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Thomas Immanuel Steinberg  

Arbeitswahnwitz

Bobby und die Villigster: 43 Wertkritiker auf einem Seminar

 

Luther erschütterte mit seiner Kritik die Kirche. Seine Anhänger zertrümmerten die Heiligenbilder und schleiften die Klöster. Luther schwächte die klerikale Hierarchie und bekräftigte die Stellung Jesu, des angeblichen Opfers der Juden, und Gottes. Der Glaube an Gott und Jesus bestimmte die Wirklichkeit. Erst Aufklärung und erblühender Kapitalismus stutzten Religion und Kirche zu geistigen Provinzmächten zurecht. Was als Umbruch begann, wuchs sich aus zu einem Paradigmenwechsel. Der Kapitalismus prägt inzwischen die Welt und droht, sie zu verwüsten.

Für die Hersteller der Zeitschrift Krisis, eine Schar linker Theoretiker, ist Marx eine Art Luther des Kapitalismus. Sich selbst aber sehen sie als Kritiker und Zersetzer des heute realitätsmächtigen kapitalistischen Glaubens. Der gründe in der Fetischisierung der Ware, des Werts und der Arbeit. Es herrsche etwas, von dem sich alle beherrschen ließen: Ware und Wert. Herrschende Unternehmer wie beherrschte Arbeiter hätten sich als Klassen verflüchtigt. Marx und Arbeiterbewegungsmarxismus hätten den Wert aller Werte, die Arbeit, ebenso geheiligt wie der Kapitalist. Die kapitalistische Gesellschaft stelle sich über Arbeit her. Arbeit selbst, so die Wertkritiker, sei daher zu kritisieren, also zu entweihen und schließlich aufzuheben. Das freiere Jenseits beschreiben sie aber nicht. Voltaire hat die Zukunft auch nicht ausgemalt.

Im »Manifest gegen die Arbeit«, ihrem Bestseller, unterscheiden Robert Kurz, Ernst Lohoff und Norbert Trenkle die Arbeit von Tätigkeit, die immer da war und nicht aufhören wird. Altmarxistischen und bürgerlichen Einwänden kommen sie theoretisch und empirisch zuvor. Sie fordern eine Umwälzung, einen erneuten weltumspannenden Paradigmenwechsel: gegen Wert- und Arbeitsgläubigkeit, für Selbsttätigkeit zu Nutz und Frommen Aller und jedes Einzelnen.

Kürzlich trafen sich 43 Wertkritiker – aus Nürnberg, von der Wiener Schwesterzeitschrift Streifzüge und verstreut lebende Interessenten – in Villigst bei Dortmund zu einem Wochenendseminar. Es fehlten der bekannteste Wertkritiker, Robert Kurz; Roswitha Scholz mit ihrer Abspaltungstheorie zu Tätigkeiten insbesondere von Frauen, die der Arbeitsidolatrie nicht direkt unterworfen sind; und andere, die beiden nahestehen. Diese »Minderheit« war auf der letzten Mitgliederversammlung des Trägervereins der Zeitschrift Krisis nicht mehr in den Vorstand gelangt. Sie schied im Zorn aus und betreibt jetzt erstens ein neues Projekt namens Exit und zweitens eine Klage um Autorenrechte und ein winziges Kapital gegen die früheren Freunde.

Vom Seelenleid Bobbys, wie Robert Kurz in Villigst auch weiter hieß, war in Villigst die Rede und, etwas schief, von gerechtfertigter Pathologisierung. Querelen seien der Trennung vorausgegangen um den Stil der Kritik – »Wie doll hauen wir auf die Antideutschen drauf« – und Persönliches. Einen bedeutsamen theoretischen Dissens habe es nicht gegeben, so die Villigster. Bobby war per Mail nicht für eine Auskunft zu gewinnen. Vielleicht stöberte er gerade in einem Antiquariat nach versunkenen Schätzen, wie er es in Wien immer gerne tat. Ein österreichischer Wertkritiker vermutete als tieferen Grund für den Zwist die kranke Gesellschaft und den grauen Theoretikerblick auf die Nebensachen: die Ängste und Bedrückungen und die grünen Freuden des goldenen Lebensbaums. Andere Villigster fanden erklärungsbedürftig, warum die Gruppe jahrzehntelang gehalten habe, nicht, daß sie nun auseinander gebrochen sei.

