewesen, daß fünfe
oder sechse das Ohr des Tyrannen gehabt und sich ihm genähert haben oder von
ihm berufen worden sind, um die Gesellen seiner Grausamkeiten, die Genossen
seiner Vergnügungen, die Zuhälter seiner Lüste und die Teilhaber seiner Räubereien
zu sein. Diese sechse richten ihren Hauptmann so fein her, daß er für die
Gesellschaft nicht bloß den Urheber seiner eigenen Schändlichkeiten, sondern
auch der ihrigen vorstellt. Diese sechse haben sechshundert, die unter ihnen
schmarotzen, und diese sechshundert verhalten sich zu ihnen, wie diese sechs
sich zum Tyrannen verhalten. Diese sechshundert halten sich sechstausend, denen
sie einen Rang gegeben haben, die durch sie entweder die Verwaltung von
Provinzen oder von Geldern erhalten, damit sie ihrer Habgier und Grausamkeit
hilfreiche Hand leisten und sie zur geeigneten Zeit zur Ausführung bringen und
überdies so viel Böses tun, daß sie nur unter ihrem Schutz sich halten und
unter ihrem Beistand den Gesetzen und der Strafe entgehen können. Davon kommt
viel her. Und wer sich das Vergnügen machen will, dem Sack auf den Grund zu
gehen, der wird merken, daß sich an diesem Strick nicht die sechstausend,
sondern die hunderttausend und Millionen dem Tyrannen zur Verfügung stellen,
der sich dieses Seiles bedient wie Jupiter beim Homer, der sich rühmt, wenn er
an der Kette zieht, alle Götter zu sich herziehen zu können. Kurz, man bringt
es durch die Günstlingswirtschaft, durch die Gewinne und Beutezüge, die man
mit dem Tyrannen teilt, dahin, daß es fast ebenso viel Leute gibt, denen die
Tyrannei nützt, wie solche, denen die Freiheit eine Lust wäre. Sowie ein König
sich als Tyrann festgesetzt hat, sammelt sich aller Unrat und aller Abschaum des
Reiches um ihn: ich spreche nicht von kleinen Gaunern und Galgenstricken, die in
einem Gemeinwesen nicht viel Gutes oder Böses anstellen können, sondern von
denen, die von brennender Ehrsucht und starker Gier befallen sind: sie stützen
den Tyrannen, um an der Beute Teil zu haben, und unter dem Haupttyrannen sich
selber zu kleinen Tyrannen zu machen. So verfahren auch die großen Diebe und
berüchtigten Seeräuber: die einen kundschaften die Gelegenheit aus, die andern
überfallen die Reisenden; die einen liegen im Hinterhalt, die andern führen
sie hinein; die einen morden und die andern plündern; und dazu gibt es unter
ihnen noch Rangunterschiede, die einen sind nur Bediente, und die andern die Führer
der Bande, obzwar am Ende alle an der Beute oder wenigstens an der Nachlese Teil
haben wollen. So unterjocht der Tyrann
die Untertanen, die einen durch die andern, und wird von eben denjenigen gehütet,
vor denen er, wenn sie Männer wären, auf seiner Hut sein müßte. Er schnitzt,
wie das Sprichwort sagt, den Keil aus demselben Holze, das er spalten will: das
sind seine Wachen, seine Trabanten, seine Jäger. Sie leiden freilich manchmal
unter ihm: aber diese Verlorenen, diese von Gott und den Menschen Verlassenen,
lassen sich das Unrecht gefallen, und geben es nicht dem zurück, der es ihnen
antut, nein, sie geben es an die weiter, die darunter leiden wie sie und sich
nicht helfen können. Manchmal, wenn ich diese
Leute betrachte, die untertänig vor der Tür des Tyrannen stehen, um die lieben
Diener seiner Tyrannei und der Knechtung des Volkes zu sein, dann staune ich über
ihre Schlechtigkeit und habe Mitleid mit ihrer großen Torheit. Denn wahrlich,
was bringt ihnen ihre Nähe beim Tyrannen anderes ein, als daß sie sich noch
weiter von ihrer Freiheit entfernen und die Sklaverei sozusagen mit beiden Händen
packen und an sich reißen? Möchten sie doch ihren Ehrgeiz ein wenig ablegen
und einen Augenblick lang von ihrer Gier lassen; möchten sie sich umsehen und
sich erkennen: dann werden sie klar sehen, daß die Ackerknechte, die Bauern,
die sie nach Kräften mit Füssen treten und schlimmer behandeln als Sträflinge
oder Sklaven, trotzdem, so schlimm sie daran sind, im Vergleich zu ihnen glücklich
und einigermassen frei zu nennen sind. Der Landmann und der Handwerker, so sehr
sie auch geknechtet sind, haben doch nur zu tun, was man ihnen sagt und sind
dann ledig; aber der Tyrann hat die, die um ihn sind und um seine Gunst betteln
und scharwenzeln, immer vor Augen; sie müssen nicht nur tun, was er will, sie müssen
denken, was er will, und müssen oft, um ihn zufrieden zu stellen, sogar seinen
Gedanken zuvorkommen. Es genügt nicht, daß sie ihm gehorsam sind; sie müssen
ihm gefällig sein; sie müssen sich in seinen Diensten zerreißen und plagen
und kaputt machen; sie müssen in seinen Vergnügen vergnügt sein, immer ihren
Geschmack für seinen aufgeben, müssen ihrem Temperament Zwang antun und ihre
Natur verleugnen, sie müssen auf seine Worte, seine Stimme, seine Winke, seine
Augen achten; Augen, Füße, Hände, alles muß auf der Lauer liegen, um seine
Launen zu erforschen und seine Gedanken zu erraten. Heißt das glücklich leben?
