Noam Chomsky

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Thomas Immanuel Steinberg

Empörende Tatsachen

Rezension

1964 protestierte der Linguist und Philosoph Noam Chomsky gegen den Überfall der USA auf Vietnam. Seitdem beschreibt der inzwischen fast Achzigjährige unermüdlich die weltweiten imperialistischen Verbrechen und ihre mediale Tarnung. Im neuen Jahrtausend verfaßte er etwa fünfzig Artikel für das New York Times Syndicate, die die Hamburger Edition Nautilus jetzt in ordentlicher Übersetzung auf Deutsch herausgebracht hat. (1)

Chomsky hält sich an Tatsachen, besonders an solche, die von maßgeblichen Mainstream-Politikern und -Medien bestätigt sind. Die Frage zum Beispiel, worum es den USA im Irak geht, klärt er unter eben dieser Überschrift anhand des sogenannten Downing-Street-Memos. Den Vermerk brachte die Sunday Times am 1. Mai 2005 an die Öffentlichkeit. Ihm zufolge hatte der Chef des britischen Auslandsgeheimdienstes, Sir Richard Dearlove am 23. Juli 2002 in Anthony Blairs Kriegskabinett erklärt, daß "die Geheimdienstinformationen und die Fakten an den politischen Kurs angepasst wurden", um Argumente für einen Krieg gegen den Irak vorbringen zu können. ( S. 109)

Chomskys zweite Stärke liegt in seiner gradlinigen Empörung über imperialistische Kriege und deren Rechtfertigung. Als Beispiel dafür ein Passus, mit dem er die Argumente für US-Präventivkriege  aus der Nationalen Sicherheitsstrategie von 2002 zurückweist:   

Für die politische Führung der USA ist die Vorstellung, dass ... rechtsstaatliche Grundsätze ganz allgemein .. auf sie selbst Anwendung finden könnten, eine wirklich ernste Bedrohung. Oder sagen wir, sie wäre es: wenn es denn jemand wagen würde, sich den USA in den Weg zu stellen, jener "einzig verbliebenen, skrupellosen Supermacht, deren Führung vorhat, die Welt gemäß dem Recht des Stärkeren nach ihren Wünschen umzugestalten", wie der Militär- und Politikkorrespondent Reuven Pedatzur im letzten Mai (2005) in der führenden israelischen Tageszeitung, Haaretz, schrieb.

Wir sollten ein paar einfache Wahrheiten nicht aus dem Blick verlieren. Erstens muß bei der Bewertung von Aktionen danach gefragt werden, inwieweit die Folgen absehbar waren. Und zweitens ist der Grundsatz der Allgemeingültigkeit zu beachten: Wir müssen das, was wir tun, und das, was andere tun, mit einer Elle messen, oder, besser noch, unser eigenes Tun strenger bewerten als das der anderen. Abgesehen davon, dass diese Prinzipien die reinsten Binsenweisheiten sind, bilden sie auch das Fundament der Lehre vom gerechten Krieg, zumindest jeder ernstzunehmenden Version derselben. Die viel gepriesenen Verfechter der [US-Regierungs-] Version meinen leider auf eine solche Grundlage verzichten zu können. (S. 139)

Chomsky verwendet ein "Wir" an dieser und zahlreichen anderen Stellen, ohne recht zu sagen, wer das ist. Er folgt der in den USA verbreiteten Neigung, ans ganze (eigene) Volk zu appellieren, einer Neigung, die den befremdet, der einmal von politischer Ökonomie und Klassenanalyse gehört hat. So ermutigt Chomsky zwar mit seinen vielen Richtigstellungen und Belegen, seinen juristisch und moralisch gültigen Beweisen zur Empörung, vielleicht auch zum Protest; nicht aber zum theoretisch-analytischen Durchdringen imperialer Herrschaft, zum Begreifen struktureller Ursachen für das herrschende Grauen.

So bleibt verborgen, wo der Hebel anzusetzen ist. Aber wer wollte sagen, er kenne die Stelle.

T:I:S, 26. September 2008. Zum Bild von Chomsky

Anmerkung

(1) Noam Chomsky: Interventionen. Mit einem Vorwort von Tariq Ali. Deutsche Erstausgabe. Aus dem Englischen übersetzt von Maren Hackmann. Hamburg, Edition Nautilus 2008. Broschur, 224 Seiten, € (D) 18,- sFr 32,90 / € (A) 18,50. ISBN 978-3-89401-582-4

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Barrie Zwicker über Noam Chomskys Aussagen zum 11. September 2001

Zwicker zerpflückt Chomskys Rechtfertigungen für die Annahme, die herrschende Klasse der USA habe nichts mit den Attentaten vom 11. September 2001 zu tun. Zwicker legt den Schluß nahe, Chomsky, einer der profiliertesten Linken in den USA, gewähre den Hintermännern des Verbrechens Flankenschutz.  

Video, zehn Minuten. T:I:S, 7. Juli 2008. Genau dazu siehe Elfter September 

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Thomas Immanuel Steinberg

Heiliger Adolf

Darf man Bush mit Hitler vergleichen?

