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Peter Wahl

Zur Antisemitismusdiskussion in und um Attac

Der folgende Text ist als Einleitung zu einem Reader von Attac vorgesehen, der demnächst erscheinen wird. Dem Autor Dank für die Überlassung. Bitte beachten Sie die kurze Nachbemerkung. T:I:S, 29. April 2004 

Attac, aber auch die globalisierungskritische Bewegung insgesamt, sind seit einiger Zeit Zielscheibe des Vorwurfs, antisemitisch oder zumindest anschlussfähig an Antisemitismus zu sein, bzw. antisemitische Tendenzen in ihren Reihen zu dulden.

Die härtesten Vorwürfe in der deutschen Diskussion kommen aus dem Lager der sog. Antideutschen und deren Umfeld um die Periodika Jungle World, Bahamas und konkret, die sich der radikalen Linken zurechnen.[1] Aber auch im politischen Mainstream ist der Vorwurf aufgegriffen worden, so u.a. mehrfach in der ZEIT, in der WELT, der Stuttgarter Zeitung der FAZ, der Jüdischen Allgemeinen und im WDR.

Gemeinsam mit dem American Jewish Committee führte die Heinrich Böll Stiftung am 23. Februar 2004 eine Veranstaltung unter dem Titel „Ist die Antiglobalisierungsbewegung antisemitisch?“ durch, bei der als Hauptreferenten die Bahamas- und konkret-Autoren Uwer und von der Osten-Sacken auftraten. Sie kamen dabei zu dem Schluss, Attac sei „notwendig und strukturell antisemitisch“.

Die 2002 von der EU in Auftrag gegebene Studie zu Antisemitismus[2] behauptet, dass sich Globalisierungskritiker antisemitischer Stereotypen bedienten. Der Mitautor der Studie, Werner Bergmann vom Zentrum für Antisemitismusforschung Berlin, verweist darauf, dass es „unter anderem die Diskussionen innerhalb von Attac Deutschland [waren], die uns darauf aufmerksam gemacht haben.[3]

Es handelt sich nicht nur um ein deutsches Problem. Auch Attac Frankreich ist seit geraumer Zeit Zielscheibe des Antisemitismusvorwurfs und wurde u.a. als „Querfronprojekt“ denunziert.[4] Als im Vorfeld des Europäischen Sozialforums in Paris der islamische Intellektuelle Tariq Ramadan pauschal von „den jüdischen Intellektuellen in Frankreich“ redete, führte dies zu einer heftigen Diskussion in der Öffentlichkeit.[5] Das ESF war insofern davon betroffen, als Ramadan zu einer Podiumsdiskussion eingeladen war, bei der es um soziale Probleme der arabischen Migranten in Frankreich ging.

Inzwischen ist die globalisierungskritische Bewegung insgesamt ins Visier des Antisemitismusvorwurfs geraten. In der außenpolitischen US-Zeitschrift Foreign Policy heißt es: „Porto Alegre liefert gerade eine Momentaufnahme auf jenes sich entwickelnde Phänomen, das als „neuer Antisemitismus“ bekannt ist. Seit dem Fall der Mauer hat der älteste Hass ein globales Comeback, das 2002 mit der höchsten Zahl antisemitischer Angriffe seit 12 Jahren kulminierte. Seit der Kristallnacht, dem Pogrom der Nazis gegen die deutschen Juden, sind nicht so viele europäische Synagogen und jüdische Schulen geschändet worden“[6].

Der Antisemitismusvorwurf an Attac und die globalisierungskritische Bewegung kann daher nicht als Marginalie behandelt werden, sondern bedarf der ernsthaften Bearbeitung und Klärung. Sollte an den Vorwürfen etwas dran sein, so sind in aller Klarheit die Konsequenzen zu ziehen: Antisemitismus hat in Attac keinen Platz.

Andererseits besteht kein Anlass, sich von vorneherein durch Kurzschlüsse nach dem simplen Schema „Wo Rauch ist, ist auch Feuer“ in die Defensive drängen zu lassen. Überraschender als die Kritik an der globalisierungskritischen Bewegung wäre es, wenn sie nicht attackiert würde. Und was wäre dafür wirksamer als der Antisemitismusvorwurf? Sollte sich herausstellen, dass der Antisemitismusvorwurf instrumentalisiert wird, um ein gesellschaftskritisches Projekt zu stigmatisieren und mundtot zu machen, so wäre dem ebenso offensiv entgegenzutreten. Es wäre nicht das erste Mal, dass der Holocaust missbraucht wird. Erinnert sei nur an die Instrumentalisierung von Auschwitz zur Rechtfertigung des Kosovokrieges. Mit diesem zielgruppenspezifisch auf den Antifaschismus der Linken zugeschnittenen Politmarketing konnten damals beträchtliche Teile des emanzipatorischen Lagers für den Krieg oder zumindest seine Hinnahme gewonnen werden.

Nicht irgendeine Kritik

Der Antisemitismus ist eine der übelsten Ideologien, die menschlicher (Un)geist je hervorgebracht hat. In seiner eliminatorischen Variante, der Vernichtung der Juden im deutschen Faschismus, kulminierte er in einem historisch einzigartigen Menschheitsverbrechen. Daher ist einem emanzipatorischen Projekt kaum ein schlimmerer Vorwurf zu machen, als antisemitisch zu sein, Antisemitismus in seinen Reihen zu dulden, oder auch nur eine Nähe zum Antisemitismus aufzuweisen. Dies gilt in besonderem Maße im deutschen Kontext, wo Antisemitismus – zurecht – zwangsläufig mit Auschwitz assoziiert wird.

Auch aktuelle Manifestationen von Antisemitismus, wie tätliche Angriffe auf Juden, Anschläge auf Synagogen oder die Schändung jüdischer Friedhöfe sind Verbrechen. Jedem Versuch sie zu relativieren, zu verharmlosen oder gar zu rechtfertigen muss mit aller Klarheit entgegengetreten werden.

Der Antisemitismusvorwurf gegen Attac ist also nicht irgendeine Kritik. „Der Vorwurf des Antisemitismus, gleichviel ob er zurecht oder zu unrecht erhoben wird, bezieht sich auf die Verletzung einer Wertorientierung, die in unserer politischen Kultur inzwischen verankert ist."[7]

Verflochten in Hot Spots aktueller Weltpolitik

Die Problematik erhält zusätzliche Brisanz durch ihre Verknüpfung mit einem der kompliziertesten zeitgenössischen Konflikte, dem Nahostkonflikt. Das Thema ist daher mit aktuellen weltpolitischen Problemlagen und Interessen verflochten. Zu den wichtigsten Akteuren in diesem Feld gehören nicht nur dessen unmittelbaren Protagonisten, Israel und die Palästinenser, sondern auch arabische Staaten, europäische Mächte und – ganz besonders intensiv involviert - die USA. Schlagworte wie Terrorismus, Krieg gegen den Terror, Clash of Civilisations, Islamismus, Antiislamismus verweisen auf einige Dimensionen, die in die Debatte hineinspielen.