Heißt das leben? Gibt es auf der Welt etwas Unerträglicheres als das, ich sage
nicht, für einen Menschen höherer Art, nur für einen mit gesundem Verstand,
oder noch weniger, für einen, der Menschenantlitz trägt? Welche Lage ist kläglicher
als diese; in nichts sich selbst zu gehören, von einem andern seine Wohlfahrt,
seine Freiheit, Leib und Leben zu nehmen? Aber sie wollen dienen, um
Reichtum zu erwerben, wie wenn sie damit etwas erlangen könnten, was ihnen gehört,
da sie freilich von sich selbst nicht sagen können, daß sie sich selbst gehören;
und, wie wenn einer unter einem Tyrannen etwas Eigenes haben könnte, wollen sie
erreichen, daß ihnen der Reichtum zu eigen sei, und sie denken nicht daran, daß
sie es sind, die ihm die Macht geben, allen alles zu nehmen. Der Tyrann wird nie geliebt
und kann nie lieben. Freundschaft ist ein heiliger Name, ist eine heilige Sache;
Freundschaft knüpft sich nur unter Guten, gründet sich nur auf gegenseitige
Achtung; sie entsteht und erhält sich nicht durch eine Wohltat oder irgend eine
rechte Tat, sondern durch das rechte Leben. Ein Freund ist des andern gewiß,
weil er seine Reinheit kennt; die Bürgen, die er dafür hat, sind seine gute
Natur, seine Zuverlässigkeit und seine Treue. Wo Grausamkeit ist, wo
Unehrlichkeit ist, wo Ungerechtigkeit ist, da kann nicht Freundschaft sein. Wenn
sich die Bösen versammeln, sind sie nicht Genossen, sondern Helfershelfer; sie
sind nicht traulich beisammen, sondern ängstlich; sie sind nicht Freunde, sie
sind Mitschuldige. Sehen wir nun, was den
Dienern des Tyrannen ihr elendes Leben für einen Lohn einbringt. Das Volk klagt
für seine Leiden weniger den Tyrannen an, als die, die ihn lenken: die Völker,
die Nationen, alle Welt, bis zu den Bauern und Tagelöhnern, alle kennen ihre
Namen, alle wissen ihre Laster auswendig, häufen tausend Flüche auf sie; all
ihre Gebete und Wünsche erheben sich gegen sie; jedes Unglück, jede Pest, jede
Hungersnot wird ihnen zur Last gelegt; auch wenn sie ihnen manchmal äußerlich
Ehren erweisen, verfluchen sie sie im Herzen und verabscheuen sie mehr als wilde
Tiere. Sehet da den Ruhm, sehet die Ehre, die ihnen ihre Dienste einbringen;
wenn ein jeglicher im Volke ein Stück aus ihren Leibern hätte, wären sie,
glaube ich, noch nicht befriedigt und in ihrer Rache gesättigt; aber auch, wenn
sie gestorben sind, gibt die Nachwelt ihnen noch keine Ruhe: der Name dieser
Volksfresser wird von tausend Federn geschwärzt und ihr Ruhm in tausend Büchern
zerrissen und bis auf die Knochen werden sie sozusagen von der Nachwelt
gepeinigt, die sie auch nach dem Tode noch für ihr schlechtes Leben bestraft. Lernen wir also, lernen
wir, das Rechte zu tun: heben wir die Augen zum Himmel, um unserer Ehre willen
oder aus Liebe zur ewig gleichen Tugend, blicken wir zu Gott dem Allmächtigen
auf, dem immerwährenden Zeugen all unserer Taten und dem gerechten Richter
unserer Verfehlungen. Ich meinerseits glaube und irre mich nicht, da unserem
Gott, der immer sanft und mild ist, nichts so zuwider ist als die Tyrannei, daß
er für die Tyrannen und ihre Mitschuldigen dorten noch eine besondere Strafe in
Bereitschaft hält.
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