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junge Welt vom 16.03.2004 

Thema

Französische Zustände

»Wir sind alle Kinder vom Immigranten, erste, zweite, dritte Generation«. Marseille vor den Regionalwahlen. Impressionen von Thomas Immanuel Steinberg

Am 21. und 28. März werden in Frankreich die Regionalparlamente gewählt. Kopftuchverbot, soziale Unsicherheit, Ausländer- und Judenfeindlichkeit, Israel und Palästina – das sind Themen der Debatte. Thomas Immanuel Steinberg hat sich für junge Welt in Marseille, der Metropole der Region Provence – Alpes – Côte d’Azur, genannt PACA, umgesehen.

»Rassismus tötet«, steht auf der mannshohen Zigarrettenschachtel, die zum kurdischen Getrommel auf und ab hüpft. »Wir sind alle Kinder von Immigranten – erste – zweite – dritte Generation!« tönt es noch einmal vom Lautsprecherwagen, dann stehen wir allein zwischen den Touristen am Quai des Belges, dem Jungfernstieg von Marseille. Die Möwen lachen, und auch der Himmel lacht am Valentinstag 2004. »Une manif traîne-savates«, urteilt Jean-Paul Garagnon von ATTAC Marseille: eine Latschdemo. Savates, das sind Pantoffeln oder an den Fersen heruntergetretene Schuhe, in denen man am anderen Meeresufer, in Nordafrika, durch den heißen Sommer schlurft.

 

Der Quai des Belges am Alten Hafen

Doch gleich wieder Gehupe, Geschrei, Diskomusik. Ein Autokorso. Junge Männer hängen aus den Autofenstern, jubeln, springen heraus und tanzen, eine Hand an der Hüfte, der Unterleib zuckt und stößt und kreist wollüstig. Sie blockieren erneut die Canebière, die einem Lied zufolge vom Alten Hafen mühelos bis ans Ende der Welt führen soll. Die jungen Männer schwenken rote Fahnen mit fünfzackigem Stern und Halbmond drauf. Tunesier. Immigranten, Kinder von Immigranten. Also Franzosen. Tunesien hat gerade gegen Marokko das Endspiel im Afrika-Cup gewonnen. Da ist ein Autokorso fällig, mit Fahne natürlich, der tunesischen.

Die Canebière ohne "manif"

Der Front National von Jean-Marie Le Pen mobilisiert gegen diese Franzosen mit Halbmond oder Stern, ob tunesischer, marokkanischer oder algerischer Herkunft. Bei den Wahlen im März will Le Pen die Region PACA, Provence – Alpes – Côte d’Azur, erobern. Zwei Tage vor St. Valentin schützt Nationalpolizei, die brutalen CRS, die Marseiller Salle Vallier, wo Le Pen auftreten soll. Eine Straße weiter weht das Banner mit der wütenden schwarzen Katze der Anarchosyndikalisten neben den Fahnen von LCR – »hundert Prozent links«. Zweihundert Leute demonstrieren gegen den Rassisten Le Pen: »Wir sind alle Kinder vom Immigranten – erste – zweite ...«

Die Canebière mit einer "manif"

Alle warten auf Le Pen 

Die Salle Vallier

Am Saaleingang übersieht die Kontrolle das Klappmesser im Rucksack. Etwa tausend bieder bis gut bürgerlich gekleidete, überwiegend ältere Herrschaften begrüßen Bekannte im Saal, blättern in der bunten Broschüre zur »Insécurité sociale«, zur sozialen Unsicherheit. Ein Wortspiel. Die Sozialversicherung nennt sich in Frankreich »Soziale Sicherheit«. Alle warten auf Le Pen. Als er endlich kommt, schwenken sie Fahnen, rot und weiß und blau. Franzosen. Wenn ihr Name mit »Man« anfängt, dann sind das vielleicht, wie im Marseiller Telefonbuch, Monsieur oder Madame Manvell, Many, Manya, Manyah, Manyara, Manza, Manzaggi, Manzanarès, Manzano, Manzel, Manzi, Manzo – alles Kinder von Immigranten, aber in den Staatsfarben. Selbst wenn einer Manzon heißt, wie viele Franzosen, kann er Reimmigrant sein, ein rückgewanderter Pied-Noir aus Algerien. Keine Skinheads sind unter den Zuschauern, keine Haudegen.

