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Ist die Linkspartei gegen Krieg?
Ein Leser von
SteinbergRecherche verfolgt die Kommentare und Meldungen mit großem Interesse
und Sympathie. Ihm mißfiel jedoch ein Spruch auf der Index-Seite:
Linker Frieden.
Auch die im Entstehen begriffene Linkspartei, die in Umfragen zweistellige
Prozentzahlen erreicht, will weitere Auslandseinsätze deutscher Soldaten nicht
grundsätzlich ausschließen. Einen militärischen Rückzug aus dem Kosovo
"muss man sich überlegen" und die gewachsenen Verhältnisse in
Rechnung stellen, erklärt Pressesprecher Murat
Çakir im Gespräch mit
german-foreign-policy.com. Ebenfalls denkbar sei der Einsatz zentraler deutscher
Polizeieinheiten (Bundespolizei, ehemals Bundesgrenzschutz/BGS) in Afghanistan.
Der Spruch, von german-foreign-policy.com übernommen und von SteinbergRecherche mit dem
Kommentar-Vorspann „Linker Frieden“ versehen, verfälsche Murat Çakirs Aussagen gänzlich, so der Leser. „Warum
haben Sie seine realistische Problematisierung des Status quo im Kosovo verfälscht
und die klare Schlussaussage von Çakir weggelassen?“
Der Dank für
die Kritik geht an den Leser. Hier, warum SteinbergRecherche am Spruch
festhält:
Über die Haltung der neuen Linkspartei zu Auslandseinsätzen
deutscher Truppen sprach german-foreign-policy.com
mit Murat Çakir. Çakir ist Pressesprecher der Wahlalternative WASG. Thomas
Immanuel Steinberg, Kriegsgegner, hätte anders geantwortet als Murat Çakir.
Das
Interview vom 3. Juli 2005:
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T:I:S,
Kriegsgegner, hätte geantwortet:
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german-foreign-policy.com
: Gregor Gysi nennt "Friedenspolitik" als "Punkt eins"
für den Bundestagswahlkampf der neuen Linkspartei. Stimmen Sie ihm zu?
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Murat Çakir
: Auf jeden Fall. Wir haben immer wieder darauf hingewiesen, dass wir uns
klar und deutlich gegen Angriffskriege wenden, dass wir gegen Militarismus
sind. Insbesondere den militaristischen Ansatz und die Verpflichtung zur
Aufrüstung in der EU-Verfassung haben wir immer wieder kritisiert, den
Verfassungsvertrag haben wir deswegen auch abgelehnt.
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T:I:S :
Gysis PDS regiert in Berlin und Schwerin - unter einem SPD-Chef. Die SPD stellte den deutschen
Kriegsherrn, der 1999 Jugoslawien hat bombardieren und Teile des Kosovo
hat besetzen lassen. Die SPD log, neben den USA, Großbritannien und den
Grünen, das Racak-Massaker und den Hufeisenplan herbei. Die SPD ist eine
Kriegspartei. Wer, wie Gysis PDS, mit der SPD koaliert, will keine
Friedenspolitik, sondern mitregieren.
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german-foreign-policy.com
: Deutsche Soldaten sind gegenwärtig in acht Staaten in Europa, Asien und
Afrika stationiert. Was soll mit ihnen geschehen?
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Murat Çakir
: Wir sind der Auffassung: Wenn die internationale Staatengemeinschaft in
einem Krisengebiet helfen soll, dann muss das auch dementsprechend
demokratisch legitimiert werden. Es ist notwendig, dass wenigstens
UN-Beschlüsse hierfür eingeholt und dann auch umgesetzt werden. Ich
denke nicht, dass man alleine aufgrund des Wunsches einzelner Regierungen
wie etwa der Regierung der Vereinigten Staaten, die ja bestimmte
Interessen verfolgt, militärische Auslandseinsätze billigen sollte. Es
ist notwendig, dass man in erster Linie präventive Maßnahmen ergreift,
noch bevor Krisen entstehen.
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T:I:S :
Die deutschen Soldaten und Polizisten sind sofort aus allen fremden Ländern
abzuziehen. Alle Kriegsschiffe vor dem Horn von Afrika und in sonstigen
internationalen oder fremden nationalen Gewässern sind in die deutschen Häfen
zurückzubeordern. Alle Ausbildungsprogramme für ausländische Streit-
und Polizeikräfte in Deutschland und in der Welt sind sofort
einzustellen, alle ausländischen Auszubildenden sofort nach Hause zu
schicken. Die UNO hat mehrfach Angriffskriege durch sogenannte
Friedenseinsätze nachträglich gebilligt. Militärische und polizeiliche
UN-Einsätze dienen den Interessen der Herrschenden über die Welt, nicht
dem Frieden.
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german-foreign-policy.com
: Was verstehen Sie unter "präventiven Maßnahmen"?
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Murat Çakir
: Das sind zunächst natürlich bilaterale und multilaterale Gespräche,
alle Mittel friedlicher Zusammenarbeit. Es geht darum, dass man im Falle
staatlicher Repressalien gegen die Bevölkerung, gegen Minderheiten auch
die Möglichkeit hat, Druck auszuüben, dass man den Druck in der
wirtschaftlichen Zusammenarbeit auch weiter erhöhen kann. Wenn ich etwa
an die Zusammenarbeit mit China denke, da muss man schon die Frage
stellen, was für die Bundesregierung bisher wichtiger gewesen ist:
Menschenrechte oder die Sonderinteressen transnationaler Konzerne? Das
wollen wir hinterfragen.