Damit ist noch nichts über die Berechtigung des Antisemitismusvorwurfs gegen Attac gesagt, aber es wäre zumindest naiv, diese Interessen aus der Analyse auszublenden.

Außergewöhnliche affektive Aufladung des Themas

Diskussionen zu dem Thema in Attac werden erfahrungsgemäß sehr schnell emotional. Das ist angesichts der affektiven Besetzung und hochmoralischen Aufladung des Themas nicht überraschend. Es führt aber dazu, dass eine asymmetrische Sprechsituation entsteht, sobald der Antisemitismusvorwurf im Raum steht: auf der einen Seite die Kritiker, die – angesichts der hegemonialen Ablehnung[8] von Antisemitismus in unserer Gesellschaft – von einer Position moralischer und politischer Unangreifbarkeit herab ihren Vorwurf vortragen, während die Kritisierten in die Rolle geraten, in Gegensatz zu ihrem Selbstverständnis mit einem der größten moralischen und politischen Übel der Menschheitsgeschichte assoziiert zu werden.

Diese Konstellation stellt in höchstem Maße individuelle und kollektive Identitäten in Frage und produziert auf beiden Seiten eine affektive Dynamik, die eine sachlich Auseinandersetzung rasch scheitern lassen kann. Die kognitive Dimension der Diskussion ist dabei nur die sichtbare Spitze des Eisbergs. Unter der Wasserlinie befindet sich eine mächtige affektive Unterseite, an der die Diskussion meist schnell Schiffbruch erleidet.

Bei den Kritisierten sind drei Hauptreaktionen auf den Antisemitismusvorwurf zu beobachten:

Verunsicherung und Einschüchterung – vor allem bei Jüngeren, die sich plötzlich in der politischen Nachbarschaft von Himmler und Eichmann versetzt sehen,

aggressive Gegenreaktionen, vorwiegend bei Älteren, seit längerem politisch Aktiven,

wiederum vor allem bei Jüngeren, oder jüngst Politisierten die (Über)Identifikation mit der als moralisch äußerst hochwertig wahrgenommen Kritik und die Übernahme ihrer Argumentationsmuster.

Bei den Kritikern tritt der affektive Unterbau oft in Form nicht falsifizierbarer Selbstgewissheit zu Tage. Typisches Argumentationsmuster ist dabei, psychologische Momente antisemitischer Einstellungen, wie Leugnung und Abwehr, die unter den heutigen Bedingungen der offiziellen Ächtung von Antisemitismus in der Tat mit Antisemitismus einherzugehen pflegen, umstandslos zu generalisieren. So aus dem jeweils individuellen und historischen Kontext gelöst, wird der Antisemitismusvorwurf immun gegen jedwede Kritik. Versuche ihn zu entkräften werden dann nur noch als „Abwehr von Schuld und Scham“ und damit als automatische Bestätigung der eigenen, politisch korrekten Sicht gedeutet. Gegenüber dieser strukturellen Unangreifbarkeit haben die mit dem Antisemitismusvorwurf belegten Attac-Mitglieder keine Chance, dem Verdikt zu entkommen. Eine sachliche und produktive Diskussion ist unter diesen Bedingungen sehr schwer, geschweige denn, dass eine Konstellation entstünde, in der „Erziehung nach Auschwitz“,[9] auf die sich die Kritiker immer wieder berufen, ermöglicht würde.

Nicht zuletzt weil Attac sich als Raum für politische Lernprozesse versteht, und weil gerade sehr viele junge Leute bei Attac politische Orientierung suchen, sollte man nicht von einem Podest moralischer Selbstgerechtigkeit herab mit dem Antisemitismusverdacht hantieren, wenn man sich ernsthaft Sorgen um antisemitische Gefährdungen macht. Es käme vielmehr darauf an, das Problem im besten Sinne aufklärerisch zu bearbeiten. Das heißt nicht, dass es nicht Grenzen der Offenheit gibt. Dort wo bei einzelnen Personen manifeste Formen von Antisemitismus auftreten, ist mit aller Klarheit die Trennung von diesen zu vollziehen.[10]

Ein Ansatz zu einer Versachlichung der Auseinandersetzung könnte darin liegen, zunächst einmal den jeweiligen Begriff von Antisemitismus transparent zu machen. Denn dieser bleibt meist im Vagen und Ungefähren, oder wird als bekannt und konsensual vorausgesetzt.

Dabei geht es nicht darum, einen Konsens über die Definition von Antisemitismus zu erzwingen. Wie alle „Großbegriffe“ dieser Art aus der Sphäre des Gesellschaftspolitischen – Freiheit, Demokratie, Nachhaltigkeit Globalisierung u.v.a.m. – ist auch der Antisemitismusbegriff ein Terrain diskursiver Auseinandersetzungen, wo die jeweiligen Interessen versuchen, die Deutungshoheit, die diskursive Hegemonie[11] zu erlangen.

Insofern handelt es sich bei vorliegendem Paper auch um den Versuch, eine Methode zu finden, die die diskursive Bearbeitung des Themas ermöglicht, ohne in eine politische Selbstblockade hineinzugeraten.

Unterschiedliche Definitionen – unterschiedliche Konsequenzen

Aus unterschiedlichen Begriffen von Antisemitismus ergeben sich nicht nur Unterschiede in deren heuristischen Leistungsfähigkeit,[12] sondern unterschiedliche Problemdefinitionen und unterschiedliche politische Konsequenzen, z.B. wer Antisemit ist. Auch wenn das Aufzeigen der praktischen Konsequenzen eines Konzepts noch nichts über dessen theoretische Triftigkeit sagt, wirft dies ein Licht auf einen Aspekt, der in der Debatte bisher kaum ein Rolle spielt. Im folgenden soll – ohne Anspruch auf Vollständigkeit - an einigen Definitionen von Antisemitismus deren politischen Konsequenzen skizziert werden.

Einige Varianten des Antisemitismusbegriffs sind: moderner Antisemitismus, eliminatorischer Antisemitismus, struktureller Antisemitismus, sekundärer Antisemitismus, latenter Antisemitismus, Krypto-Antisemitismus, neuer Antisemitismus. Selbstverständlich gibt es dabei Überschneidungen und Querverbindungen.

Eine große Rolle in der politischen Auseinandersetzung spielen auch Topoi wie „Anschlussfähigkeit an Antisemitismus“, „antisemitisches Klischee“, „antisemitische Chiffre“, „verkürzte Kapitalismuskritik“, deren Status im jeweiligen Verhältnis zu Antisemitismus in der politischen Auseinandersetzung meist ungeklärt bleiben. Diese Unklarheit ist Teil des Problems. Eine diffuse Kommunikationssituation und/oder ein unterschiedlicher Informations- und Kenntnisstand werden dann zu zusätzliche Konfliktquellen.

