Peak Oil

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Global Peak Oil Gathering

(Am 19. und 20. Oktober kamen in Diehl's Hotel in Koblenz-Ehrenbreitstein Energieexperten aus Australien, Brasilien, Indien, Malaysia, den USA und ganz Europa zum Global Peak Oil Gathering 2004 zusammen. SteinbergRecherche wird berichten.) 

 

Thomas Immanuel Steinberg 

Wie lange reicht das Öl?

Wieviel Erdöl es noch gibt, hängt in gewissem Sinne vom Preis ab

 

Am Spotmarkt kosten zur Zeit 159 Liter Rohöl von der Sorte Brent, ein Barrel also, um die 50 Dollar. Doch das meiste Rohöl wird nicht »on the spot«, vom Fleck weg verkauft, sondern aufgrund längerfristiger Verträge. Die dabei vereinbarten Preise lagen bisher weit unter 50 Dollar je Barrel, schießen aber zur Zeit nach oben. Für Öl der US-Sorte West Texas Intermediate, das im Juni 2006 geliefert wird, sind jetzt 40 Dollar zu zahlen. Im Dezember 2009 zu lieferndes Öl kostet augenblicklich 35 Dollar.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung gibt die durchschnittlichen Produktionskosten je Barrel mit 20 Dollar an. Die Ölproduzenten profitieren also zur Zeit wie nie. Dagegen geht es den Bewohnern mancher Rohölländer sogar schlechter, falls dort keine Raffinerien bestehen und Benzin sowie andere Ölderivate folglich mit entsprechenden Preisaufschlägen importiert werden müssen. Der Preisanstieg bei Rohöl wird durch den Preisanstieg bei Benzin überkompensiert.

Die Grenzkosten, also die Kosten für jedes zusätzlich geförderte Barrel, steigen gegenwärtig. An die noch vorhandenen Reserven heranzukommen, erfordert größeren Aufwand. Zum Beispiel werden in Saudi-Arabien die drucklos lagernden Rohöl-Sedimente teilweise mit Meerwasser an die Oberfläche gepreßt. Nach und nach enthält der Boden immer mehr Meerwasser und immer weniger Rohöl. Die Ölgewinnung wird immer kostspieliger.

Großverbraucher können mittelfristig auf Gas ausweichen. Doch für Erdgaslieferungen – aus Rußland nach Westeuropa zum Beispiel – gibt es gar keine eigene Preisbildung: Produzent, Abnehmer und Größenordnung stehen langfristig fest. Daher sind die Erdgaspreise vertraglich über eine Gleitklausel an die Ölpreisentwicklung gekoppelt. Mit gewisser Verspätung und ohne die extremen Spotmarkt-Ausschläge folgt der Gas- dem Ölpreis.

Öl- und Gaspreis hängen letztlich nicht von den natürlichen Gegebenheiten ab, sondern von den gesellschaftlichen. Hätten die Deutschen nicht 40, sondern nur 20 Millionen Autos und die USA auch nur die Hälfte, dann wäre Energie heute billiger. Vergleichbare Wirkung hätte der Bau von Häusern, die Sommerwärme im Boden speichern und im Winter wieder abgeben, statt Öl zu schlucken.

Doch wie lange reicht das Öl, wenn weiter damit geast wird? Die unbefriedigende Antwort: entweder wenige oder viele Jahrzehnte. Ölproduzierende Länder wie Saudi-Arabien und die Emirate machen eher hohe Angaben über die eigenen Reserven. Sie wollen ihre Kunden nicht verlieren. Andere, wie China, halten ihre Statistik nicht auf dem Laufenden. Über Jahre hinweg melden sie unveränderte Reserven, obwohl sie Öl verbraucht oder neue Felder entdeckt haben. Alle Länder sollen jährlich angeben, welche Ölreserve nach gegenwärtigem Stand der Technik und bei gegenwärtigem Preisniveau insgesamt noch wirtschaftlich förderbar ist. Ähnlich einem Kaufmann sollen sie Inventur machen. Bei steigendem Ölpreis, wie gegenwärtig, wird mehr Öl wirtschaftlich förderbar – die Reserven nehmen zu. Wieviel Öl es noch gibt, hängt tatsächlich in gewissem Sinne vom Preis ab.

Jean-Marie Bourdaire vertritt die Peak-Oil-These. Er war vor seiner Pensionierung Leiter des Büros für langfristige Zusammenarbeit und politische Analyse der International Energy Agency, davor in leitender Funktion bei Total. Er ist Absolvent der Pariser Ecole Nationale Supérieure des Mines. Heute trägt er zur Meinungsbildung im World Energy Council bei.


Einige Länder passen ihre Mengenangaben veränderten Preisen und veränderter Technik an, andere nicht. So weiß niemand genau, wie lange das Öl noch reicht. Sicher ist nur, daß Öl nicht mehr gefördert wird, wenn die Förderung mehr Energie verbraucht, als sie einbringt. Vielleicht aber kommt es gar nicht darauf an, wieviel Öl insgesamt noch da ist, sondern wieviel gerade höchstens gefördert werden kann (gemäß der Peak-Oil-These, siehe Interview)? Ist der Peak, die Spitze überschritten, könnten die Kriege ums Öl sich vervielfachen.

Zwischen Öl und Kriegen besteht ein enger Zusammenhang. Einige, wie Hermann Scheer von EuroSolar, hoffen auf eine friedliche Welt durch weltweiten Einsatz von Sonnenenergie. Im Unterschied zu nicht erneuerbaren Energieträgern wie Gas und Öl sei Sonnenenergie endlos und überall vorhanden. Ein Streit darum sei daher Unfug.

Ist diese Vorstellung wirklich durchdacht? 1991 hat Saddam Hussein Kuwait in der Hoffnung überfallen, eine Vormachtstellung in der OPEC zu erlangen. Elf Jahre später besetzte George Bush den Irak in der Hoffnung, die US-amerikanische Weltmachtstellung zu festigen. Das wäre doch genauso, wenn alle Energie aus Sonnenkollektoren bezögen – der Irak, Kuwait und die USA. Oder nicht?

Erschienen in der jungen Welt vom 5. Oktober 2004; siehe auch das Interview mit Alexander Wöstmann vom 5. Oktober 2004

T:I:S, 5. Oktober 2004 

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