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T:I:S :Präventive militärische oder polizeiliche
Maßnahmen Deutschlands haben immer den Herrschenden in Deutschland
gedient, nie den Menschen, die im Ausland unter Krieg oder Kriegsgefahr
leiden.
Sogenannter wirtschaftlicher oder diplomatischer Druck hat
dem deutschen Kapital Rohstoffe, billige Arbeiterinnen und Absatzmärkte
verschafft. Unter der Fahne von Demokratie und Menschenrechten erlangte
die deutsche Herrschaftselite wirtschaftliche
und geopolitische Wettbewerbsvorteile.
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german-foreign-policy.com
: Wie stehen Sie zu der Forderung nach einem sofortigen Rückzug der
deutschen Soldaten aus dem Ausland, etwa aus dem Kosovo?
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Murat Çakir
: Das muss man überprüfen. Wir haben immer wieder gesagt, dass der
Kosovo-Krieg ein völkerrechtswidriger Krieg war. Wir haben scharf
kritisiert, dass der Außenminister - ein Grüner! - die Bombardierung
Jugoslawiens mit einem Hinweis auf Auschwitz gerechtfertigt hat. Nun ist
es aber so, dass es eine De-facto-Situation gibt. Da muss man sich überlegen,
welche Folgen ein Abzug haben würde und wie man die Problematik in der
Zusammenarbeit auf internationaler Ebene - insbesondere in der UNO und
gemeinsam mit den anderen EU-Staaten - am besten regeln kann.
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T:I:S :
Der Krieg in Jugoslawien vor dem NATO-Angriff war ein Bürgerkrieg.
Der völkerrechtswidrige Eingriff in diesen Bürgerkrieg zugunsten der
Kosovo-Albaner ist zu beenden, alle deutschen Kräfte sind sofort
abzuzuziehen.
Würde Deutschland seine militärische
Beteiligung in acht Ländern der Welt sofort abbrechen, dann gewönnen
die andern NATO- und UNO-Staaten ebenfalls Spielraum für friedliches
Verhalten oder verlören sogar an Spielraum für Kriegshandlungen.
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german-foreign-policy.com
: Sie schließen also einen vorläufigen Verbleib deutscher Truppen nicht
völlig aus?
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Murat Çakir
: "Keine deutschen Soldaten im Auslandseinsatz" ist eine unserer
Forderungen.
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T:I:S :
Ich schließe ihn völlig aus. Alle anderen politischen Ziele sind
nachgeordnet.
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german-foreign-policy.com
: Oskar Lafontaine plädiert für den "Aufbau einer UN-Streitmacht,
die nur nach Polizeigrundsätzen vorgeht". Soll statt der Bundeswehr
die Bundespolizei im Kosovo und in Afghanistan eingesetzt werden?
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Murat Çakir
: Da muss man schon drüber nachdenken. Der Aufbau einer
Polizei-Streitmacht kann nur stattfinden, wenn die UNO die ersten Schritte
tut, die ersten Vorschläge unterbreitet. Die einzelnen Staaten könnten
sich dann darauf beziehen. Möglich wäre es. Das entscheidende ist, zu
fragen: Was soll diese UN-Polizeikraft für Kompetenzen haben, welche
Aufgaben soll sie übernehmen?
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T:I:S :
Statt Polizei- oder Militär-Einsätze zu erwägen, müßten die UNO
und ihre Mitglieder Waffenherstellung, Waffenexport und finanzielle
Unterstützung für Kriegsparteien, wo auch immer in der Welt, verhindern
helfen. Deutschland ist der zweitgrößte Waffenexporteur der Welt nach
den USA. Jeder deutsche Waffenexport ist sofort einzustellen, nicht nur in
Krisengebiete, wie einmal die – auch früher oft mißachtete –
Formel lautete. Tatsächlich ist die ganze Welt Krisengebiet.
Wir brauchen keine Waffen. Deutschland wird von keinem Land
der Welt bedroht. |
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german-foreign-policy.com
: Grundsätzlich lehnen Sie den Einsatz der Bundespolizei im Ausland nicht
ab?
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Murat Çakir
: Wir müssen ganz klar und deutlich sagen: Von der UN beschlossene
Aktivitäten, die in erster Linie dem Schutz von Zivilisten und der
Unterstützung der Lebensmittelversorgung dienen - das ist etwas, das müssen
wir unterstützen. Zu kriegerischen Einsätzen sagen wir allerdings nein.
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T:I:S :
Jeder Einsatz auch der Bundespolizei im Ausland ist zu verbieten.
Deutscher militärischer oder polizeilicher Schutz von Zivilisten oder
ihrer Versorgung gefährdet die zivile Hilfe im Ausland, wenn sie denn
eine ist, und trägt zur Fortsetzung von Kriegshandlungen bei.
Wo Krieg herrscht, werden Waffen und Soldaten aus
UNO-Mitgliedsländern eingesetzt. Deutschland hat diesen
Einsatz zu verweigern.
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german-foreign-policy.com
: Auch wenn sie von den Vereinten Nationen beschlossen werden?
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Murat Çakir
: Ja. Wir sind gegen jede Form von Krieg.
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T:I:S :
Jede polizeiliche oder militärische Maßnahme von Deutschen im
Ausland ist zu unterlassen, egal, wer sie legitimiert. Sich davon Frieden zu erhoffen, ist völlig unrealistisch.
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