Le Pen geht nicht gleich auf die Immigranten los, die Sozialhilfe erhalten oder Arbeitsplätze »besetzen«. Eine Stunde widmet er den Schikanen, die man vor dem Front National aufbaue, und wie er dennoch von Sieg zu Sieg schreite. Er spricht frei. Nur was recherchiert wirken soll, liest er vom Blatt. Er geht auf und ab wie ein gedankenvoller Professor, hält inne, wenn eine Überraschung naht, richtet sich auf, weist auf den imaginierten Gegner und hebt dabei den Arm, der den Blick auf den Körper frei gibt. Er wechselt mühelos von volkstümlichen Ausdrücken zu gehobener Sprache, mokiert sich über die Gegner, die ihn mit »paperasse«, mit Papierkram, belästigen, weil er angegeben hat, daß er im Parteibüro von Nizza wohnt und also in PACA wählbar ist. Aber: Auch den letzten kleinen Fetzen dieser »paperasse bureaucratique« müsse der Front National mit dem Schweiß auf seiner »Stirn«, auf französisch: seinem »front«, gewinnen. Anspielend auf »franc-maçons« – Freimaurer – nennt er Gegner »franc-maquereaux« – Frei-Zuhälter. Schildert er eine vermeintlich besonders widerliche Schikane, dann flicht er bescheiden ein: »Das fand ich nicht so schön.«

 

Jean-Marie Le Pen (Foto:Spiegel)

Die Zuhörer sind fasziniert. Sie freuen sich, aber sie jubeln nicht. Sie werden belehrt und unterhalten, ermutigt und bestärkt. Nur die Kamerateams bewahren eisige Gesichter und eine ältere Frau, die zu einem der Fahnenschwenker zu gehören scheint. Sie sitzt aufrecht zwischen all den »Franzosen«, unbewegt und undurchschaubar, die einzige, die eine schwarze Hautfarbe hat. Le Pen spricht von sich, von seinem Einsatz für Frankreichs militärische Stärke in Krieg und Frieden. Laut wird geklatscht, als er die Verteidigung Frankreichs gegen die Feinde in Indochina und Algerien in Erinnerung ruft. Wer, wie die algerischen Harkis, an Frankreichs Seite gekämpft habe, verdiene das französische Staatsbürgerrecht.

Dann kommt er zur Sache: »An dem Tag, an dem wir 25 Millionen Muslime in Frankreich haben, werden sie befehlen. Die Franzosen werden sich an der Wand langdrücken und mit gesenktem Blick vom Bürgersteig hinuntertreten.« Der Front National habe kein Programm? Zwei Komma drei Kilo sei es schwer, schwer genug, wenn es herunterfällt, demjenigen die Füße zu brechen, der eine solche Lüge verbreite. Le Pen lügt nicht. Über die unerwünschte Immigration und die soziale Unsicherheit hinaus liegen Regionalprogramme vor, die vor Rassismus strotzen. PACA zum Beispiel soll zum Kalifornien Europas werden. Sonnenhungrige Alte aus dem europäischen Norden würden sich hier ansiedeln. Nur die Infrastruktur für die Couponschneider und Pensionäre müsse geschaffen werden.

Dann der Kopftuchstreit. Als hätte er Bourdieu (1) gelesen, trifft Le Pen den Punkt: Es gehe nicht um ein Stück Stoff. Das Problem sei die Immigration. Die Unerwünschten hereinlassen, heiße, das Kopftuch hereinlassen. Die Zuhörer begreifen, nicken, klatschen. Stehend singen sie die Marseillaise, schwenken noch einmal die Trikolore, füllen die Klingelbeutel am Ausgang mit Euros und besteigen die Sonderbusse in die bürgerlichen Viertel, in die rechten Hochburgen Marignane und Vitrolles.

