Route 181

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Eine Analogie ist kein Vergleich.

„Route 181“ zeigt eine Reise entlang der Straße, die 1947 das israelische vom palästinensischen Gebiet trennte. Der Film lief  erstmals bei Arte im November 2003. Beim Festival „Cinéma du réel“ 2004 verhinderten Intellektuelle eine von zwei Wiederaufführungen im Pariser Centre Pompidou. Der Film vermittle sehr bezweifelbare und sehr bezweifelte historische „Wahrheiten“ und trage Züge eines Vorgehens, das die öffentliche Debatte über den israelisch-palästinensischen Konflikt vergifte.

Die Kritiker, unter ihnen der rechte Philosoph Bernard-Henri Lévy und der Schriftsteller Philippe Sollers, nahmen Anstoß an zwei Zitaten aus dem Film „Shoah“ von Claude Lanzmann. In einer Szene schildert ein Friseur, wie er ein Massaker an Palästinensern 1948 erlebt hat. Der Film assoziiert die Erzählung mit Eisenbahnschienen, auf denen Juden ins Vernichtungslager rollten.

Am 8. März 2004 protestierten 300 Leute, darunter Jean-Luc Godard und der linke Philosoph Étienne Balibar, gegen die Absetzung des Films.

Le Monde hat die beiden Regisseure, einen Palästinenser und einen Israeli, befragt.

 

Drei Fragen an Eyal Sivan und Michel Khleifi

Wie stehen Sie zum Brief der Intellektuellen und Filmemacher, der zur Wachsamkeit gegen „Route 181“ aufruft?

Eyal Sivan: Merkwürdig ist, daß Leute, die durch ihre Arbeit Redefreiheit genießen, so vorgehen. Wenn es um Israel und Palästina geht, verlieren viele Leute den Verstand.

Wie rechtfertigen Sie die beiden Szenen, die „Shoah“ von Claude Lanzmann heraufbeschwören, zumal die mit dem Friseur?

Michel Khleifi: Im arabischen Leben wie in der Literatur ist der Friseur immer präsent. Ehrlich gesagt, habe ich nicht den ganzen Film „Shoah“ gesehen. Wenn Claude Lanzmann in eine Debatte über die Ethik des Kinos einwilligt, bin ich dafür offen. Eyal und ich waren uns nicht einig darüber, wie wir drehen sollten. Ich hätte lieber eine suggestivere, orientalische Szene gehabt. Wir haben den Friseur gefilmt, wie er Haare schneidet, ebenso wie wir alle Personen in ihrem Lebenszusammenhang gefilmt haben. Wir haben nie gelogen, noch sind wir unehrlich oder gemein mit irgend einer unserer Personen umgegangen.

Eyal Sivan: Den Friseur, wie alle Personen des Films, haben wir zufällig getroffen. Noch bevor ich seine Aussage gehört hatte, habe ich gedacht: Es gibt nur eine Art, ihn zu filmen. Ich bin in einer israelischen Schule groß geworden, wo man uns „die Shoah beigebracht“ hat mit Zeremonien, Gedächtnisfeiern, Filmvorführungen... Der Völkermord an den Juden ist Teil meines Referenzgebäudes. Wie viele Israelis kann ich an die Nakba, die palästinensische Katastrophe von 1948, nicht anders als in Bezug auf die Shoah denken.

Der Friseur von Lod, dessen Zeugenaussage sich auf eine historische Wahrheit bezieht, die kürzlich vom israelischen Historiker Benny Morris besätigt wurde, steht für das palästinensische Trauma, so wie Abraham Bomba (in „Shoah“) das Trauma der europäischen Juden verkörpert. Mit diesen beiden Traumata müssen wir leben, ohne sie zu verleugnen oder sie in Konkurrenz zu einander zu bringen. Für den zionistischen Dichter Avot Yeshurun „sind die Shoah der europäischen Juden und die Shoah der Araber von Eretz Israel (Palästina) eine einzige Shoah. Die des jüdischen Volkes“. Unsere Vergangenheit, die der Israelis und der Palästinenser, ist tief verankert in diesen beiden Katastrophen.

Warum die Einstellung auf die Eisenbahngleise, die „Shoah“ zitiert?

Michel Khleifi: Das ist der Kern des palästinensichen Problems. Die Eisenbahn wurde am Ende des 19. Jahrhunderts gebaut. Sie war Teil der Vereinigungs- und Modernisierungsvorhaben des Nahen Ostens. Der Kolonialismus hat dieses Projekt zerstört.

Eyal Sivan: Die Eisenbahn kehrt in unserm Film oft wieder. Eine Analogie ist kein Vergleich. Sagen, daß das nicht vergleichbar ist, das ist bereits ein Vergleich. Wir Israelis müssen für ein Verbrechen aufkommen, das unsere Vorfahren anzuerkennen sich geweigert haben; wir haben heute Minister, die die „Umsiedlung“ empfehlen; das ist nicht bloß ein Wort. Seit 1945 haben wir ein Bild dafür: die Eisenbahn.

Interview: Catherine Humblot, Le Monde vom 11. März 2004 

T:I:S, 10. März 2004

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