2002 geriet die Bundesministerin für Justiz, Herta Däubler-Gmelin, vor Gewerkschaftlern der Firmen Walter AG und Flender in Rechtfertigungszwang. Der BRD-Imperialismus, hieß es aus dem Publikum, werde sich an einer Militäraktion beteiligen, um seine Interessen zu wahren. Sie antwortete: Auch bei einem Angriff des Irak auf die Türkei würde es keinen Bündnisfall geben, das hätte sie schon 1991 geprüft. Den USA gehe es nicht um Öl, sie bräuchten kein Öl. Das Ganze sei nur ein Ablenkungsmanöver, das sei eine beliebte Methode, um von inneren Problemen abzulenken. Das habe Frau Thatcher Anfang der 80er Jahre auch schon mit dem Falkland-Krieg betrieben.

Als ein Betriebsrats-Kollege murmelte:  „...auch ein Österreicher“ – antwortete sie:

„Ja, auch Hitler hat diese Methode angewandt.“ siehe Rote Fahne Nr.39/02 vom 26.9.2002 

Däubler-Gmelin mußte die Regierung verlassen. Sie sei untragbar, denn sie habe Bush mit Hitler verglichen.

Auch Noam Chomsky hat kürzlich im Audimax der FU Berlin die Präventivschlagdoktrin US-amerikanischer Präsidenten, Kennedy eingeschlossen, mit Hitlers Vorgehen verglichen. Darüber mokierte sich der Spiegel.

Noam Chomsky. Zurück zu Empörende Tatsachen 

Warum darf man Hitlers Taten nicht mit denen anderer Staatsleute vergleichen? Weil, heißt es, Hitlers Taten unvergleichlich sind. Doch als unvergleichlich können sich Taten nur herausstellen, nachdem sie tatsächlich verglichen worden sind. „Unvergleichlichkeit“ ist eine Redeweise, die ausdrücken soll: Was da vorliegt, sprengt jeden bekannten Rahmen. Neue Taten, wie die von Thatcher oder Bush, müssen also mit den bisher „unvergleichlichen“ von Adolf Hitler verglichen werden – damit weiterhin gelten kann: Hitlers Taten sind „unvergleichlich“. Oder aber: Die und die Taten der Premierministerin oder des Präsidenten ähnelten oder gleichen denen des Reichskanzlers.

Das hat Däubler-Gmelin getan, das hat Chomsky getan. Gmelin hat vor den Gewerkschaftlern eine dünne These vertreten. Sie wollte ihrer Regierung beispringen. Entmachtet wurde sie, weil ihre Gegner Bush nicht in Hitlers Nähe gerückt sehen wollten. Da steht er aber. Er führt Präventivkriege, wie Hitler. Er läßt morden. Wie Hitler. Er sperrt Leute weg ohne Gerichtsurteil. Wie Hitler. Er läßt foltern. Wie Hitler.

Gmelins Gegner wollten auch sich selbst nicht in Hitlers Nähe gerückt sehen. Sie haben einen Angriffskrieg gegen Jugoslawien geführt, wie Hitler. Sie haben sich an den Angriffskriegen in Afghanistan und im Irak beteiligt. Sie bereiten weitere Angriffskriege vor.

Aus dem gleichen Grund mokiert sich der Spiegel über Chomsky. Wer dort die Kriegspropaganda liest, soll sich ja nicht Goebbels einfallen lassen.

Hitler und seine willigen Vollstrecker haben auf ihren Feldzügen 20 Millionen Russen umgebracht. Die japanischen Armeen haben in der gleichen Zeit 30 Millionen Chinesen getötet. Sie haben Chinesen ermordet wie die Nazis Russen. Erst der Vergleich zeigt die Ähnlichkeit.

Erst der Vergleich zeigt auch die Unterschiede. Der Massenmord an den Juden - an Russen, Polen, Schwulen, Behinderten – war teilweise industriell organisiert. Das macht ihn „unvergleichlich“ in dem Sinne, daß er den bisher bekannten Rahmen des Mordens sprengte. Doch auch Gaskammer-Mord kann und soll mit den  Napalm-,  Flächenbombardierungs- und Entlaubungsmorden der US-Amerikaner an zwei Millionen Vietnamesen verglichen werden, mit den teils französisch zu verantwortenden Kindersoldaten-Morden in Ruanda. Erst der Vergleich liefert die Ähnlichkeiten und die Unterschiede.

Wenn Bush mit Hitler, wenn die westlichen Morde in Jugoslawien, in Afghanistan, in Ruanda und im Irak mit den Nazi-Morden verglichen werden: Wirken dann die Nazis nicht harmlos? Auch diese Frage kann nur beantwortet werden, nachdem verglichen wurde. Freilich können sich Vergleiche abnutzen: Doch Bush und seine deutschen Helfer verheeren gerade die halbe Welt.

Gmelins Gegner und die Chomsky-Kritiker im Spiegel erklären Hitler für unvergleichlich. Sie sprechen den Führer heilig.

T:I:S, 31. März 2005

Anmerkung

Noam Chomsky ist nicht nur Linguist, sondern auch Erkenntnistheoretiker. Ich meine, er würde dem Satz zustimmen: Alle Erkenntis beruht auf Vergleich, alle Begriffe verstehen sich nur in Bezug aufeinander. Siehe auch: Hannsheinz Bauer: Wen darf man mit wem vergleichen? Ossietzky 10/2003  Dank für den Hinweis an Anis Hamadeh. T:I:S, 9. April 2005; sowie Egon Flaig: Der moralische Terrorismus. Das Unvergleichliche, hier wird’s Ereignis. Reflexion über die moralisch erzwungene Verdummung. Merkur 701, Oktober 2007; erläuterndes Interview vom 4. Januar 2008. T:I:S, 23. Januar 2008.

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