Statt der Kippa die OP-Haube

Sonntag nach Valentin. Wieder lacht die Sonne. Etwa tausend französische Juden besuchen ein Kolloquium über jüdische Geschichte, über Religion in der Moderne und über das Verhältnis zwischen Juden und aktueller Politik. Der Palais des Congrès am Rond Point du Prado ist durch Hamburger Reiter abgesperrt. Junge adrette Leute fragen den Besucher nach dem Zweck seiner Teilnahme. Ob er Journalist sei. Bei der Rucksackkontrolle wird das Klappmesser wieder übersehen.

Der Palais des Congrès am Rond Point du Prado

Das gutbürgerliche ältere Publikum, geringfügig besser gekleidet als die militanten Le-Pen-Anhänger, lauscht Alexandre Adler, dem Autor eines distinguiert antikommunistischen Werks über den Kommunismus. Zufriedener, anhaltender Applaus ohne Fahnenschwenken.

Die erste Debatte. Auf dem Podium Monsieur Benassaya, Madame Benbassa, Madame Bensimon, Madame Benveniste ... Nur der Diskussionsleitung fehlt das semitische Partikel für »Sohn« im Nachnamen, das die andern mit bin Laden teilen. Esther Benbassa, Jüdin, Autorin einer Geschichte der französischen Juden, spricht mit arabischem Akzent. Sie hält sich nicht mit der Herzählung beglaubigter historischer Tatsachen auf. Kommunitarismus, diese kuschelige Einkapselung, habe manche verkrümmt. Sie diagnostiziere ein neues Syndrom, und sie nenne es »Diaspora-Nationalismus«.

  Esther Benbassa

Der Begriff löst beim Publikum Unruhe aus. Diaspora, das sind doch wir, die Vertriebenen und über die Welt Zerstreuten. Wir – und Nationalisten? Diaspora-Nationalismus, das erinnert an die Tunesier mit ihrem Fußball-Gehupe, nein, die Diaspora-Tunesier, die alle Franzosen sind und zusammen mit Marokkanern, nein, Franzosen, bei nächster Gelegenheit auf arabisch die (weiße) Alte verfluchen, die ihren Hund nach Marseiller Art vorm Eingang zum Gemüseladen aufs Trottoir scheißen läßt.

Dann geht’s um Religion. Ein Oberrabbiner aus dem Publikum wird zusätzlich aufs Podium gebeten. Er trägt einen mächtigen grauen Bart. Er setzt sich würdevoll, nimmt den altmodischen schwarzen Hut ab und legt ihn vor sich auf den Podiumstisch. Nun sieht das Publikum seinen Bart nicht mehr. Da legt er ihn zur Seite. Die schwarze Kippa (die er unterm Hut trägt) behält er natürlich auf. Dann ein junger Rabbiner mit bunter Kippa. Rotblonde Haare quellen darunter hervor, er hat Sommersprossen und heißt Dalsace – »aus dem Elsaß«. Er war in Israel und ist nach Frankreich zurückgekehrt. Neben ihm ein Rabbiner, dessen Eltern aus der Türkei stammen.

Auf dem Podium spricht jetzt der Rabbiner Philippe Haddad. Das Konsistorium, seit Napoleon das Sprachrohr der französischen religiösen Juden, findet er absurd. Seine Kinder sind nicht auf der jüdischen, sondern einer öffentlichen Schule. Dort könnten sie sich frei bewegen. Haddad argumentiert religiös gegen das Konsistorium. Eine Grundlage des jüdischen Glaubens sei die unmittelbare Verhandlung mit Gott. Was muß ich tun, was lassen? Einen Arzt habe er beraten, der in der Klinik die Kippa ablegen sollte, weil das Haus laizistischen Prinzipien folge. Da die OP-Haube in den Gängen und Krankenzimmern erlaubt sei, riet Haddad, statt der Kippa einfach immer die Haube zu tragen. Keine der heiligen Schriften schreibe die Form der Kopfbedeckung vor. Das Konsistorium aber behindere die direkte Verhandlung mit Gott. 

  Philippe Haddad

Der einzige Nichtrabbiner und Nichtjude auf dem Podium ist Bruno Étienne. Er ist Protestant – und frech. Eine »communauté juive«, eine jüdische »Gemeinde« oder »Gemeinschaft«? In Frankreich 150 000 Leute, oder doch 600 000? Jeder sage etwas anderes. Auch bei den französischen Protestanten gebe es Hunderte Varianten. 

