Die Linkspartei

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Hans Heinz Holz:

Nein, die Linkspartei ist nicht die Linke in Deutschland, wenn mit diesem Wort eine systemverändernde politische Kraft gemeint ist. Die Linkspartei ist ein Auffangbecken für die wachsende Unzufriedenheit mit den politischen und sozialen Zuständen. Sie ist der institutionelle Kanal, in den die gärende Unruhe der sozialen Bewegungen abgeleitet werden soll. Sie dient als Bremse der außerparlamentarischen Aktivitäten, denn die herrschende Klasse weiß sehr wohl, daß Veränderungen der politischen Macht nicht in Parlamenten, sondern auf der Straße erstritten werden.

junge Welt, 11. November 2005, T:I:S, 1. März 2006

*

Linkspartei hat die Mehrheit unter Financial-Times-Lesern

Im Juli 2005 stellte die Financial Times Deutschland ihren Leserinnen die Sonntagsfrage.  

Quelle: ftd

31% würden die Linkspartei wählen, gefolgt von den CDU-Wählerinnen mit 26%. Selbst wenn das Ergebnis verfälscht oder getürkt sein sollte: Die Financial Times hat es veröffentlicht. Es paßt vorzüglich zur  wirtschaftspolitischen Linie des Blattes. Da liegt einem ja auf der Zunge: Rettet den Kapitalismus - Wählt Linkspartei.

T:I:S, 1. August 2005

Dank an Gerhard Wendebourg

Thomas Immanuel Steinberg:

Financial Times Deutschland - Wirtschaftskonzept der Linkspartei 

Thomas Fricke, Chef-Ökonom der Financial Times Deutschland schreibt jeden Freitag in seiner Kolumne, mit den sogenannten Reformen sei es nun aber gut. Stattdessen fordert er, was auch im wirtschaftpolitischen Programm der Linkspartei stehen wird: Die Nachfrage müsse erhöht werden. 

Thomas Fricke am 15. Juli 2005

Wenn die nächste Regierung schnell Jobs schaffen will, sollte sie Abgaben dort senken, wo die Empfänglichkeit dafür hoch ist: bei wenig qualifizierten Jobsuchenden. Wie schnell dort sinkende Kosten zu mehr Stellen führen, hat der Boom der von Abgaben stark entlasteten Minijobs gezeigt.  

Am 24. Juni 2005:

Mit Gratisreformen wie einem gelockerten Kündigungsschutz wird es kein Wunder geben. Wer will bei Dauerstagnation schon einstellen? Eher droht die Angst der Deutschen vor Jobverlust dann noch zu steigen und die Konsumlust weiter zu schwinden. Da brächte es wenig, Entlastungen durch höhere Mehrwertsteuern auszugleichen. Per saldo haben die Menschen dann einfach nicht mehr Geld, es haben nur andere das Geld als vorher.   

Am 10. Juni 2005: Rot-Grün fehlte wohl der Mut,

nach all dem Verzicht und vor lauter Imagepflege auch einmal ordentlich Geld auszugeben und in die Zukunft zu investieren - auch wenn das für eine Zeit höhere Schulden mit sich bringt.  

Am 1. April 2005:

Die Reformen des VW-Managers Hartz zielen vor allem darauf, Jobs schneller zu vermitteln und den Druck zur Arbeitsaufnahme zu erhöhen. Absurd.  Es kommt zwar vor, dass Firmen nicht schnell genug Leute finden. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht ist das im Deutschland 2005 aber völlig nebensächlich. Auf jede offene Stelle kommen derart viele Bewerber, dass selbst die beste Vermittlung und der größte Druck wenig helfen. Erst wenn die Wirtschaft wächst, zahlen sich solche Reformen aus, sagen Ökonomen. Wie grotesk: Gebracht haben die Hartz-Reformen monatelang Unmut sowie neue Jobängste und das (statistische) Erreichen der Fünf-Millionen-Arbeitslosen-Grenze - nur neue Jobs werden auf absehbare Zeit nicht folgen.

Die Financial Times Deutschland erläuterte ihre Position am 21. Juli 2005 anhand der möglichen Wirkungen einer Mehrwertsteuer-Erhöhung und einer Senkung des Beitrags der Unternehmer zur Arbeitslosenversicherung, wie es Angela Merkel vorgeschlagen hat:

Mehrwertsteuer bremst Binnennachfrage

Wenn die Verbraucher trotz Mehrwertsteuer-Erhöhung gleich viel konsumieren, was unwahrscheinlich ist, kann die Exportindustrie, weil von einem Teil der Arbeitslosenversicherungsbeiträge entlastet, expandieren.Vielleicht werden dann mehr Leute eingestellt.

Die Unternehmen mit Kunden im Inland können versuchen, die Mehrwertsteuer an die Kunden weiterzugeben. Gelingt ihnen das, dann steigen die Preise. Die höheren Preise belasten die Verbraucher, der Konsum geht zurück, die Binnennachfrage sinkt, weniger Leute werden zum Arbeiten gebraucht. Gelingt den Unternehmen mit Kunden im Inland die Überwälzung der Mehrwertsteuer nicht, so bleibt der Konsum zwar gleich, aber die Gewinne, die Investitionen und die (anderen) Steuereinnahmen sinken. Dann werden ebenfalls weniger Leute zum Arbeiten gebraucht.

