Mosul-Haifa

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Thomas Immanuel Steinberg

Nächstes Jahr in Haifa?

Die israelische Regierung, schreibt Seymour Hersh im New Yorker vom 28.Juni 2004, hat Soldaten ins irakische Kurdengebiet entsandt. Nur wenige seiner angegebenen Quellen sind nachprüfbar. Fest steht: Im Nordirak leben Kurden, aber auch Araber und Turksprachige. Unter allen dreien lagert hochwertiges, leicht förderbares Öl, das vor dem Krieg mit 40% zur irakischen Gesamtförderung beitrug. Kurden leben nicht nur im Irak, sondern auch in den Nachbarländern Türkei, Iran und Syrien.  

Die israelische Regierung könnte sich die Gegend um Kirkuk mit kurdischer Hilfe sichern wollen. Sie könnte die Pipeline von Mosul nach Haifa wieder beleben, die von der Irakisch-Britischen Ölkompanie zwischen 1920 und 1930 gebaut wurde. 1936 bis 1939 kämpften Araber gegen die Trassenbewacher. 1948 wurde der Transportweg stillgelegt.  

Das nordirakische Öl fließt zur Zeit zum türkischen Mittelmeer-Ölhafen Yumurtalik bei Ceyhan, in den auch die Baku-Tbilissi-Ceyhan-Pipeline von BP Amoco (BTC) 2005 münden wird. Der Türkei, bisher engster Verbündeter Israels nach den USA, würden bei einem israelisch-kurdischen Erfolg die Felle wegschwimmen. Sie muß um den geopolitischen Wert ihres Transportwegs fürchten, um ihre Einnahmen aus Öldurchleitung und Verladung - und um die relative Ruhe im kurdischen Ost-Anatolien.  

Der israelische Infrastruktuminister Yosef Paritzky hatte bereits am 24. August 2003 erklärt, der Hafen von Haifa eigne sich zur Verschiffung irakischen Öls. Jordanien müsse jedoch mit der Durchleitung über sein Territorium einverstanden sein. Der israelischen Zeitung Haaretz  zufolge zeigten sich die USA den israelischen Plänen nicht abgeneigt. Die Türkei, so Haaretz, würde die Pipeline als einen Affront betrachten. Den USA diene der Plan als Druckmittel auf die Türkei. Der nördliche syrische Zweig der Trasse liegt seit dreißig Jahren still und wird offenbar nicht in Betracht gezogen.

 

Der nördliche syrische Zweig endete bei Tripolis. Der südliche durch Jordanien bis Haifa führte über einen syrischen Zipfel. Quelle 

Der jordanische Außenminister Marwan Muasher stritt inzwischen laut Jerusalem Post  Pläne seines Landes zur Wiedereröffnug der Pipeline ab, während Paritzky sich Haifa bereits als ein israelisches Rotterdam ausmalt. Der Israeli rechnet mit 15%-20% billigerem Öl für Israel. Statt der ursprünglichen Leitung von 30 cm Durchmesser müsse ein Rohr von einem Meter Durchmesser verlegt werden. Der Kilometer werde 400 000 Dollar kosten, die Strecke von etwa 560 km also knapp 200 Millionen Euro. Offenbar sind militärische Sicherungsmaßnahmen nicht eingerechnet. Den Angaben türkischer Experten zufolge müßten in den nächsten fünf bis sechs Monaten insgesamt drei Milliarden Dollar investiert werden - ein Betrag, der an die Investition für die viel längere und schwierigere BTC-Gesamttrasse von BP Amoco heranreichen würde. Die Maximalauslastung von Mosul-Haifa solle mit knapp 1,5 Millionen Barrel pro Tag fast anderthalbmal höher liegen als die der BTC-Pipeline.  

Die Türkei, so Ilan Berman von der rechten National Review, soll die lange geplanten großen Wasserlieferungen an Israel auf Eis gelegt haben. Die islamistische AKP von Ministerpräsident Erdogan nähere sich Syrien und dem Iran an, während das kemalistische und israelfreundliche türkische Militär an Einfluß verliere. Eine Einigung mit der EU rücke näher, siehe  Israel and Turkey head for divorce.  

Intervenieren die Israelis im irakischen Kurdengebiet? Hat sich Jordanien von den Einnahmen aus der Vergabe von Durchführungsrechten bereits verlocken lassen? Trifft beides zu, wird dem Ölstrom nach Haifa ein Blutstrom voranfließen.

T:I:S, 24. Juni 2004

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