  Bruno Étienne

Die wahre Gefahr liege im »Konfessionalismus«, der Aufspaltung und Verfeindung der Gruppen untereinander. »Meine Werte«, stichelt er, und meint die eben noch andächtigen Zuhörer des konservativen Alexandre Adler, »sind vielleicht nicht allgemeingültig!« Der Saal bleibt ruhig, vielleicht aus Respekt vor dem Glaubensfremden.

Juden sind ein heißes Thema

Zur Diskussionsrunde über aktuelle Politik waren Politiker angekündigt: vom Parti Socialiste, von den Grünen, der regierenden Rechten. Keiner ist da. Juden sind ein heißes Thema, auch in Frankreich. So bleiben sie auf dem Podium unter sich. Preußisch streng leitet Maurice Szafran von der halblinks-nationalen Zeitschrift Marianne die Diskussion. Jean-Yves Camus, der über die Rechtsextremen schreibt, sitzt neben ihm. Dann Claude Askolovitch, Chefreporter beim kritischen Nouvel Observateur. Haim Musicant und Patrick Klugman vertreten den CRIF, den Zentralrat der französischen Juden. Der steht dem Marseiller Publikum nahe. 

  Patrick Klugman

Klugman beschwert sich, daß die französische Öffentlichkeit böse wird, wenn man jemanden einen Antisemiten nennt. Doch sei eine Unterscheidung zwischen dem Thema »Israel« und dem Thema »Antisemitismus« geboten. Das klingt wie eine Korrektur der jahrelangen Verknüpfung, ja Verknotung der beiden Themen durch den Präsidenten des CRIF, Roger Cukierman. Der hatte einen Wahlerfolg von Le Pen als Warnung an die Muslime in Frankreich gewertet. Israels Scharon, fand der CRIF-Präsident ein andermal, solle ein Propagandaministerium einrichten, »wie Goebbels«. Haim Musicant folgt vorsichtig seinem Verbandspräsidenten und findet, die Juden seien in den 90er Jahren die »chouchous de la République«, die Lieblinge des Landes, gewesen. Würden sie nun von der Republik abgeschnitten?

Askolovitch greift Klugmans Ansatz auf und erklärt Israel und den Antisemitismus klipp und klar zu zwei Paar Schuhen. Auf keinen Fall dürfe es in Frankreich zu einem Kampfspiel zwischen Juden und Muslimen kommen. Ausgerechnet auf einer Hochzeitsfeier mit jüdischen Attributen und kommunitaristischer Tümelei habe ihm ein Gast verkündet, »die Araber« wollten sich nicht in die französische Gesellschaft integrieren. Dem unruhig werdenden Publikum hält Askolovitch entgegen, die Juden seien keineswegs die einzigen, die angegriffen würden, ohne daß die Politik reagiere. Es gebe kein Komplott gegen die Juden in Frankreich.

Aber die französische Presse, so ein Beitrag aus dem Publikum, sei doch antiisraelisch und damit antisemitisch. Askolovitch antwortet: »Die französische Presse ist proisraelisch.« Das Publikum murrt laut, der Diskussionsleiter tadelt es scharf. »Ja«, bekräftigt der Journalist seine Provokation, »die gedruckte Presse Frankreichs, von Figaro und Marianne über L’Express, den Nouvel Observateur und Le Monde bis hin zu Libération und Le Monde diplomatique ist proisraelisch.« Nur würden sie die Positionen der israelischen Linken teilen, nicht die der rechten israelischen Mehrheit. Wie die israelische Linke, so trete auch die französische Presse für zwei Staaten ein, für den Abriß der Mauer im Westjordanland und gegen die Siedlungen, erläutert Askolovitch. Die Presse sei also proisraelisch, im Gegensatz zu früher: Der Figaro sei einst am Papst, später am französischen Außenministerium orientiert gewesen, war also lange Zeit antiisraelisch. Libération habe sich von einem propalästinensischen zu einem proisraelischen, aber weiterhin linken Blatt gewandelt.

