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Thomas Immanuel Steinberg
Sind Juden selbst schuld am
Antisemitismus?
Über ein französisches Bürgerkind
und den Apostel der Antideutschen
Mitten in der
Nacht wachte ich auf. Über mir lärmten wieder einmal die Gäste von Herrn
Ahrens. Ich tappte die Treppe hoch und klingelte. Ein Gast öffnete. „Könnte
ich ma’N Ahrens sprech’n“, nuschelte ich schlaftrunken. Darauf der Gast
bierselig: „Hannah Arens – das ist doch ein Judenname. Hier gibt’s keine
Hannah Arens.“ Er meinte Hannah Arendt. Die Gäste lärmten nur noch eine
Weile, aber ich lag wach bis zum Morgen.
War das
antisemitisch? Hatte das mit mir zu tun? Würde der Hausmeister, Typ Blockwart,
mich unterstützen, wenn er vom nächtlichen Lärm erführe? Und von der bösartigen
Antwort?
Der
Antisemitismus, verhalten zwar, kriecht jederzeit durch deutsche Dielen.
Verschiedene Reaktionen sind möglich. Alain Finkielkraut, 1949 geborenes Kind
der Beaux Quartiers von Paris, mit allen materiellen und geistigen
Annehmlichkeiten der französischen Bourgeoisie ausgestattet, vereint zwei
Varianten in seinem Lebenslauf. Er hat sie in einem Essay mit dem Titel „Der
eingebildete Jude“ durchgespielt:
Der Ewige Jude, das bin ich. Der kahl geschorene
Häftling auf dem Weg in die Gaskammer, der Geschundene und ins Ghetto
Gepferchte, der in den Folterkammern der Inquisition Gequälte, der auf die
Teufelsinsel verbannte Dreyfus, das alles bin ich. Dies ist der Roman, in dem
ich aufwuchs. Ich, der Andersartige, der lebendig Verbrannte, der Entkommene:
dieses Bild meiner selbst trug ich jahrelang vor mir her und genoß es. Von
meinem Judentum nahm ich mir nur den Titel, den zu führen es mich
berechtigte, und den narzistischen Gebrauch, den ich davon machen konnte. Ich
suchte in meiner Herkunft nach den Momenten von Größe und Ruhm, die der
reibungslose Verlauf meiner braven und strebsamen Existenz mir verweigerte. So
war ich bruchlos ein echter und zugleich ein eingebildeter Jude. (2)
Finkielkraut, der
1980, dreizehn Jahre nach dem israelischen Raub der Palästinensergebiete, die
jugendliche Selbstinszenierung als Opfer sorgsam herausschälte, Alain
Finkielkraut ist inzwischen in seine pubertäre Haltung zurückgefallen. Er
unterstützt die israelische Regierung und den rechten jüdisch-französischen
CRIF, die den Antisemitismus-Vorwurf für ihre fürchterlichen weltpolitischen
und ihre jämmerlichen organisationspolitischen Ziele mißbrauchen. Ein
Deutscher rezensierte Finkielkrauts Buch kurz nach Erscheinen:
Dieses Buch ist mit Sicherheit die wichtigste
Arbeit zum Thema ‚jüdische Identität’, welche nach dem Krieg geschrieben
wurde. Es wird genauso, wenn auch aus anderen Gründen, ein historisches
Dokument werden wie Jakob Wassermanns Anfang der 20er Jahre veröffentlichtes
Bekenntnis ‚Mein Weg als Deutscher und Jude’. Finkielkrauts Buch könnte
auch heißen: Mein Weg als Kind polnischer Juden, Franzose und Sozialist... Er
hat ein großartiges Buch geschrieben, das Juden wie Nichtjuden gleichermaßen
aus der Idylle ihrer Versöhnungsrituale und Geschichtsanpassung stoßen wird.
Hoffentlich. (3)
Der das Buch vor
bald 25 Jahren bejubelte, war Henryk M. Broder. Er läßt heute auf seiner Internetseite
den staatlichen Mord an Scheich Jassin und den gerade daneben stehenden Leuten
bejubeln. Broder, der vermutlich nicht aus
eigener Morderfahrung spricht, hält inzwischen den Zionisten Israels zugute, es mache eben mehr Spaß,
Täter als Opfer zu sein.
Im abgelaufenen Vierteljahrhundert ging der Bourgeoisie dies- und
jenseits des Rheins der Feind verloren: die Sowjetunion mitsamt ihren
Kommunisten. Intellektuelle wie Finkielkraut und Broder, im Selbstverständnis
sozialistisch, oder zumindest dissident, schwenkten um auf das neue bürgerliche
Angebot: den militanten Islam. Nun inszenieren sie die Atommacht Israel als
bedroht; die USA und die westliche
Kultur überhaupt seien gefährdet. Der traditionelle europäische
Antisemitismus verschmelze mit der weltweiten Propaganda gegen den Zionismus und
anti-amerikanischem Ressentiment zu dem, was es nun statt des Kommunismus zu bekämpfen
gelte.
