Pariser Mai

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Thomas Immanuel Steinberg

Pariser Mai 

Non, non, non: Wie man in Paris zu Pfingsten die EU-Verfassung ablehnte 

Der Canal St. Martin ist einer der zahllosen Kanäle, die Paris durchziehen. Grün gestrichene Stege überspannen ihn, am Ufer reihen sich die Kastanienbäume. Zu Pfingsten bekam der Kanal sogar einen Strand, einen asphaltierten: Die Uferstraßen waren für Autos gesperrt und für ATTAC geöffnet, für die Kampagne gegen den europäischen Verfassungsvertrag. So konnte Didier Chamorel sein »Trikke« vorführen, ein Gleitrad mit Lenker und ohne Achse. Die drei kleinen Räder sind einzeln aufgehängt, Chassis samt Lenker neigbar. Die Gewichtsverlagerung des Fahrers treibt das Dreirad voran wie die Körperschwünge den Schlittschuhläufer, während beide Kufen auf dem Eis bleiben.

Didier Chamorel - Foto: tofoto

Der Franzose hat sich »Trikke« ausgedacht, eine US-Firma es zur Produktionsreife entwickelt, in China wird es hergestellt: ein Spaß für zahlungskräftige Städter auf der Welle der »mondialisation«, der Globalisierung. An den ATTAC-Ständen rundum prangte das »NON« zum europäischen Verfassungsvertrag. Die Aktivisten begründeten ihr Nein fast ebenso spielerisch wie der Dreiraderfinder. Mit einem Brettspiel aus beschrifteten Holzklötzen demonstrierte eine Politmarktfrau die sich gegenseitig verstärkenden Wirkungen auf Staatshaushalt, Steuergesetzgebung, Privatisierung und Kapitaltransfers bei Inkrafttreten der europäischen Verfassung. Joe, Programmierer von Lernspielzeug mit einem halben Arbeitsplatz in Paris, dem andern halben in Dublin, lud zum Kartenspiel mit Herz für »NON« und Pik für »OUI«. Die Spieler müssen herausfinden, welches »NON«-Argument welche »OUI«-Behauptung widerlegt.

Joe - Foto: tofoto

Im gegenüberliegenden Raum wurden die Vertragsfallen als Quiz an die Wand gebeamt. Teilnehmerinnen führten die richtigen Antworten auf die Grundstruktur des Vertragswerks zurück: die Zementierung ungehinderter Konkurrenz zwischen allen 25 Ländern ohne jede Ausweitung oder Einschränkung der nationalen Sozialgesetze.

Wieder am Kanalstrand, schallte den Besuchern der Hit des Pariser Mai 2005 entgegen: »Le mouton noir«, von der Gruppe Jolie môme. Jacques Chirac hatte für den Fall eines französischen »Nein« beim Referendum das Bild von den 24 Ländern gemalt, die »Ja« sagen, und dazwischen dann das schwarze Schaf, das alles blockiert. Jolie môme machte daraus: »Au milieu du troupeau qui bêle / le mouton noir se rebelle« (»Mitten in der blökenden Herde – das schwarze Schaf, das bockt.«) Es brauche aber, so weiter, mindestens eine ganze Herde, um aus dem Wolf einen leckeren Braten zu machen. Ein Lämmerstimmchen schickt dem Lied selbstironisch hinterher: »El ›troupeau‹ unido jamás será vencido«. Wenn zuvor das schwarze Schaf ungeschoren davonkommt. 

Der Artikel ist am 18.05.2005 im Feuilleton der jungen Welt erschienen: http://www.jungewelt.de/2005/05-18/034.php . Le mouton noir zum Herunterladen als MP3-Datei (2 Zeichendichten); der Text als pdf-Datei. Fotos von Jolie Môme hier.

T:I:S, 19. Mai 2005 

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