Ein spezielles, wenn auch politisch hochaktuelles und brisantes Problem ist das Verhältnis von Antizionismus und Antisemitismus, von Israelkritik und Antisemitismus, sowie von Antisemitismus und Antiamerikanismus.

Die Mainstreamdefinition

Relativ geringe definitorische Probleme sind mit den Begriffen moderner und eliminatorischer Antisemitismus verbunden. Ersterer meint den im 19. Jahrhundert entstanden Antisemitismus, der von Ideologen wie Marr[13], Treitschke („Die Juden sind unser Unglück“), Chamberlain, Gobineau u.a. begründet wurde, und der mit dem Attribut modern vom christlichen Antijudaismus unterschieden wird, wie er sich von der Antike über das Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert erstreckt. Der moderne Antisemitismus baut das antijüdische Vorurteil zu einem kompletten Weltbild aus, das in „den Juden“ eine allgegenwärtige Macht sieht, die zugleich die Verkörperung des Bösen in der Welt ist.

Auch der Begriff eliminatorischer Antisemitismus, der die physische Vernichtung der Juden bezeichnet, und seine moralische Bewertung als singuläres Verbrechen ist nicht wirklich kontrovers in Attac. [14]

Differenzen ergeben sich aber bereits beim Antisemitismusbegriff (ohne Attribut), der im akademischen Mainstream vorherrscht. Werner Bergmann vom Zentrum für Antisemitismusforschung Berlin bezeichnet folgende Definition für international wissenschaftlich anerkannt: Antisemitismus ist „eine anhaltende latente Struktur feindseliger Überzeugungen gegenüber Juden als Kollektiv, die sich bei Individuen als Haltung, in der Kultur als Mythos, Ideologie, Folklore sowie Einbildung und in Handlungen manifestieren – soziale oder rechtliche Diskriminierung, politische Mobilisierung gegen die Juden und kollektive oder staatliche Gewalt –, die dazu führen und/oder darauf abzielen, Juden als Juden zu entfernen, zu verdrängen oder zu zerstören“. (Zitiert nach Jungle World Nr. 51, 10.12.2003). Mit dieser Definition arbeiten die regelmäßigen Umfragen, die die Verbreitung von Antisemitismus untersuchen. Aus ihnen ergibt sich im letzten Jahrzehnt in den Industrieländern ein Anteil von 15% - 20% Personen mit antisemitischen Einstellungen.[15] Zentral ist hier Konstruktion einer kollektiven Identität, die des Juden, unter die dann alle individuellen Juden subsumiert werden. Eine solche identitätslogische Zurechnung ist aus einer emanzipatorischen Perspektive inakzeptabel.

Bedeutsam ist auch, dass subtilere Manifestationen von Antisemitismus erfasst werden. Insofern ist dieser Begriff umfassender als der des eliminatorischen Antisemitismus.

Die politische Linke wird mit diesem Antisemitismusbegriff in der Regel nicht in Verbindung gebracht, was nicht ausschließt dass es Einzelfälle individuellen Antisemitismus auch bei Personen geben kann, die sich in der Linken verorten.

Es ist bei Attac unumstritten, dass die in diesem Begriff erfassten Erscheinungen antisemitisch sind. Allerdings wird er von Anhängern anderer Definitionen für zu eng gehalten, z.B. weil er Phänomene nicht erfasst, die mit Kategorien „Krypto-Antisemitismus“ oder „sekundärer Antisemitismus“ beschrieben werden.

Sekundärer Antisemitismus

Der Begriff „sekundärer Antisemitismus“ wurde von dem Mitarbeiter des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, Peter Schönbach geprägt. [16] Er entstand auf dem Hintergrund einer empirischen Untersuchung der Einstellungen von Kindern von NS-Funktionsträgern, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg gegenüber ihren Nachkommen zu rechtfertigen suchten. Adorno beschreibt deren Haltung folgendermaßen: „Sie sehen heute nun sich gezwungen, ihren Kindern gegenüber ihre damalige Haltung zu verteidigen, und werden dadurch fast automatisch veranlaßt, ihren Antisemitismus aus den dreißiger Jahren aufzuwärmen.“ [17] Stereotype Argumentationsmuster sind dabei: Täter-Opfer Verkehrung („die Juden sind ja auch selbst (mit) schuld“ oder „die Juden hatten zuviel Macht“), Verdrängung („das mit Auschwitz haben wir nicht gewusst,“) oder eine Schlussstrich-Mentalität („wir können nicht ewig mit einem Schuldkomplex herumlaufen“) bzw. die Sehnsucht nach „Normalität“.

In seiner ursprünglichen Fassung war der Begriff also auf ehemalige NS-Funktionäre und die Form des Umgangs mit ihrer Vergangenheit bezogen. Der Begriff findet dann auch auf die Haltung von Deutschen aus späteren Generationen Anwendung, die persönlich nicht mehr in den Faschismus verwickelt waren, die aber die o.g. Stereotypen verwenden und damit den Holocaust zumindest relativieren.

Auf die Idee, die politische Linke damit zu erfassen, kamen die Vertreter der Frankfurter Schule freilich nicht.

Mit der Wiedervereinigung hat insbesondere das Schlussstrich-Argument neue Konjunktur. Der Beginn einer neuen Ära deutscher Geschichte wird zum Anlass genommen, ein Deutschlandbild zu formen, das - wie das Selbstbild anderer Nationalstaaten - ein „normales“ und „entkrampftes“ Verhältnis zur eigenen Vergangenheit haben müsse.[18] Eine Variante, wenn auch nicht die einzige, dieses Normalisierungsdiskurses ist die Wendung gegen einen „deutschen Sonderweg“, mit der die Remilitarisierung der deutschen Außenpolitik gerechtfertigt wird.

Attac wendet sich gegen eine „Normalisierung“, die in Wirklichkeit auf eine Entsorgung der deutschen Vergangenheit hinausläuft. Im Rechenschaftsbericht des Koordinierungskreises zum Aachener Ratschlag 2003 ist dies z.B. auch ausdrücklich geschehen. [19] Attac tritt dem Geschichtsrevisionismus entgegen, und beteiligt sich an der Aufklärung über die Singularität des Holocausts und dessen historische Konsequenzen. Nicht zuletzt gehört dies zur „éducation populaire“, der Aufklärungs- und Bildungsdimension im Profil von Attac, zumal es Teil der postfaschistischen Konstellation in Deutschland ist, dass in vielen Fällen weder Schule noch die familiäre Sozialisation in der Lage sind, den Ansprüchen einer „Erziehung nach Auschwitz“ wirklich zu genügen.