Davon läßt sich leben, wie Broder mit seinen Kolumnen im Spiegel
beweist, einem Blatt, das öfter durch antisemitische Anspielungen auffiel als
durch Eintreten dagegen. Zugleich inszenieren weniger gut dotierte Autoren von Jungle
World bis zu den offen rechten Freunden der offenen
Gesellschaft ein Singspiel mit dem Refrain: Antizionismus und Feindschaft
gegen die US-Regierung sind antisemitisch; wer behauptet, Zionisten,
US-Regierung und ihre Parteigänger seien schuld an der weltweiten Feindschaft,
die ihnen entgegenschlägt, ist Antisemit.
Auch Micha Brumlik, sonst klaren Kopfes, stimmte in den Singsang ein, und
zwar so. Brumlik kreidete dem Moralphilosophen Ted Honderich in seinem Buch über
Terrorismus unter anderm den Satz an: "Ich für meinen Teil habe keinen
ernsthaften Zweifel, um den prominenten Fall zu nehmen, dass die Palästinenser
mit ihrem Terrorismus gegen die Israelis ein moralisches Recht ausgeübt
haben." (4) Honderich verbreite antisemitischen Antizionismus, rechtfertige
die Ermordung jüdischer Zivilisten in Israel und empfehle dies Tun zur
Nachahmung, so Brumlik. (5)
Der Suhrkamp-Verlag zog das Buch zurück, doch der Völkerrechtler Norman
Paech besorgte sich umständlich ein Exemplar und griff Brumlik an. (6)
Honderichs Argumente taugten nicht. Doch sie beträfen Terrorismus generell, und
somit israelischen, palästinensichen und sonstigen Terror gleichermaßen.
Honderichs – untaugliche – Argumente hätten nichts mit Antisemitismus zu
tun: Der, so Paech – nicht zu rechtfertigende – palästinensiche Terror
gegen Zivilisten hätte Honderich allein als Illustration seines Gedankengangs
gedient. Auch wer sage, daß der Zionismus Rassismus notwendig hervorbringe, befördere
damit kein antisemitisches Ressentiment, „denn dieses bedarf bekanntlich
keiner wissenschaftlichen Quellen.“ Die Brumliksche Indizierung derartiger
Aussagen mit dem Vorwurf des Antisemitismus erzeuge dagegen ein Denkverbot. Es
tabuisiere die Verknüpfung der israelischen Staatsideologie mit Rassismus und
Gewalt als denkunmöglich. Es immunisiere die Politik der gegenwärtigen
Regierung Israels.
Zu Brumlik gewandt, fährt Paech fort:
Ich frage
mich, was Sie dazu bewogen hat, mit dem Hammer dreinzuschlagen. ... Sie
beschneiden eine wissenschaftliche Diskussion, die angesichts des weltweiten
Ausgreifens des Terrorismus kontrovers und deshalb ohne Tabus geführt werden
muss. Ist Ihnen einmal der Gedanke gekommen, dass eine derart exekutivische
Gedankenzensur dem Antisemitismus, der in unserer Gesellschaft ja unleugbar
besteht, neuen Auftrieb geben könnte?
Darauf fiel Brumlik ein mit dem Refrain:
„Liest man richtig, dass demnach Juden
gelegentlich selbst am Judenhass schuld sind?“ (7)
Die Antwort geht nur Schritt für Schritt:
- Ja.
Wenn eine Jüdin oder ein Jude etwas Hassenswertes tut, dann ist sie oder er
schuld am
Haß, der ihr oder ihm entgegen schlägt; genauso wie eine
Schornsteinfegerin oder ein Lottospieler in gleicher Lage am Haß schuld wäre.
- Nein.
Wenn Haß gegen eine Gruppe ausbricht unter Verweis auf hassenswerte Taten
Einzelner aus dieser Gruppe, dann ticken die Hasser falsch.
- Ja.
Wenn eine bedeutende Teilgruppe Hassenswertes tut und für ihre Gesamtgruppe
zu sprechen sich anmaßt; wenn diese Teilgruppe sich gegen Anfeindung unter
Verweis auf verbreiteten unbegründeten Haß gegen die Gesamtgruppe zu
immunisieren versucht; so trägt sie nur zum Haß gegen die Gesamtgruppe
bei. Ein Gesamtgruppenmitglied muß sich dann von den hassenswerten Taten
der Teilgruppe distanzieren, und zwar als Gesamtgruppenmitglied. Auf den
verbreiteten unbegründeten Haß gegen die Gesamtgruppe darf es sich gerade
nicht berufen.