Die Zeitung fügt hinzu: Falls konkurrierende Länder nachziehen und ebenfalls die Lohnnebenkosten für die Unternehmer senken, wären die denkbaren Jobgewinne nochmals geringer.

Was die Financial Times vergessen hat: Nach Merkel sollen die Leute die Arbeitslosen-Beitragssenkung für die Unternehmer aus der eigenen Tasche ausgleichen. Dann hätten sie noch weniger zum Konsumieren.

Zusammenfassung

Der Chef-Ökonom ist gegen Einkommenskürzungen bei den Leuten und für eine zeitweilige Erhöhung der Staatsschulden. Die Leute sollen mehr Geld in die Tasche kriegen, damit sie mehr ausgeben und mehr Leute zum Herstellen von Waren gebraucht werden.

Modernisierter Keynes

Dieses wirtschaftspolitische Konzept hat John Maynard Keynes verbreitet. In modernisierten Fassungen vertraten es Oskar Lafontaine und sein Staatssekretär Heiner Flassbeck, der frühere Wirtschaftsstaatsrat in Hamburg, Claus Noé, und vor allem die Bremer Memorandum-Gruppe. Lafontaine ist Ko-Chef der Linkspartei. Mitarbeiter der Memorandum-Gruppe haben die WASG initiiert und werden wohl den wirtschaftspolitischen Teil des Linkspartei-Programms schreiben. Zu ihrem jüngsten Memorandum vom April 2005 erklärt die Gruppe der Presse: 

Das gesamtwirtschaftliche Wachstumsproblem, das der Bundesrepublik anhaltende und weiter steigende Rekordarbeitslosigkeit beschert, ist im Kern ein Verteilungsproblem, d.h. auf eine falsche Einkommens- und Vermögensverteilung zurückzuführen. Die Binnennachfrage... hängt vor allem von der privaten und öffentlichen Verbrauchsnachfrage ab, die ihrerseits die Absatzaussichten für die Unternehmen und damit auch deren Investitionen bestimmen. Der private Verbrauch wird vor allem durch den Druck auf die Löhne geschwächt... 

Der staatliche Verbrauch leidet unter der ökonomisch kontraproduktiven und sozial verheerenden Finanzpolitik: Zum einen werden die Steuern vor allem für die Unternehmen und oberen Einkommensschichten gesenkt, ohne dass dies zu höheren Investitionen führt. Zum anderen werden die Sozialausgaben gekürzt und damit vor allem jene einkommensschwachen Schichten getroffen, die hierdurch noch weniger ausgeben können.  

Daher fordert die Memorandum-Gruppe ein umfangreiches öffentliches Investitionsprogramm zur Verbesserung der Infrastruktur; mehr Beschäftigung im öffentlichen Dienst bei kürzerer Arbeitszeit; übergangsweise höhere öffentliche Neuverschuldung; und höhere Steuern für Vielverdiener und Körperschaften plus Wiedereinführung der Vermögenssteuer. 

Die Memorandum-Gruppe will weit mehr ändern als der Chef-Ökonom der Finanz-Zeitung, aber beide zielen auf die Stärkung der Binnennachfrage, beide wollen zeitweilig Staatsverschuldung in Kauf nehmen. Die Memorandum-Gruppe meint: 

Öffentliche Neuverschuldung bei hoher Arbeitslosigkeit richtet nicht nur keinen Schaden für künftige Generationen an, sondern korrigiert eine Fehlentwicklung der Einkommensverteilung, deren Fortdauer die ökonomische Leistungskraft und den sozialen Zusammenhalt in der Zukunft massiv untergraben würden. 

Wie pro-kapitalistisch ist die Linkspartei? 

Um die ökonomische Leistungskraft Deutschlands und um den sozialen Zusammenhalt geht es dem unternehmer-freundlichen Journalisten Thomas Fricke auch: Drohen doch aus der Ferne, aus kleinen Zirkeln, Aufruhr, Boykott und Sabotage. Fricke spricht zwar nicht von Einkommens- und Vermögensumverteilung. Aber mehr Schulden zur Förderung der Binnennachfrage ohne Rückverteilungseffekte – wie geht das? Mit Krieg, wie es die USA machen? Die Umrüstung der Bundeswehr zu einer Interventionsarmee paßt jedenfalls dazu. Die konzeptionelle Nähe zwischen Financial Times Deutschland und den geistigen Paten der Linkspartei wirft weitere Fragen auf: 

Wie pro-kapitalistisch ist die Linkspartei?

Stehen hinter Fricke nur sein Verleger und Porsche-Boss Wendelin Wiedeking (der fragt, mit welchem Geld der deutsche Arbeitnehmer denn konsumieren solle)?

Entsprechen 11% für die Linkspartei gar dem Wunsch einer Kapitalfraktion? 

T:I:S, 22. Juli 2005

siehe auch: Linker Frieden  

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