Askolovitch liest den Teilnehmern die Leviten. Viele schütteln den Kopf, andere werden nachdenklich. Der Journalist legt nach und fordert dazu auf, sich von der rechten jüdischen Ecke eindeutig zu distanzieren: ein Schritt, den der CRIF lange versäumt hat. Nein, der (rechte) Betar sei nicht gemeint, sondern die Ligue de défense juive. Das sei eine neofaschistische Organisation.

»Schlimmstenfalls obszön«

An diesem Tag zeigt das Kongreßzentrum eine kleine Ausstellung über die Juden in Frankreich. Die Tafel zum Holocaust ist knapp gehalten und verweist auf die weltgeschichtliche Einzigartigkeit der Vernichtung der europäischen Juden. In Frankreich ist hierüber die Diskussion längst im Gange.

In der kleinen Stadtteilbibliothek des Panier, des ältesten Marseiller Viertels über dem Alten Hafen, findet sich ein Buch von Rony Brauman, dem ehemaligen Leiter von Médecins sans Frontières und innerjüdischen Kämpfer gegen den CRIF. Das Buch – über Ruanda – ist 1994 erschienen. (2) Brauman spielt darin auf eine seinerzeit mit Empörung aufgenommene Provokation Jean-Marie Le Pens an. Der Demagoge hatte die Shoah zu einem Detail der Geschichte verniedlicht. Brauman schreibt: »In Liberia, in Angola, im Südsudan wird gestorben, zu Tausenden, in einem Wirbel von Gewalttaten, deren Echo nur bei seltenen Gelegenheiten zu uns herüberschallt. Diese Leiden zu sortieren, eine Abstufung hineinzubringen, ist bestenfalls vergeblich, schlimmstenfalls obszön. Lediglich summarische Indikatoren der Gewalt werden da in Rechnung gestellt, wie Sterblichkeitsziffern, die Anzahl bedrohter Menschen, die Zahl der Kriegsherde und der Opfer. So gesehen ist die Ausrottung der Juden und der Zigeuner tatsächlich eines der unzähligen schmerzensreichen Ereignisse des Zweiten Weltkriegs, ein ›Detail‹, wenn man so will.«

Auch das auffällig systematische, bürokratische, ja, maschinenähnliche Vorgehen der Nazis gegen Juden und Zigeuner steht in Frankreich inzwischen in einem anderen Licht. Das Marseiller Kino »César« zeigte im Februar einen kambodschanisch-französischen Dokumentarfilm über die Ermordung von 17 000 der vermutlich zwei Millionen Opfer der Roten Khmer (»S-21, la machine de mort khmère rouge« von Rithy Panh). 

  Rithy Panh

Die ehemaligen Wächter führen im Film ihren KZ-Alltag vor. Wie eine Aufziehpuppe läuft ein Folterknecht im Zellengang hin und her, erteilt immer wieder dieselben Befehle, stößt immer wieder dieselben Drohungen aus. Sie hätten selbst nur Befehle befolgt. Die Erpressung der Geständnisse sei von der Leitung vorgeschrieben worden. So sei das nun einmal gewesen. Einer der drei Überlebenden des Konzentrationslagers fragt im Film die Täter nach Empfindungen, Verantwortung, Schuld. Keiner bedauert die Gequälten, keiner bekennt sich zu einer Schuld an den Morden.

Ob Le Pens Partei bei den Regionalwahlen hinzugewinnt oder die Trotzkisten: Die politische und kulturelle Debatte in Frankreich, das Herangehen an schwierige soziale und historische Fragen machen Lösungen greifbar. Hoffentlich schwappt die Debatte über den Rhein. Was uns dann fehlen wird, das sind die gescheiten jüdischen Intellektuellen.

1 »... die vordergründige Frage ›Müssen wir das sogenannte islamische Kopftuch in der Schule akzeptieren oder nicht?‹ verbirgt das zugrunde liegende Problem ›Müssen wir die nordafrikanischen Immigranten in Frankreich akzeptieren oder nicht?‹« Pierre Bourdieu: Interventions, 1961 – 2001. Science sociale & action politique, Agone, Marseille 2002, S. 305

2 Rony Brauman: Devant le mal. Rwanda. Un génocide en direct.. Arléa 1994

Adresse: http://www.jungewelt.de/2004/03-16/003.php 

T:I:S, 15. März 2004

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