Der Begriff des sekundären Antisemitismus ist im Kontext differenzierter Analyse ein sinnvolles Instrument, um manifestem Antisemitismus bereits an seinem oft noch diffusen Untergrund anzugreifen. Den typischen Äußerungen sekundären Antisemitismus, wie die Leugnung und Verdrängung der Vergangenheit, die Täter-Opfer-Verkehrung, Schlussstrichmentalität etc. tritt Attac mit Entschiedenheit entgegen. Wenn dennoch der Vorwurf des sekundären Antisemitismus erhoben wird, dann wird der Begriff zum Kampfbegriff, mit dem Attac denunziert und stigmatisiert werden soll.

200 Millionen Antisemiten in der EU?

Wendet man die Definition des israelischen Ministerpräsidenten Scharon an, die Antisemitismus und Kritik an der israelischen Regierung gleichsetzt, hat auch dies beträchtliche Konsequenzen: "Heute gibt es keine Trennung mehr [zwischen Antisemitismus und Kritik an Israel]. Wir reden über kollektiven Antisemitismus [der EU]. Der Staat Israel ist ein jüdischer Staat und die Haltung gegenüber Israel ist entsprechend."[20]. Damit erhöht sich per definitionem die Anzahl der Antisemiten drastisch. So wurden die in einer Umfrage ermittelten 59 Prozent EU-Bürger, die Israel als Hauptgefahr für den Weltfrieden halten, und die EU-Politik gegenüber dem Nahostkonflikt u.a. vom Simon Wiesenthal Center als antisemitisch bezeichnet. Dies wären ca. 200 Millionen Bürgerinnen und Bürger der EU.

Natürlich ist dieser Antisemitismusbegriff damit nicht ad absurdum geführt. Es wäre ja nicht auszuschließen, dass tatsächlich eine Mehrheit der Bevölkerung antisemitisch ist. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges fand der Antisemitismus als Teil der herrschenden Ideologie sicher eine breite Mehrheit.

Und natürlich gibt es unter den Kritikern der israelischen Außenpolitik bestimmt auch Antisemiten. Nur folgt daraus nicht, dass jede Kritik an den Menschen- und Völkerrechtsverletzungen Israels generalisierend als antisemitisch klassifiziert werden kann. An diesem Beispiel wird ein argumentatives Verfahren deutlich, dass häufig beim Antisemitismusvorwürfen gegen Attac zu finden ist: der Fehlschluss vom Einzelnen auf das Ganze. Antisemiten kritisieren Israel, also ist Kritik an Israel antisemitisch.

Struktureller Antisemitismus

Fast die ganze Menschheit wird als (strukturell) antisemitisch definiert, wenn man die auf der sog. Wertkritik,[21] einer Variante des Neo-Marxismus, beruhende Definition von Antisemitismus akzeptiert. Demnach sei der Fetischcharakter der Ware (und des Geldes) die Quelle von strukturellem Antisemitismus: „Es wird vielmehr deutlich, daß alle [Hervorhebung P.W.] geistigen und politischen Strömungen der kapitalistischen Durchsetzungsgeschichte, auch die radikal oppositionellen, kontaminiert sind mit den biologistischen, »rassenhygienischen« Ideen einer »Auslese« und Menschenzucht, die im Nationalsozialismus zwar ihren brutalsten und umfassendsten, aber eben keineswegs ihren einzigen Ausdruck gefunden haben.“[22] 

So reizvoll das Vorhaben ist, aus den allgemeinsten Grundfunktionen des Kapitalismus die ideologischen Verhältnisse ableiten zu wollen, so wenig ist dies den Wertkritikern gelungen. Zwar ist es richtig, dass der Fetischcharakter der Ware den gesellschaftlichen Charakter der Warenbeziehung verschleiert und diese zum Verhältnis zwischen Menschen und Dingen verspiegelt. Aber mehr auch nicht. Damit ist noch nichts über all die vielen anderen ideologischen Phänomene gesagt, die wir in der Gesellschaft vorfinden. Dass speziell der Antisemitismus sich aus dem Fetischcharakter der Ware ergeben würde, wird zwar behauptet, aber nicht wirklich begründet.

Dies kann auch gar nicht gelingen, denn es wäre ökonomischer Reduktionismus oder eine Neuauflage des simplen Basis-Überbau-Schemas, wollte man das hochkomplexe Phänomen Ideologie und seine Eigendynamik mit der Vielzahl sich überlagernder Schichten ideologischer Weltbilder aus unterschiedlichen Epochen – Religion ist ein Beispiel dafür - in einer Art Ableitungsmarxismus aus einem „Kern“ kapitalistischer Verhältnisse erschließen.

Last but not least stellt sich aus politischer Sicht die Frage, ob Attac angesichts seiner theoretisch-ideologischen Pluralität so ohne weiteres auf einen Antisemitismusbegriff verpflichtet werden könnte, der auf einer marxistischen Grundlage oder gar nur einer Denkrichtung innerhalb des Marxismus beruht, die zudem - wie üblich - umstrittenen ist.

Populäre Version des Begriffs „struktureller Antisemitismus“

Der Begriff struktureller Antisemitismus wird auch noch in theoretisch weniger anspruchsvoller Weise verwendet. So seien beispielweise verschwörungstheoretische Argumentationsmuster Ausdruck von strukturellem Antisemitismus. Zwar ist es richtig, dass zu antisemitischem Denken immer Verschwörungstheorien gehören. Es ist aber auch hier wieder ein klassischer Syllogismus,[23] wenn man deswegen jede Verschwörungstheorie für antisemitisch hält. Der bereits erwähnte Text „Das Querfrontprojekt Attac“ ist ein gutes Beispiel dafür. Es handelt sich bei diesem Elaborat um abstrusen Unsinn, aber nicht um Antisemitismus. Ähnliches findet man über den 11. September: von den Freimaurern, über den KGB, die Mafia bis zur CIA werden alle möglichen Drahtzieher des Terroranschlags behauptet. Dieser Unsinn wird nicht deshalb per se antisemitisch, weil es auch Antisemiten gibt, die - wie könnte es anders sein - den israelischen Geheimdienst für den Urheber der Attacke auf die Twin Towers halten.

Verschwörungstheorien gab es lange bevor es den Antisemitismus gab. Schon im alttestamentarischen Bild des Sündenbocks oder im Konzept des Teufels ist das verschwörungstheoretische Denken angelegt. Für Probleme, Unglück, Katastrophen oder das Böse schlechthin, deren Ursachen die Menschen sich nicht erklären können, wird ein Drahtzieher im Hintergrund vermutet bzw. konstruiert. Verschwörungstheorien sind zunächst nur naive Deutungen einer undurchschauten Wirklichkeit, falsches Bewusstsein, Ideologie, und sollten als solche Gegenstand aufklärerischer Kritik sein.

