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Wer ist Steinberg Was die Recherche soll Texte 2005 Texte ab 2004 Texte bis 2003 Karten Bilder Home Inhalt Jacques AttaliOffener Brief an Ariel ScharonDie Politik des größten angenommenen Übels schafft die Verhältnisse, die zu bekämpfen sie vorgibt. Mauern um die französischen Vorstädte?Sehr geehrter Herr Premierminister, niemand kann Ihnen fehlenden Mut vorwerfen, Ihre Ziele zu
nennen, Ihre Vorstellungen kohärent auszudrücken und sie hartnäckig in die
Tat umzusetzen. Indes sind Sie unbesonnen gar zu deutlich geworden, als Sie den
französischen Juden unter dem Vorwand, hier lebten „zu viele“ Moslems,
rieten, ihr Land zu verlassen. Dadurch haben Sie nämlich unverblümt die Generallinie
Ihrer Strategie auf jedem Gebiet offen gelegt: jede Hoffnung auf einen Kompromiß
zwischen den Parteien, so winzig sie sein mag, zertrümmern, um die Gemäßigten
unter Ihren Gegnern in Mißkredit zu bringen und um so Ihre Verweigerung noch
des geringsten Zugeständnisses zu rechtfertigen. Das machen Sie seit Jahren mit den Palästinensern. Sie verweigern den Dialog mit den am wenigsten
Alles-oder-Nichts-Führern unter ihnen. Sie tragen zum Verlust von deren
Glaubwürdigkeit bei, damit Ultras an die Stelle treten. Es ist Ihnen fast
gelungen, Ihre extremsten Vorhersagen wahr zu machen: Zwischen den Terroristen
und Ihnen steht bald niemand mehr. Sie behaupten, Frankreich werde ein antisemitisches Land,
seiner islamischen Bevölkerung zu Gefallen. Auch hier bedienen Sie sich der
gleichen Strategie. Sie hoffen, zwischen den Juden Frankreichs und ihren Mitbürgern
einen Graben aufzuwerfen, auf daß die Juden keine andere Lösung mehr finden,
als sich daheim fremd zu fühlen. So würden Sie erneut Ihre schlimmsten
Vorhersagen wahr machen. Dabei vergessen Sie einige offensichtliche Wahrheiten, an die
ich Sie zu erinnern mir erlaube: Unser Land ist nicht antisemitisch, selbst wenn rassistische Vorkommnisse sich mehren und selbst wenn bestimmte Einrichtungen beunruhigend milde mit solcher Abtrift umgehen. Im heutigen Frankreich ist es viel schwerer, Moslem als Jude
zu sein. Moslems und Juden in Frankreich sind keine kennzeichnenden
Kategorien; das eine oder das andere zu sein, ist nur eine Dimension staatsbürgerlicher
Identität. Daß Frankreich eine angenehmer Ort zum Leben für alle
bleibe, liegt im Interesse Israels, denn zusammen mit dem Nahen Osten ist es die
Weltgegend, in der die meisten Juden und Moslems zusammen leben. Wenn sie es in
Frankreich nicht könnten, wie dann im Nahen Osten. Erlauben Sie mir, Herr Premierminister, Ihnen bei dieser
Gelegenheit dafür zu danken, daß Sie Frankreich daran erinnert haben, wie
wichtig eine mutige Politik der Eingliederung aller Minderheiten ist. Sie haben
Frankreich gezeigt, daß es vom gleichen Unheil bedroht ist, das Sie bestürmt.
Sie haben Frankreich bewußt gemacht, daß eines Tages Politiker ihm vorschlagen
könnten, Mauern um seine Vorstädte zu ziehen. Ich hoffe, daß Ihre Offenheit in Ihrem Lande wie dem unseren
verstehen hilft: Die Politik des größten angenommenen Übels mag manchmal
taktische Vorteile bringen, doch im Allgemeinen schafft sie nur die Verhältnisse,
die zu bekämpfen sie vorgibt. Mail: j(at)attali.com Jacques Attali, Ehrendoktor der Universität Haifa, wurde
als Sohn eines sephardischen Juweliers in Algier geboren. Seine politischen und
literarischen Schriften sind weit verbreitet. Er war Sonderberater von François
Mitterrand. Der offene Brief erschien als Kolumne im „Express“
(dem „Spiegel“ vergleichbar) am 26. Juli 2004.
T:I:S (Übersetzung), 28. Juli 2004
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