Ernst Lohoff, den alle Fritz nennen, verlas eingangs mit seinem oberfränkischen Akzent ein Referat über das Verhältnis der Arbeitskritik zum Sozialkahlschlag. Bei Jules Vernes habe der Held London in 80 Tagen nur erreichen können, weil der Kapitän auf dem Atlantik statt der fehlenden Kohlen Planke für Planke das Schiff verheizt habe. Der Kapitalismus verheize sich selbst, werde aber kein rettendes Ufer erreichen. Der etwas unübersichtlich vorgetragene Text wird in einem Krisis-Sammelband erscheinen, zusammen mit Aufsätzen von Gaston Valdivia über die Zeitverschwendung Marktwirtschaft – die absurdeste Reproduktionsweise seit Menschengedenken; von Maria Wölflingseder über das große Drängen auf die Schlachtbänke der Schönheitschirurgie; und von anderen Krisis-Fortführern über Arbeitswahn, sinnloses Lernen und Kapitalismus-Apologetik.

Norbert Trenkle präsentierte in einer Arbeitsgruppe seine Gedanken zu Antisemitismus und ATTAC. Seiner Meinung nach hat ATTAC den Kapitalismus nicht begriffen, und das führe unweigerlich zu Antisemitismus. Mir platzte der mühsam zugeknöpfte Berichterstatterkragen: Ich fand das niederträchtig. Ein anwesender Psychologe reagierte klüger. Ob Antisemitismus vorläge, sei am Fall, je einzeln, festzustellen – nicht vorab zu schließen. Trenkle entgegnete, er gehe nicht standortlos an die Welt heran. Auch halte er nicht jeden, der den Kapitalismus falsch erfasse, für einen Antisemiten.

Anschließend präsentierte der Wortkünstler Franz Schandl eine Typologie des affirmativen Unwesens. Nach anderthalbstündigem Vorlesen waren die Zuhörer müde. Munter wurden sie am nächsten Morgen, als Lothar Galow-Bergemann die manchmal plumpen Annäherungsversuche des Wertkritikers (W) an die Gewerkschafterin (G) auf die Schippe nahm und durch Tips zum Flirten in glückliche Liebe gemäß »W – G – W’« münden ließ. Eine Debatte entspann sich über das Fehlen kurzer, verständlicher Handreichungen zur Wertkritik; über Schüler, die lösen sollen, was sie nie rätselhaft fanden. Eine österreichische Wertkritikerin schilderte ihre Erfahrungen beim kostenlosen Verleih von Gebrauchsgegenständen aus einem »Ressourcenpool«, mit einem Kostnix-Laden und einem Selbstversorger-Gemüsegarten. Bedrückend klang der Bericht von einer Anti-Hartz-Gruppe aus MLPD-, ATTAC- und ungebundenen Leuten. Die einen würden die andern austricksen und dabei nur die Gruppe schwächen. Für die Auswertung der praktischen Einmischungsversuche fehlte die Zeit. Die IG-Metall-Erfahrung bei IBM unter dem Titel »Meine Zeit ist mein Leben« könne indes als Wegweiser dienen für die Fahrt zurück in den wertkritisch noch unaufgeschlossenen Alltag.

* Ernst Lohoff, Norbert Trenkle u. a.: Dead Men Working. Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs. Unrast Verlag, zirka 304 Seiten, zirka 18 Euro, erscheint voraussichtlich Ende Juni.

 

Erschienen in der jungen Welt vom 29 Mai 2004


T:I:S, 28. Mai 2004

 

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