Mit der Herausbildung von Herrschaftstechniken haben zudem Machthaber schon in der Antike Feindbilder konstruiert, zu denen auch Verschwörungstheorien gehörten. Dass sich diese dann auch mit historisch konkreten Ideologien wie dem Antisemitismus verbinden, ist naheliegend. Generell ist auffällig, dass Zusammenhänge zwischen Macht und Herrschaft einerseits und Antisemitismus andererseits bei den linken Kritikern von Attac nicht thematisiert werden. Dabei heißt es schon in der Dialektik der Aufklärung zu dieser Dimension des Antisemitismus (auf die er freilich nicht reduziert wird): „Seine Zweckmäßigkeit für die Herrschaft liegt zutage. Er wird als Ablenkung, billiges Korruptionsmittel, terroristisches Exempel verwandt. Die respektablen Rackets unterhalten ihn, und die irrespektablen üben ihn aus.“ [24]  Bei uns spielt dies heute keine Rolle mehr. Aber in den autoritären bis diktatorischen Regimes in der arabischen Welt ist der Antisemitismus als Feindbildprojektion auch ein Mittel, Unzufriedenheit zu kanalisieren und Loyalität gegenüber den Regimes zu erzeugen.

Die Wirkmächtigkeit von Verschwörungstheorien liegt, wie bei allen Ideologien, darin, dass sie nicht immer nur reine Fiktion sind. Neben den naiven bis abstrusen Konstruktionen, darunter an prominenter Stelle die von der jüdischen Weltverschwörung, gab und gibt es ja auch tatsächliche Verschwörungen. Auch wenn die Verschwörer des 20. Juli 1944 leider erfolglos waren, so war es doch eine reale Verschwörung. Auch wenn die Theorien über die Rolle von CIA, KGB und MOSSAD im Zusammenhang mit dem 11. September absurd sind, so heißt dies nicht, dass Geheimdienste grundsätzlich keine Rolle spielten. Der MOSSAD war der Urheber der Entführung von Adolf Eichmann nach Israel, der KGB hat Raoul Wallenberg und Leo Trotzki ermordet, und die CIA war maßgeblich am Sturz Allendes beteiligt.

Auch hier begegnet uns wieder das grundlegende Defizit verkürzter Antisemitismuskritik: die Dialektik von Allgemeinem und Besonderem sowie von Einzelnem und Ganzen wird einseitig aufgelöst. Das Einzelne wird mit dem Ganzen identisch, das Allgemeine mit dem Besonderen. 

Verkürzte Kapitalismuskritik?

Ein verbreiteter Topos der Kritik an Attac ist der von der verkürzten Kapitalismuskritik. Mitunter wird er direkt aus der Kurz/Postoneschen Werttheorie abgeleitet, in den meisten Fällen tritt er als eigenständige Argumentation auf. Im Zentrum steht dabei die Kritik an den Finanzmärkten, die ein wichtiges Thema bei Attac ist.

Die Finanzmarktkritik stünde nicht in einem geschichtsfreien Raum, denn schließlich hätten die Nazis vom „jüdischen Finanzkapital“ gesprochen, das per „jüdisch-bolschewistischer Weltverschwörung“ für alle möglichen Übel verantwortlich sei. Dabei wird das „raffende Kapital“, in den Juden personifiziert, während dem ein „gutes“ Kapital nämlich „das schaffende Kapital“ gegenüber stünde. Letzteres wird dann mit „deutsch“ identifiziert. Soweit ist das alles zutreffend beschrieben.

Allerdings: in der Finanzmarktkritik von Attac taucht keines der für diese Naziargumentation typischen Elemente auf. Kritiker können dementsprechend auch keinerlei Beweis dafür erbringen. [25] Sie ergehen sich daher in allgemeinen Warnungen, dass die Finanzmarktkritik von Attac missverstanden werden könnte und von Antisemiten aufgegriffen werden könnte.

Natürlich ist das möglich. Alles kann missverstanden werden, und dies geschieht ja auch permanent. Dafür gibt es kommunikationstheoretisch formuliert prinzipielle drei Gründe:[26]

der Sender sendet undeutlich, missverständlich,

der Empfänger empfängt undeutlich (sei es aus Unzulänglichkeit, sei es weil mit Absicht ein Filter eingezogen ist, der den Empfang manipuliert)

die Übertragung wird durch externe Quellen gestört.

Selbstredend ist es notwendig, präzise und unmissverständlich zu formulieren. Der Sender trägt eine Mitverantwortung dafür, dass eine Botschaft möglichst unmissverständlich formuliert ist, und dies gilt erst recht bei hochbrisanten Themen. So würde Attac es sich beispielsweise nie erlauben von einer „Finanzaristokratie, eine neue Sorte Parasiten in Gestalt von Projektemachern, Gründern und bloß nominellen Direktoren; ein ganzes System des Schwindels und Betrugs mit Bezug auf Gründungen, Aktienausgabe und Aktienhandel“[27] zu reden.

Mit der vagen Formulierung von der Anschlussfähigkeit, wird jedoch die Verantwortung für Missverstehen grundsätzlich nur dem Sender zugeordnet. Einen vollständigen Schutz gegen den Beifall von der falschen Seite kann es jedoch nie geben. Auch Adorno kannte das Problem: „Vor Missbrauch seiner Erwägungen für restaurative Zwecke glaubt der Autor kaum eigens sich schützen zu müssen. Kein Moment dialektischen Denkens ist vor solchem Missbrauch sicher.“[28]

Wenn dann bereits allein die Tatsache, dass ein Antisemit sich positiv auf etwas bezieht, was auch von Attac vertreten wird, als anschlussfähig deklariert werden kann, dann ist auch die Neunte Symphonie anschlussfähig an Antisemitismus. Als „Beweis“ könnte man sich auf Alfred Rosenberg berufen, der 1944 schrieb: „Die deutsche Wehrmacht ist heute auch Front des deutschen und freien europäischen Geistes. Sie verteidigt in Ost und West Perikles und Augustus genau wie Goethe und Beethoven.“

Methodisch bedeutet „Anschluss,“ dass Dinge, die eigenständig sind, miteinander zu einer Einheit verkoppelt werden. Letztlich löst die Rede von der „verkürzten Kapitalismuskritik“, die Finanzmarktkritik von Attac aus ihrem Kontext und setzt sie - sei es absichtsvoll oder aus Unbedarftheit - mit Naziargumenten gleich. Auch wenn dafür keine Belege geliefert werden, ist die ständige Wiederholung des Arguments dazu geeignet, Attac immer wieder mit Antisemitismus in Verbindung zu bringen. Semper aliquid haeret – etwas bleibt immer hängen.[29]

In der politischen Konsequenz läuft der an verkürzter Kapitalismuskritik geknüpfte Antisemitismusvorwurf darauf hinaus, exclusiv die Globalisierungskritik zu erfassen. Denn da der politische Mainstream das Wirken der Finanzmärkte für segensreich hält und daher natürlich mitnichten kritisiert, kann er natürlich nicht in die Gefahr geraten, mit verkürzter Kapitalismuskritik anschlussfähig an Antisemitismus zu sein.