Die israelische Regierung und das israelische Judentum in seiner
Mehrheit, sowie US-amerikanische, französische und deutsche Repräsentanten
bedeutender rechter jüdischer Organisationen maßen sich ohne Unterlaß an, für
alle Jüdinnen und Juden zu sprechen. Ihre Taten und beipflichtenden Worte sind
hassenswert. Unter Verweis auf den - tatsächlich verwurzelten - Antisemitismus
versuchen sie, den Widerstand gegen ihre Untaten zu brechen.
Das alles soll nicht zum Antisemitismus beitragen? Brumlik muß sich von
den hassenswerten Taten derer distanzieren, die sich anmaßen, in aller Juden,
also auch in seinem Namen zu sprechen. Brumlik tut das. Er müßte auch deren
Immunisierungsstrategie durchkreuzen; stattdessen trug er zu deren
Selbstinszenierung als angebliche Opfer grundlosen Hasses bei.
Die antideutsche Jungle World zitierte letzten Mittwoch Norman Paech.
Seine Mahnung von 2003, Gedankenzensur könne dem Antisemitismus, der in unserer
Gesellschaft unleugbar besteht, neuen Auftrieb geben, und seine Zurückweisung
der Honderichschen Terror-Argumente verfälscht die Wochenzeitung so: „Der
Völkerrechtler äußerte in der Vergangenheit Verständnis für palästinensische
Selbstmordattentäter und gab Israel eine Mitschuld am Antisemitismus in
Deutschland.“ (8) Der linke Kandidat für den Bundestag soll als Antisemit diffamiert
werden.
Mit einem Aufsatz über Nationalsozialismus und Antisemitismus wuchs
unterdessen ein Autor zum Herold, ja zum Apostel der Antideutschen heran: Moishe
Postone. In der gleichen Ausgabe am letzten Mittwoch veröffentlichte Jungle World
den Vorabdruck aus einem Buch von Moishe Postone. Darin steht der Halbsatz:
„Die amerikanische und israelische Politik haben .. zweifellos zu dieser neuen
Welle des Antisemitismus beigetragen“.(9)
Georg Christoph Lichtenberg
bemerkte vor gut 200 Jahren: Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe
hineinguckt, so kann freilich kein Apostel heraus sehen.
T:I:S,
19. August 2005
Anmerkungen:
(1)
Rolf Hanisch, Professor an der Universität Hamburg, kündigte für
das Sommersemester 2005 ein Seminar über „Krieg und Frieden in Palästina“
an. Im Ankündigungstext stellte er unter anderm die Frage, die sich jeder
stellt, der von der Jahrhunderte alten Judendiskriminierung und -verfolgung erfährt:
Sind Juden selbst schuld am
Antisemitismus? Die Betreiber der Hamburger Studienbibliothek, eine Gruppe
militanter Antideutscher, verlangte vom Universitätspräsidenten Jürgen Lüthje
die Absetzung des Seminars; Hanischs didaktisch gemeinte Frage sei
antisemitisch. Die Gruppe erreichte, daß der Präsident die
Studienbibliothekare nicht an der Störung des Seminars hinderte. Kein Kollege
sprang Hanisch bei. Hanisch verlegte sein Seminar in einen nur den Teilnehmern
bekannten Raum. (Brief vom 3. April 2005 an den Präsidenten, unterzeichnet von
Andreas Kühne, .pdf-Datei,
802 KB)
(2)
Alain Finkielkraut: Der
eingebildete Jude. Fischer-Taschenbuch 1984, Buchdeckel-Text, zusammengesetzt
aus Passagen auf S. 32 und passim
(3)
Henryk M. Broder über Alain
Finkielkraut: Der eingebildete Jude. Fischer-Taschenbuch 1984, laut Buch-Rückseite
(4)
Ted Honderich: Nach dem Terror - jetzt: Melzer Verlag 2003
(5)
Micha Brumlik, Brief
vom 5. August 2003 an den Suhrkamp-Verlag
(6)
Norman Paech: Brief
vom 29. Oktober 2003 an Micha Brumlik
(7)
Micha Brumlik: Prinz
Eisenherz und seine Gefolgschaft. Was ist Kritik an Israels
Besatzungspolitik, was Antisemitismus? Ein moralphilosophischer Blick auf die
Argumentationen Ted Honderichs und Norman Paechs lässt den Unterschied
erkennen. Frankfurter
Rundschau, 5. November 2003
(8)
Jungle World, 33/05
(9)
Der vollständige Satz
lautet: „Die
amerikanische und israelische Politik haben zwar zweifellos zu dieser neuen
Welle des Antisemitismus beigetragen, gleichzeitig kommt ihnen in der
Ideologie eine Bedeutung zu, die weit über ihre tatsächliche Rolle
hinausgeht.“ Moishe Postone: Massenmobilisierung und aktuelle Formen des
Antikapitalismus. Jungle World 33/05
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