Wer ist Steinberg Was
die Recherche soll Texte 2005 Texte 2004 Texte bis 2003
Karten Bilder Home
Inhalt
Thomas Immanuel
Steinberg
Arbeitswahnwitz
Bobby und die Villigster: 43 Wertkritiker auf einem Seminar
Luther erschütterte
mit seiner Kritik die Kirche. Seine Anhänger zertrümmerten die Heiligenbilder
und schleiften die Klöster. Luther schwächte die klerikale Hierarchie und bekräftigte
die Stellung Jesu, des angeblichen Opfers der Juden, und Gottes. Der Glaube an
Gott und Jesus bestimmte die Wirklichkeit. Erst Aufklärung und erblühender
Kapitalismus stutzten Religion und Kirche zu geistigen Provinzmächten zurecht.
Was als Umbruch begann, wuchs sich aus zu einem Paradigmenwechsel. Der
Kapitalismus prägt inzwischen die Welt und droht, sie zu verwüsten.
Für die Hersteller der Zeitschrift Krisis, eine Schar linker Theoretiker, ist
Marx eine Art Luther des Kapitalismus. Sich selbst aber sehen sie als Kritiker
und Zersetzer des heute realitätsmächtigen kapitalistischen Glaubens. Der gründe
in der Fetischisierung der Ware, des Werts und der Arbeit. Es herrsche etwas,
von dem sich alle beherrschen ließen: Ware und Wert. Herrschende Unternehmer
wie beherrschte Arbeiter hätten sich als Klassen verflüchtigt. Marx und
Arbeiterbewegungsmarxismus hätten den Wert aller Werte, die Arbeit, ebenso
geheiligt wie der Kapitalist. Die kapitalistische Gesellschaft stelle sich über
Arbeit her. Arbeit selbst, so die Wertkritiker, sei daher zu kritisieren, also
zu entweihen und schließlich aufzuheben. Das freiere Jenseits beschreiben sie
aber nicht. Voltaire hat die Zukunft auch nicht ausgemalt.
Im »Manifest gegen die Arbeit«, ihrem Bestseller, unterscheiden Robert Kurz,
Ernst Lohoff und Norbert Trenkle die Arbeit von Tätigkeit, die immer da war und
nicht aufhören wird. Altmarxistischen und bürgerlichen Einwänden kommen sie
theoretisch und empirisch zuvor. Sie fordern eine Umwälzung, einen erneuten
weltumspannenden Paradigmenwechsel: gegen Wert- und Arbeitsgläubigkeit, für
Selbsttätigkeit zu Nutz und Frommen Aller und jedes Einzelnen.
Kürzlich trafen sich 43 Wertkritiker – aus Nürnberg, von der Wiener
Schwesterzeitschrift Streifzüge und verstreut lebende Interessenten – in
Villigst bei Dortmund zu einem Wochenendseminar. Es fehlten der bekannteste
Wertkritiker, Robert Kurz; Roswitha Scholz mit ihrer Abspaltungstheorie zu Tätigkeiten
insbesondere von Frauen, die der Arbeitsidolatrie nicht direkt unterworfen sind;
und andere, die beiden nahestehen. Diese »Minderheit« war auf der letzten
Mitgliederversammlung des Trägervereins der Zeitschrift Krisis nicht mehr in
den Vorstand gelangt. Sie schied im Zorn aus und betreibt jetzt erstens ein
neues Projekt namens Exit und zweitens eine Klage um Autorenrechte und ein
winziges Kapital gegen die früheren Freunde.
Vom Seelenleid Bobbys, wie Robert Kurz in Villigst auch weiter hieß, war in
Villigst die Rede und, etwas schief, von gerechtfertigter Pathologisierung.
Querelen seien der Trennung vorausgegangen um den Stil der Kritik – »Wie doll
hauen wir auf die Antideutschen drauf« – und Persönliches. Einen bedeutsamen
theoretischen Dissens habe es nicht gegeben, so die Villigster. Bobby war per
Mail nicht für eine Auskunft zu gewinnen. Vielleicht stöberte er gerade in
einem Antiquariat nach versunkenen Schätzen, wie er es in Wien immer gerne tat.