Der totalitarismustheoretische Antisemitismusbegriff

Zu ähnlich selektiven Resultaten bei der Identifizierung von Antisemiten führt ein anderer Antisemitismusbegriff, der in Anschluss an Haury[30] in die Diskussion gebracht wurde. Demnach bilden die Verlierer des Kapitalismus bzw. der Globalisierung einen nach links wie nach rechts offenen Antikapitalismus aus. Dieser würde dann die Basis von Antisemitismus abgeben, weil die Verlierer eine übermächtige Gruppe, nämlich die Juden, für ihre Situation verantwortlich und zum Ziel von Hass und Aggression machen.

Zweifellos ist an dieser These insofern etwas dran, als starke soziale Verwerfungen die Bereitschaft zu extremen und aggressiven Reaktionen fördern. Gerade die deutsche Geschichte liefert dazu Beispiele. So war die Weltwirtschaftskrise 1929 zwar nicht der einzige, aber doch ein bedeutender Faktor für die Massenwirksamkeit der NSDAP wie der KPD. Auch die Globalisierung bringt weltweit viele Verlierer hervor. Und auch hier besteht das Risiko, dass populistische und fundamentalistische Ideologien Erfolg haben. Aber gerade angesichts dieser Gefahr liegt ein besonderes Verdienst der globalisierungskritischen Bewegung darin, eine emanzipatorische Alternative zu reaktionären und antihumanen Antworten auf die Globalisierungskrisen zu bieten.

Auch bringt Haury viele historische Beispiele von antisemitischen Einstellungen bei Linken als Einzelpersonen. Aber Antisemitismus bei Linken, den es als individuelles Verhalten gewiss gab, und auch heute - vermutlich geringer- noch gibt, ist etwas anderes als linker Antisemitismus.

Allerdings führt auch Haurys These dazu, dass die Gewinner des Kapitalismus und der Globalisierung hier per definitionem von Antisemitismus ausgenommen sind. Auf diesem Hintergrund wird dieses Konzept zu einer Variante der Totalitarismustheorie.

Neuer Antisemitismus

Der Begriff „Neuer Antisemitismus“ ist erst 2003 in der Diskussion gekommen. Seine Protagonisten verstehen sehr unterschiedliches darunter. Zum einen werden damit wachsende Feindseligkeit gegenüber Israel und antisemitische Einstellungen in der islamischen Welt gefasst. Infolge der zunehmenden Migration verbreiten sich diese Haltungen auch in Ländern mit einem hohen Anteil moslemischer Migranten. Antisemitische Anschläge durch meist jugendliche Täter aus dem Milieu moslemischer Migranten hat in einigen europäischen Ländern deshalb deutlich zugenommen.

Parallel dazu gibt es eine zunehmende Kritik an der Außenpolitik Israels, die im Zuge der Verschärfung des Nahostkonflikts auch von europäischen u.a. Regierungen geübt wird. Die o.a. Umfrage, wonach 59% der Europäer Israel für die größte Gefahr für den Weltfrieden halten, belegt dies.

Avi Primor, ehem. israelischer Botschafter in der Bundesrepublik formuliert das Problem so: „Der Jude in Westeuropa wie auch in Amerika kann heute genau so leben und sich genau so in jedem Bereich entfalten wie jeder andere Bürger. Es gibt keine Diskriminierung, auch keine unterschwellige. Woher kommt es also, dass man so viel von Antisemitismus spricht? Das ist auf zwei Entwicklungen zurückzuführen, die beide mit dem Konflikt im Nahen Osten verbunden sind. Zum einen brachte die große Zuwanderung von Moslems in Westeuropa in manchen Städten und Bezirken den dort lebenden Juden neue Nachbarn, die von den Geschehnissen im Nahen Osten besonders aufgewühlt und in extremen Fällen zu physischen Übergriffen bereit sind. Und wenn sie keine Israelis als Opfer zur Verfügung haben, dann finden sie sich mit örtlichen Juden ab. Zweitens wächst seit Ausbruch der Zweiten Intifiada Ende 2000 weltweit, aber besonders in Europa, die Kritik an der Politik der israelischen Regierung.“ [31]

Während Attac Frankreich sich mit sozialen Aspekten der Migration beschäftigt, und damit auch in die eingangs erwähnte Auseinandersetzung um Judenfeindschaft islamischer Jugendlicher geriet, ist dieses Problem von Attac Deutschland bisher nicht aufgegriffen worden. Allerdings gibt es Stellungnahmen zum Nahostkonflikt, zuletzt beim Aachener Ratschlag im Oktober 2003. So heißt es z.B. im Bericht des Koordinierungskreises dazu: „Aus unserer Verflechtung in die deutsche Geschichte ergeben sich auch Konsequenzen für unseren Umgang mit dem Nahostkonflikt, zumal dessen Entstehungsgeschichte untrennbar mit dem Holocaust verknüpft ist. So gehört zu den Essentials einer Attac Position die Anerkennung des Existenzrechts Israels. Dies ist so zu formulieren, dass es über jeden Zweifel erhaben ist. Daraus folgt nicht, dass wir zu Linientreue gegenüber der israelischen Regierung verpflichtet wären.“

Weitere Essentials der Attac-Position zum Nahostkonflikt neben dem Existenzrechts Israels[32] ist das Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat im Gaza-Streifen und der Westbank. Eine Lösung des Konflikts durch Gewalt lehnt Attac ab. Daher ist Attac solidarisch mit den Friedenskräften auf israelischer und palästinensischer Seite.

Allerdings waren Äußerungen von Referenten auf einer Speakerstour, die von einer bundesweiten Arbeitsgruppe von Attac Anfang 2003 organisiert worden war, durch undifferenzierte und polemische Aussagen aufgefallen, die der Komplexität des Nahostkonflikts nicht Rechnung trugen. Zudem wurden ahistorische Vergleiche zwischen der israelischen Politik und z.B. zum Warschauer Ghetto gezogen, die in der Tat als Relativierung der Naziverbrechen interpretiert werden können. Inzwischen hat die AG selbstkritisch mangelnde Sensibilität gegenüber dem historischen Kontext ihrer Äußerungen eingeräumt. Ein Aufruf zum Boykott von Waren aus den besetzten Gebieten, der unter der Schirmherrschaft der in Tübingen lebenden israelischen Rechtsanwältin und Trägerin des Alternativen Nobelpreises, Felicia Langer, zustande gekommen war, wurde wieder zurückgezogen.

