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Thomas Immanuel SteinbergVon Zahnbürsten und StrohmännernEine Zeitreise ins Frankfurter WestendDeutschland, Zwanziger Jahre. Herr Kohn teilt sich im Schlafwagen ein Abteil mit einem Unbekannten. Kohn hat sein Handtuch vergessen, doch auf Bitten leiht ihm der Mitreisende seins. Kohn hat auch den Kamm nicht dabei. Er darf auch den Kamm des Fremden benutzen. Als Kohn seine Zahnbürste vermißt und um die des Nachbarn bittet, bekommt er zur Antwort: Nee, also meine Zahnbürste verleih’ ich nicht. Darauf Kohn: Hab’ ich’s mir doch gedacht, Sie sind eben doch Antisemit. An Herrn Kohn von damals erinnert mich Ariel Scharon von
heute. Beide mißbrauchen das Antisemitismus-Tabu: der eine für seine
harmlosen, der andere für seine fürchterlichen Zwecke. Zwischen Kohn und Scharon liegen Jahrzehnte. Die Siebziger Jahre kannten die Grundstücksspekulation im Frankfurter Westend und den Kämpfer Joschka, zärtlich-östlich für Joseph, wie es damals Mode war. Die drei Frankfurter Großbanken wollten im einst jüdisch-bürgerlichen Wohnviertel Bürohäuser errichten. Doch der Antikapitalismus blühte. Die linke Jugend Frankfurts war zersplittert, doch sie einte der gemeinsame Gegner: das Großkapital. Dessen zweites Gesicht waren die Großbanken, die Deutsche, die Dresdner und die Commerzbank. In dieser kommunalpolitisch schwierigen Lage griffen die Frankfurter Banken zum Kohnschen Dreh mit der Zahnbürste. Sie engagierten Immobilienmakler, vornehmlich solche, die wiederum etwas verband: Sie waren Juden und als solche Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Sie besaßen zum Teil selbst ein paar Häuser im Westend, und sie verstanden etwas vom Geschäft mit Immobilien und seiner besonderen Delikatesse. Diese mittelständischen Unternehmer waren und blieben die Strohmänner der Großbanken. Nicht sie, sondern ihre überhaupt nicht jüdischen Hintermänner machten das große Geschäft. Einer der Mittelständler war Ignatz Bubis. Bei der Vertreibung der teils langjährigen Mieter der Westendhäuser ging es nicht immer fein zu. Da gab es plötzlich Baulärm neben bewohnten Wohnungen, und Rohre brachen über Nacht. Die junge Linke mobilisierte zum Häuserkampf. Sie besetzte die zum Abbruch bestimmten Häuser, und sie verbündete sich mit Bürgern, die wohnen bleiben wollten, und solchen, die es auf eine höhere Abfindung abgesehen hatten. Unter den Linken gab es drei Daniels und einen halben. Die drei, das waren Daniel Cohn-Bendit, Daniel Wiener und Daniel Hölck. Der halbe war Dan Diner. Dan war auch nur halb dabei. Die dreieinhalb Daniels verband die gleiche Besonderheit wie die Mehrzahl der mittelständischen Strohmänner. Sie gehörten auch zur jüdischen Gemeinde. Es kam, wie die nicht-jüdischen Strippenzieher und ihre jüdischen Strohmänner voraussehen konnten: Die Öffentlichkeit bemerkte, daß die Makler Juden waren. Antisemitische Sprüche kamen auf, ihre teils jüdisch klingenden Namen erschienen auf Häuserwänden und Bauzäunen im Westend. Es gab Drohanrufe und Schmähungen gegen Juden überhaupt. Der Vorstand der Frankfurter jüdischen Gemeinde mit ihrer Synagoge im Herzen des Westends war jedoch keineswegs links wie die dreieinhalb Daniels. Er war rechts wie Bubis und seine Kollegen, rechts wie die jüdischen Pelzhändler vom Bahnhofsviertel, so rechts wie Mittelständler eben sind, egal ob jüdisch oder hinduistisch. In der Gemeinde tobte der verbale Klassenkampf, doch die Mittelständler behielten die Oberhand. Die veröffentlichte Meinung in Frankfurt, unter dem diskreten Einfluß der Großbanken und dem indiskreten der mittelständischen jüdischen Mehrheit, erkannte auf Zahbürstenverweigerung, also auf Antisemitismus bei den Linken. Den Linken halfen ihre dreieinhalb Daniels nichts, denn das waren Kommunisten, wie die blutige Hilde Benjamin im Osten. Auf den einst umkämpften Westendgrundstücken stehen längst Bürotürme. Bubis ist in Israel begraben, und die Namen seiner Kollegen kennt nur noch Klaus Rainer Röhl, der Schmuddel-Röhl. Rainer Werner Fassbinders Stück über den Immobilienmüll, die Stadt Frankfurt und den Tod gilt außer bei Rafael Seligmann immer noch als antisemitisch, ebenso wie die Romanvorlage, die der Wehrmachtsfahnenflüchtling Gerhard Zwerenz geliefert hat. Das lesenswerte Buch heißt: „Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond.“ Was ist aus den Daniels geworden? Bubis zufolge soll Daniel Wiener Yuppie geworden sein. Dan Diner schreibt amerikanistische Bücher. Daniel Hölck hat mir die ganze Geschichte in den Achziger Jahren erzählt. Er stammte aus einer Hamburger Arbeiterfamilie. Er war selber Arbeiter, und da er weder in Yuppie-Kneipen, noch auf ekeligen Berliner Antisemitismus-Kongressen aufgetaucht ist, nehme ich an, daß er Mensch geblieben ist, im jiddischen Sinne des Wortes, also ein anständiger Kerl. Was der dritte ganze Daniel macht? Er macht Europa reicher. Auf einem Plakat der Grünen zur Europawahl, das jetzt an Hamburger Bäumen Hund und Herrchen zum Anpinkeln einlädt, steht modisch-westlich: Dany is back in town. Dany spricht zum Thema Europa reicher machen. Ganz der Bubis, unser Dany. T:I:S, 10. Mai 2004. Mehr über Cohn-Bendit *
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