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Wer ist Steinberg Was die Recherche soll Texte 2005 Texte 2004 Texte bis 2003 Karten Bilder Home Inhalt Thomas Immanuel SteinbergAuf Krawall gebürstet
Über
200 jüngere Leute demonstrierten am Samstag, dem 10. Juli 2004 vom Berliner
Hermannplatz in Neukölln zum Kottbusser Tor in Kreuzberg. Viele schwenkten große
und kleine israelische Fahnen, einige trugen US-Fahnen, zwei Männer rote
Fahnen. Vom Lautsprecher tönte US-amerikanische Popmusik: "No, no ...
sexy, sexy“. Ein Vortrag war auf türkisch, die andern auf deutsch. An der
Spitze des Zuges prangte, reim' dich, oder ich freß' dich: „Bomber Harris
Superstar - Dir dankt die Rote Antifa“. Der Luftmarschall Arthur Harris
bombardierte Ende des Zweiten Weltkriegs die Flüchlingstrecks in Dresden. Worum
ging es? Es ging gegen den „antisemitischen Konsens zwischen den Bewohnern
Kreuzbergs und Neuköllns“, egal, welcher Herkunft. Ein mittelgroßes
Seitenbanner forderte: „Antisemiten angreifen“. Einer der Bannerträger
wollte auf Befragen nicht verraten, wie Antisemiten anzugreifen seien. „Die
Friedensbewegung“, so ein Redner, sei ein „zutiefst zivilisationsfeindliches
und menschenverachtendes Pack“. Das Kopftuchtragen würde die Frauen unterdrücken.
Der Kiez wehre sich nicht gegen den Bau von Moscheen, diesen islamistischen
Haßzentren. Ein Redner forderte seine Anhänger dazu auf, alle
„islamistischen und sonstwie antisemitischen“ Plakate, Zeichen und Symbole
aus den Kreuzberger und Neuköllner Läden und Kneipen zu beseitigen. Bannerträger
an der Zugspitze skandierten „Hu-Hu-Hubschraubereinsatz!“. Was das solle?
„Na, wegen dem Scheich“. Hamas-Gründer Scheich Achmed Yassin wurde von
einem israelischen Hubschrauber aus im Rollstuhl ermordet. Zur Demonstration aufgerufen hatten die Redaktion Bahamas, die prozionistische Linke Frankfurt, No Tears for Krauts, Halle, Queer for Israel und andere Scharon- und Bush-Gruppen. Die Berliner Polizei schützte in loser Reihe die Demonstranten vor ein paar Dutzend Gegnern und nahm einen jungen Mann mit Palästinensertuch fest, der offenbar eine israelische Fahne an sich gebracht hatte. Seine Hip-Hop-Hose verrutschte bei der Festnahme. Die Unterhose war wie die US-Fahne gemustert. Ein
junger Demonstrant antwortete auf die Frage, warum er in einem Zug mit US-Fahnen
eine rote Fahne trage: Er sei Kommunist. Die USA hätten Saddam gestürzt, nun
bestünde die Chance auf Demokratie im Irak. Auf dem Weg zum Kommunismus müsse
diese Phase durchlaufen werden. An
einer Straßenecke brüllten Gegner: „Nazis raus!“ Einige Demonstranten
stellten sich mit ihren Israelfahnen gegenüber auf und brüllten ebenfalls:
„Nazis raus!“. Bald brüllten beide synchron. Ein Beobachter, Doktorand an
der TU Berlin in Sachen linker Antisemitismus und Antisemitismusvorwurf, meinte
gehört zu haben, wie zwölfjährige Orientalen gerufen hätten: „Juden
raus!“. Ich solle das unbedingt berichten. Einige
Zuschauer erklärten die Demonstranten für verrückt. Andere vermuteten eine
Provokation. „Den gehen die Juden am Arsch vorbei. Die wollen Randale im Kiez.
Das sind Rechte.“ In
den beiden West-Berliner Arbeiterbezirken wohnen Deutsch- und Türkischsprachige,
Akademiker und Aussteiger, Arbeiter und Arbeitslose einigermaßen einträchtig
nebeneinander. Manche von ihnen haben schon gegen Polizisten die Fäuste
geschwungen. Das Elend wächst, und mit ihm sinkt die Aussicht auf Besserung.
Was liegt da näher, als Vorwürfe an die falsche Adresse zu richten. Die
richtige hat schließlich die Macht. Allerdings, so könnten die Bush- und Scharon-Freunde festgestellt haben, mag sich der Antisemitismus in Kreuzberg nicht recht verbreiten. Die Synagoge am Fraenkelufer ist zwar bewacht, die Betreiber aber haben freundlichen Kontakt mit ihren Nachbarn, etwa mit der Großkommune in den einst besetzten Häusern gleich nebenan. Doch Kinder sollen gerufen haben: „Juden raus!“ Hat ein Doktorand gehört. Sagt er. Wäre der Kiez auf die Provokation eingegangen, dann hätte Springer schon die passende Schlagzeile für den Krawall gefunden. Doch diesmal hat’s nicht geklappt. T:I:S,
12. Juli 2004
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