Die Diskussion um eine differenzierte Position zum Nahostkonflikt geht unter der Prämisse weiter, dass es bei den Kritikern an Israel zwar auch Antisemiten gibt, dass deshalb aber nicht jede Kritik antisemitisch ist. Denn Kritik an Israel „wird hin und wieder auch von zynischen Politikern instrumentalisiert. Diejenigen, die sich mit der Kritik nicht auseinander setzen wollen, die sich noch nicht einmal bemühen wollen zu versuchen, die Thesen der Kritiker zu widerlegen, beschuldigen ihre Kritiker pauschal des Antisemitismus und sagen damit einfach, diese Kritik gegen uns sei nicht rational und sachlich, und es mache deshalb keinen Sinn, sich mit ihr auseinander zu setzen. ... Wer ‚Antisemitismus’ aber auch dann und dort schreit, wann und wo es diesen nicht gibt, begibt sich in die gleiche Gefahr, wie das Kind, das dauernd ‚Wolf’ schreit. Damit stellt man sich selbst ein Bein.“[33]

Eine andere Interpretation von Neuem Antisemitismus finden wir in dem bereits eingangs zitierten Artikel von Foreign Affairs: „Der neue Antisemitismus ist einzigartig, denn er bindet nahtlos die verschiedenen Formen des alten Antisemitismus zusammen: die rechtsextreme Vorstellung vom Juden (eine fünfte Kolonne, die nur sich selbst gegenüber loyal ist, und die ökonomische Selbständigkeit und nationale Kultur unterminiert), die linksextreme Vorstellung vom Juden (Kapitalisten und Wucherer, die das internationale ökonomische System kontrollieren) und den ‚blutsaugerischen Juden’ (Mörder und zeitgenössischer Kolonialunterdrücker).“[34]

Hier werden also in wiederum totalitarismustheoretischer Manier Linke wie Rechte in einen Topf geworfen, als Zutat kommt noch die Israelkritik hinzu, und das ganze wird als Neuer Antisemitismus definiert.

Auf die globalisierungskritische Kritik an den internationalen Finanzmärkten gemünzt heißt es dann: „Das zeitgenössische Ressentiment gegen die angenommene Macht internationaler Finanzinstitutionen hat sich mit alten Mythen vermischt. Das 19. Jahrhundert hatte seine Rothschilds; die gegenwärtige Ära hatte Lawrence Summers und Robert Rubin im US Finanzministerium, Alan Greenspan bei der US-Zentralbank, James Wolfensohn bei der Weltbank und Stanley Fischer beim Internationalen Währungsfonds (IWF).“ [35]

Hier geht es offensichtlich nicht um Antisemitismus, sondern darum, Kritik an der Politik von IWF, Weltbank und den US-Finanzinstitutionen generell als antisemitisch zu diskreditieren.

Antiamerikanismus = Antisemitismus?

Noch deutlicher formuliert Alain Finkielkraut, um was es diesem Typus von Antisemitismuskritik letztlich geht: „Die rituelle Diabolisierung der Vereinigten Staaten und Israels zeigt, daß in ihren Köpfen die Vorstellung einer internationalen Verschwörung vorherrscht - als ob der Prozeß der Globalisierung von einem Komplott in die Welt gesetzt worden wäre. Das ist ideologisches Denken. Bei allen großen internationalen Konferenzen - der Welthandelsorganisation, bei der G 8 - ist es zu gewalttätigen Massendemonstrationen gekommen. Es ist den Altermondialisten[36] gelungen, den kritischen Diskurs über die Globalisierung zu monopolisieren. Ich halte das für die große Katastrophe unserer Zeit. Sie akzeptieren einen Antisemitismus, von dem sie glauben, daß er die neuen Verdammten dieser Erde verteidigt.“[37]

Hier soll en passant in einer Art negativem Imagetransfer Antiamerikanismus mit Antisemitismus gleichgesetzt werden.

Dabei ergibt der Begriff Antiamerikanismus nur dann Sinn, wenn damit die ressentimentgeladene Ablehnung all dessen gemeint ist, was der Antiamerikanist für amerikanisch hält. Diese Haltung dürfte in Attac Deutschland kaum zu finden sein. Und wenn doch, dann ist sie, wie andere Formen der identitätslogischen Zuordnung von negativen oder positiven Eigenschaften zu einem als national definierten Kollektiv – den Franzosen, den Türken, den Deutschen, etc. – zu kritisieren.

Absurd aber wird es, wenn die einzig verbliebene Supermacht mit ihrer militärischen, ökonomischen, technologischen, kulturellen und politischen Dominanz in formallogischer Analogiebildung mit „den Juden“ gleichgesetzt wird. Die Rede von der jüdischen Weltverschwörung ist immer die Dämonisierung einer Fiktion gewesen. Tatsächlich waren die Juden macht- und wehrlose Minderheit und wurden als solche Opfer von Pogrom und Holocaust. Die Macht der USA dagegen ist alles andere als Fiktion. Sie sind tatsächlich global dominant, sie vertreten offen einen globalen Herrschaftsanspruch und sie versuchen, diesen aggressiv durchzusetzen. Diese Macht ist aus herrschaftskritischer, emanzipatorischer Perspektive in all ihren Dimensionen[38] zu kritisieren. [39] Eine solche Kritik kann im einzelnen unzutreffend, übertrieben oder einseitig sein. Der pauschale Antiamerikanismusvorwurf gegen die globalisierungskritische Bewegung aber wird in der gegenwärtigen weltpolitischen Konstellation ideologische Allzweckwaffe, in jeder Hinsicht „anschlussfähig“ an die Rechtfertigung imperialer Herrschaft und kriegerisch gestützter Geopolitik.

Berlin, April 2004 

 

Anmerkungen

[1] Der publizistische Einfluss dieser Strömung geht freilich weit darüber hinaus. Leitmotive des Diskurses finden sich z.B. auch in der angesehenen Dritte Welt Zeitschrift iz3w und anderen linke Zeitschriften und werden bis in das Attac-Milieu hinein übernommen, auch wenn man sich dort formal von den Antideutschen abgrenzt.

[2] European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia (EUMC). Manifestations of Anti-Semitism in the EU.

[3] Inteview in Jungle World  Nummer 51, 10.12.2003

[4] Eussner, Gudrun. Das Querfrontprojekt Attac. www.hagalil.com. Die Autorin versucht anhand personeller und finanzieller Verflechtungen zwischen Le Monde Diplomatique und dem Linksnationalisten Pierre Chevènement den Eindruck zu erwecken, Attac sei von Chevènement über dessen angeblichen Mittelsmann Bernard Cassen ferngesteuert. Dieser Text ist insofern lesenswert, als er ein Lehrbeispiel für Verschwörungstheorien abgibt.

