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Mag Wompel

Diese deutsche Genügsamkeit

Auszüge aus der Rede der LabourNet-Redakteurin auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz am 8. Januar 2005 in Berlin-Karlshorst

 

Vier Fehler der Gewerkschaftsbewegung 

Ich glaub', daß der erste Fehler, den die deutsche Gewerkschaftsbewegung gemacht hat, schon in den 70er Jahren war, diese [deutschen] ‚Privilegien’ nicht genügend zu verteidigen und sich nicht genügend zu bemühen, diese ‚Privilegien’ zu exportieren... 

... Damit sind wir beim zweiten Fehler der Gewerkschaftsbewegung – ihre sehr begrenzte Klientel, nämlich die Noch-Beschäftigten, und mittlerweile wissen wir, noch nicht da alle, sondern die Stammbelegschaften, die Facharbeiter, nicht die Prekären, nicht die Menschen mit befristeten Arbeitsverträgen, schon gar nicht Erwerbslose oder MigrantInnen. Das ist der zweite Fehler. 

Kommen wir zu dem dritten, der hat nämlich vieles von diesem Sozialabbau ermöglicht – das ist die Leistungsorientierung. Diese Leistungsorientierung hat ermöglicht, daß der Sozialstaat, wie bereits gesagt, seit den 70er Jahren nach und nach abgebröckelt ist, daß er aber schon damals - und das ist mir sehr wichtig, daß wir das nicht vergessen - schon damals repressiven Charakter hatte. Auf Grund dieser Leistungsorientierung (wer was leistet, hat Fürsorge verdient, hat unsere Solidarität verdient, wer etwas nicht leistet, und damals hieß es noch, wer erwerbslos ist, ist selber schuld, der hat keinen „Luxus“ verdient) wurde der repressive Sozialstaat, und das war er schon damals, hingenommen. Das sind aber in diesem Falle nicht nur Gewerkschaftsspitzen, das ist leider die Mehrheit der Belegschaften bis heute, die sich gerne abgrenzt von Langzeitarbeitslosen oder gar Sozialhilfeempfängern... 

... Und der letzte Punkt - aber ich glaube, das ist mit der Wichtigste - das ist die nach wie vor bestehende Fixierung auf Lohnarbeit, und Anerkennung durch Arbeit, auch gesellschaftliche Anerkennung, aber auch Selbstbewußtsein durch Arbeit. Auch über den Arbeitsbegriff können wir uns heute nicht genug streiten – gemeint ist hier Arbeit immer als Lohnarbeit. sprich, daß Lohnabhängigkeit, Lohnarbeit nach wie vor als alternativlose Form der Existenzsicherung angesehen wird. 

Dies bringt uns die schlimmsten Probleme, angefangen bei eben dem sozialpartnerschaftlichen Modell. Denn wenn ich keine Alternative zur Lohnarbeit sehe und nur darüber sowohl Existenzsicherung als auch Selbstbewußtsein, gesellschaftliche Anerkennung bekommen kann, wie es halt Gewerkschaftsspitzen, aber auch viele Belegschaftsmitglieder glauben, dann bin ich geradezu dazu verdammt, sozialpartnerschaftlich mit meinem Arbeitgeber für seine Wettbewerbsfähigkeit zu sorgen... 

Zuckererbsen soll es regnen 

Was aber aus meiner persönlichen Sicht das allerwichtigste wäre und vielleicht die Grundvoraussetzung, um all die anderen Punkte anzugehen, wäre, daß wir alle darüber nachdenken, welche Ansprüche wir an das Leben überhaupt haben. Ich spreche ungern über Nationen, zumal ich selbst ein unglaublich genetischer Mischling bin, aber mir fällt schon auf, gerade wenn ich aus dem Ausland komme, wie genügsam die deutsche Bevölkerung ist. Und das ist nicht nur dieser Spruch, ‚man muß froh sein, wenn man Arbeit hat’, sondern absolute Genügsamkeit gegenüber, ja, der Qualität des Lebens, der Qualität der Arbeitsbedingungen, von den Produkten, für deren Produktion wir den größten Teil unseres Lebens verwenden, ganz zu schweigen. Man wird schnell, also gerade innerhalb der Linken, des Luxus' bezichtigt, wenn man gewisse Ansprüche ans Leben stellt. Und wenn wir das so weiterhin treiben, diese Genügsamkeit, dieses Spartanische, werden wir niemals die Ansprüche, noch nicht einmal annähernd, die Ansprüche selbstbewußt stellen, die das Kapital uns tagtäglich um die Ohren haut. Das ist nämlich - gierig und nie satt zu kriegen... 

Gewerkschaften gegen uns - wir gegen die Gewerkschaften 

...Sie wissen ja alle, daß dieses Selbstbewußtsein „wir kriegen es auch von unten allein hin“ leider nicht lange angehalten hat und im Prinzip bereits beim Europäischen Sozialforum in Paris geknackt wurde, als sich die Gewerkschaften an die Spitze der sozialen Proteste gesetzt haben und uns die Regie aus der Hand genommen haben. Aber gerade noch mal nach dieser wiederholten Erfahrung, habe ich viel weniger Menschen davon reden hören, die Gewerkschaften sollten endlich aufwachen und mitbekommen, was hier läuft. Die schlafen doch gar nicht, die arbeiten gegen uns die ganze Zeit, und zwar massiv. Und daraus folgt, daß wir nicht auf Großorganisation, nicht auf Gewerkschaften warten sollen, sondern viel mehr noch genug Selbstbewußtsein haben sollten, in diesem Falle gegen sie zu arbeiten, weil sie in der Hartz-Kommission ja auch gegen uns gearbeitet haben... 

Titel, Zwischentitel und Hervorhebungen vom Webmaster. Die ganze Rede unter dem Titel „Neues Selbstbewußtsein“ ist lesenswert und steht bei Labournet

T:I:S, 15. Februar 2005

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