Ein österreichischer Wertkritiker vermutete als tieferen Grund für den Zwist
die kranke Gesellschaft und den grauen Theoretikerblick auf die Nebensachen: die
Ängste und Bedrückungen und die grünen Freuden des goldenen Lebensbaums.
Andere Villigster fanden erklärungsbedürftig, warum die Gruppe jahrzehntelang
gehalten habe, nicht, daß sie nun auseinander gebrochen sei.
Ernst Lohoff, den alle Fritz nennen, verlas eingangs mit seinem oberfränkischen
Akzent ein Referat über das Verhältnis der Arbeitskritik zum Sozialkahlschlag.
Bei Jules Vernes habe der Held London in 80 Tagen nur erreichen können, weil
der Kapitän auf dem Atlantik statt der fehlenden Kohlen Planke für Planke das
Schiff verheizt habe. Der Kapitalismus verheize sich selbst, werde aber kein
rettendes Ufer erreichen. Der etwas unübersichtlich vorgetragene Text wird in
einem Krisis-Sammelband erscheinen, zusammen mit Aufsätzen von Gaston Valdivia
über die Zeitverschwendung Marktwirtschaft – die absurdeste
Reproduktionsweise seit Menschengedenken; von Maria Wölflingseder über das große
Drängen auf die Schlachtbänke der Schönheitschirurgie; und von anderen
Krisis-Fortführern über Arbeitswahn, sinnloses Lernen und
Kapitalismus-Apologetik.
Norbert Trenkle präsentierte in einer Arbeitsgruppe seine Gedanken zu
Antisemitismus und ATTAC. Seiner Meinung nach hat ATTAC den Kapitalismus nicht
begriffen, und das führe unweigerlich zu Antisemitismus. Mir platzte der mühsam
zugeknöpfte Berichterstatterkragen: Ich fand das niederträchtig. Ein
anwesender Psychologe reagierte klüger. Ob Antisemitismus vorläge, sei am
Fall, je einzeln, festzustellen – nicht vorab zu schließen. Trenkle
entgegnete, er gehe nicht standortlos an die Welt heran. Auch halte er nicht
jeden, der den Kapitalismus falsch erfasse, für einen Antisemiten.
Anschließend präsentierte der Wortkünstler Franz Schandl eine Typologie des
affirmativen Unwesens. Nach anderthalbstündigem Vorlesen waren die Zuhörer müde.
Munter wurden sie am nächsten Morgen, als Lothar Galow-Bergemann die manchmal
plumpen Annäherungsversuche des Wertkritikers (W) an die Gewerkschafterin (G)
auf die Schippe nahm und durch Tips zum Flirten in glückliche Liebe gemäß »W
– G – W’« münden ließ. Eine Debatte entspann sich über das Fehlen
kurzer, verständlicher Handreichungen zur Wertkritik; über Schüler, die lösen
sollen, was sie nie rätselhaft fanden. Eine österreichische Wertkritikerin
schilderte ihre Erfahrungen beim kostenlosen Verleih von Gebrauchsgegenständen
aus einem »Ressourcenpool«, mit einem Kostnix-Laden und einem
Selbstversorger-Gemüsegarten. Bedrückend klang der Bericht von einer
Anti-Hartz-Gruppe aus MLPD-, ATTAC- und ungebundenen Leuten. Die einen würden
die andern austricksen und dabei nur die Gruppe schwächen. Für die Auswertung
der praktischen Einmischungsversuche fehlte die Zeit. Die IG-Metall-Erfahrung
bei IBM unter dem Titel »Meine Zeit ist mein Leben« könne indes als Wegweiser
dienen für die Fahrt zurück in den wertkritisch noch unaufgeschlossenen
Alltag.
* Ernst Lohoff, Norbert Trenkle u. a.: Dead Men Working.
Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen
Amoklaufs. Unrast Verlag, zirka 304 Seiten, zirka 18 Euro, erscheint
voraussichtlich Ende Juni.
Erschienen in der jungen Welt vom 29 Mai
2004
T:I:S,
28. Mai 2004
*
Wer ist Steinberg Was
die Recherche soll Texte 2005 Texte 2004 Texte bis 2003
Karten Bilder Inhalt
Home nach oben
Mail

URL dieser Seite: http://www.steinbergrecherche.com/krisis.htm
Disclaimer
/ Copyright