[5] Le Monde, 11.10.2003

[6] Strauss, Mark. Antiglobalism’s Jewish Problem. in FOREIGN POLICY, November/December 2003

[7] Jürgen Habermas in der Süddeutsche Zeitung, 07.06.02

[8] So verabschiedete der Bundestag nach den antisemitischen Ausfällen des CDU-Abgeordneten Hohmann erst jüngst einstimmig eine Resolution, in der es u.a. heißt: „Antisemitisches Denken, Reden und Handeln haben keinen Platz in Deutschland. Antisemitismus war der geistige Nährboden für die beispiellose von Deutschland ausgegangene Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. ... Die Erinnerung an das Geschehene ist Teil unserer nationalen Identität. ... Wer Stereotype und Versatzstücke nationalsozialistischer Propaganda aufnimmt und neu zusammenfügt, wer 'die Juden' sprachlich ausbürgert, indem er sie 'den Deutschen' gegenüberstellt und sie damit zu Fremden im eigenen Land macht, wer die Ermordung der europäischen Juden relativiert, steht außerhalb der demokratischen Wertegemeinschaft.“

[9] So der Titel eines berühmten Textes von Adorno. Die Kritische Theorie hat sehr früh bahnbrechende theoretische Grundlagen zum Verständnis des Antisemitismus entwickelt. Zuerst in der Studie „The Authoritarian Personality“, die im Auftrag des American Jewish Committee in den 40er Jahren verfasst wurde. Sie verbindet die Psychoanalyse mit einer historisch-materialistischen Geschichtsanalyse. Die Arbeiten der Frankfurter Schule gelten für die meisten Kritiker von Attac, die sich politisch links einordnen, als Grundlage. Ob zurecht, steht auf einem anderen Blatt. Es würde jedoch den Rahmen dieses Papiers sprengen, diese Frage zu klären, zumal ein exegetischer Streit um Adorno-Orthodoxie bereits der erste Schritt zur Aufgabe des Geist der Kritische Theorie wäre.

[10] Es gab zwei solcher Fälle in Attac. In jedem Fall wurde unverzüglich die Trennung vollzogen.

[11] Im Sinne von Gramsci wird Hegemonie hier verstanden als Dominanz durch Konsens. 

[12] Je weiter und allgemeiner eine Definition, umso geringer der Erkenntnisgewinn.

[13] Wilhelm Marr gründete 1879 die “Antisemitenliga“ und ist der Erfinder des Begriffs Antisemitismus.

[14] Ein umstrittener Sonderfall, ist die Verwendung des Begriffs bei Goldhagen, auf die hier nicht eingegangen werden kann.

[15] Dieser Prozentsatz gilt mit leichten Schwankungen gleichermaßen für Europa wie die USA.

[16] Adorno, Theodor W. Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute. Vermischte Schriften I/II: Digitale Bibliothek Band 97

[17] ebenda

[18] S. ausführlicher dazu den Beitrag von Heinz Düx in diesem Heft

[19] S. Auszug im Dokumentationsteil,

[20] Zitiert nach: SPIEGEL ONLINE - 24. November 2003

[21] Die theoretischen Väter dieser These sind Moishe Postone und Robert Kurz. Siehe dazu den Beitrag von Alexander Gallas in diesem Heft. Eine ausführliche Auseinandersetzung findet sich in: Gallas, Alexander (2003) Marx als Monist? Versuch einer Kritik der Wertkritik, http://userpage.fu-berlin.de/~stuetzle/kapitallesen/txt.html

[22] Kurz, Robert. Politische Ökonomie des Antisemitismus, Die Verkleinbürgerung der Postmoderne und die Wiederkehr der Geldutopie von Silvio Gesell. www. krisis.org

[23]  „Im antisemitischen Denken gibt es immer Verschwörungstheorien, also sind Verschwörungstheorien immer antisemitisch.“

[24] Horkheimer/Adorno. Dialektik der Aufklärung. Amsterdam 1955. S. 201.

[25] Zur ausführlicheren Auseinandersetzung mit dem Argument der verkürzten Kapitalismuskritik s. die Beiträge von Altvater, Gallas und Sablowski in dieser Broschüre. 

[26] Man könnte auch semiotisch argumentieren. Es gibt demnach keine eindeutigen Zeichen. Deren Deutung ist immer kontextabhängig. Diesen Tatbestand nutzen manche Kritiker, um Zeichen kontextunabhängig als feststehend zu definieren, sie in einen anderen Kontext zu verpflanzen und damit dann die ihnen genehme Deutung vorzunehmen.

[27] Marx, Karl. Das Kapital, Band 3, Berlin 1964,S. 454

[28] In: Dissonanzen; Frankfurt/M. 1956, S. 7.

[29] Dies schließt nicht aus, dass es in Attac Leute gibt, die insofern „verkürzte“ Finanzmarktkritik formulieren, als die nicht immer einfachen Zusammenhänge der Finanzökonomie auch vereinfacht, platt oder gar fasch dargestellt werden können. Aber das ist ein didaktisches und Bildungsproblem, nicht Antisemitismus.

[30] Haury, Thomas. Antisemitismus von links, Hamburg 2002

[31] Primor, Avi. Wie antisemitisch ist Europa? In: DIE WELT, 4. 12.2003

[32] Damit verliert auch die Debatte über die Bewertung des Zionismus an Brisanz. Es wird zu akademisch-philosophischen Frage ob der Zionismus historisch eine reaktionäre Ideologie war oder nicht, solange das Existenzrecht Israels und das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser akzeptiert wird.

[33] Primor, Avi; a.a.O.

[34] Strauss, Marc a.a.O.

[35] ebenda

[ Altermondialisten ist die französische Bezeichnung für Globalisierungskritiker.

[37] Interview in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 12.11.2003

[38] Das gilt auch für die kulturelle Dimension, wo Adorno und Horkheimer mit dem Kapitel zur Kulturindustrie in der Dialektik der Aufklärung ein Beispiel dafür geliefert haben, dass Kulturkritik nicht automatisch reaktionär sein muss.

[39] Selbstredend sind auch die Juniorrivalen der USA, vorneweg die EU und Deutschland und deren ambivalenten Beziehungen aus Konkurrenz und Kooperation mit der Supermacht Gegenstand der Kritik.

 

Nachbemerkung

In einer Message, gepostet Thu, 29 Apr 2004 11:22:20 +0200 an attacmod-d(at)listen.attac.de schreibt tian (attac Marburg) unter anderem: 

"Hallo,
ich finde die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismusvorwurf gegen attac sinnvoll und notwendig. Im dem von Peter Wahl gestern geposteten Vorwort geht er allerdings auch auf die Strömung der Wertkritik von Robert Kurz (siehe Text vor Anmerkung 22, T:I:S) ein, die er zu denjenigen Positionen rechnet, die attac Antisemitismus vorwerfen. Das ist falsch. Robert Kurz hat nichts weiter behauptet, als dass der Kapitalismus die Individuen anfällig für Antisemitismus macht. In der Broschüre "Scharfe Schafe" haben Robert Kurz u.a. die globalisierungskritische Bewegung sogar ausdrücklich gegen den pauschalen Antisemitismusvorwurf der Antideutschen verteidigt..."

T:I:S, 29. April 2004

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